Beim romantischen Historismus geht es nicht um die Geschichte der Liebe

Romantischer Historismus. Was kann man sich darunter vorstellen?  Verliebte Geschichtsschreiber, die die Geschehnisse ihrer Zeit durch die rosarote Brille betrachten? Die Geschichte romantischer Werke, wie zum Beispiel Romeo und Julia oder Cyrano de Bergerac? Ein Ritterfest, bei dem es unter der Rüstung ordentlich zur Sache geht? Sehen Sie, es ist gar nicht so einfach. Und doch begegnet man ihm vielerorts, auch in Österreich und Deutschland.

Ich konzentriere mich in diesem Fall auf die Umgebung von Wien, wo es gleich mehrere Beispiele für diesen Baustil gibt. Im Prinzip geht es darum, dass Architekten berühmte Baustile der Vergangenheit (wie Gotik, Barock, Klassizismus, aber auch den englischen Tudor-Stil) wiederaufleben ließen bzw. kopierten. Vor allem Burgen und Schlösser wurden in der Neuzeit gerne nach dem Vorbild älterer Bauwerke errichtet. Damit erklärt sich auch der Begriff des romantischen Historismus selbst: Historismus deswegen, weil Vergangenes als Vorbild dient, und romantisch, weil damit häufig eine gewisse Verklärung vergangener Epochen einhergeht. Speziell die Rittersleut‘ auf ihren kühnen Burgen beflügeln die menschliche Fantasie, und auch ich besuche gerne ihre Überreste (der Burgen, nicht der Ritter). Trotzdem muss das Leben auf diesen exponierten, zugigen Steinbehausungen, ohne fließend Wasser und elektrischen Strom, geschweige denn einer richtigen Heizung, wie wir sie kennen, besonders bei kaltem und feuchten Wetter alles andere als kuschelig gewesen sein (sieht man vielleicht einmal von den Privatgemächern der Burgherren ab). Die neuzeitlichen Nachbauten konnten vielleicht schon mit etwas mehr Komfort aufwarten (ich spekuliere hier, denn ich wurde noch niemals zu einer Übernachtung eingeladen), aber die mittelalterlichen Originale taten es mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Kommen wir also zu den Bauwerken selbst. Es handelt sich um zwei Burgen und zwei Schlösser. Die erste Burg ist bekannt – die Burg Kreuzenstein. Weithin sichtbar thront sie auf einem Hügel neben Leobendorf. Zwar existierte an dieser Stelle eine mittelalterliche Festung, die jetzige Burg entstand aber erst zur Jahrhundertwende ins zwanzigste Jahrhundert auf deren Grundmauern als romanisch-gotische Schauburg. Heute erklimmen nur noch Ausflügler den Hügel. Neben einer Burgführung lockt eine Greifvogelschau die Besucher. Von der Greifvogelschau weiß ich zu berichten, dass sich die durchwegs stattlichen Vögel nicht lumpen lassen und teilweise so dicht über den Köpfen des Publikums hinweg segeln, dass dieses lieber den Kopf einzieht, als einen ordentlichen Mittelscheitel verpasst zu bekommen.

Burg Kreuzenstein

Burg Kreuzenstein

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Nicht weniger imposant ist die Burg Liechtenstein, die nicht im kleinen Fürstentum zwischen Österreich und der Schweiz liegt, sondern auf einem Hügel in der Nähe von Mödling (dieses Phänomen, dass Burgen immer auf Hügeln liegen, habe ich ja bereits in diesem Beitrag diskutiert). Sie ist weniger bekannt als die Burg Kreuzenstein, und de facto bin ich über sie im Rahmen einer Mountainbike-Tour „gestolpert“.  Schon damals fand ich es äußerst verwirrend, als sich im Rahmen meiner Recherchen herausstellte, dass sie im Besitz der Fürsten von Liechtenstein war, sich aber trotzdem in Österreich befand (Verwirrendes Liechtenstein). Es gibt sie bereits seit dem 12. Jhdt., in der heutigen Form aber erst seit dem 19. Jhdt.

Burg Liechtenstein bei Mödling

Burg Liechtenstein bei Mödling

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Die hoch aufragende Burg wurde auf den Resten der alten errichtet.

Die hoch aufragende Burg wurde auf den Resten der alten errichtet.

Auch diese Ruine in der Nähe der Burg ist dem Historismus geschuldet. Sie wurde von Anfang an als Ruine erbaut.

Auch diese Ruine in der Nähe der Burg ist dem Historismus geschuldet. Sie wurde von Anfang an als Ruine erbaut.

Im Gegensatz zu den Burgen, die ja seit jeher auch Wohnsitze vornehmer Familien waren, haftet Schlössern ja eine gewisse Verschwendungssucht an. Sie sind das Abbild puren Luxus, von außen und meist noch viel mehr von innen. Zwar dienten sie auch als Wohnsitz, bei vielen davon aber handelte es sich um Jagd- oder Lustschlösser, oder auch Sommerresidenzen, Zweitwohnsitze also, die der Freizeit und den Hobbies gewidmet waren. Bei den Schlössern, die dem romantischen Historismus zugeordnet werden, gab es zumeist in der langen Abstammungslinie irgendein Familienmitglied, dass sich ein bisschen in der Welt umgesehen hatte und von dem, was es dort fand, mächtig beeindruckt war. Zusätzliche hatte er/sie das erforderliche Kleingeld im Sparstrumpf. Ein Beispiel hierfür ist das Schloss Grafenegg in der Nähe von Krems in Niederösterreich. Seine Ursprünge reichen bis ins 15. Jhdt. zurück, doch erst Graf August Ferdinand Breuner-Enckevoirt ließ es im 19. Jhdt. zu dem Prunkstück umgestalten, das es heute ist. Die Inspiration zu diesem – ich zitiere Wikipedia, da ich von Baustilen nicht allzu viel Ahnung habe – neugotischen Tudorstil holte er sich aus England, ein Umstand, der sich auch in der Gestaltung der englischen Parkanlage um das Schloss manifestiert.

Schloss Grafenegg bei Krems erinnert mit seinen Türmchen stellenweise an ein Disney-Schloss.

Schloss Grafenegg bei Krems erinnert mit seinen Türmchen stellenweise an ein Disney-Schloss.

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Witzig auch die Gargoyle an der Fassade.

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Der Innenhof

Der Innenhof

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Die Schlosskapelle

Die Schlosskapelle

Farbenprächtige Dekoration an der Decke

Farbenprächtige Dekoration an der Decke

Gewollte Komik im Stiegenhaus?

Gewollte Komik im Stiegenhaus?

Auch im Inneren wurde nicht gespart.

Auch im Inneren wurde nicht gespart.

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Ein bisschen Kitsch muss sein.

Ein bisschen Kitsch muss sein.

Spaziergang durch den weitläufigen Schlosspark.

Spaziergang durch den weitläufigen Schlosspark.

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Etwas kleiner, aber auch nett, ist das Schloss Hernstein in der Nähe von Berndorf bzw. Markt Piesting. Es wurde ebenfalls im 19. Jhdt. im Stile des Historismus umgebaut und nach dem 2. Weltkrieg umfassend restauriert. Direkt daneben liegen die Überreste einer Burganlage, die mindestens ins 12. Jhdt. zurück datiert. Die Schlossanlage ist heute ein Seminarzentrum mit einem kleinen Park, der einen Teich beinhaltet. Es stellt kein Ausflugsziel für sich dar, lässt sich aber im Vorbeifahren zu einer anderen Destination quasi „mitnehmen“.

Schloss Hernstein

Schloss Hernstein

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2 Antworten auf Beim romantischen Historismus geht es nicht um die Geschichte der Liebe

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