Verkehrte Welt auf Malta

Ich öffnete die Wagentür und erstarrte. Das Lenkrad war auf der falschen Seite. Zwar hatte ich gerade noch rechtzeitig (zwei Tage vorher) in meinen Reiseführer geschaut, um zu erfahren, dass man auf Malta very british auf der linken Straßenseite fuhr, doch dass dies auch bedeutete, auf der rechten Seite zu lenken und mit der linken Hand zu schalten, war mir nicht in den Sinn gekommen. Angstschweiß lief mir kalt den Rücken hinunter. Doch es half alles nichts. Ich fand einfach niemanden, der mir den Wagen richtig herum zusammenbaute. Ich hatte unzählige Fahrten mit dem Motorradtaxi und klapprigen Bussen in Asien überlebt, es würde auch hier alles gut gehen. Also fuhr ich los.

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Sich stets auf der linken Seite zu halten, das merkt man sich schnell (zur Not erinnern einen die anderen Verkehrsteilnehmer daran), doch das Schalten war die ersten Tage höchst herausfordernd. Und das Gefühl für den Abstand zum linken Fahrbahnrand nicht vorhanden. Gepaart mit dem Umstand, dass ich mich auf Malta nicht auskannte und die Art der Beschilderung auch nicht wahnsinnig hilfreich war (außer man kannte sich bereits aus), fuhr ich herum wie ein Fahranfänger. Doch im Laufe der Woche steuerte ich den Wagen zunehmend sicher durch die Roundabouts (Kreisverkehre), und stieg nur mehr gelegentlich auf der Beifahrerseite ein.

Andererseits ist ein Mietwagen immer noch die beste Möglichkeit, eine Insel wie Malta individuell und ohne Rücksichtnahme auf geführte Touren und spärliche Busintervalle möglichst intensiv zu erkunden. Obwohl mit einem Längendurchmesser von 40 km nicht gerade riesig (und Gozo ist noch kleiner), steckt Malta voller Überraschungen, und die Sehenswürdigkeiten und Orte von Interesse sind über das gesamte Gebiet verteilt. Ein schnelles Auto braucht man nicht, denn ich sah keinen Straßenabschnitt, auf dem eine Geschwindigkeit von über 80 km/h erlaubt war. Autobahnen gibt es keine, und wozu auch? Nach dem dritten Kreisverkehr (und Malta ist ein Land der Kreisverkehre, während geregelte Kreuzungen die Ausnahme sind) ist man ohnehin wieder in der nächsten Ortschaft. Wenngleich nicht immer in jener, in der man sich wähnte …

Wir begannen unsere Erkundungen mit einem Besuch der Hauptstadt Valetta. Ursprünglich dachte ich, der gesamte Ballungsraum um die beiden berühmten Häfen wäre alles Valetta, doch in Wahrheit ist Valetta nur jener kleine Fortsatz, der durch dicke Mauern befestigt ins Meer hinausragt. Es ist UNESCO Weltkulturerbe und Regierungssitz zugleich, und dass auch wirkliche Menschen in den kleinen Gassen mit den Erker-bewehrten, sandsteinfarbenen Häusern wohnen, das merkt man an den gelegentlichen Wäschestücken, Topfpflanzen und den Köpfen, die aus den Fenstern spähen oder mit dem Nachbarn plauschen. Ach ja, „Erker“ ist DAS Stichwort auf Malta. In bunten Farben – rot, blau, grün, gelb, braun – reihen sie sich aneinander und verleihen den Häusern das Aussehen von Bienenstöcken (deren Vorderseiten ja auch in verschiedenen Farben angemalt sind, zur optische Erkennung). Oft sind die zugehörigen Eingangstüren in derselben Farbe gestrichen. Wäre ein interessantes Experiment, in der Nacht heimlich die Farben zu übermalen … in welche Wohnung die Besitzer wohl zurückkehrten?

Das untere Ende der Republic Street ist eines von vielen Beispielen, dass man Malta getrost als "Land der Erker" bezeichnen kann.

Das untere Ende der Republic Street ist eines von vielen Beispielen, dass man Malta getrost als „Land der Erker“ bezeichnen kann.

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Der Grundriss Valettas wurde schachbrettartig angelegt, und zählt man die Häuserblocks auf beiden Seiten ab, so erhält man tatsächlich in etwa ein vollständiges Schachbrett. Mit einem guten Stadtplan und 31 (verkleideten) Mitspielern wäre damit eine richtige Partie Schach in voller Lebensgröße möglich (allein die Koordination der Spielfiguren wäre dann doch etwas mühsam). Das Spielfeld ist dabei von dicken Mauern umgeben, und wie dick diese sind, erkennt man schon beim Betreten Valettas, wenn man vom Tritonbrunnen kommend (was eine gute Idee ist, denn dort gibt es auch einen großen öffentlichen Parkplatz) durch das Haupttor schreitet.

"Mann, sind die dick, Mann!" Meterdicke Mauern umgeben die Stadt.

„Mann, sind die dick, Mann!“ Meterdicke Mauern umgeben die Stadt.

Der Tritonbrunnen ist Zentrum des Busterminals und liegt direkt vor dem Eingang zu Valetta.

Der Tritonbrunnen ist Zentrum des Busterminals und liegt direkt vor dem Eingang zu Valetta.

In Valetta hätte der "Mauerfall" nicht so leicht stattgefunden wie in Deutschland. Sie umgeben das ganze Stadtgebiet.

In Valetta hätte der „Mauerfall“ nicht so leicht stattgefunden wie in Deutschland. Sie umgeben das ganze Stadtgebiet.

Vom Stadttor beginnend könnte man zum Beispiel die Republic Street hinunterschreiten, um an deren Ende auf das Fort St. Elmo zu treffen (da gab es doch in den 80ern den Hit St. Elmo’s Fire von John Parr, erinnern Sie sich? Ob das dieses Elmo war?) Die dicken Mauern sind hier eher hinderlich, denn das Fort ist nur sporadisch geöffnet und von außen sieht man nicht viel. Aber dass die Johanniter (der Ritterorden, der Valetta erbaute) hier einen strategisch guten Punkt gewählt hatten, ist auch dem militärischen Laien verständlich. Von hier aus hatte man das Meer gut im Blick. Auch heute noch.

Republic Street ist eine lebhafte Straße, die zum Fort hin immer ruhiger und abschüssiger wird. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen in ihrer Nähe.

Republic Street ist eine lebhafte Straße, die zum Fort hin immer ruhiger und abschüssiger wird. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen in ihrer Nähe.

Valetta ist alt, das ist offensichtlich (im 16. Jhdt. errichtet).

Valetta ist alt, das ist offensichtlich (im 16. Jhdt. errichtet).

St. John's Co-Cathedral in Valetta. "Co" deshalb, weil die Hauptkathedrale in der ehemaligen Hauptstadt Mdina stand).

St. John’s Co-Cathedral in Valetta. „Co“ deshalb, weil die Hauptkathedrale in der ehemaligen Hauptstadt Mdina stand.

St. John's Co-Cathedral von innen.

St. John’s Co-Cathedral von innen.

Very british auch die roten Telefonboxen.

Very british sind auch die roten Telefonboxen.

Der Palace Square liegt im Zentrum Valettas. Mit "Palace" ist der ehemalige Palast des Großmeisters der Johanniter gemeint, heute der Sitz des Präsidenten.

Der Palace Square liegt im Zentrum Valettas. Mit „Palace“ ist der ehemalige Palast des Großmeisters der Johanniter gemeint, heute der Sitz des Präsidenten.

Palastwache vor dem Großmeisterpalast.

Palastwache vor dem Großmeisterpalast.

Ein kurzer Blick in den Großmeisterpalast im typischen "Sandstein-Look" Maltas.

Ein kurzer Blick in den Großmeisterpalast im typischen „Sandstein-Look“ Maltas. Der Eintritt ist mit 10 Euro pro Person geschmalzen.

Ein beschaulicher Sonntag in Maltas Hauptstadt. Dass der Palace Square fest in irischer Hand war, die den St. Patrick's Day zelebrierten, ließ die Maltesen unbekümmert.

Ein beschaulicher Sonntag in Maltas Hauptstadt. Dass der Palace Square an diesem Tag fest in irischer Hand war, um den St. Patrick’s Day zu zelebrieren, ließ die Maltesen unbekümmert.

Das Fort St. Elmo ist meist geschlossen. Ein paar Blicke erhascht man aber doch.

Das Fort St. Elmo ist meist geschlossen. Ein paar Blicke erhascht man aber doch …

... speziell von der Wasserseite.

… speziell von der Wasserseite.

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Museen und Ausstellungen (und Filmvorführungen), allerdings sind die Eintrittspreise auf Malta nicht gerade günstig. Für zwei Personen geht das ziemlich ins Geld, weswegen wir die Brieftasche nur ausnahmsweise zückten. Ein Spaziergang an der frischen Luft kostet nichts, deshalb machten wir von dieser Variante ausgiebig Gebrauch (wer will, kann auch eine der Pferdekutschen mieten, denen man in Valetta und Mdina überall begegnet). Besonders nett ist dabei ein Rundgang entlang der Stadtmauern, denn dort sieht man mehr Meer, das an jenem Tag besonders blau war. Aus der Summe der Gebäude, den Gesichtern der Maltesen und ihrer Sprache erkennt man gut, dass Malta eine Mischung aus dem arabischen Raum und Europa ist. Den maurischen Einfluss unübersehbar, klingt  Maltesisch mehr nach Arabisch, mit einem Schuss Italienisch. Wirft man einen Blick auf die geografische Position der Insel, ist das schon wieder logisch, denn zur Küste Nordafrikas sind es nur 250 km, und nach Sizilien noch viel weniger.

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Straßennamen wie aus Tausendundeiner Nacht. „Triq“ spricht man „tri“ und bedeutet „Straße“.

Blick von den Bastionen über den Grand Harbour.

Blick von den Bastionen über den Grand Harbour.

Die Three Cities gehören zu den ältesten Wohngebieten im Großraum Valetta.

Die Three Cities gehören zu den ältesten Wohngebieten im Großraum Valetta.

Die Pferdekutschen suchen in Valetta nach Kundschaft.

Die Pferdekutschen suchen in Valetta nach Kundschaft.

Blick hinüber zu Sliema, dem modernsten Stadtteil von Malta (und heimliche Hauptstadt).

Blick hinüber zu Sliema, dem modernsten Stadtteil von Malta (und heimliche Hauptstadt).

Dicke Mauern sind hier Programm!

Dicke Mauern sind hier Programm!

Blick hinüber zum alten Fort Manoel, welches auf der Halbinsel "Manoel Island" liegt (leider nicht zugänglich).

Blick hinüber zum alten Fort Manoel, welches auf der Halbinsel „Manoel Island“ liegt (leider nicht zugänglich).

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Blauer Himmel und ein malerischer Hafen - das sieht man gerne.

Blauer Himmel und ein malerischer Hafen – das sieht man gerne.

Eine Kirche im typischen Stil auf Malta. Kirchen wie dieser begegnet man in jeder Ortschaft und sie sind alle schön.

Eine Kirche im typischen Stil auf Malta. Kirchen wie dieser begegnet man in jeder Ortschaft und sie sind alle schön.

Natürlich interessierte uns auch der neuere und modernere Stadtteil Sliema, der gegenüber Valetta liegt. Wirklich modern wirkte nur jener Teil, der auf einer Halbinsel liegt und jene Gebäude entlang der Wasserfront. Das Herz dieses Stadtteils bot typische Anblicke wie sandsteinfarbene Gebäude mit bunten Türen und Erkern, engen Gassen und beschaulichen Plätzen. Auf Malta ist kein Platz für Metropolen modernen Zuschnitts und Wolkenkratzer, die in den Himmel ragen – und das ist auch gut so.

Uferpromenade in Sliema.

Uferpromenade in Sliema.

Blick auf das gegenüber liegende Valetta.

Blick auf das gegenüber liegende Valetta.

In Reih und Glied.

In Reih und Glied.

Hochzeitsgesellschaft in Sliema.

Hochzeitsgesellschaft in Sliema.

Die Holy Trinity Church liegt versteckt in der Triq Rodolfu.

Die Holy Trinity Church liegt versteckt in der Triq Rodolfu.

Gebäude im maurischen Stil.

Gebäude im maurischen Stil.

Valetta ist ein Schmuckstück und als neue Hauptstadt Maltas schon recht betagt. Im nächsten Beitrag besuchen wir die ehemalige Hauptstadt Mdina (gesprochen „Imdina“) und das daneben gelegene Rabat. Ein Augenschmaus und Abstecher in die Vergangenheit Maltas. Und der heilige Petrus ist auch dabei.

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