Seebenstein und Türkensturz

Hier saß ich also vor dem Computer und war verwirrt. Da war die Rede vom Naturpark Seebenstein und vom Naturpark Türkensturz, die manchmal aber in einem Atemzug genannt wurden. Ein Blick auf die Karte ergab, dass beide in unmittelbarer Lage zueinander koexistierten. Ich fand eine Wanderung, die beide Hotspots, nämlich die Burg Seebenstein und den Türkensturz, in einer gemütlichen Wanderung vereinte (Streckenprofil). Bei einer Gehzeit von gerade einmal 2,5 Stunden, wie angegeben, stellte sich natürlich die Frage, warum nicht gleich beide Naturparks in einem vereinigen, zumal der Türkensturz nicht mehr als ein imposanter Felsen ist, auf dessen Spitze man eine künstliche Ruine errichtet hatte, und nicht etwa eine orientalische Süßspeise, wie man angesichts des Namens auch vermuten könnte. Doch verbirgt sich hinter diesem Namen eine historische Begebenheit, zu der ich etwas später noch kommen werde.

7,5 km Wanderung mit lässig-leichten 320 Höhenmetern ist natürlich etwas für die ganze Familie. Theoretisch. Meist muss man schon etwas Überzeugungsarbeit leisten, um die lieben Kleinen (mittlerweile Teenager) mitzuschleifen, aber es lohnt die Mühe. Es gelänge wesentlich leichter, hätte man auf den historischen Gemäuern einen WLAN-Hotspot eingerichtet, aber ich bin der Meinung, dass man Kinder auch frühzeitig auf den Ernst des Lebens – also einen kompletten Internet-Ausfall – vorbereiten muss.

Das Auto lässt man in Seebenstein stehen. Gleich neben einer Bäckerei, bzw. der Feuerwehr gibt es einen großen Parkplatz, der auch nicht weit vom Freibad entfernt ist. Man steht sozusagen gleich am Beginn der Runde. Praktischerweise gibt es dort auch gleich ein paar Informationstafeln, damit man beruhigt losmarschieren kann, auch wenn Survival-Kit und Kompass zu Hause geblieben sind.

Eine Besichtigung der Burg Seebenstein will gut geplant sein.

Die Ausfahrt der Burg ist freizuhalten, damit die Rittersleut‘ freie Bahn haben.

In welche Richtung man die Runde geht, ist prinzipiell egal. Wir folgten dem neuen Schlossweg/Türkensturzweg Richtung Türkensturz, den wir nach ca. 45 Minuten erreichten. Die künstlich angelegte Imitation einer Ruine (es handelt sich um keine ehemalige Burg) erinnert an ein kriegerisches Ereignis im Jahre 1532. Ein türkisches Heer wurde bei Enzesfeld bei Fischau geschlagen und eine versprengte Reitergruppe von erbosten Einheimischen auf besagten Felsen gehetzt und in den Tod getrieben. So will es zumindest die Legende. Tatsächlich geht es vom Aussichtspunkt ganz schön tief hinunter, und wer da hinab gestoßen wird, reagiert mit Sicherheit letal.

Unwegsamer als hier wird der Weg nicht.

Der Türkensturz

Hier sieht man, wie exponiert die Stelle ist.

Vom Türkensturz gibt es mehrere Möglichkeiten, weiterzugehen, aber die geläufige führt über die kleine Ortschaft Sollgraben gemütlich weiter über gute Fußwege zur Burg Seebenstein, was ungefähr eine weitere Stunde dauert. Die Namensgebung von Sollgraben wäre interessant (vielleicht gab es eine Prophezeiung: An diesem Ort sollst du graben; du wirst finden einen Brunnen, dort lasse dich nieder. Oder eine Schatzkarte mit einer Markierung und der Beschriftung „hier soll graben“ ). Die Wege sind an sich gut ausgeschildert, auch wenn ich nicht verstehe, warum man allerorts die Dorftrottel die Wege markieren lässt. Zwei Mal wurde die Markierung an einer Weggabelung, an der beide Wege eine gewisse Berechtigung gehabt hätten, der richtige zu sein, an einem Baum angebracht, der genau in der Weggabel stand und nicht den geringsten Anlass bot, einen der beiden Wege zu favorisieren. Es signalisierte quasi: ja, du bist auf dem richtigen Weg … bis jetzt zumindest. Wären diese die einzigen Bäume in einem Umkreis von hundert Metern gewesen, ich hätte noch einen Funken Verständnis für diese Art der Markierung aufbringen können. Doch gab es eine Vielzahl weiterer Bäume in Folge, an denen eine angebrachte Markierung eindeutig den Weg gewiesen hätte (die Sollgraben Alm fanden dafür weder wir, noch entgegenkommende Wanderer). Sei’s drum, wir fanden den richtigen Weg und erreichten so die Burg Seebenstein, die auf einer sonnigen Wiese auf uns wartete und viel besser war, als man das vermuten durfte. Einen solchen Kasten, noch dazu fein modelliert, hätte ich mir nicht erwartet. Da wir außerhalb der angegebenen Führungszeiten eintrafen, blieb uns jedoch der Eintritt verwehrt.

In Sollgraben

Einfach eine nette, gemütliche Wanderung.

Burg Seebenstein. Eine mächtige Burganlage

Hier ist der Haupteingang. An der Hinterseite der Burg geht es steil bergab.

Ein doch relativ ungewöhnliches Burgdesign. Wären die Mauern bunter, ich würde wetten, dass der Architekt ein Vorfahre vom Hundertwasser war.

Ein unscheinbarer Wegweiser am Rande der Wiese weist den Weg ins Gestrüpp zur Lutherkanzel. Von diesem natürlichen Felsvorsprung hat man eine schöne Aussicht, unter anderem auf das Freibad unter einem.

Die Lutherkanzel

Aussicht von der Lutherkanzel. Den Sprung ins kühle Nass würde ich von heroben jedoch nicht wagen.

Der weitere Abstieg ging rasch vonstatten. Der Abstecher ins Bad entfiel, da die dunklen Gewitterwolken, die sich über dem Semmering/Rax-Gebiet in der Ferne zusammengebraut hatten, immer näher kamen. Insofern eignet sich dieser Ort auch für eine kleinere Wanderung an gewitterträchtigen Tagen, da man in Seebenstein einen gewissen Respektabstand zu den Klassikern der Wiener Hausberge einhält (dafür ist es nicht auf der Wanderkarte „Wiener Hausberge“ abgebildet; alles kann man halt nicht haben).

Realistisch betrachtet, lässt sich die eingangs gestellte Frage so beantworten: es ist im Prinzip ein Naturpark, und zwar der NP Seebenstein, der eben auch den Türkensturz als scenic point beinhaltet. Dass es zwei sind, liegt vermutlich daran, dass eine Ortschaft geschrien hat, „Wir wollen auch einen Naturpark!“ Der Bürgermeister lässt sich wahrscheinlich heute noch als Held feiern.

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