In Südkorea gibt es Meer

Die folgende Geschichte erzähle ich deswegen, weil sie das koreani­sche Wesen so gut beschreibt.

Erster Akt. Ich befinde mich auf dem Weg an die Südküste, ge­nauer gesagt nach Tongyeong, provinzielle Hafenstadt und Ausgangs­punkt für einen Besuch des unter Naturschutz gestellten Inselarchi­pels. Zu diesem Zweck muss ich in Masan umsteigen, und das sollte eigentlich kein nennenswertes Problem sein. Dachte ich. Im Bus­bahnhof sehe ich mich nach einem Ticket-Office um, finde aber kei­nes. Zudem gilt hier ein flächendeckendes »No English spoken«. Wenn es einen Wettbewerb gäbe, bei dem die nonverbale Darstellung von Ratlosigkeit eine Kategorie darstellt, dann wäre ich mit meiner Darbietung ein seriöser Anwärter auf einen vorderen Platz.

Zweiter Akt. Auftritt meines rettenden Engels in Gestalt einer Frau um die vierzig. Sie kommt auf mich zu und fragt mich, wo es denn hingehen soll.
»Wohin möchten Sie denn fahren?«
»Nach Tongyeong«, antworte ich.
»Das ist der falsche Busbahnhof«, erhalte ich als Antwort.
»Fein«, denke ich. Die Fahrt ist bislang ohnehin zu reibungslos verlaufen.
»Die Regionalbusse fahren von einer anderen Station ab. Wenn Sie wollen, kann ich Sie dorthin bringen. Aber zuerst muss ich auf ei­ne Bekannte warten, die jeden Moment hier eintreffen soll.«
Das klingt nach einem fairen Angebot. Fünf Minuten später hat sie die gesuchte Person gefunden und bespricht die neue Sachlage mit mir.
»Ich werde ein Taxi rufen und mit meiner Bekannten zu mir ins Büro fahren. Wenn Sie wollen, können Sie gerne mitkommen. Eine Kollegin von mir wird etwas später eine Klientin zum regionalen Bus­bahnhof begleiten, Sie können sich ihnen dann anschließen. Mögli­cherweise werden Sie aber ein wenig warten müssen.«
Kein Problem. Schließlich habe ich Zeit. Zusammen mit meinem Gepäck wird das Auto zwar ziemlich voll, aber die Türen gehen zu.

Dritter Akt. An ihrem Arbeitsplatz bittet sie mich in einen Be­sprechungsraum und um ein wenig Geduld. Ihre Kollegin würde so in etwa einer halben Stunde bereit sein, bis dahin müsse ich mich ge­dulden. Um mir die Wartezeit zu versüßen, serviert sie mir einen hei­ßen Tee. Auch über die Art der Tätigkeit, der sie hier nachgeht, werde ich aufgeklärt. Es handelt sich um eine Art Frauenhaus, welches sich der Probleme ausländischer asiatischer Frauen in Korea annimmt.
Knappe dreißig Minuten später ist es dann soweit. Eine weitere Koreanerin erscheint in Begleitung einer zweiten Frau, die ihrem Aussehen nach südostasiatischen Ursprungs ist. Gemeinsam gehen wir zum nur wenige Gehminuten entfernt liegenden Busbahnhof. Dort angekommen, hilft sie mir beim Erwerb meiner Fahrkarte und zeigt mir die richtige Plattform.

Solche Ereignisse trugen sich während meines Aufenthaltes in Korea öfters zu. Ein anderes Beispiel: Ich spazierte entlang einer Art Panoramaweg in Seoul, weil ich ein im Stadtgebiet gelegenes, traditio­nelles Dorf besuchen wollte. So weit, so gut. Ich wusste nur nicht, wann es an der Zeit war, den Hang hinunterzugehen. Da begegnete ich anderen Fußgängern, die wiederum einen des Weges kommenden Jogger befragten, der sich mir spontan als Führer zur Verfügung stell­te (erklären konnte er mir den Weg nicht). In einem ziemlichen Tem­po ging er vor mir her, nahm dann eine Abzweigung und folgte ein paar Kehren, bis ich den weiteren Weg seiner Ansicht nach nicht mehr verfehlen konnte. Sicherheitshalber übergab er mich aber ein paar Kindern. Dann lief er den gleichen Weg wieder zurück, bis er meinem Blickfeld entschwunden war. Das war ein beachtlicher Um­weg für ihn gewesen, dennoch hatte er mehr für mich getan, als ich es erwarten konnte. Auch das ist Korea.

Layout eines traditionellen koreanischen Dorfes.

Layout eines traditionellen koreanischen Dorfes (Freilichtmuseum).

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Tongyeong
ist eine kleine Hafenstadt, in der der Fischfang noch eine wichtige Rolle spielt. Sollte es Sie in diese Gegend verschlagen, dann empfehle ich einen Besuch des großen Fischmarkts in der Nä­he des zentralen Piers Gangguan. Am Hafen sitzen die Fischer vor ih­ren Booten und unterhalten sich angeregt, oder sie sind in ein Brett­spiel vertieft. Eine Nachbildung eines der eisengepanzerten »Schild­kröten-Schiffe«, die Ende des 16. Jahrhunderts im Kampf gegen die japanische Flotte gute Dienste geleistet haben, liegt vor dem Pier ver­ankert und ist kostenlos zu besichtigen. Sein Drachenkopf erinnert mich an die berühmten Langboote der Wikinger.

Fischer im HAfen von Tongyeong.

Fischer im Hafen von Tongyeong.

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Historisches Kriegsschiff

Historisches Kriegsschiff im Schildkröten-Design.

Durch ein Portal gelange ich in das überdachte Marktareal, wo sich mir eine bizarre Welt auftut. Nicht wegen der Verkäufer, die se­hen in ihren Schürzen und Gummistiefeln ganz normal aus. Aber die Tiere! Dutzende von Fischarten schnappen in flachen Plastikwannen nach Luft, besonders die größeren. Einige kann ich identifizieren, an­dere wiederum habe ich noch nie gesehen. Daneben alle Arten von Meeresgetier: Schnecken und Muscheln, Seesterne, Krabben, Langus­ten, und … was ist das? Seegurken? Und diese rosafarbenen, fingerdi­cken Würmer? Da staunt der Mitteleuropäer, der die Meeresfauna nur von den Tiefkühlregalen heimischer Supermärkte her kennt. Käpt’n Iglo segelt offensichtlich in anderen Gewässern. Dennoch tun mir die Tiere leid. Zusammengepfercht in viel zu kleinen Plastikbehältern, manchmal lieblos in eine Ecke geworfen, führen sie einen letzten, verzweifelten, aussichtslosen Kampf gegen ihre Peiniger. So spekta­kulär und exotisch sich dieser Fischmarkt für den westlichen Touris­ten auch ausnimmt, für die tierische Ware ist es der Vorhof zur Hölle.

Der Fischmarkt von Tongyeong.

Der Fischmarkt von Tongyeong.

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Was sich in dieser Gegend sonst noch anbietet, ja geradezu auf­drängt, ist ein Ausflug auf eine oder mehrere Inseln des maritimen Naturparks. In regelmäßigen Abständen verlassen Boote das moder­nen Fährenterminal, und mit geschickter Planung kann man auch mehrere Inseln an einem Tag besuchen. Meine Wahl fiel auf Yeon­hwa, eine idyllische Insel, die den Besucher mit netten Wanderpfaden, hübschen Tempeln und kleinen Ortschaften empfängt. Leider war die Luft an jenem Tag sehr diesig, was die Fernsicht erheblich trübte, sonst hätte ich einen besseren Ausblick auf den Drachenkopf-Felsen Yongmeori gehabt, der eines der populärsten Motive der Inseln ist. Nun bin ich ja durchaus mit viel Fantasie gesegnet, aber um in den Steinbrocken einen Drachenkopf zu erkennen, hätte ich vorher schon ein paar Becher Soju (koreanischer Schnaps) kippen müssen.

Mit den modernen Fähren auf die Inseln des Naturparks.

Mit den modernen Fähren auf die Inseln des Naturparks.

Kultur und Natur bilden in Südkorea immer eine Einheit.

Kultur und Natur bilden in Südkorea immer eine Einheit.

 

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Flora auf Yeonhwa.

Aussicht auf Yeonhwa.

Wer sich für Tee interessiert, genauer gesagt, wie Tee wächst und welche Produkte sich daraus herstellen lassen (außer dem Aufgussgetränk, natürlich), kann ein von Tongyeong gutes Stück nach Westen fahren, denn außerhalb von Boseong gibt es eine Schauplantage, die man besuchen kann. In geschwungenen Linien winden sich die Reihen der Teesträucher dem Hang entlang, was ein wunderbares Fotomotiv darstellt. Natürlich kann man grünen Tee verkosten, aber auch Kosmetikprodukte und Süßigkeiten enthalten Grüntee. Im hauseigenen Shop kann man all diese Spezialitäten auch erwerben und mitnehmen.

Tee-Plantage bei Boseong.

Tee-Plantage bei Boseong.

Im nächsten Beitrag gibt es dann noch ein paar Eindrücke von dem Volunteering-Workcamp auf Ganghwado, an dem ich teilgenommen habe.

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