Südafrika für Reisemuffel

Als der Airbus am frühen Abend in Kapstadt landet, bin ich leider nicht an Bord. Deswegen sehe ich auch nicht das markante Profil des Tafelbergs, das sich im Hintergrund gegen das zarte Violett der Abenddämmerung abhebt. Die Stadt empfängt den Besucher mit einem Mix aus Afrika und Europa, und der Reiz einer Metropole am Meer umgeben von der unvergleichlichen Landschaft Afrikas offenbart sich wie von selbst. Natürlich bietet die Stadt auch ein breites Angebot an erstklassigen Hotels. Meine Wahl fällt auf das Kronendal Heritage Hotel, ein nobler 5-Sterne Schuppen, da ich es ohnehin nicht bezahlen muss.

Die Aussicht vom Tafelberg ist ein Must-see, wenn man in Kapstadt ist. Der Aufstieg wird durch die Seilbahn drastisch erleichtert, doch da ich ein virtueller Reisender bin, verzichte ich auf sie und gehe zu Fuß. Im Frühling sind die Hänge des Bergs von einem Blumenmeer überzogen, zwischen dessen Wogen Familien und Paare ein opulentes Picknick genießen. Auf dem Plateau angekommen, kann ich mich nicht satt sehen an Form und Farbe, und beschließe selber einmal herzukommen.

Am nächsten Tag geht es auf Safari. Der Krüger Nationalpark ist das größte Wildschutzgebiet des Landes, doch auch kleinere Reservate wie der Hluhluwe-Umfolozi Park oder das Mkuzi Game Reserve sind einen Besuch mehr als wert. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich die Vielfalt der afrikanischen Steppenfauna bewundern können. So habe ich mir immerhin die lange, staubige Anfahrt erspart. Zebras, Großkatzen, Nashörner und andere Tiere kreuzen den Weg des Allrad-Jeeps, und alle verharren in Ehrfurcht vor so viel ungezähmter Schönheit. Die Löwen mustern das Sortiment im motorisierten Supermarkt, doch sind sie offensichtlich satt.

Unser nächstes Ziel sind die Drakensberge, ein über 900 km langer Gebirgszug mit fantastischen Felsformationen und dicht bewaldeten Hügelketten. Es ist auch eine beliebte Ausflugsgegend der Einheimischen. Zu den Highlights zählen der Blyde River Canyon mit seinen schroffen Felsschluchten oder das Amphitheater im Royal Natal National Park. Überragend das Naturschauspiel in dieser Region, und sensationell auch die Fotos, die ich nicht geschossen habe.

Südafrika ist aber nicht nur seiner Natur wegen eine Reise wert. Auch kulturell hat dieses südlichste Land Afrikas dem Besucher viel zu bieten. Es liegt eigentlich förmlich auf der Hand, wenn man bedenkt, welch unterschiedliche Völker in dieser Region zusammenleben. Inmitten von Südafrika liegt beispielsweise die kleine Enklave Lesotho, ein eigenständiges Königreich mit eigener Sprache und Kultur. Mehr über die Lebensweise dieses Volks erfährt der Südafrika-Reisende im Basotho Cultural Village, in dem die Nachfahren eines Bergvolks leben, welches im 19. Jhdt aus Lesotho nach Südafrika ausgewandert ist. Als ich so an den Lehmhütten vorbei schlendere, nimmt niemand von mir Notiz. Auch der Dorfhäuptling, der üblicherweise alle Gäste persönlich begrüßt, lässt sich nicht blicken. Da sich der soziale Status durch den Besitz von Vieh verbessert, hätte ich eine virtuelle Viehherde mitbringen müssen – so viel ist klar.

Da ich noch tiefer in die Vergangenheit der menschlichen Zivilisation eintauchen möchte, begebe ich mich zur „Wiege der Menschheit“ nahe der Hauptstadt Johannesburg. In diesen Kalksteinhöhlen wurden einige der bedeutendsten Funde der Paläoanthropologie ans Tageslicht befördert. Eines davon, das „Kind von Taung“, erblickte 1924 zum zweiten Mal das Licht der Welt, rund 2 Mio. Jahre nach seiner ersten Geburt. Dieser Schädel war das erste Fossil der Gattung Australopithecus und galt lange als direkter Vorfahre unser eigenen Spezies. Nur zu gerne hätte ich die kleine, fragile Knochenschale mit eigenen Augen bewundert oder in den sedimentreichen Schichten der Höhlen mit meinen eigenen Händen gegraben. Doch ich fand keine Fossilien. Vielleicht hätte ich doch hinfahren sollen.

All diese Schätze dürfen aber nicht darüber hinweg täuschen, dass das Land eine sehr kontroversielle Vergangenheit hat, deren Spuren auch heute noch sichtbar sind. Lange stand Südafrika wegen seiner Apartheid-Politik nicht nur positiv im internationalen Rampenlicht. Auch wenn die staatlich verordnete Rassentrennung mittlerweile aufgehoben wurde, so formen reale Möglichkeiten und eine klaffende Einkommensschere dennoch einen beachtlichen sozialen Graben. Nicht umsonst gilt Johannesburg als eine der gefährlichsten Städte der Welt, in der sich die Reichen hinter meterhohen Mauern verschanzen. Auch das ist Südafrika.

Nach zwei Wochen ist es an der Zeit, die Heimreise anzutreten. Gerne hätte ich meinen Aufenthalt verlängert, doch ein Vielfaches von Null ist und bleibt Null, wie man es auch dreht und wendet. Also schließe ich die Augen und lasse all die Erlebnisse und Eindrücke vor meinem geistigen Auge noch einmal vorüber ziehen. Und wer weiß, vielleicht stehe ich Südafrika bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Als Reisender mit Leib und Seele, aus Fleisch und Blut.

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Eine Antwort auf Südafrika für Reisemuffel

  1. Seiltanz sagt:

    Die Idee finde ich gut. Und der Bericht gefällt mir sehr gut.
    Viel Glück bei der Auslosung 🙂

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