Urfahr und Umgebung (Linz)

Dort, wo eben noch ein Teppich über die Leinwand und den Boden flimmerte, kreisen Ringe um den Saturn und schwirren Monde (wie viele weiß ich nicht mehr) um ihren Planeten. Plötzlich rast einer auf mich zu und bleibt wenige Zentimeter vor meinem Kopf in der Luft stehen.

Nein, ich habe kein Drogenproblem. Dutzende andere Besucher erleben dasselbe, sie strecken ihre Hände nach dem visuellen Himmelskörper aus und greifen ins Leere, obwohl sie wissen (müssten), dass der Mond nur Illusion ist und die Leinwand nie verlassen hat. Egal, den Kindern in den vordersten Reihen gefällt es, begeistert hopsen sie immer näher auf das Universum zu, bis es sie verschluckt.

Tausende Galaxien wirbeln vor den Augen der Besucher - zum Greifen nah.

Tausende Galaxien wirbeln vor den Augen der Besucher – zum Greifen nah.

Gebannt starren die kleinen (und nicht mehr ganz so kleinen) Gäste auf die Ringe des Saturns

Gebannt starren die kleinen (und nicht mehr ganz so kleinen) Gäste auf die Ringe des Saturns.

Sternzeit 7.12.14. Wir befinden uns in Deep Space, dem Flaggschiff des Ars Electronica Center in Linz, jener Stadt an der Donau zwischen Wien und Salzburg, die gerne übersehen wird und es in Wahrheit nicht verdient hat. Es war eine glückliche Eingebung, dieses futuristisch anmutende Gebäude am Donauufer zu besuchen, denn Kunstmuseen gehören nicht zu den Orten, an denen ich mich bevorzugt aufhalte. Es ist normalerweise eine Kunst, mich in ein solches zu bringen. Doch das Ars Electronica Festival ist eines jener Dinge, die man kennt, selbst wenn man von Linz selbst nichts kennt, daher betrachtete ich es gewissermaßen als Must-see. Ich habe es nicht bereut. Auch die anderen Ausstellungen und Exponate, vom molekularbiologischen Forschungslabor bis zum animierten Roboter sind äußerst unterhaltsam. Außerdem liegt das Museum im berühmten Stadtteil Urfahr, und dieser war schon lange ein Mysterium für mich. Wie kann es sein, dass ein Stadtteil ein eigenes Kfz-Kennzeichen (UU – Urfahr Umgebung) erhält? Nun denke ich, das Rätsel gelöst zu haben. Vermutlich gingen die Behörden versehentlich ins Deep Space, und als sie der unendliche Ausdehnung dieses Raumes gewahr wurden, dachten sie wohl: „Woah, ist des riesig. Da braucht’s einen eigenen Verwaltungsbezirk!“ So entstehen Legenden.

Das Ars Electronica Center am Ufer der Donau ist sicherlich Linz' spektakulärstes Museum.

Das Ars Electronica Center am Ufer der Donau ist sicherlich Linz‘ spektakulärstes Museum.

Doch es gibt noch (mindestens) einen weiteren Grund, dieses Urfahr zu besuchen. Hier geht es hinauf auf den Pöstlingberg, den Hausberg der Linzer. Wer nicht gerne hatscht, für den ist die Pöstlingbergbahn die erste Wahl diesen Berg (immerhin 519 m) zu erklimmen. Beginnend am Hauptplatz, befährt die Schmalspurbahn einen 4,14 km langen Schienenstrang, der erst knapp unter der Basilika und dem Aussichtsplateau endet. Es handelt sich um die steilste Adhäsionsbahn der Welt. Doch ich kann Sie beruhigen. Sie adhäsiert ziemlich gut, selbst bei Regenwetter.

Haltestelle der Pöstlingbergbahn auf dem Linzer Hauptplatz. Bequemer geht's nicht.

Haltestelle der Pöstlingbergbahn auf dem Linzer Hauptplatz. Bequemer geht’s nicht.

Dem Fahrer über die Schulter schauen ermöglicht interessante Perspektiven. Wie überall aber ist während der Fahrt mit dem Fahrer reden oder ihn würgen nicht gestattet.

Dem Fahrer über die Schulter schauen, ermöglicht interessante Perspektiven. Wie überall aber ist während der Fahrt mit dem Fahrer reden oder ihn würgen nicht gestattet.

An der letzten Haltestelle angekommen.

An der letzten Haltestelle angekommen.

Oben angekommen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Mit wenigen Schritten erreicht man das Aussichtsplateau, von dem man das gesamte Stadtgebiet überblickt. Theoretisch. Als ich oben stehe, wabert der Nebel um den Hang und ich erahne bloß, wo sich Linz befindet. Es ist mit Null Grad Celsius auch etwas frisch, aber dieses Problem besteht in der warmen Jahreszeit Gott sei Dank nicht. Etwas wärmer ist es in der Wallfahrtsbasilika am Gipfel, deren andere Bezeichnung (Kirche der Sieben Schmerzem Mariä) jedoch zum eher tristen Wetter passt. Da hilft nur mehr die Flucht in die Märchen-Grottenbahn, die zwar in erster Linie für Kinder gedacht ist, doch beim erwachsenen Besucher Jugenderinnerungen weckt („Wie hieß dieses Märchen doch noch mal gleich? Cinderella und der Froschkönig?“). Nach drei Runden mit dem Drachenexpress (einmal Figuren links beleuchtet, einmal rechts beleuchtet, dann Festtagsbeleuchtung) kann man die begehbare  Miniaturstadt im Untergeschoss besuchen, in der zahlreiche Märchen nachgestellt sind. Und vor allem ist es da unten warm, weswegen Sie im Winter unbedingt reingehen sollten, selbst wenn Sie gerade kein Kind dabei haben (mein Tipp: direkt vor den kleinen Heizstrahlern ist es kuschelig warm).

Die Wallfahrtsbasilika auf dem Pöstlingberg.

Die Wallfahrtsbasilika auf dem Pöstlingberg.

Vor der Grottenbahn mussten wir in der Kälte Schlange stehen.

Vor der Grottenbahn mussten wir in der Kälte Schlange stehen.

Vor dem Klo musste ich nicht Schlange stehen. Dort hätte es mich aber nicht gestört, denn es war warm.

Vor dem Klo musste ich nicht Schlange stehen. Dort hätte es mich aber nicht gestört, denn es war warm.

Festtagsbeleuchtung in der Grottenbahn. Kitschig schön.

Festtagsbeleuchtung in der Grottenbahn. Kitschig schön.

Linz ist eine alte Stadt, die schon von den Römern besiedelt wurde („Lentia“). Namen wie „Römerstraße“ oder „Römerberg“ zeugen davon (ob schon Julius Cäsar gerne aus der Römerquelle getrunken hat, entzieht sich meiner Kenntnis). Eine zentrale Rolle spielte der Schlossberg, der zwar kein Berg ist, sondern ein Ausläufer des Römerbergs, aber einen der ersten Besiedelungspunkte darstellte. Auf ihm befindet sich das ehemalige Schloss, dessen Vorläufer bereits 799 Erwähnung fand, und nach dessen Zerstörung heute restauriert und in ein Museum umgestaltet wurde. Es umfasst so verschiedenartige Wissensgebiete wie Archäologie, mittelalterliche Waffen, Barockkunst und Naturgeschichte, doch selbst wenn man nicht ins Museum geht, hat man von der Museumsterrasse einen herrlichen Ausblick über die Stadt und die Donau. Weitere lohnende Blickpunkte findet man im Schlosspark, an dessen Ende sich die Martinskirche befindet, das älteste Kirchengebäude Österreichs. Man kann sie zwar ausschließlich im Rahmen von Stadtführungen betreten, aber durch eine Glaswand erschließt sich das Innere auch dem alleine Reisenden (ein Minutenlicht sorgt für Erleuchtung).

Auf dem Schlossberg treffen alte und neue Architektur in Form des Schlossmuseums aufeinander.

Auf dem Schlossberg treffen alte und neue Architektur in Form des Schlossmuseums aufeinander.

Die moderne Glas/Stahl-Architektur des Schlossmuseums.

Die moderne Glas/Stahl-Architektur des Schlossmuseums.

Blick über die Linzer Innenstadt ...

Blick über die Linzer Innenstadt …

... die Donau ...

… die Donau …

... und hinüber zum Pöstlingberg im Stadtteil Urfahr.

… und hinüber zum Pöstlingberg im Stadtteil Urfahr.

Die kleine Martinskirche von innen ...

Die kleine Martinskirche von außen …

... und von innen.

… und von innen.

In einer alten Stadt gibt es folgerichtig auch eine Altstadt. Sie liegt am Fuße des Schlossbergs, und der Fuß ist es auch, mit dem man dieses Areal am besten erwandert. Für Fußfaule fährt eine gelbe, nostalgische Touristenbahn durch die Linzer Innenstadt. Wesentlich weiter kommt man mit den modernen Straßenbahnlinien herum. Die Linien 1 und 2 empfehlen sich für alle Freunde der asiatischen Küche: China-Restaurant Kim San am Hauptplatz; China-Restaurant gegenüber der Station Taubenmarkt; Running Sushi ein paar Schritte von der Station Mozartkreuzung; Schnellimbiss Kung Fu gegenüber der Station Bürgerstraße (der Imbiss heißt nur so; wollen Sie den schwarzen Gürtel erwerben, müssen Sie woanders hingehen. Es sei denn, der Besitzer hat einschlägige Erfahrungen, und kann aus zwei Essstäbchen und gebratenen Nudeln im Handumdrehen ein Nunchako basteln). Wer Süßes liebt, den bedient man in Linz mit einem Original: Linzer Torte. Man kann sogar lernen, wie man sie selbst bäckt. Mich hingegen fragen Sie besser, wenn Sie wissen wollen, wie man am besten packt. Einen Reiserucksack, nämlich.

Stadt-Rundfahrten mit der gelben Nostalgiebahn.

Stadt-Rundfahrten mit der gelben Nostalgiebahn.

Der imposante Mariendom ist Österreichs größte Kirche.

Der imposante Mariendom ist Österreichs größte Kirche.

Der Alte Markt am Fuße des Schlossbergs.

Der Alte Markt am Fuße des Schlossbergs.

Der Linzer Hauptplatz mit der Pestsäule.

Der Linzer Hauptplatz mit der Pestsäule unter Tags …

... und abends im Advent.

… und abends im Advent.

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Will man während seines Aufenthalts möglichst viel unterbringen (also in puncto Sightseeing, nicht im Rucksack), empfiehlt sich eine Linz Card. „Nicht noch eine Plastik-Karte“, werden Sie jetzt vielleicht denken, aber so klein und praktisch, dass Sie sie ins Börserl stecken können, ist sie ohnehin nicht. Sie hat die Maße … Moment, ich gehe kurz einmal nachmessen, so viel Zeit muss sein … 21,5 x 21 cm, und dafür ist der Rucksack wieder praktisch. Sie beinhaltet z.B. freien Eintritt in alle Museen, freie Fahrt in allen öffentlichen Verkehrsmitteln, 1 x freie Fahrt mit der Pöstlingbergbahn und diverse Gutscheine und Ermäßigungen. Eine hübsche Frau ist vorne auch noch drauf. Was will man also mehr? Ich wurde mit einer solchen ausgestattet (ich meine die Linz Card) und fand sie ausgesprochen praktisch.

Ich hielt es immer für einen Mythos. Aber es gibt es doch. In Linz.

Ich hielt es immer für einen Mythos. Aber es gibt es doch. In Linz.

Was ich nicht besucht habe, aber interessant gewesen wäre, ist die voestalpine Stahlwelt. Wenn Sie schon immer alles über Stahl wissen wollten (und Hand auf’s Herz, wer will das nicht?) bzw. was aus der ehemals verstaatlichten österreichischen Schwerindustrie geworden ist, oder für wen Österreichs Metaller-Gewerkschaft Jahr für Jahr so unerschrocken in den Verhandlungsring steigt, dann fahren Sie hin. Neben der Ausstellung kann man auch eine Werkstour buchen, und wenn Sie ganz lieb fragen, lässt man Sie vielleicht sogar höchstpersönlich einen der Stahlöfen von Hand befeuern. Wie heißt’s so schön? Glaub‘ ans Glück!

Idyllische Landschaft an der Donau, gesehen vom Schlossberg.

Idyllische Landschaft an der Donau, gesehen vom Schlossberg.

Ich danke dem Tourismusverband Linz für die Einladung, das vorweihnachtliche Linz zu besuchen. Meine Ansichten und Meinungen bleiben davon aber unberührt.


Weitere Artikel über Linz finden Sie bei Gudrun Krinzinger auf reisebloggerin.at.

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