Der Twin City Liner: Flussfahrt für Bratislover

Die Anlegestelle des Twin City Liners am Donaukanal in Wien.

Die Anlegestelle des Twin City Liners am Donaukanal in Wien.

Sonntag, 9 Uhr früh. Die Frisur hält nicht. Wie könnte sie auch, angesichts des orkanartigen Windes. Hier hilft kein Drei Wetter Taft, sondern nur mehr Superkleber. Wir besteigen den Twin City Liner, einen Schnellkatamaran, der uns in rund 75 Minuten von Wien in die slowakische Hauptstadt Bratislava bringen wird. Die Route verläuft dabei zuerst entlang des Donaukanals, und später auf der schönen blauen Donau, die trotz Sonnenschein meist von einem dunklen, trüben Grün ist. Ob Johann Strauß wirklich auf einer blauen Donau unterwegs war, oder ob er den Titel des berühmten Walzers nach pragmatischen Gesichtspunkten wählte („Auf der trüben, braungrünen Donau“ wäre womöglich nicht der Welthit geworden, der seit damals Musikfreunde verzückt), werden wir nur mit Hilfe einer Zeitreise klären (um die ich Reiseblogger künftiger Generationen sehr beneide, sollten sie jemals Wirklichkeit werden). Wer den Twin City Liner für eine Hochzeit bucht, legt nicht nur in Bratislava an, sondern auch im Hafen der Ehe.

An Deck des Schnellkatamarans kurz vor der Abfahrt.

An Deck des Schnellkatamarans kurz vor der Abfahrt.

Reisen bildet, sagt man. Reisen erweitert den Horizont. Obwohl die Fahrt sehr kurzweilig ist, bietet sie Gelegenheit, das vergessene Schulwissen aufzufrischen. Wie zum Beispiel die Gesetze der Physik. Bewegt sich ein Körper etwa auf einem bewegten Untergrund, wie in diesem Fall das Boot, so addieren oder subtrahieren sich die einzelnen Geschwindigkeiten. In unserem Fall addieren wir aus gegebenem Anlass die Geschwindigkeit des Bootes mit der Windgeschwindigkeit, die am heutigen Tage exorbitant ist. Fährt also der Katamaran mit 60 km/h, und bewegt sich der Wind mit 50 km/h, so ergibt das in Summe 110 km/h. Um diese Windstärke anschaulich zu illustrieren: Wenn Sie Ihre Kopfbedeckung auf dem Deck nicht gut festhalten, liegt sie in der Donau. Wenn Sie ihren Fotoapparat nicht gut festhalten, sind die Bilder so verwackelt, als gäbe es ein Erdbeben mit Stärke 9 nach Richter. Wenn Sie sich nicht selbst an Deck anketten, landen Sie möglicherweise ebenfalls in der Donau (oder in den Armen eines Fremden). Wenn Sie sich in der Früh liebevoll frisiert haben, werden Sie feststellen, es war umsonst, denn Sie sehen aus wie eine Trauerweide. Und lassen Sie sich auf gar keinen Fall filmen, denn sonst hält man Sie bereits in aller Früh für sturzbetrunken!

Entlang des Wiener Donaukanals geht es noch gemächlich dahin (Bildquelle: Twin City Liner).

Entlang des Wiener Donaukanals geht es noch gemächlich dahin (Bildquelle: Twin City Liner).

Wem das alles zu verwegen ist, der wählt einen Tag ohne Wind, oder macht es sich in der geräumigen Kabine gemütlich, oder noch viel besser, in der Captain’s Lounge. Hier können Sie im Familien- oder Freundeskreis nett frühstücken und dem Kapitän bei der Arbeit zusehen. Über Ihre wohlgemeinten Ratschläge freut er sich riesig (auch wenn er es sich nicht anmerken lässt). Ans Steuer selbst dürfen Sie nicht, obwohl es so einfach wäre. An einer roten Boje fahren Sie links, an einer grünen rechts vorbei – das ist alles. Vermeiden Sie Kollisionen mit anderen Kähnen und Ausflugsschiffen und versenken Sie auch keinen der Kajakfahrer, die erst dann merken, wie stark die Strömung ist, wenn’s zu spät ist. Und dafür hat der Käpt’n 180 Praxisstunden absolviert? Ich bitte Sie.

Gemütlich Frühstücken in der Captain's Lounge.

Gemütlich Frühstücken in der Captain’s Lounge.

Die Fahrgäste sind beim gut ausgebildeten Schiffsführer in guten Händen.

Die Fahrgäste sind beim gut ausgebildeten Schiffsführer in guten Händen.

Was gibt es unterwegs zu sehen? So einiges. Abgesehen von den nicht unbeträchtlichen Mengen Wasser, liegt zur Linken und Rechten der Nationalpark Donau-Auen, dessen dichte Vegetation sich bis an die Ufer der Donau schiebt. Kahle Sandbänke und mit Buschwerk bewachsene Schotterstrände, die gelegentliche ruhige Bucht und vereinzelte Wasservögel wie Kormorane oder Reiher stellen die beeindruckende Naturkulisse, die sich von der Stadtgrenze Wiens bis zur Stadtgrenze Bratislavas erstreckt. Größere Tiere erblickt man nicht (es ist schließlich keine Walfahrt). Möchten Sie die putzigen Irrawaddy-Delphine sehen, so müssen Sie nach Kambodscha oder Myanmar. Dorthin fährt der Twin City Liner aber nicht.

Der Nationalpark Donau-Auen erstreckt sich vom Stadtrand Wiens bis nach Bratislava.

Der Nationalpark Donau-Auen erstreckt sich vom Stadtrand Wiens bis nach Bratislava.

Bei Hainburg erblickt man die Burgruine Hainburg, die auf dem Schlossberg über dem Ort thront, dahinter – am Ufer versteckt – die Ruine Röthelstein, und auf dem gegenüber liegenden slowakischen Ufer die Ruine Theben, die wir uns noch näher ansehen werden. Dem Einwand, wonach die Gegend ziemlich ruinös wäre, begegne ich mit „Der Schein trügt“. Solch alte Gemäuer haben Charme (und warten Sie einmal ab, wie SIE in siebenhundert Jahren aussehen). Für die Besichtigung der Ruine Theben, gehen Sie in Bratislava vom Schiff. Um die anderen beiden Gemäuer zu besuchen, gehen Sie bei Hainburg von Bord. Da der Katamaran dort aber nicht anhält, bringen Sie am besten eine Schwimmweste mit.

Die eindrucksvolle Anlage der Burgruine Devin von der Donau aus gesehen.

Die eindrucksvolle Anlage der Burgruine Devin von der Donau aus gesehen.


Sightseeing in und um Bratislava

Beflügelt von der steifen Brise, legen wir pünktlich in Bratislava an. Wer dem ersten Impuls widersteht, schnurstracks einen Friseur aufzusuchen, um die verwehte Haarpracht aufzufrischen (was an diesem Sonntag besonders leicht fällt), wird mit vielen Stunden des Herumstreifens und Besichtigens belohnt. Da wir ein dichtes Programm haben, besteigen wir einen dieser kleinen, roten Oldtimer-Busse und kurven durch die Innenstadt. Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch, wo der Himmel grau und wolkenverhangen war und die Temperatur nur mit Mühe über die Zehn-Grad-Marke kletterte, lacht heute die Sonne von einem blauen Himmel. Was soll ich sagen? Beides probiert, kein Vergleich. Ich persönlich bevorzuge ja des Schusters Rappen, denn die Altstadt ist kompakt und alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß leicht zu erreichen. Auch der Burgberg ist rasch erklommen (bei einer Höhe von nur 85 Metern benötigt man noch nicht einmal die Hilfe von Sherpas). Und dann gibt es ja noch solch großartige Errungenschaften wie Busse und Straßenbahnen. In jedem Fall verhindern individuelle Mittel der Fortbewegung, dass man seinen Fahrer solange würgen muss, bis er endlich bei einem tollen Motiv anhält.

Die Burg Bratislava ist weithin sichtbar und empfängt den Besucher als Erstes.

Die Burg Bratislava ist weithin sichtbar und empfängt den Besucher als Erstes.

Mit den roten, urigen Oldtimer-Bussen auf Sightseeing durch Bratislava.

Mit den roten, urigen Oldtimer-Bussen auf Sightseeing durch Bratislava.

Der Burgberg ist einer der Orte Bratislavas, an denen man gewesen sein sollte. Details zu seiner langen, ruhmreichen Geschichte erspare ich Ihnen hier (nicht zuletzt deshalb, weil ich wieder einmal während einer Führung nicht aufgepasst habe), Sie können sie aber auf Wikipedia nachlesen. Großartig ist die Aussicht auf die Donau, ihre Brücken und diverse Stadtteile. Im Sonnenlicht leuchten die hellen Wände des prächtig renovierten Gebäudes, sodass man sich kaum vorstellen kann, dass es noch im 18. Jhdt. eine ausgebrannte Ruine war.

Die Burg Bratislava dient heute als Museum und zu Repräsentationszwecken.

Die Burg Bratislava dient heute als Museum und zu Repräsentationszwecken.

Von der Burg hat man einen guten Ausblick über die Donau und Teile Bratislavas.

Von der Burg hat man einen guten Ausblick über die Donau und Teile Bratislavas.

Ruine ist auch das Stichwort, das uns zum nächsten Besichtigungs-Highlight bringt. Eine kurze Autofahrt stromaufwärts (oder eine etwas längerere Fahrt mit dem Fahrrad, oder aber ein wesentlich längererer Fußmarsch) ans Ufer der Donau, dort wo die March einmündet, bringt uns zur Burgruine Theben (oder Devin, wie man in der Slowakei dazu sagt). Wie die meisten mittelalterlichen Burgen ist ihre Lage militärisch gesehen goldrichtig, aus touristischer Perspektive sehr idyllisch gewählt. Von oben am Felsen blickt man auf den Zusammenfluss von Donau und March hinunter, und darüber hinaus weit in die umgebende Landschaft. Angesichts der exponierten Lage und des heute böigen Windes hoffe ich, dass ihre Bewohner dichte Fenster hatten.

Die imposante Burganlage der Ruine Theben sollte man unbedingt besichtigen, wenn man in Bratislava ist.

Die imposante Burganlage der Ruine Theben sollte man unbedingt besichtigen, wenn man in Bratislava ist.

Wie um viele andere historischen Gemäuer renken sich auch um dieses Legenden. Eine davon erzählt von einer Jungfrau, die von ihrem Verehrer geraubt und zu jener Burg gebracht wurde (es war, glaub ich, nicht die schöne Helena). Wie es meist so ist, wenn sich Leute etwas nehmen, dass ihnen nicht gehört, endete die Geschichte tragisch. Voll Verzweiflung sprang die junge Maid vom Felsen in die Fluten der Donau, die zu jener Zeit näher an den Felsen gereicht haben muss, denn sonst wäre die Holde auf dem Steine zerschellt (was in letzter Konsequenz aber auf dasselbe hinausläuft). Der langen Rede  kurzer Sinn: Beide haben es nicht überlebt.

Der zierliche "Jungfrauenturm" ist der äußerste Vorposten zur Donau.

Der zierliche „Jungfrauenturm“ ist der äußerste Vorposten zur Donau.

Noch aus einem anderen Grund ist dieser Ort historisch bedeutsam: entlang der March und der Donau verlief die Grenze zwischen Österreich und der Slowakei, die zur Zeit der Sowjetunion dem Ostblock angehörte (der „Eiserne Vorhang“). Menschen, die beim Fluchtversuch in den Westen erwischt wurden, bezahlten mit dem Leben. Ein Denkmal erinnert heute an diese dunkle Zeit.

Das Denkmal in Erinnerung an den eisernen Vorhang neben der Mündung der March.

Das Denkmal in Erinnerung an den eisernen Vorhang neben der Mündung der March.

Nach einem guten Mittagessen im Ort Devin verkosten wir noch den berühmten Ribiselwein (Devínsky ríbezlák) in einem rustikalen Weinkeller (Thebener Heuriger zum hl. Urban). Der süße, fruchtige Tropfen wird in erster Linie ab Hof verkauft, ein Teil wandert aber auch in die Vinotheken in Bratislava oder wird von Einkäufern der Nachbarländer abgeholt. Wer sucht, wird den Wein also mit einiger Wahrscheinlichkeit auch in Wien finden. Sechs Sorten verkosten wir, angefangen von einem halbtrockenen roten Ribiselwein, über eine rauchig schmeckende, süße Mischung aus rot und schwarz hin zu einem sehr süßen Dessertwein aus roten Beeren, die allesamt an den Hängen des Thebener Kogels angebaut werden. Die Menge, die man uns bei der ersten Sorte einschenkt, ist dermaßen ambitioniert, dass eine Hochrechnung auf sechs Gläser eine taggleiche Rückkehr nach Wien unrealistisch erscheinen lässt. Mit einer daraufhin reduzierten Menge geht es zwar lustig weiter, aber immerhin geht es weiter.

Verkostung des berühmten Ribselweins, der an den Hängen des Thebener Kogels gezogen wird.

Verkostung des berühmten Ribselweins, der an den Hängen des Thebener Kogels gezogen wird.

Eine kostenlose Kostprobe des Ribiselweins steht auch am Parkplatz unterhalb der Burg zur Verfügung.

Eine kostenlose Kostprobe des Ribiselweins steht auch am Parkplatz unterhalb der Burg zur Verfügung.

Um 16.30 legt unser Boot von Bratislava Richtung Wien ab. Da es nun gegen die Strömung geht, dauert die Fahrt nunmehr 90 Minuten. Leider ist es seit dem vergangenen Jahr im Streckenabschnitt des Donaukanals nicht mehr gestattet, die Kabine zu verlassen, doch die tadellos geputzten Fenster lassen diesen Umstand einigermaßen verschmerzen. Als wir in Wien ankommen, liegt ein erlebnisreicher Tag hinter uns, an den man gerne zurückdenkt.

Natürlich haben sich die Eigentümer des Twin City Liners auch ein paar Specials einfallen lassen: Neben der bereits erwähnten Captain’s Lounge können die Boote auch für Hochzeitsfeiern und Veranstaltungen gebucht werden (so könnte man z.B. den Chef im Rahmen einer Firmenfeier kielholen), und auch Nacht- bzw. Themenfahrten werden angeboten. Nähere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Betreibers.

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3 Antworten auf Der Twin City Liner: Flussfahrt für Bratislover

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