Neben der Bahn wandern

… klingt ein wenig seltsam. So ein bisschen nach Dagobert Duck, der sich die Taler für den Zug sparen möchte und daher lieber den Schienen entlang watschelt. Oder nach „Ich möchte wandern, kann aber nicht Karten lesen und wähle daher die narrensichere Route“. Oder nach absoluten Bahnliebhabern, die gerne eine Modelleisenbahn in Lebensgröße abgehen. Aber in der Semmering-Region wird genau das angeboten, und zwar für jeden.

Genauer gesagt, geht es um den Bahnwanderweg am Semmering, der entlang der historisch bedeutsamen Semmeringbahn (die sogar als UNESCO Weltkulturerbe geführt wird) zwischen der Ortschaft Semmering und den Bahnhöfen Gloggnitz und Payerbach durch die Landschaft führt, und im Zuge dessen die wichtigsten Bauwerke der Ghega-Bahn (benannt nach dem Erbauer Carl Ritter von Ghega) erwandert werden. Dabei kann die Strecke beliebig erweitert oder abgekürzt werden, ganz nach Lust und Laune, oder aber körperlicher Verfassung und Wetter. Da eine Bahnstrecke naturgemäß nicht steil bergauf oder bergab führt, handelt es sich um eine leichte Wanderung auf Waldwegen, Forststraßen oder Asphalt, die besonders familienfreundlich ist und für die man nicht einmal richtige Wanderschuhe benötigt. Die Landschaft ist schön und der Bahnverlauf stellenweise spektakulär. Der Kernbereich ist sicherlich jener zwischen Semmering und Breitenstein oder Klamm. Die Route beginnend vom Bahnhof Semmering ist die leichtere, weil nur wenige Höhenmeter zu bewältigen sind. Aber wer möchte, kann natürlich auch in die umgekehrte Richtung gehen. Der höchste Punkt liegt dabei auf ca. 930 Metern. Die Beschilderung ist ausgezeichnet und macht Verlaufen nahezu unmöglich. Pläne und Infomaterial erhält man zum Beispiel am Bahnhof Semmering und am Gemeindeamt in Breitenstein (der Bahnhof dort ist eigentlich nur ein Bahnsteig), aber sicherlich auch an anderen Knotenpunkten.

Start am Bahnhof Semmering, welcher etwas unterhalb der Ortschaft liegt.

Auf leichten Wegen geht es der Bahn entlang, mal unmittelbat daneben, mal in etwas Abstand zu den Gleisen.

Die Ausblicke sind dabei stets vom Feinsten. Im Hintergrund liegt Semmering.

Das historisch Bedeutsame an dieser Bahnstrecke sind die technischen Meisterleistungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts erbracht werden mussten. Schon damals wurde der Semmering zur Sommerfrische genutzt, und um die Anreise zu erleichtern, und andererseits die Regionen vor und hinter dem Semmering reisetechnisch zu verbinden, entstand der Plan zu diesem Bahnprojekt. Aufgrund der örtlichen Begebenheiten mussten eigene Lösungen gefunden werden, um eine Bahntrasse durch die bergige Landschaft zu legen. Es mussten Tunnel gebaut und Viadukte (Brücken) errichtet werden, um das Gebiet zu erschließen. Aus diesem Grund wurde diese Bahnstrecke so spektakulär, wie sie ist. Beauftragt mit dem Projekt wurde der Architekt Carl Ghega, dessen Antlitz einst die österreichische Zwanzigschilling-Note zierte (zusammen mit einem Abschnitt der Bahnstrecke auf der Rückseite). Jenen Ausblick auf der Rückseit des Geldscheines kann man selbst nachempfinden, an einem Aussichtsplatz namens „20-Schilling-Blick„. An den Viadukten spaziert man ebenfalls vorbei.

„20-Schilling-Blick“ auf die Polleroswand.

Die Bahntrasse ist äußerst spektakulär in die Landschaft gesetzt.

Unterwegs nach Breitenstein

Auch am Ghega-Museum kommt man auf dem Bahnwanderweg vorbei.

Der Beweis, dass auf dieser Strecke auch wirklich noch Züge verkehren.

Das Bequeme an diesem Wanderweg ist die Möglichkeit, die Wanderung an mehreren Stellen der Strecke abzubrechen und mit dem Zug oder dem Taxi zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen (sofern man nicht mit zwei Autos angereist ist). Immerhin beträgt die Distanz zwischen den Bahnhöfen Semmering und Payerbach 21 km, bzw. Gloggnitz 23 km. Semmering – Breitenstein kann man um 9,5 km haben, während man nach Klamm bereits 15,5 km unterwegs ist. Derzeit wird an der Bahnstrecke gebaut, weswegen Teilabschnitte abwechselnd gesperrt sind. Dann gibt es aber Mini-Busse als Schienenersatzverkehr, die an den Bahnhöfen halten.

Einen sehr guten Ausblick auf die Ghega-Bahn erhält man auch vom Eselstein, zu dem man im Zuge einer leichten Wanderung vom Bärenwirt unterhalb von Semmering gelangt.

Für das leibliche Wohl unterwegs ist ebenfalls gesorgt. An mehreren Stellen entlang des Weges gibt es Einkehrmöglichkeiten (die innere Einkehr ist sogar überall möglich). Ich wählte den Gasthof Blunzenwirt in Breitenstein, dessen Spezialität – nomen est omen – Variationen der Blutwurst (österreichisch: „Blunzen“) sind. Ich hätte den Namen „Gasthof Blunzenfett“ zwar origineller gefunden, doch ist dieser Wortwitz sicherlich nicht jedermanns Sache (und wäre wohl unverständlich für ausländische Gäste).

Ankunft in Breitenstein

Obwohl bis nach Klamm geplant, endete unsere Wanderung in Breitenstein, da die jüngere Generation mit der älteren noch nicht ganz so mithalten kann. Doch die Fortsetzung von Breitenstein nach Klamm oder gar Payerbach/Gloggnitz ist bereits fix eingeplant. Wenn Sie bis dahin nicht warten möchten, heißt es selbst die Wanderschuhe schnüren und nach Semmering fahren. Vielleicht sogar mit dem Zug?

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