Die umgebuchte Schwangerschaft

Vor einigen Monaten schrieb ich davon, mit einer Buchidee schwanger zu gehen („Scheinschwanger„). Nun schreibe ich tatsächlich wieder an einem Buch, es dreht sich aber um etwas ganz anderes. Das wäre in etwa so, als wäre ich (in meiner Yin-Form als Frau selbstverständlich) in freudiger Erwartung eines Mädchens, nur um im 5. Monat zu beschließen, doch einen Sohn zur Welt zu bringen (bitte daraus keine Präferenz abzuleiten; ich fühle mich dem Gender mainstreaming streng verpflichtet). Als Schriftsteller hat man diese Freiheit eben. Das Mädchen gebäre ich dann ein ander Mal, wenn die Zeit dafür reif ist.

Im Fokus meines Interesses steht nunmehr Siddharta Gautama, oder „der Buddha“, wie er besser bekannt ist, dessen Lebensgeschichte ich mir vorgeknöpft habe. Mein Interesse für den Buddhismus mit einer humorvollen Geschichte zu verbinden, was liegt näher für einen Comedian Traveller? Im Folgenden bringe ich eine kurze Kostprobe:

[…] Wie üblich in Indien, war die Wegbeschreibung des Mannes mit einer gehörigen Portion Unschärfe behaftet, und so erreichte Siddharta erst nach einer Woche den Ashram von Meister Yoga. An der Pforte stand ein Mann mit langem, weißem Bart und bunten Symbolen im Gesicht.
»Hallo Fremder. Willst du zu Meister Yoga?«
»Ja, ich möchte bei ihm lernen. Ich suche nach der Erlösung von Alter, Krankheit und Tod.«
»Alter, Krankheit und Tod?« Der Wächter beäugte ihn neugierig. »So verzweifelt siehst du noch gar nicht aus. Ich bin mir nicht sicher, ob der Meister diese Symptome behandeln kann, aber schreib dich doch einmal ein. Möchtest du Raja Yoga, Jnana Yoga, Karma Yoga oder Bhakti Yoga?«
»Wie bitte?«
»Wenn dir das nicht reicht, haben wir noch Hatha Yoga, Iyengar Yoga, Sivananda Yoga, Kundalini Yoga, Marma Yoga, Yantra Yoga oder Kriya Yoga.« Langsam beugte sich der Mann zu Siddharta und flüsterte ihm ins Ohr. »Unter uns, die neueste Entwicklung ist Power Yoga, doch halte ich nicht viel von diesem neumodischen Kram.«
Als er Siddhartas ratloses Gesicht sah, seufzte er tief und zückte seine Feder.
»Wie ist dein Name? Ich gebe dir einen Termin für eine kostenlose Erstberatung. Danach kannst du immer noch entscheiden.«
»Das wäre sehr freundlich«, erwiderte Siddharta.

In einem halboffenen Zelt saß ein hagerer Mann, der kurz zu Siddharta aufblickte, als dieser eintrat.
»Ich komme zur Erstberatung. Bin ich hier richtig?«, wandte sich Siddharta an ihn.
»Das bist du. Wie kann ich dir helfen? Suchst du Erkenntnis oder körperliche Ertüchtigung? Bist du Asket oder Genießer? Hast du viel oder wenig Zeit?«
»Ich suche Erkenntnis. Ich suche einen Ausweg aus Alter, Krankheit und Tod. Die Zeit spielt keine Rolle.«
»Da hast du dir aber einiges vorgenommen.« Langsam strich er durch seinen langen Bart, als würde er die Antwort irgend wo da drin vermuten. »Du musst göttlich werden. Hast du schon jemals einen alten oder kranken Gott gesehen? Hast du jemals von einem Gott gehört, der gestorben wäre?«
Siddharta dachte kurz nach. »Nicht, dass ich wüsste. Ich habe allerdings auch noch nie einen persönlich kennengelernt. Kann man denn gottgleich werden?«
»Natürlich. Meister Yoga ist das beste Beispiel dafür. Trotz seines hohen Alters ist er fit wie ein Turnschuh und biegsam wie ein Gummibaum. Natürlich ist das nicht billig. Aber er ist jedes Geldstück wert.«
»Ich habe kein Geld. Ich besitze nichts außer dem, was ich bei mir trage. Außerdem suche ich nach einem Weg, der jedermann offensteht, nicht nur den Reichen. Ich möchte alle lebenden Wesen erlösen.«
»Nicht nur arm, sondern auch größenwahnsinnig«, dachte der alte Mann. Zu Siddharta gewandt klang er versöhnlicher. »Mach doch einmal bei einem Probetraining mit. Hier ist ein Gutschein für eine Schnupperstunde. Vielleicht überzeugt dich das?« Zufrieden schob er Siddharta ein Stück Papier über den Tisch.
»Ich danke dir. Wann kann ich beginnen?« Probieren ging über studieren, und wenn er schon hier war, dann konnte er sich die ganze Sache ja einmal ansehen.
»In einer Stunde. Geh zu Zelt D, es befindet sich schräg vis-a-vis. Und bring bequemes Gewand und eine Unterlage mit.« Zerstreut hielt er inne. »Ach ja, ich vergaß, dass du nichts besitzt. Nun denn. Der Nächste, bitte!«

Siddharta verließ das Zelt und schlenderte über das Gelände. Vereinzelt saßen Menschen mit gekreuzten Beinen in stiller Andacht auf dem Boden oder verrenkten ihren Körper zu gar sonderlichen Posen. Nachdem er einem Schüler bei einer besonders ambitionierten Übung eine Zeit lang zugesehen hatte, sprach er diesen an:
»Tut das nicht weh? Mich schmerzt das Kreuz schon vom Hinsehen.«
»In der Tat«, keuchte der Andere. »Es schmerzt wahnsinnig.«
»Wozu tust du dir das an? Sie doch, wie friedlich die beiden Männer dort drüben sitzen. Sie scheinen dem Glück näher zu sein als du.«
»Beides ist notwendig, das Sitzen und das Dehnen. Die körperlichen Übungen dienen der Vorbereitung auf das Sitzen. Beim Sitzen meditieren wir, um unseren Geist zu disziplinieren und gottgleich zu werden.«
»Dann übst du wohl noch nicht sehr lange«, fragte Siddharta mit einem Lächeln. »Wann hast du angefangen?«
»Vorgestern.«

Als die Stunde verstrichen war, begab sich Siddharta zu Zelt D, in dem die Schnupperstunde stattfinden sollte. Eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Personen jedes Alters waren bereits versammelt und saßen erwartungsvoll auf dem Boden. Siddharta setzte sich zu ihnen.
In Indien sind Zeitangaben mit einer gehörigen Portion Unschärfe behaftet, daher verging noch eine halbe Stunde, bis ein kleiner, hagerer Mann das Zelt betrat. Als Gewand trug er lediglich ein Tuch, welches er um die Hüften geschlungen hatte. Sein drahtiger Körper zeugte davon, dass er bereits eine gewisse Stufe der Körperbeherrschung erreicht haben musste.
»Willkommen im Ashram von Meister Yoga. Mein Name ist Sunita. Ich bin euer Yoga-Lehrer.« Dabei strahlte er sie mit einem Grinsen an, welches von einem Ohrläppchen zum andern reichte.
»Wie ihr wisst, ist unser Körper nur die Wohnung von Geist und Seele. Deshalb konzentrieren wir uns bei unseren Bemühungen, das Göttliche in uns zu finden, in die Disziplinierung unseren unruhigen Geistes. Meditation ist der beste Weg dorthin. Dennoch dürfen wir den Körper nicht vernachlässigen, denn ohne ihn zerstreuen sich Geist und Seele in alle Winde. Nur dem, der seinen Körper beherrscht, gelingt dies auch mit seinem Geist. Daher will ich euch nicht länger aufhalten, sondern gleich mit der ersten Übung beginnen. Steht auf!« Mit diesen Worten nahm er eine stabile, aufrechte Haltung ein.
»Streckt beide Arme in die Höhe und faltet die Handflächen über eurem Kopf. Sehr gut. Nun winkelt das rechte Bein an und hebt es in die Höhe. Nun streckt ihr es ganz nach hinten durch und beugt den Oberkörper nach vorne, bis euer Körper in der Waagrechten liegt. Wie fühlt sich das an?«
»Wie soll sich das schon anfühlen«, flüsterte ein Mann hinter Siddharta. »Schlecht!«
»Ich hatte erst letzten Monat einen Bandscheiben-Vorfall«, murmelte ein anderer. »Ich hör den Wirbel jetzt schon krachen.«
»Spürt in euren Körper hinein«, fuhr Sunita fort. »Registriert alle Gefühle, die angenehmen wie die unangenehmen, ohne sie zu bewerten. Jetzt beugt euch weiter vor und versucht den Boden mit eurer Nasenspitze zu berühren.« Er hielt inne, denn von weiter hinten rumpelte es. Ein Mann hatte das Gleichgewicht verloren und seinen Nachbarn dabei mitgerissen. Einige andere kicherten leise.
»Ruhe! Stellt euch wieder hin. So, jetzt setzt euch auf den Boden. Nehmt euren linken Fuß und legt ihn auf eurem rechten Oberschenkel ab. Nun tut ihr das Gleiche mit dem anderen Fuß.« Über die Köpfe der vorderen Reihe hinweg spähte er prüfend in die Gruppe. »Haben das alle?« Alle beeilten sich eifrig zu nicken, selbst wenn sie die Aufgabe noch nicht einmal mit dem ersten Bein geschafft hatten.
»Nun stützt euch mit den Armen ab und rollt euren Oberkörper nach hinten, bis ihr auf dem Kopf steht. Anschließend verschränkt ihr die Arme hinter dem Nacken und atmet ruhig und gleichmäßig.«
Selbst diejenigen, die den Lotus-Sitz gemeistert hatten, blickten nun ungläubig zu ihrem Lehrer. Doch dieser hatte eben jene Position eingenommen, die er zuvor beschrieben hatte, und atmete vollkommen entspannt.
»Ihr seht also, dass ihr noch viel zu lernen habt. Doch seid unbesorgt, in unseren Kursen werdet ihr lernen, euren Körper auf verblüffende Weise zu beherrschen.«

Siddharta, der den Lotus-Sitz schon seit seiner Jugend praktizierte, kamen Zweifel an der Notwendigkeit, den Körper bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen. Er hatte schon viele Stunden in stiller Meditation verbracht. Also stellte er Sunita zur Rede.
»Seid Ihr euch sicher, dass ein so hoher Grad an Körperbeherrschung notwendig ist, um in Stille zu meditieren? Warum sollte der einfache Lotus-Sitz nicht genügen?«
»Weil dich der Schmerz an dein Leid erinnert, das es zu überwinden gilt. Durch konsequentes Üben meistert du deinen Körper, und damit Schmerz und Leid. Frag Meister Yoga, wenn du mir nicht glaubst.«
Nachdenklich zog Siddharta zwischen den Zelten seine Kreise. Er hatte kein Geld, um einen der Kurse zu besuchen. Also spähte er in die Zelte, um einen Blick auf möglichst viele Übungen zu erheischen. Als er den Ashram verließ, hatte er genug gesehen, um eine Weile selbst zu üben. Er wollte es zumindest versuchen. [… ]

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