Von Mikulov nach Pavlov wandern

Über die südtschechische Stadt Mikulov habe ich auf diesem Blog bereits berichtet (auf Mikulov klicken, um zum Blogpost zu gelangen). Als ich heuer ein weiteres Mal auf dem „heiligen Berg“ (Svatý Kopecek) stand, da erspähte ich in der Ferne ein paar Hügel, auf denen ich sicher eine, vielleicht aber auch zwei Burgruinen ausmachte. Es musste doch irgendeine Art Weg dorthin geben. Die Idee zu einer Wanderung war geboren. Als ich am Abend Google Maps konsultierte, da nahm die Wanderung konkrete Ausmaße an.

Svaty kopecek - der heilige Berg

Svaty kopecek – der heilige Berg

Blick vom Svaty kopecek hinüber zu den Hügeln im Hintergrund. Ganz hinten sieht man die Ruine Divci hrady.

Blick vom Svaty kopecek hinüber zu den Hügeln im Hintergrund. Ganz hinten sieht man die Ruine Divci hrady.

Nordöstlich von Mikulov liegt der Turold, ein bewaldeter Kalksteinhügel, in dessen Inneren eine Karsthöhle – die Turold-Höhle – liegt. Diese Höhle kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Ein kurzes Stück nördlich davon, entlang der Straße nach Klentnice, liegt ein Felsen inmitten der Felder, der ob seines besonderen Ökosystems ein winziges Naturreservat darstellt. Sein Name ist Kocici skala. Weiter entlang der Straße gelangt man nach Klentnice, von wo man zur massiven Burgruine (Sirotci hradek) wandern kann. Von dort geht es über den Devin weiter zu jener Burgruine, die mir von Mikulov aus ins Auge gesprungen war: Divci hrady. Am Ende gelangt man in den Ort Pavlov, der an einem großen See gelegen ist. Die Rückwanderung ließ ich mir offen (selber Weg zurück oder entlang der Straße/Feldwegen). Eine Karte hatte ich nicht (auch keine Kenntnis über etwaige Wanderwege), aber auf den Satellitenaufnahmen konnte ich eindeutig Wege ausmachen, die sich durch die Landschaft zogen. Ich hatte einen Plan.

Der Hügel Turold in der Bildmitte, vom Syaty kopecek aus gesehen. Am südlichen Fuß liegt die Höhle.

Der Hügel Turold in der Bildmitte, vom Svaty kopecek aus gesehen. Am südlichen Fuß liegt die Höhle.

Pünktlich um 8.30 brach ich in der Früh von Wien auf. Ich staunte über die Unmengen an LKW und Sattelschlepper, die sich auf B7 durch das hügelige Weinviertel schlängelten. Sie erleichterten mein Fortkommen nicht gerade, aber es ging leidlich gut voran, so dass ich 1 h 15 min später meinen Wagen auf dem Parkplatz der Höhle abstellte. Er befand sich übrigens genau gegenüber des Amphitheaters, aber wer sich eine römische Ruine erwartet, wird enttäuscht. Es handelt sich lediglich um einen zeitgenössischen Aufbau, der für Veranstaltungen genutzt wird und daher abgesperrt war. Nach einem kurzen Fußmarsch stand ich vor dem Ticket Office, in dem eine Dame, die weder Deutsch, noch Englisch sprach, ihren Dienst verrichtete. Sie holte einen jungen Kollegen, der seine Sache nicht wesentlich besser machte. Generell schaut es mit den Englischkenntnissen der Tschechen ganz düster aus. Ich frage mich, was sie so genau im gleichnamigen Fach in der Schule machen?
Nach weiteren 300 m gelangte ich zum Eingang zur Höhle, wo ich mit einigen anderen Besuchern auf die nächste Führung wartete. Jetzt in den Sommermonaten dürfte es so alle 30 min eine Führung geben (womöglich sogar öfter), denn es waren mehrere Gruppen in der Höhle unterwegs. Außerdem finden Führungen täglich statt (Dauer ca. 50 min). Der Eintritt war mit umgerechnet 4 Euro günstig.

Weg zur Höhle. Davor gibt es ein paar geologische Informationen.

Weg zur Höhle. Davor gibt es ein paar geologische Informationen.

Erste Erwähnungen der Turold-Höhle stammen aus dem Jahr 1669. Sie ist die größte im Südmährischen Karst. Von dem rund 2 km langen Wegesystem sind ungefähr 300 Meter für Besucher zugänglich. Über Treppen gelangt man in die unterschiedlichen Kammern. Es handelt sich um keine Tropfsteinhöhle, die Wände sind mit korallen- bis knötchenartigen, kristallinen Formen bewachsen. Sie ist nicht wahnsinnig spektakulär (man wird nicht 10 Meter in die Dunkelheit abgeseilt), aber ganz interessant. Da die Führungen nur in tschechischer Sprache abgehalten werden, verstand ich nicht allzu viel davon, ich bekam mit meinem Ticket aber dankenswerter Weise ein zweiseitiges A4-Blatt in die Hand gedrückt, auf dem die einzelnen Bereiche auf Deutsch beschrieben waren. Es konnte mich allerdings auch nicht davor bewahren, dass ich stets alleine mit stoischer Miene da stand, während der Rest der Gruppe in heiteres Gelächter ausbrach.

Über Treppen geht es durch die Turold-Höhle.

Über Treppen geht es durch die Turold-Höhle.

Ungewöhnliche Steinskulpturen im "Märchenwald".

Ungewöhnliche Steinskulpturen im „Märchenwald“.

Als ich die Höhle verließ, war ich dankbar für die warmen Sonnenstrahlen, die mich im Freien empfingen. Ich beschloss, mit dem Auto direkt nach Klentnice zu fahren, und meine Wanderung von dort zu beginnen (auf dem Rückweg stellte sich heraus, dass es eine gute Idee gewesen war). Unterwegs hielt ich kurz am Kocici skala an. Es handelte sich um einen verloren in der Landschaft stehenden Felsen, der eine Art Trockenbiotop darstellte. Ringsherum lagen Felder und Weingärten. Ich folgte dem Weg auf die Spitze, inhalierte die Landschaft, glich die markanten Landschaftspunkte mit Google Maps ab und hakte diesen Besichtigungspunkt ab. Die gesamte Wanderung durch dieses Naturreservat hatte ganze 5 Minuten gedauert.

Plakat am Einganz zu Kocici skala.

Plakat am Einganz zu Kocici skala.

Blick vom Kocici skala zum weiteren Wegverlauf.

Blick vom Kocici skala zum weiteren Wegverlauf.

Kurz vor Klentnice bemerkte ich einen rot markierten Wanderweg, der von der Straße nach links abzweigte. Er passte gut mit den von mir auf der Satellitenkarte entdeckten Wegen zusammen. Nach der Ortseinfahrt parkte ich meinen Wagen in Sichtweite der Burgruine auf einem offiziellen, gebührenfreien Parkplatz und ging die Straße zurück zum Wegweiser. Der Weg führte zur Burgruine über den Hügelrücken, der mir eine landschaftlich reizvollere Variante versprach, als einfach nur den direkten Weg zur Ruine zu nehmen. Nach ca. einer halben Stunde unschwieriger, aber schöner Wanderung erreichte ich die Burgruine Sirotci hradek. Obwohl sie schon ziemlich verfallen ist, thront sie auf zwei mächtigen Felsen, die dazwischen eine schmale, tiefe Spalte bilden. Sie muss sehr schwierig einzunehmen gewesen sein. Von oben sieht man bereits in der Ferne auch den großen See und die Ruine bei Pavlov, und ahnt, dass es schon noch ein längerer Fußmarsch bis dorthin ist.

Weg entlang des Hügelrückens über Klentnice. Rechts Mitte liegt die Burgruine Sirotci hradek.

Weg entlang des Hügelrückens über Klentnice. Rechts Mitte liegt die Burgruine Sirotci hradek.

Sirotci hradek

Sirotci hradek

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Blick vom Burgfelsen zum See ...

Blick vom Burgfelsen zum See …

... und hinüber zum Devin (mit dem Sender) und der Ruine Divci hrady.

… und hinüber zum Devin (mit dem Sender) und der Ruine Divci hrady.

Fünf Kilometer sollten es laut Wegweise bis zur Ruine Divci hrady sein, und das klingt nach nicht viel, aber da lagen noch ein langgestreckter Hügelzug dazwischen, und die schweißtreibende Temperatur der Luft. Das Gute war, dass die Orientierung Dank der guten Wegbeschilderung und der topografischen Situation einfach war, und wenigstens das das Weiterkommen nicht erschwerte. Und so erreichte ich auch wohlbehalten den höchsten Punkt der Wanderung am Devin bei ca. 520 m Seehöhe, der durch einen weithin sichtbaren Fernsehturm markiert wird. Zum Sender sind es vom Weg weg nur ein paar hundert Meter.

Regelmäßig angebrachte Wegweiser helfen ungemein, wenn man ohne Wanderkarte unterwegs ist. Das machen die Tschechen sehr vorbildlich. Der gesamte Weg vom Svaty kopecek nach Pavlov ist derart ausgeschildert.

Regelmäßig angebrachte Wegweiser helfen ungemein, wenn man ohne Wanderkarte unterwegs ist. Das machen die Tschechen sehr vorbildlich. Der gesamte Weg vom Svaty kopecek nach Pavlov ist derart ausgeschildert.

Die typische Trockenlandschaft der Gegend.

Die typische Trockenlandschaft der Gegend.

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Der Sender am Devin.

Der Sender am Devin, der schon von weitem sichtbar ist.

Von dort an ging es fortwährend bergab in Richtung der Burgruine, zumeist durch eine trockene Steppen- oder Heidelandschaft. Immer wieder tauchte der See im Blickfeld auf, und zur Rechten auch der Ort Pavlov, der wunderschön am See gelegen war und von Weingärten und Sonnenblumenfeldern gesäumt wurde. Die Landschaft wirkte fast mediterran.

Blick hinunter auf Pavlov, den Endpunkt meiner Wanderung.

Blick hinunter auf Pavlov, den Endpunkt meiner Wanderung.

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Und endlich erreichte ich auch Divci hrady selbst. Die Fassade zur Seite nach Pavlov hin ist noch einigermaßen erhalten, daneben sind ein paar frühere Räume erkennbar, doch es ist fraglos eine Ruine, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Aber der Ausblick war grandios. Beide Burgruinen sind frei zugänglich, ein Eintritt ist nicht zu bezahlen. Man erreicht Divci hrady auf mehreren Wegen, von denen einer auch Kinderwagen-tauglich sein muss.

Divci hrady

Divci hrady

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Zufriedener Rückblick auf den zurückgelegten Weg.

Zufriedener Rückblick auf den zurückgelegten Weg.

Schön langsam knurrte mein Magen. Von Pavlov trennte mich noch ein zwei Kilometer langer Fußweg durch den Wald, den ich hurtig in Angriff nahm. Am Ortsrand passierte ich mehrere Weinschenken, bevor ich ums Eck der Kirche ein nettes Restaurant mit schattiger und luftiger Terrasse fand, wo ich mir ein verspätetes Mittagessen schmecken ließ.

Ich erreiche die Ortschaft Pavlov.

Ich erreiche die Ortschaft Pavlov.

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Kirchplatz in Pavlov.

Kirchplatz in Pavlov.

Nun blieb nur mehr die Rückkehr nach Klentnice, was einen Marsch von ca. 5 km bedeutete. Dazu gab es mehrere Möglichkeiten: Erstens zurück auf demselben Weg, den ich gekommen war. Dazu hatte ich keine Lust mehr. Zweitens, auf der Landesstraße entlang gehen. Dazu hatte ich auch keine Lust. Drittens, mit dem Bus fahren, der jedoch erst 45 min später abfuhr. Zum warten hatte ich auch keine Lust. Also trabte ich entlang der Straße zurück, in der Hoffnung, mit Auto stoppen erfolgreich zu sein. Was soll ich sagen? Dass Flüchtlinge (also Fremde) in den ehemaligen Ostblock-Staaten nicht besonders willkommen sind, wirkte sich auch auf mich insofern aus, als kein Schwein anhielt, obwohl ich durchaus als seriöser Wandersmann erkennbar war, und nicht etwa abgerissen, in Lumpen gehüllt und mit einem Doppler Wein in der Hand, neben der Fahrbahn herumtorkelte. Aber fünf Kilometer sind auch nicht die Welt, also erreichte ich nach einer Stunde in der drückenden Nachmittagshitze wieder mein Auto. Was war ich froh, nicht von Mikulov weg gegangen zu sein (dann hätte ich allerdings mit Sicherheit auf den Bus gewartet, der just in dem Moment an mir vorbeifuhr, als ich nur mehr ein paar hundert Meter von meinem Auto entfernt war).

Hier noch eine Karte der Gegend, die ich am Ende der Wanderung in Klentnice gefunden habe:

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Wandern um die Ruine Landsee

Ich habe letztes Jahr bereits über die Burgruine Landsee im Burgenland berichtet. Sie ist eine der größten Burgruinen Mitteleuropas, und eine wirklich imposante Anlage. Die Gegend eignet sich aber auch gut zum Wandern. Was die Gegend an Höhenmeter vermissen lässt, macht sie durch Streckenlänge wieder gut. Im Internet bin ich auf zwei Varianten gestoßen: Die eine verläuft zwischen Landsee und Neudorf (ca. 15 km), und die andere  zwischen Landsee, Neudorf und Kobersdorf über den Pauliberg, und ist mit 20 km Länge etwas anspruchsvoller. Man die kürzere der beiden Strecken aber auch um ein paar Kilometer abkürzen, wenn man vor Landsee zu den Fischteichen abzweigt (mehr dazu später).

Die von mir gewählte Streckenführung basiert auf dem Vorschlag unter diesem Link. Ich habe sie wie folgt modifiziert:

Die blaue Linie gibt meine Route wieder. Die blau strichlierte Linie ist die Abkürzung vor Landsee.

Die blaue Linie gibt meine Route wieder. Die blau strichlierte Linie ist die Abkürzung vor Landsee.

Von der Kirche in Neudorf aus (die gleich bei der Ortseinfahrt steht, wenn man von Markt St. Martin kommt) geht man die Straße in südlicher Richtung, die kurze Zeit später in eine Forststraße übergeht. Nachdem man den kleinen Bach überquert hat, folgt man ihr nach rechts, bei der nächsten Abzweigung nach links. Nachdem man linkerhand einen kleinen Löschteich passiert hat, nimmt man kurz danach die Forststraße nach rechts und folgt ihr durch das Steinerne Stückl (keine Ahnung, warum das so heißt; besonders felsig war es dort nicht, es hat nicht anders ausgesehen, als die übrige Umgebung), bis man auf eine rot markierte Forststraße trifft. Der roten Markierung folgt man nun über die Filzwiese bis nach Landsee (alternativ kann man an der Stelle, an der die rote Markierung nach rechts in einen Karrenweg abzweigt, auch am Schranken vorbei auf der Forststraße geradeaus weitergehen, man gelangt dann auch zur Filzwiese, wo auch die rote Markierung wieder einmündet). Von dort geht es weiter bis nach Landsee. Wenn man den Weg etwas abkürzen möchte, dann zweigt man im offenen Gelände nach rechts ab, wo man an den beiden Fischteichen vorbei zur Bundesstraße gelangt, der man nach links folgt, bis man den Wegweiser zur Ruine sieht.

Die Kirche am Ortsanfang von Neudorf (ehemalige Wallfahrtskirche) dient als (ein) Ausgangspunkt der Wanderung.

Die Kirche am Ortsanfang von Neudorf (ehemalige Wallfahrtskirche) dient als (ein) Ausgangspunkt der Wanderung.

Der kleine Löschteich mit Goldfischen.

Der kleine Löschteich mit Goldfischen.

Auf breiten Wegen geht es die meiste Zeit gemütlich dahin.

Auf breiten Wegen geht es die meiste Zeit gemütlich dahin.

Filzwiese

Filzwiese

Im offenen Gelände vor Landsee. Der markierte Weg dient auch als Reitweg.

Im offenen Gelände vor Landsee. Der markierte Weg dient auch als Reitweg.

Von hier erblickt man auch schon die Ruine Landsee auf dem Hügel rechts.

Von hier erblickt man auch schon die Ruine Landsee auf dem Hügel rechts. Links liegt Landsee.

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Der Fischteich, den man auf dem Abkürzer passiert.

Der Fischteich, den man auf dem Abkürzer passiert.

Von diesem Wegweiser sind es nur mehr ein paar Schritte zur Ruine.

Von diesem Wegweiser sind es nur mehr ein paar Schritte zur Ruine.

Wer will, kann das Auto auch hier vor der Ruine stehen lassen.

Wer will, kann das Auto auch hier vor der Ruine stehen lassen.

Eine kleine Erfrischung mit einem lokalen Gebräu.

Eine kleine Erfrischung mit einem lokalen Gebräu.

Vom Turm hat man eine großartige Aussicht auf die Umgebung.

Vom Turm hat man eine großartige Aussicht auf die Umgebung.

Die Besichtigung der Ruine ist nicht teuer und sollte man sich nicht entgehen lassen. Im Inneren des ehemaligen Wohnturms sieht man auch, welch mächtiges Bauwerk diese Ruine war. Eine detaillierte Beschreibung der Ruine Landsee finden Sie in meinem Beitrag von 2015. Ein paar Erfrischungen bekommt man dort auch.

Zurück nach Neudorf geht es über den Judensteig Richtung Kobersdorf (rot markiert, Beginn außerhalb der Ruine beim Parkplatz (Wegweiser)). Man folgt dem schmalen Fußweg durch den Wald, bis man auf eine Forststraße trifft, der man nach rechts bis nach Neudorf folgt.

Über den Judensteig geht es wieder zurück.

Über den Judensteig geht es wieder zurück.

Zuerst auf schmalem Pfad durch den Wald ...

Zuerst auf schmalem Pfad durch den Wald …

... dann wieder auf breiten Wegen zurück nach Neudorf.

… dann wieder auf breiten Wegen zurück nach Neudorf.

Eine Wanderkarte der Gegend finden Sie unter diesem Link. Sie zeigt die längere Route über Kobersdorf, hilft aber bei der Planung.

In Summe ist es eine leichte, aber trotzdem schöne Wanderung, mit dem Besuch der Burg als Höhepunkt.

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Amethystfieber in Maissau

Gleich vorweg: „Amethystfieber“ ist keine neue ansteckende Krankheit wie die Schweinegrippe, obwohl sie ansteckend sein kann. Mitunter bricht sie ohne Vorwarnung bei allen Beteiligten gleichzeitig und unvermittelt aus. Die Symptome äußern sich als motorische Hyperaktivität in Verbindung mit Grabwerkzeug, die sich mit voller Wucht in den Boden entlädt. Die einzige Assoziation mit der Schweinegrippe verdankt das Amethystfieber dem Umstand, dass Betroffene mit versauter Kleidung herumsitzen und würdelos im Boden wühlen. Suchen sie nach Trüffeln? Man weiß es nicht so genau. Was sie jedoch zu Tage fördern, sind violett gefärbte Gesteinsbrocken, die das Fieber weiter in die Höhe schnellen lassen. Die Lage ist also ernst.

Österreichweit ist nur ein einziger Ort bekannt, an dem dieses Fieber epidemisch auftritt. Das Epizentrum dieser neuronalen Störung ist die niederösterreichische Stadt Maissau, an der Grenze des Weinviertels zum Waldviertel. Hier, in der Amethystwelt Maissau, beginne ich also mit meinen Recherchen.

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Neben dem Schürfgelände gibt es den Amethyststollen und das Edelsteinhaus auf dem Gelände. Beide sind nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Gleich im ersten Gebäude, wo die Führungen und das Schürfen gebucht werden kann, gibt es einen Amthystshop, in dem all diejenigen, die bereits dem Shopping-Fieber anheim gefallen sind, ihre Sucht ausleben können. Da ich gegen diese Krankheit glücklicherweise immun bin, buche ich eine Führung durch den Amethyststollen, denn Stollen klingt nach Abenteuer und Schatzsuche. Im Edelsteinhaus werden – nomen est omen – Edelsteine ausgestellt, im Rahmen einer Sonderausstellung werden derzeit auch Steine gezeigt, die unter UV-Licht in besonders prächtigen Farben erstrahlen. Da die Aktivitäten aber nicht gerade billig sind, lasse ich das Edelsteinhaus aus.

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Der Amethyst-Shop. Im Vordergrund Amethystdrusen vulkanischen Ursprungs.

 

Unter der Woche sind Besucher nicht unbedingt rar, aber doch spärlicher als am Wochenende, sieht man einmal von den Schulklassen ab, die am Ausgang darauf warten, in ihre Busse verfrachtet zu werden. Daher bin ich der einzige Besucher, der sich um 12 Uhr für eine Führung durch den Amethyststollen eingefunden hat, und so erhalte ich eine Spezialführung. Nach einer Multimedia-Vorführung mit besonderen Amethystexponaten, gehen wir in den Stollen. Es handelt sich um eine Amethystader von mindestens 400 Metern Länge, von der 40 Meter freigelegt wurden. Das Gebäude, welches den Schaustollen beherbergt, wurde also um die Ader herum errichtet. Deutlich zieht sich eine violette Schicht durch das Gestein, am besten sieht man diese Ader von oben betrachtet. Daneben erfährt man einiges über diese in Europa einzigartige Fundstätte des sogenannten Bänderamethyst, der eine Abfolge aus violetten und weißen Zonen zeigt. Er ist nicht vergleichbar mit den typischen Amethystdrusen, die im Inneren von Lava-Brocken entstehen, und wo im Inneren eines unscheinbaren, glatten Gesteinsbrocken ein Hohlraum mit Kristallen verborgen liegt. Auch solche Exponate bekommt man in der Amethystwelt zu sehen, und ja, kaufen kann man sie auch.

Ausstellungsraum Amethyststollen

Ausstellungsraum Amethyststollen

Nahaufnahme der Amethyst-Ader.

Nahaufnahme der Amethyst-Ader. Gut erkennbar, der Bänderamethyst.

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Geschliffen erkennt man gut das leuchtende Violett der Kristalle.

Geschliffen erkennt man gut das leuchtende Violett der Kristalle.

Unter diesem Gebäude befindet sich der Amethyststollen. Davor bekommt man eine Multimedia-Vorführung zu sehen.

Unter diesem Gebäude befindet sich der Amethyststollen. Im Gebäude selbst bekommt man eine Multimedia-Vorführung zu sehen.

Das Edelsteinhaus

Das Edelsteinhaus

 

Dann und wann wird professionell nach dem violetten Edelstein gegraben, mit Hilfe eines Baggers und ohne großes Aufsehen zu erregen, bekomme ich zu hören. Man will kein „Amethystfieber“ auslösen, so wie einst, als überall in der Gegend gegraben wurde, sogar auf den Feldern von Landwirten, worüber diese auch in einen Zustand nervöser Erregung verfielen. Die Ader wird anschließend wieder zugeschüttet, ein Teil des Bodens jedoch auf das hauseigene Schatzgräberfeld verbracht, da er Amethyststücke enthält. Und nach diesen kann man graben. Zusätzlich wird die Erde mit weiteren Stücken angereichert, damit auch wirklich jeder etwas findet (und nicht bloß wertloses Geröll). Eine Stunde Schürfen kostet immerhin 11 Euro pro Stunde für einen Erwachsenen, 22 Euro für die ganze Familie. Und diese Stunde ist (subjektiv gefühlt) sehr schnell um. Für diesen Schürfpass erhält man einen Kübel mit Grabwerkzeug, eine Handvoll Amethyste darf man behalten, darüber muss aufgezahlt werden. Auch das Nachbearbeiten der Funde kostet extra. In Summe wird so ein Familienausflug schnell zu einer recht teuren Angelegenheit. Aber Spaß macht es. Als ich zum Schürfen mit Frau und Tochter wiederkomme, werde auch ich rasch vom Amethystfieber infiziert. Ich hatte schon lange nicht mehr so ein exzessives Oberkörper-Workout, denn eine Stunde lang bearbeitete ich mit meinem Grabwerkzeug wie ein Berserker den Boden, und ich fand einige Stücke, die größten jedoch fand meine Frau. Welchen Wert die Steine haben, kann ich nicht abschätzen, aber sicherheitshalber bin ich am darauf folgenden Montag wieder arbeiten gegangen.

Das Schatzgräberfeld

Das Schatzgräberfeld

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Ein Teil der Ausbeute.

Ein Teil unserer Ausbeute.

Schön leuchten die Steine im Sonnenlicht.

Schön leuchten die Steine im Sonnenlicht.

 

Ach ja. Wer einen Hang zum Esoterischen hat, der findet auf dem Gelände auch einen Chakrenweg, eine Energietankstelle und einen Traumplatz. Die Energietankstelle dient nicht zum Nachladen Ihres Elektroautos, denn das müssen sie auf dem Parkplatz davor stehen lassen. Es sind Orte der Ruhe (und vielleicht auch Kraftorte, so nach dem Feng-Shui-Prinzip). Zum Kurieren des Amethystfiebers, zum Beispiel.

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Energietankstelle

Energietankstelle mit Bergkristall

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Der Heldenberg

Es gibt Orte, die eigentlich sehr geschichtsträchtig und von Bedeutung sind, und doch bekommt man von ihnen nicht viel mit. Der Heldenberg ist so ein Ort. Da er im Weinviertel liegt, ist er einer der Sehenswürdigkeiten, die auf einer Übersichtskarte der Top-Ausflugsziele des Weinviertels, die ich bei einer anderen Sehenswürdigkeit eingesteckt hatte, verzeichnet ist. Wie bei vielen anderen geografischen Erhebungen auch, ist der Heldenberg kein richtiger Berg, denn je flacher eine Landschaft, so imposanter nimmt sich selbst die geringste Aufwölbung des Erdreichs im Vergleich dazu aus (man denke nur an das Leithagebirge). Aber Helden verlangen natürlich nach einem Berg. „Heldenhügel“, wie klingt denn das? Die griechischen Götter saßen ja auch auf dem Olymp.

Übersichtsplan über die Anlage "Heldenberg".

Übersichtsplan über die Anlage „Heldenberg“.

Ursprünglich war der Heldenberg ein Ort, an dem die österreichische k&k.-Armee einigen ihrer hervorragendsten Vertretern ein Denkmal gesetzt, oder sie begraben hat (oder beides). So wie dem Feldmarschall Radetzky, der dort nicht nur seine letzte Ruhestätte bekommen hat, sondern dem auch ein besonders monumentales Denkmal gesetzt wurde. Heute befindet sich dort die Radetzky-Gedenkstätte, die auch ein kleines Museum beinhaltet. Da Radetzky 72 Jahre lang der Armee diente, und einige bedeutende Siege errungen hatte, hat er sich das wohl auch verdient. Der Außenbereich dieser Anlage, mit den Heldenbüsten, Säulen und Skulpturen ist tatsächlich sehr imposant.

Radetzky-Gedenkstätte Außenbereich

Radetzky-Gedenkstätte Außenbereich

Büsten bedeutender Personen der k&k. Monarchie.

Büsten bedeutender Personen der k&k. Monarchie.

In hinteren Monument befindet sich Radetzkys Gruft.

In hinteren Monument befindet sich Radetzkys Gruft.

Hinunter geht es zur letzten Ruhestätte des Feldherrn ...

Hinunter geht es zur letzten Ruhestätte des Feldherrn …

... wo man auch auf seinen Sarg trifft.

… wo man auch auf seinen Sarg trifft.

Diese umfangreiche Aufstellung zeigt eine Schlachtszene aus dem Krieg gegen Napoleons Armee 1809 in Aspern.

Diese umfangreiche Aufstellung zeigt eine Schlachtszene aus dem Krieg gegen Napoleons Armee 1809 in Aspern. Beachten Sie die Kirche … sie wird uns weiter hinten noch in der heutigen Form begegnen.

Auch diesen Löwen im Außenbereich der Gedenkstätte werden wir in Aspern noch einmal sehen.

Auch diesen Löwen im Außenbereich der Gedenkstätte werden wir in Aspern noch einmal sehen.

Eng verbunden mit der österreichischen Monarchie ist auch eine zweite Einrichtung vor Ort, nämlich ein Lipizzaner-Gestüt, in dem die berühmten weißen Pferde mehrmals im Jahr abseits der Großstadt Urlaub machen, um sich von den Strapazen und dem Alltag der Spanischen Hofreitschule zu erholen. Natürlich wird auch hier ein wenig geübt, denn wer rastet, der rostet, das kennt man ja. Im Rahmen einer Führung besichtigt man einen Teil der Stallungen und erfährt Wissenswertes über die Lipizzaner, ihren Werdegang und ihr Ausbildungsprogramm (und das ihrer Bereiter). Wer zur richtigen Zeit kommt, kann dem Training der Pferde im Freien beiwohnen. Jedes Pferd verfügt über 40 m2 Wohnfläche und erhält – individuell angepasst – drei Mahlzeiten am Tag. Gar nicht schlecht. Ich überlege bereits, meinen nächsten Urlaub dort zu buchen.

Nach einem kurzen Spaziergang erreicht man das Gestüt.

Nach einem kurzen Spaziergang erreicht man das Gestüt.

Warten auf die Führung. Ohne eine solche kann man die Stallungen nicht betreten.

Warten auf die Führung. Ohne eine solche kann man die Stallungen nicht betreten.

Hier urlaubt Pferd.

Hier urlaubt Pferd.

Nachdem ein Lipizzaner nicht irgendein Gaul ist, gibt es natürlich einen Stammbaum.

Nachdem ein Lipizzaner nicht irgendein Gaul ist, gibt es natürlich einen Stammbaum.

Ja, wo ist er denn ...?

Ja, wo ist er denn …?

Ist Pferd willig, darf Kind auch streicheln. Beruht auf freiwilligkeit des Pferdes!

Ist Pferd willig, darf Kind auch streicheln. Beruht auf Freiwilligkeit des Pferdes!

Aber das ist noch nicht alles. Im selben Gebäude, in dem sich auch das Radetzky-Museum befindet, ist auch eine kleine Ausstellung über neolithische Siedlungen untergebracht. Durch diese gelangt man in einen weiteren Freiluftbereich, in dem die Überreste einer steinzeitlichen Kreisgrabenanlage entdeckt wurden. Da sich diese unter der Erde befinden, hat überirdisch Holzpfosten eingeschlagen, die zeigen sollen, wie eine solche Anlage früher einmal vermutlich ausgesehen hat. Ein Teil des Grabens wurde freigelegt. Daneben stehen einige Häuser, mit denen versucht wird, eine neolithische Siedlung zu rekonstruieren. Mehr darüber erfährt man in der Ausstellung über Stonehenge im MAMUZ in Mistelbach. Der Falkenhof gleich daneben ist eher neuzeitlich und bietet Greifvogel-Flugdarbietungen. Als ich vor Ort war, suchten sie gerade nach einem Falken, der ausgebüxt war (auch unterhaltsam).

Die rekonstruierte Kreisgrabenanlage. So könnte sie ausgesehen haben. Oder auch nicht.

Die rekonstruierte Kreisgrabenanlage. So könnte sie ausgesehen haben. Oder auch nicht.

Neolithisches Dorf.

Neolithisches Dorf.

Aber das ist noch nicht alles. Wer möchte, kann noch das Oldtimer-Museum besuchen, das sich im Eingangsgebäude befindet. Man sieht eine Parade von Autos und einigen Motorrädern unterschiedlicher Jahrgänge und Bauarten. Selbst wenn man sich nicht so sehr für Autos interessiert, kann man sich an den schönen Stücken erfreuen, und manch ein Fahrzeug weckt Erinnerungen an dazumal.

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Zu guter Letzt gibt es noch einen kleinen englischen Garten.

Englischer Garten

Englischer Garten

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Übrigens: Die im Radetzky-Museum mit vielen Zinnfiguren so detailgetreu nachgestellte Schlacht bei Aspern und Essling, in der Napoleon die erste militärische Niederlage einstecken musste, weckte meine Neugier auf diesen historischen Ort. Wie sah er wohl heute aus? Die Kirche in Aspern, die so eine entscheidende Rolle in den Ereignissen des 21. und 22. Mai 1809 gespielt hatte, steht noch heute im 22. Wiener Gemeindebezirk. Heldenplatz nennt sich der Ort, ein kleines Museum und ein paar alte Mauern und Grabsteine stammen noch aus jener Zeit. Schon oft war ich vorbei gefahren, ohne Notiz zu nehmen, auch nicht von dem großen steinernen Löwen davor. Doch diesmal kam ich nur deswegen. Inspiriert von den Bildern des Modells, stand vor meinem geistigen Auge der einstige Kriegsschauplatz wieder auf. Hinter jener Mauer hatten sich Napoleons Soldaten verschanzt, um auf die heranrückenden österreichischen und ungarischen Truppen zu feuern. Mehrmals wurde der Ort (ein Friedhof, wie passend) von diesen und jenen eingenommen, bis es Erzherzog Karl endgültig gelang, Napoleons Armee zurückzuschlagen. Auch dem Schüttkasten, einem weiteren Schauplatz jener Schlacht in Essling, stattete ich einen Besuch ab. Auch er ist heute ein Museum, das ich leider nicht besuchen konnte, weil nur sonntags von 10 – 12 Uhr geöffnet (trifft auch auf das Asperner Museum zu). Doch das hole ich nach.

Das ehemalige Schlachtfeld ist heute eine ruhige Wohngegend.

Das ehemalige Schlachtfeld ist heute eine ruhige Wohngegend.

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Das ist die Kirche, die damals so heiß umkämpft war. Davor das Löwen-Denkmal.

Das ist die Kirche, die damals so heiß umkämpft war. Davor das Löwen-Denkmal.

Ein Teil der Mauern und einige alte Grabsteine (zur Zeit leider eingepackt) sind von früher erhalten geblieben.

Ein Teil der Mauern und einige alte Grabsteine (zur Zeit leider eingepackt) sind von früher erhalten geblieben.

Das kleine Museum. das an die Schlacht erinnert. Die ehemalige Kapelle stand schon damals dort.

Das kleine Museum. das an die Schlacht erinnert. Die ehemalige Kapelle stand schon damals dort.

Gedenkstein

Gedenkstein

Hinter dieser Mauer standen einst französische Soldaten. Heute spielen hier Kinder.

Hinter dieser Mauer standen einst französische Soldaten. Heute spielen hier Kinder.

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Der Schüttkasten in Essling. Er war von strategischer Bedeutung, weil Soldaten im Inneren gute Deckung fanden.

Der Schüttkasten in Essling. Er war von strategischer Bedeutung, weil Soldaten im Inneren gute Deckung fanden.

Der Schüttkasten ist heute ein Museum.

Der Schüttkasten ist heute ein Museum.

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Schloss Lednice und Valtice in der Tschechei

Erst unlängst habe ich in einem Beitrag über historisch inspirierte Schloss- und Burgbauten der jüngeren Vergangenheit den verwirrenden Umstand erwähnt, dass es Schlösser und Burgen im Besitz des Hauses Liechtenstein gibt, die weit vom heutigen Liechtenstein entfernt liegen (zB. Burg Liechtenstein nahe bei Mödling). Nun wird es noch ein wenig komplizierter, denn heute berichte ich von zwei Schlössern, die sich in der tschechischen Republik unweit der österreichischen Grenze befinden. Schloss Lednice und Schloss Valtice gehören zu den meistbesuchten Baudenkmälern Tschechiens, und sind UNESCO-Weltkulturerbe. Sie liegen weniger als 10 km voneinander entfernt, können also gemeinsam an einem Tag besichtigt werden. Grund genug also, beiden einmal einen Besuch abzustatten.

Das prachtvolle Schloss Lednice.

Das prachtvolle Schloss Lednice.

Der weitläufige Barockgarten.

Der weitläufige Barockgarten.

Im Gegensatz zu Schloss Valtice, welches inmitten der gleichnamigen Kleinstadt liegt, ist Schloss Lednice von einem prunkvollen Barockgarten und einem weitläufigen Schlosspark umgeben, welcher leicht für 2-3 Stunden spazierengehen genutzt werden kann. Aufgrund der vielen Wasserflächen entsteht manchmal das Gefühl, in einer Auenlandschaft unterwegs zu sein. Die beiden inselförmigen Reiherkolonien, die den Vögeln zum Nisten dienen, unterstreichen diesen Eindruck noch.

Ein Schlosspark wie eine Auenlandschaft.

Ein Schlosspark wie eine Auenlandschaft.

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Im Park verteilt befinden sich einige Bauwerke, die als Hommage an entfernte (Maurisches Gebäude, Minarett) oder antike (Aquädukt) Kulturen zu verstehen sind. Sie lassen sich im Rahmen eines beschaulichen Rundganges erreichen. Das 60 m hohe Minarett kann man auch über 302 Stufen besteigen und überblickt von oben die gesamte Parklandschaft. Die Johannesburg, eine künstliche Ruine, liegt ca. 4 km abseits und kann zB. im Rahmen einer Kombi-Tour, bestehend aus Pferdekutsche, Boot und Fußweg, die vor Ort angeboten wird, besichtigt werden, wenn man nicht zu Fuß die Hin- und Rückstrecke bewältigen möchte.

Gebäude mit maurischem Dekor.

Gebäude mit maurischem Dekor.

Aquädukt

Aquädukt

Minarett

Minarett

Blick vom 60 m hohen Minarett nach unten ...

Blick vom 60 m hohen Minarett nach unten …

... und über den Schlosspark.

… und über den Schlosspark.

Per Pferdekutsche und Boot über die Johannesburg zum Minarett.

Per Pferdekutsche und Boot über die Johannesburg zum Minarett.

Auch das Schloss selbst und das angrenzende Palmenhaus können besichtigt werden, das Schloss allerdings nur im Rahmen von geführten Touren, von denen man 2-3 kombinieren muss, um alle öffentlich zugänglichen Räume zu sehen.

Schloss mit Garten und Palmenhaus

Schloss mit Garten und Palmenhaus

Reithalle

Reithalle

So spektakulär sich die Schlossanlage in Lednice ausnimmt, sie diente „nur“ als Sommersitz der Liechtensteiner. Der Stammsitz befand sich in Valtice. Das dortige Schloss ist ebenfalls groß und prunkvoll, der dahinter befindliche Park kann sich mit jenem in Lednice allerdings nicht messen. Auch das Innere dieses Schlosses kann man besichtigen.

Treppenaufgang zu Schloss Valtice.

Treppenaufgang zu Schloss Valtice

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Innenhof

Innenhof

Innenhof

Innenhof

Kirche der Verkündigung Maria gegenüber dem Schloss in Valtice.

Kirche der Verkündigung Maria gegenüber dem Schloss in Valtice.

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Volunteering in Südkorea

Ich hatte es im letzten Korea-Beitrag versprochen: einen kurzen Bericht über die eine Woche, die ich in Südkorea an einem SCI-Workcamp teilgenommen habe. Es war eine spontane Entscheidung gewesen, ich schaute einfach auf die Webseite des SCI Österreich, und fand, wonach ich suchte. Ich kontaktierte den SCI Südkorea und man erlaubte mir, auch kurzfristig an diesem internationalen Workcamp teilzunehmen. Es kostete sogar nur 50 Euro. Es war allerdings nicht mein erstes SCI-Camp, denn ich hatte bereits an solchen in Thailand teilgenommen (in Summe 4 Wochen).

Ich kam zu einer Adresse in Seoul (schwierig genug zu finden) und fuhr mit den anderen Teilnehmern per Bus zur Insel Ganghwado. Die Mehrheit waren koreanische Jugendliche, daneben eine größere Gruppe chinesischer Studenten einer internationalen Uni, zwei Ungarn und ich. Die Unterhaltung mit den Koreanern war zu Beginn etwas schwierig, denn zum einen zeigten sie sich eher schüchtern, was angesichts ihrer Englischfertigkeiten nicht weiter verwunderte. Im Laufe der Woche tauten sie aber zunehmends auf, was ein gutes Beispiel dafür liefert, dass solche Veranstaltungen im wahrsten Sinne des Wortes zur Völkerverständigung beitragen.

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Unser Campus war eine ländliche Volksschule, wo unsere Arbeit darin bestand, aus den Gesteinsbrocken, die ein Schaufelbagger aus der Erde grub, ein paar terrassierte Beete anzulegen. Es war harte Arbeit, machte aber Spaß. Nachdem die Arbeit erst einmal organisiert war, und alle wussten, was zu tun war, konnte sich das Ergebnis durchaus sehen lassen. Wie viel in Südkorea Fleiß und Einsatz zählen, merkte ich, als eine Koreanerin zu mir sagte: „You look good, ‚cause you work hard.“
Wir schliefen auf Matten am Boden, und stellten uns zum Duschen und Essen ausfassen artig an. Für unser leibliches Wohl war in Form einer Köchin gesorgt. Sie nahmen diesbezüglich sogar auf uns Nicht-Koreaner Rücksicht, denn es wurde nicht überscharf gekocht. Kimchi gab es jedoch, denn wir waren in Korea, verdammt noch mal.

Unsere Volksschule am Rande des Reisfelds.

Unsere Volksschule am Rande des Reisfelds.

Kantine und Wäschetrockner.

Unsere bescheidene Kantine. Gegessen wird am Boden.

Neben den Arbeitseinheiten blieb aber auch genügend Zeit für gemeinsame Aktivitäten wie Ausflüge, Filmabende und soziale Aktivitäten. So sahen wir einen Film, in dem ein paar süd- und nordkoreanische Soldaten während des Koreakriegs in einem kleinen Dorf aufeinandertreffen und sich erst einmal feindselig gegenüberstehen. Mit der Zeit finden sie aufgrund der beengten Verhältnisse zueinander und helfen den Dorfbewohnern bei der Ernte. Als das Dorf von den Kriegsereignissen bedroht wird, verteidigen sie es unter Einsatz ihres Lebens. Es war ein Film, wie man ihn sonst wohl nicht zu sehen bekommt. Ein ander Mal brachte ich ihnen bei, wie man Walzer tanzt. Auch Gesellschaftsspiele durften nicht fehlen, wobei koreanische Gesellschaftsspiele (die normalerweise eher als Vorwand dienen, um Alkohol zu konsumieren) an Trivialität kaum zu überbieten sind. Kaum zu glauben, dass sie bei diesen simplen Aufgaben wiederholt aufs Glatteis geführt wurden.

Wir lernen Koreanisch. Was für ein Spaß! (für die Koreaner)

Wir lernen Koreanisch. Was für ein Spaß! (für die Koreaner; so schwer ist die Aussprache aber gar nicht)

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Besonders schön waren die gemeinsamen Ausflüge auf der Insel. Einmal ging es zu einem buddhistischen Kloster, ein ander Mal zu einem Fort oder einem Schlammstrand, wo der Schlamm besonders gesundheitsfördernd sein soll. Auf jeden Fall förderte er die Waschmittelindustrie, denn die meisten kamen gut eingegatscht zurück zum Bus. Da hieß es, „Bitte duschen!“. Zum Glück gab es solche vor Ort.

Eine Fähre bringt uns auf eine kleinere, benachbarte Insel.

Eine Fähre bringt uns auf eine kleinere, benachbarte Insel.

Dort gibt es einen schönen Tempel.

Dort gibt es einen schönen Tempel.

... mit einer monumentalen Buddha-Figur, die in den Fels gemeißelt wurde.

… mit einer monumentalen Buddha-Figur, die in den Fels gemeißelt wurde.

Schlammcatchen am Strand. Und das alles für die Gesundheit.

Schlammcatchen am Strand. Und das alles für die Gesundheit.

Besichtigung eines historischen Forts am Meer.

Besichtigung eines historischen Forts am Meer.

Am letzten Tag des Camps gab es noch eine Party, in der unsere koreanischen Freunde ihre Liebe zu albernen Trinkspielen zum Ausdruck brachten. Innerhalb nur einer Woche waren wir tatsächlich zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Als wir am nächsten Morgen unsere Zelte abbrachen, lag eine gewisse Schwermut in der Luft. Die meisten waren mir wirklich ans Herz gewachsen. Es war einmal mehr ein sehr nettes Camp gewesen, und ich kann jedem, der ein Land einmal abseits der konventionellen Wege kennenlernen möchte, ein solches Workcamp nur empfehlen. Es war immer eine tolle Erfahrung.

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Das Land blüht

Ein freier Tag unter der Woche ist etwas Schönes. Wenn man sich aussuchen kann, wie man ihn nützt, dann umso besser. In den Nachrichten hörte ich von der schönen Kirschenblüte im Nordburgenland, es war sonnig und es war windstill, also sattelte ich das Motorrad und fuhr los, um dort selbst nachzusehen. Ich wählte eine Route durch den Bezirk Bruck an der Leitha, durch das Leithagebirge hinunter nach Donnerskirchen, wobei die Begriffe „Gebirge“ und „hinunter“ darüber hinwegtäuschen, dass es sich beim Leithagebirge um eine sehr flache Erhebung in der Landschaft handelt.

"Hobbit-Behausungen" auf dem Weg nach Mannersdorf.

„Hobbit-Behausungen“ auf dem Weg nach Mannersdorf.

Entspannte Fahrt durch das Leithagebirge.

Entspannte Fahrt durch das Leithagebirge.

Wandern oder Radfahren ist möglich, Klettersteige sucht man vergebens.

Wandern oder Radfahren ist möglich, Klettersteige sucht man vergebens.

In Donnerskirchen angelangt, präsentiert sich dennoch eine andere Landschaft. Das Burgenland ist flach, das ist nichts Neues. Viele blühende Bäume stehen jetzt im April in der Landschaft. Ob es Kirschen, Äpfel oder Marillen sind, vermag ich nicht zu sagen, zum einen, weil ich botanisch zu unerfahren bin, zum anderen, weil beim Motorrad fahren die Blickführung wichtig ist, und zu intensiv auf die Bäume am Straßenrand schauen … das geht nicht gut aus. Vielleicht ist der Grund auch, dass es mir nicht so wichtig ist. Sie blühen schön – in Weiß und Rosarot – und das alleine genügt mir. Doch nicht nur die Bäume, auch der blühende Raps überzieht den Boden mit seinem leuchtenden Gelb. Dazu ein paar Tulpen in Gelb und Rot – was will man mehr vom Frühling?

Die hübsche kleine Bergkirche in Donnerskirchen. Auch hier blüht es.

Die hübsche kleine Bergkirche in Donnerskirchen. Auch hier blüht es.

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Blick über Donnerskirchen im Burgenland.

Blick über Donnerskirchen im Burgenland von der Mauer der Bergkirche.

Das sind Straßen, wie sie sich der anspruchsvolle Biker wünscht. Besonders, wenn man aus der Dauerbaustelle Wien kommt.

Das sind Straßen, wie sie sich der anspruchsvolle Biker wünscht. Besonders, wenn man aus der Dauerbaustelle Wien kommt.

Gelb blüht der Raps. Sind es Sonnenblumen, sind Sie in einer anderen Jahreszeit unterwegs.

Gelb blüht der Raps. Sind es Sonnenblumen, ist man in einer anderen Jahreszeit unterwegs.

Auf guten Straßen geht es von Donnerskirchen durch Purbach, Breitenbrunn und Winden nach Jois. In der Kantine des Seebads Breitenkirchen stoppe ich für eine Mittagspause. Die warme Sonne tut gut und wärmt die Seele. Am Holzsteg schaukeln ein paar Segelschiffe auf den Wellen, sie stehen bereit für die Saison. Viel ist unter der Woche nicht los. Im Gegensatz zum anderen Seeufer sieht man den See von den Orten auf dieser Seite nicht, denn ein breiter Schilfgürtel wächst am Seeufer. Deshalb führt jeweils eine lange, schmale Asphaltstraße von den Ortszentren hin zum Wasser.

Auch in Breitenbrunn treffe ich auf die typischen Weinkeller der Region. Zumindest vermute ich, dass es sich um Weinkeller handelt.

Auch in Breitenbrunn treffe ich auf die typischen Weinkeller der Region. Zumindest vermute ich, dass es sich um Weinkeller handelt.

Bunte Tulpen im Sonnenlicht.

Bunte Tulpen im Sonnenlicht.

Auf dem Weg zum Seebad Breitenbrunn. Campen kann man dort auch.

Auf dem Weg zum Seebad Breitenbrunn. Campen kann man dort auch.

Auf dem Rückweg geht es nach Bad Deutsch-Altenburg, über die Donaubrücke und durch das Marchfeld. Auch hier blühen in jeder Ortschaft die Bäume.

Blütenallee in Leopoldsdorf im Marchfeld.

Blütenallee in Leopoldsdorf im Marchfeld.

Sollten Sie sich angesichts dieser Bilder überlegen, selbst in die Region zu fahren, dann tun Sie es einfach! Noch besteht die Möglichkeit, hinzufahren. Dieses Wochenende, zum Beispiel. Da blüht es sicher noch. Wenn Sie erst etwas später Zeit haben, ist das auch nicht schlecht. Die folgenden Aufnahmen zeigen, was man rund um den Neusiedlersee sonst noch unternehmen kann:

Der Nationalpark Seewinkel - Lange Lacke ist ein wichtiges Feuchtbiotop für Vögel. Mehrere Wanderwege führen durch das Gebiet.

Der Nationalpark Seewinkel – Lange Lacke ist ein wichtiges Feuchtbiotop für Vögel. Mehrere Wanderwege führen durch das Gebiet.

Neusiedlersee01

Eine Bootfahrt ist natürlich auch überall am See möglich. Bald sperren die Verleihe wieder auf.

Eine Bootfahrt ist natürlich auch überall am See möglich. Bald sperren die Verleihe wieder auf.

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Der ehemalige Römer-Steinbruch in St. Margareten ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern bietet auch eine Sammlung lustiger Steinskulpturen, die rundherum auf dem Hügel stehen.

Der ehemalige Römer-Steinbruch in St. Margareten ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern bietet auch eine Sammlung lustiger Steinskulpturen, die rundherum auf dem Hügel stehen.

Neusiedlersee06

Ach ja, für Weinliebhaber ist es ebenfalls eine ganz tolle Gegend. In Jois fuhr ich am Weingut von Leo Hillinger vorbei. Sie wissen schon, der Weinpromi, der die Marke Flat Lake produziert. Aber darüber kann ich weniger berichten. Erstens bin ich kein Wein-Fan, und zweitens, Sie wissen schon: Don’t drink and drive.

 

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In Südkorea gibt es Meer

Die folgende Geschichte erzähle ich deswegen, weil sie das koreani­sche Wesen so gut beschreibt.

Erster Akt. Ich befinde mich auf dem Weg an die Südküste, ge­nauer gesagt nach Tongyeong, provinzielle Hafenstadt und Ausgangs­punkt für einen Besuch des unter Naturschutz gestellten Inselarchi­pels. Zu diesem Zweck muss ich in Masan umsteigen, und das sollte eigentlich kein nennenswertes Problem sein. Dachte ich. Im Bus­bahnhof sehe ich mich nach einem Ticket-Office um, finde aber kei­nes. Zudem gilt hier ein flächendeckendes »No English spoken«. Wenn es einen Wettbewerb gäbe, bei dem die nonverbale Darstellung von Ratlosigkeit eine Kategorie darstellt, dann wäre ich mit meiner Darbietung ein seriöser Anwärter auf einen vorderen Platz.

Zweiter Akt. Auftritt meines rettenden Engels in Gestalt einer Frau um die vierzig. Sie kommt auf mich zu und fragt mich, wo es denn hingehen soll.
»Wohin möchten Sie denn fahren?«
»Nach Tongyeong«, antworte ich.
»Das ist der falsche Busbahnhof«, erhalte ich als Antwort.
»Fein«, denke ich. Die Fahrt ist bislang ohnehin zu reibungslos verlaufen.
»Die Regionalbusse fahren von einer anderen Station ab. Wenn Sie wollen, kann ich Sie dorthin bringen. Aber zuerst muss ich auf ei­ne Bekannte warten, die jeden Moment hier eintreffen soll.«
Das klingt nach einem fairen Angebot. Fünf Minuten später hat sie die gesuchte Person gefunden und bespricht die neue Sachlage mit mir.
»Ich werde ein Taxi rufen und mit meiner Bekannten zu mir ins Büro fahren. Wenn Sie wollen, können Sie gerne mitkommen. Eine Kollegin von mir wird etwas später eine Klientin zum regionalen Bus­bahnhof begleiten, Sie können sich ihnen dann anschließen. Mögli­cherweise werden Sie aber ein wenig warten müssen.«
Kein Problem. Schließlich habe ich Zeit. Zusammen mit meinem Gepäck wird das Auto zwar ziemlich voll, aber die Türen gehen zu.

Dritter Akt. An ihrem Arbeitsplatz bittet sie mich in einen Be­sprechungsraum und um ein wenig Geduld. Ihre Kollegin würde so in etwa einer halben Stunde bereit sein, bis dahin müsse ich mich ge­dulden. Um mir die Wartezeit zu versüßen, serviert sie mir einen hei­ßen Tee. Auch über die Art der Tätigkeit, der sie hier nachgeht, werde ich aufgeklärt. Es handelt sich um eine Art Frauenhaus, welches sich der Probleme ausländischer asiatischer Frauen in Korea annimmt.
Knappe dreißig Minuten später ist es dann soweit. Eine weitere Koreanerin erscheint in Begleitung einer zweiten Frau, die ihrem Aussehen nach südostasiatischen Ursprungs ist. Gemeinsam gehen wir zum nur wenige Gehminuten entfernt liegenden Busbahnhof. Dort angekommen, hilft sie mir beim Erwerb meiner Fahrkarte und zeigt mir die richtige Plattform.

Solche Ereignisse trugen sich während meines Aufenthaltes in Korea öfters zu. Ein anderes Beispiel: Ich spazierte entlang einer Art Panoramaweg in Seoul, weil ich ein im Stadtgebiet gelegenes, traditio­nelles Dorf besuchen wollte. So weit, so gut. Ich wusste nur nicht, wann es an der Zeit war, den Hang hinunterzugehen. Da begegnete ich anderen Fußgängern, die wiederum einen des Weges kommenden Jogger befragten, der sich mir spontan als Führer zur Verfügung stell­te (erklären konnte er mir den Weg nicht). In einem ziemlichen Tem­po ging er vor mir her, nahm dann eine Abzweigung und folgte ein paar Kehren, bis ich den weiteren Weg seiner Ansicht nach nicht mehr verfehlen konnte. Sicherheitshalber übergab er mich aber ein paar Kindern. Dann lief er den gleichen Weg wieder zurück, bis er meinem Blickfeld entschwunden war. Das war ein beachtlicher Um­weg für ihn gewesen, dennoch hatte er mehr für mich getan, als ich es erwarten konnte. Auch das ist Korea.

Layout eines traditionellen koreanischen Dorfes.

Layout eines traditionellen koreanischen Dorfes (Freilichtmuseum).

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Tongyeong
ist eine kleine Hafenstadt, in der der Fischfang noch eine wichtige Rolle spielt. Sollte es Sie in diese Gegend verschlagen, dann empfehle ich einen Besuch des großen Fischmarkts in der Nä­he des zentralen Piers Gangguan. Am Hafen sitzen die Fischer vor ih­ren Booten und unterhalten sich angeregt, oder sie sind in ein Brett­spiel vertieft. Eine Nachbildung eines der eisengepanzerten »Schild­kröten-Schiffe«, die Ende des 16. Jahrhunderts im Kampf gegen die japanische Flotte gute Dienste geleistet haben, liegt vor dem Pier ver­ankert und ist kostenlos zu besichtigen. Sein Drachenkopf erinnert mich an die berühmten Langboote der Wikinger.

Fischer im HAfen von Tongyeong.

Fischer im Hafen von Tongyeong.

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Historisches Kriegsschiff

Historisches Kriegsschiff im Schildkröten-Design.

Durch ein Portal gelange ich in das überdachte Marktareal, wo sich mir eine bizarre Welt auftut. Nicht wegen der Verkäufer, die se­hen in ihren Schürzen und Gummistiefeln ganz normal aus. Aber die Tiere! Dutzende von Fischarten schnappen in flachen Plastikwannen nach Luft, besonders die größeren. Einige kann ich identifizieren, an­dere wiederum habe ich noch nie gesehen. Daneben alle Arten von Meeresgetier: Schnecken und Muscheln, Seesterne, Krabben, Langus­ten, und … was ist das? Seegurken? Und diese rosafarbenen, fingerdi­cken Würmer? Da staunt der Mitteleuropäer, der die Meeresfauna nur von den Tiefkühlregalen heimischer Supermärkte her kennt. Käpt’n Iglo segelt offensichtlich in anderen Gewässern. Dennoch tun mir die Tiere leid. Zusammengepfercht in viel zu kleinen Plastikbehältern, manchmal lieblos in eine Ecke geworfen, führen sie einen letzten, verzweifelten, aussichtslosen Kampf gegen ihre Peiniger. So spekta­kulär und exotisch sich dieser Fischmarkt für den westlichen Touris­ten auch ausnimmt, für die tierische Ware ist es der Vorhof zur Hölle.

Der Fischmarkt von Tongyeong.

Der Fischmarkt von Tongyeong.

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Was sich in dieser Gegend sonst noch anbietet, ja geradezu auf­drängt, ist ein Ausflug auf eine oder mehrere Inseln des maritimen Naturparks. In regelmäßigen Abständen verlassen Boote das moder­nen Fährenterminal, und mit geschickter Planung kann man auch mehrere Inseln an einem Tag besuchen. Meine Wahl fiel auf Yeon­hwa, eine idyllische Insel, die den Besucher mit netten Wanderpfaden, hübschen Tempeln und kleinen Ortschaften empfängt. Leider war die Luft an jenem Tag sehr diesig, was die Fernsicht erheblich trübte, sonst hätte ich einen besseren Ausblick auf den Drachenkopf-Felsen Yongmeori gehabt, der eines der populärsten Motive der Inseln ist. Nun bin ich ja durchaus mit viel Fantasie gesegnet, aber um in den Steinbrocken einen Drachenkopf zu erkennen, hätte ich vorher schon ein paar Becher Soju (koreanischer Schnaps) kippen müssen.

Mit den modernen Fähren auf die Inseln des Naturparks.

Mit den modernen Fähren auf die Inseln des Naturparks.

Kultur und Natur bilden in Südkorea immer eine Einheit.

Kultur und Natur bilden in Südkorea immer eine Einheit.

 

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Flora auf Yeonhwa.

Aussicht auf Yeonhwa.

Wer sich für Tee interessiert, genauer gesagt, wie Tee wächst und welche Produkte sich daraus herstellen lassen (außer dem Aufgussgetränk, natürlich), kann ein von Tongyeong gutes Stück nach Westen fahren, denn außerhalb von Boseong gibt es eine Schauplantage, die man besuchen kann. In geschwungenen Linien winden sich die Reihen der Teesträucher dem Hang entlang, was ein wunderbares Fotomotiv darstellt. Natürlich kann man grünen Tee verkosten, aber auch Kosmetikprodukte und Süßigkeiten enthalten Grüntee. Im hauseigenen Shop kann man all diese Spezialitäten auch erwerben und mitnehmen.

Tee-Plantage bei Boseong.

Tee-Plantage bei Boseong.

Im nächsten Beitrag gibt es dann noch ein paar Eindrücke von dem Volunteering-Workcamp auf Ganghwado, an dem ich teilgenommen habe.

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Wanderbares Südkorea

Ein Wort noch zu den Hügelgräbern. Steht man davor, so wirken sie eher un­spektakulär. Kein Vergleich mit den ägyptischen Pyramiden oder an­deren großartigen Mausoleen. Grasbewachsene Hügel, die ob ihrer Unauffälligkeit lange Zeit in Vergessenheit gerieten. Die Eingänge sind verschlossen, um die Touristen draußen zu halten. Oder die al­ten Könige im Inneren. Dass es Gräber sind, wusste man vermutlich, da diese Form der Bestattung in Korea lange Zeit üblich war. Im gan­zen Land trifft man auf solche kleineren Grashügel, die an den Hän­gen entlang der Autobahnen kleben, oder sich auch inmitten einer Teeplantage befinden. Beim Wandern auf einer kleinen Insel im Sü­den stolperte ich quasi darüber, und wären nicht die unscheinbaren Grabsteine und Blumensträuße gewesen, so hätte ich mich mögli­cherweise darauf zu einer Rast niedergelassen. Im heutigen Ko­rea ist für die Toten nicht mehr so viel Platz vorhanden, und deswe­gen hat sich die Urnenbestattung durchgesetzt. Die Lebenden werden in Hochhäusern zusammengepfercht, die Toten in ihren Urnen. Sie ma­chen sich quasi aus dem Staub.

Gepflegte Hügelgräber in einem alten Fort auf Ganghwado.

Gepflegte Hügelgräber in einem alten Fort auf Ganghwado.

Unscheinbare, verwachsene Gräber auf einer Insel vor Tongyeong.

Unscheinbare, verwachsene Gräber auf einer Insel vor Tongyeong.

Das Innenleben der großen Hügelgräber ist jedoch durchaus inter­essant. Wie diese errichtet wurden, weiß man mittlerweile. Zuerst wurde der Grund­riss der Kammer ausgehoben und das Fundament gelegt. Danach er­richtete man ein Gerüst aus Holz, an dem die einzelnen Tonziegeln aufgeschichtet wurden. Zum Schluss entfernte man das Holzgerüst und überzog die ganze Konstruktion mit einer Erdschicht. War der Hügel erst einmal errichtet, musste nur noch Gras über die Sache wachsen.

Errichtung eines Hügelgrabs (Modell).

Errichtung eines Hügelgrabs (Modell).

 

Das Wandern ist des Müllers Lust

Zwanzig Nationalparks gibt es in diesem Land, und einer ist schöner als der andere. Wandern ist in Korea ein absolu­ter Volkssport, obwohl es eher die ältere Generation ist, die diesem Hobby frönt. Die Jugend trifft sich dann doch lieber in der Disco oder in der Karaoke-Bar. Eigentlich wie bei uns auch. Wandern be­deutet hier aber nicht nur Naturerlebnis. Fast in jedem der National­parks kommt man an buddhistischen Tempeln oder Einsiedeleien vorbei, wodurch bei so einem Ausflug auch Kulturfreaks auf ihre Rechnung kommen. Die Wege sind gut befestigt und vorbildlich be­schildert, und man weiß eigentlich jederzeit, wo man sich befindet. Es sei denn, man hat die Orientierung und den Instinkt von Lucky Lu­ke’s Hund Rantanplan. Alleine ist man selten, und bei schönem Wet­ter ist eher das Gegenteil der Fall. Wenn Sie unberührte Wildnis su­chen, sind Sie in Alaska oder dem hohen Norden besser aufgeho­ben. Oder im Garten meines Onkels, wenn Sie nur ungern weite Rei­sen auf sich nehmen.

Alle Parks sind öffentlich gut erreichbar. Dass dies für den westli­chen Touristen trotzdem mit Schwierigkeiten verbunden sein kann, habe ich bereits dargelegt. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen, denn man kommt (fast) immer ans Ziel. Für die Nähe eines Wander­gebietes gibt es nämlich einen untrüglichen Indikator: Die Dichte an Personen in Wanderbekleidung nimmt sprunghaft zu. Sie können sich also im Bus oder in der U-Bahn entspannt zurücklehnen, wenn Sie anderer Wanderer gewahr werden. Lassen Sie sich führen, denn die Leute wissen schon, wo es lang geht.

Nun sind die Koreaner ja ein Völkchen, dass mit großer Gewis­senhaftigkeit und dem nötigen Ernst an eine Aufgabe herangeht, was so viel heißt wie, die Ausrüstung muss stimmen. Ich sah mehrere Mountainbiker, von denen jeder feinstes Material im Wert mehrerer tausend Euro unter seinem Hintern hatte. Bei den Wanderern ist es nicht anders, auch wenn der Gegenwert der Ausrüstung weit darunter liegt. Sehr populär sind ärmellose Jacken mit vielen Taschen, vorzugs­weise in den Farben rot, rosa, schwarz oder diversen Blautönen. Mit­unter begegnen mir ganze Gruppen – überwiegend Frauen – mit der gleichen roten Oberbekleidung. Auch dem Thema Sonnenschutz widmet man sich mit Akribie. Langärmelige Trikots und lange Hosen liegen im Trend, und eine Kopfbedeckung wird auch gerne getragen. Das klingt soweit vernünftig. Dazu muss man allerdings wissen, dass eine blasse Hautfarbe in Asien dem Schönheitsideal entspricht, ganz im Gegensatz zu unserem Hunger nach sportiver Bräune. Hier röstet keiner in der prallen Sonne, bis er aussieht wie eine Kaffeebohne. Darin unterscheiden sich die Bewohner ostasiatischer Länder übri­gens auch nicht von jenen in Südostasien, auch wenn letztere von Natur aus eine dunklere Hautfarbe besitzen. Fast alle haben ein klei­nes Handtuch um den Nacken gelegt, um sich den Schweiß vom Ge­sicht zu wischen. Das ist nicht nur praktisch, sondern sieht auch un­gemein sportlich aus.

Koreanische Wanderer in modisch korrekter Bekleidung.

Koreanische Wanderer in modisch korrekter Bekleidung.

Manchmal übertreiben sie aber schon ein bisschen. Zum Beispiel, wenn sie in der freien Natur eine Gesichtsmaske tragen. Das kommt selten vor, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Der Grund hierfür ist mir unbekannt. Pollenallergie? Frisch überstandene Schön­heitsoperation? Manche tragen Kopfbedeckungen mit überdimensio­nalen Sonnenblenden, ähnlich dem Visier eines Eishockey-Helms. Angesichts dieses Perfektionismus gebe ich eine ziemlich erbärmliche Erscheinung ab. Ich trage eine Schwimm-Short, meinen Oberkörper verhüllt ein kurzärmeliges Funktionstrikot, welches ich vor Ort im Ausver­kauf für umgerechnet zehn Euro erstanden habe, und mein Schweiß­fänger hat die Form einer Bandana, die ich um den Kopf gewickelt trage, um meine langen Haare zu bändigen. Wenigstens habe ich mei­ne Trekking-Schuhe mitgenommen. Dabei hängen in meinem Klei­derschrank daheim haufenweise Funktionsklamotten, aber hey, ich bin Backpacker und kein Adidas-Vertreter.

Der Autor in seinem improvisiertem Wander-Outfit.

Der Autor in seinem improvisiertem Wander-Outfit.

Am Eingang zum Park befinden sich einige Restaurants, sowie mehrere Geschäfte, die Lebensmittel, Wanderzubehör und auch Sou­venirs verkaufen. Ich decke mich mit Kimbap, Keksen und genügend Wasser ein, um die beschwerliche Expedition auch einigermaßen gut zu überstehen. Berghütten wie in den Alpen gibt es nicht, doch fin­det man häufig Trinkwasser bei Tempeln oder Einsiedeleien. Den Wasserverbrauch im Laufe einer mehrstündigen Wanderung sollte man nicht unterschätzen, vor allem, wenn man dabei so konsequent transpiriert wie ich.

Buddhistische Einsiedelei im Park.

Buddhistische Einsiedelei im Park.

Bei einer Panoramaübersicht der Gegend plane ich meine Tour. Vorbei an einem buddhistischen Tempel, geht es zu­nächst gemäßigt bergauf, bis man an einem Aussichtspunkt mit Was­serfall vorüberkommt. Dann führt der Weg steil bergauf zum Gipfel des Gwaneumbong, den man auf 816 m Seehöhe erreichtet. Danach folgt man einem Kammweg über einen felsigen Grat zum Sambul­bong (775 m), bevor man wieder den Abstieg antritt. Der Rückweg führt an einem weiteren Bergtempel vorbei, auf dessen Gelände zwei alte Pagoden stehen. Geruhsam geht es in Folge zum Ausgangsort zurück.

Panoramatafel am Parkeingang. Das versteht man auch ohne Hangeul-Kenntnisse.

Panoramatafel am Parkeingang. Das versteht man auch ohne Hangeul-Kenntnisse.

Das Symbol, das in Korea einen Tempel kennzeichnet, ist für Europäer etwas gewöhnungsbedürftig: ein Hakenkreuz. An fast je­dem Tempel prangt eines, in Plänen ist der Standort eines Tempels solcherart gekennzeichnet, und über einen Bach in der Nähe führt ei­ne kleine Brücke, deren Geländer die Form aneinandergereihter Ha­kenkreuze aufweist. Irgendwie reißt es mich da jedes Mal bei diesem Anblick, auch wenn die Verwendung dieses Zeichens hier eine weitaus längere Geschichte hat. Obendrein ist es zum Symbol des Nationalsozialismus seitenverkehrt, aber das macht keinen Unter­schied. Es unterstreicht halt deutlich die Macht von Symbolen.

Das Hakenkreuz - hier ein Symbol für den Buddhismus.

Das Hakenkreuz – hier ein Symbol für den Buddhismus.

An Tempeln mangelt es wahrhaft nicht. Sie fügen sich aber immer harmonisch in die Landschaft.

An Tempeln mangelt es wahrhaft nicht. Sie fügen sich aber immer harmonisch in die Landschaft.

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An jenem kleinen Bach sitzt eine Gruppe Koreaner auf Sitzmat­ten um einen reich gedeckten Tisch, und die vielen kleinen Schüsseln mit den unterschiedlichen Speisen sehen verlockend aus. Ich messe dem Proviant ja auch einen gehörigen Stellenwert bei, aber gegen die­ses Gelage nimmt sich mein Vorrat nicht einmal wie eine Kinder­jause aus. Koreaner schätzen einfach die Geselligkeit, und einzelne Wande­rer sehe ich kaum. Wer alleine unterwegs ist, sieht das eher als Fit­nessprogramm und läuft dementsprechend flott die Berge rauf und runter. Wiederholt werde ich darauf angesprochen, warum ich alleine unterwegs bin, noch dazu so lange. Was soll ich darauf antworten? Dass ich ein Single wider Willen bin? Dass ich meine Begleitung un­terwegs verloren habe? Dass ich von Natur aus ein mieselsüchtiger Misanthrop bin? Sie verstehen es ohnehin nicht.

Das koreanische Schwarmverhalten ist es auch, das mir am Gip­fel einen Platz an der Sonne (oder besser gesagt, im Schatten) ver­wehrt. Wo immer sich auch ein netter Rastplatz befindet, hat ihn be­reits eine vielköpfige Wandergruppe in Beschlag genommen. In dieser Gesellschaft hat man es nicht leicht als Individuum. Aber kein Grund zum Jammern. Das Wetter spielt kongenial mit, und die Ge­gend erin­nert mich an die heimische Bergwelt. Nur dass ein Gipfel­kreuz fehlt, und stattdessen eine Art Grabstein den höchsten Punkt markiert. Vielleicht ist das aber auch kein Berg, sondern ein giganti­sches Hügel­grab. Auf alle Fälle habe ich den höchsten Punkt erreicht, und die Schweißproduktion kann gedrosselt werden.

Überblick über die umliegende Bergwelt.

Überblick über die umliegende Bergwelt.

Wie heißt doch das elfte Gebot? Du sollst dich nicht täuschen! Der Weg über den Grat führt bergauf und bergab, und es kommen noch einmal einige Höhenmeter dazu. Der Pfad ist breit und gut be­festigt, ausgesetzte Passagen sind durch Seile gesichert, und gelegent­lich ist auch eine Leiter zu überwinden. Wobei die hiesigen Leitern mit den Eisenleitern im alpinen Raum nicht vergleichbar sind. Die koreanischen Konstruktionen gleichen mehr Stiegen, denn Leitern. Sie sind breiter, mit großzügigen Trittflächen aus geriffeltem Blech, und haben ein Geländer zum Anhalten. Tja, mit halben Sachen gibt man sich in Korea nicht zufrieden. Hier wird geklotzt, und nicht gekle­ckert. Das ganze mausert sich zu einer richtig guten Wanderung im alpinen Gelände. Wer gerne wandert und den Reiz des Neuen sucht, warum nicht einmal einen Wanderurlaub in Korea planen? Wenn Sie fragen zum Styling haben, schreiben Sie mir einfach. Ich sende Ihnen gerne ein paar Musterfotos zu.

Wandern im Gyeryongsan Nationalpark.

Wandern im Gyeryongsan Nationalpark.

 

Nun ist Wellness angesagt

Zurück auf meinem Zimmer packe ich Handtuch und Badehose (die ich praktischerweise ja schon anhabe) ein und gehe zum Yousung Hot Spa, welches ganz in der Nähe meines Motels liegt. Wellness ist angesagt, um die müden Muskeln wieder auf Vordermann zu bringen. Das Bad befindet sich zwar in einem Hotel, ist aber auch für Nichthotelgäste zugänglich. Außerdem erfülle ich damit einen Kulturauftrag. Hartnä­ckig, um nicht zu sagen penetrant, weist mein Reiseführer darauf hin, dass ein Aufenthalt in Korea ohne den Besuch eines Hot Spa unvoll­ständig bleibt. Was bleibt mir also anderes übrig, als solch eine Ein­richtung aufzusuchen: »Ah so, du warst in Korea? Dann bist du doch sicher auch in ei­nem dieser Hot Spas gewesen, von denen ich schon so viel gehört ha­be?« Ich möchte diese Bloßstellung in der Heimat nach meiner Rück­kehr um jeden Preis vermeiden.

Ich betrete das Bad über einen Nebeneingang des Hotels und entrichte meinen Obulus. Nach einer kurzen Feststellung meines Ge­schlechts, schickt mich der Bademeister in die Abteilung für Jungs. Warum dem so ist, wird mir beim Anblick der anderen Badegäste sonnenklar. Sie sind nackt. In der Garderobe zieht man sich aus und versperrt seine Habseligkeiten in einem Kästchen. Die Badehose habe ich also umsonst mitgenommen. Das Handtuch auch, da diese vom Hotel zur Verfügung gestellt werden.
Nackt kommen wir auf die Welt, nackt betreten wir die Badehalle eines koreanischen Hot Spas. Für FKK-Anhänger ein Heimspiel, für mich ungewohnt. Nicht, dass ich mich geniere. Keineswegs. Aber ir­gendwie fehlt etwas. Die Körpermitte fühlt sich so ungewohnt luftig an. Drinnen ist es ziemlich dampfig, und meine Brillen laufen umge­hend an. Als sich mein Blick wieder aufklart, mustere ich eindringlich das Geschehen. Bevor man sich ins Wasser begibt, wird geduscht. Danach stehen mehrere Becken zur Auswahl. Ich wähle jenes mit den Blubberbläschen. Heutzutage geschieht das »Beblubbern« ja automa­tisch, aber in früheren Zeiten mussten die Badediener womöglich die Luft mit hohlen Bambusrohren in das Wasser einblasen. Oder … Nein, daran will ich nicht einmal denken.

(Hier stünde ein Foto. Ich habe allerdings im Inneren nicht fotografiert. Sie würden aber ohnehin der Zensur zum Opfer fallen.)

Die Temperatur im Whirlpool ist warm, aber angenehm. In den Becken sitzen Leute und unterhalten sich, andere liegen auf den har­ten Fließen und ruhen sich einfach aus. Nach einer Weile wechsle ich den Pool und prüfe die Wassertemperatur des nächstgelegenen Be­ckens mit dem großen Zeh. Autsch! Das ist ja kochend heiß! Trotz­dem sitzen zwei Männer seelenruhig darin. Ein junger Mann, der meine Reaktion beobachtet hat, lächelt mir zu und meint: »Korea­ner quälen sich gerne.« Das ist offensichtlich. Warum haben sie nicht auch noch gleich genagelte Relaxliegen aufgestellt? Ungefähr die Hälfte aller Becken ist zu heiß für mich. Für Bakterien, die in heißen Schwefelquellen leben, wäre das allerdings ein toller Urlaubsort.

(Dieser Text entstammt auszugsweise meinem Buch „Tuk Tuk, Sir?„.)

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Historisches Südkorea

Ich muss an dieser Stelle kurz etwas weiter ausholen, um Ihnen zwecks besserem Verständnis die geschichtliche Entwicklung Koreas näherzubringen. Keine Angst, für epische Abhandlungen fehlt mir zum einen das Wissen, und zum anderen die Geduld.

Die Geschichte der koreanischen Nation beginnt im Jahre 2333 B.C. mit ihrer Gründung durch den legendären König Dangun. Bis zum Zeitalter Christi existieren allerdings keine schriftlichen Auf­zeichnungen über die frühen Epochen, daher beginnen wir eben zu jener Zeit, als sich drei Königreiche anschicken, die Vorherrschaft in der Region zu übernehmen. Wobei mit Region das gesamte Territori­um Koreas zu verstehen ist, also Süd- und Nordkorea. Schließlich verstehen sich die Bewohner beider Staaten nach wie vor als ein Volk, dem durch die Teilung im Jahre 1948 ein schweres Trauma zugefügt wurde. Viele Familien wurden zu jener Zeit brutal zerrissen.

Prähistorischer Dolmen auf der Insel Ganghwado (in der Nähe von Seoul).

Prähistorischer Dolmen auf der Insel Ganghwado (in der Nähe von Seoul).

Das erste der aufstrebenden Reiche war Baekje. Es dehnte sich in etwa über jene Region aus, die wir heute als Seoul und Umgebung be­zeichnen. Im Osten der Halbinsel lag Shilla, und auf dem Gebiet des heutigen Nordkorea entstand das Königreich Goguryeo. Wie es in der Geschichte der Menschheit halt leider so üblich ist, wurde nicht friedlich koexistiert, sondern heftig miteinander gestritten. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte, und wenn sich drei streiten, freut sich ein Vierter oder halt einer der drei. Und so kam es, dass das Kö­nigreich Shilla im Jahre 668 A.D. die Oberhand behielt und die Herr­schaft über das vereinigte Korea übernahm. Von der Hauptstadt Gyeongju aus regierten Shillas Könige bis 918 und hinterließen der Nachwelt einige großartige Bauwerke.

Königliches Hügelgrab der Baekje-Dynastie.

Königliches Hügelgrab der Baekje-Dynastie.

Rekonstruktion des Grabinneren (Gräber selbst nicht zugänglich).

Rekonstruktion des Grabinneren (Gräber selbst nicht zugänglich).

Hügelgräber bei der historischen Hauptstadt Gyeongju. Für die einen sind es Hügelgräber, für die anderen die größten Maulwurfshügel der Welt.

Hügelgräber bei der historischen Hauptstadt Gyeongju. Für die einen sind es Hügelgräber, für die anderen die größten Maulwurfshügel der Welt.

Historische Wehranlagen wie diese findet man in ganz Korea (großteils rekonstruiert).

Historische Wehranlagen wie diese findet man in ganz Korea (großteils rekonstruiert).

Historisches gepanzertes Kriegsschiff.

Historisches gepanzertes Kriegsschiff (im Hafen von Tongyeong).

Gebäude wie dieses dienten oft als Offiziersquartier in Befestigungsanlagen (Forts).

Gebäude wie dieses dienten oft als Offiziersquartier in Befestigungsanlagen (Forts).

Wehranlage in Suwon.

Wehranlage in Suwon.

Währenddessen formierte sich ganz im Norden des Reiches eine neue, aufstrebende Macht, und bis zum Jahre 930 war Shilla besiegt und ein neues Reich entstanden: Goryeo, welches namensgebend für die heutige Bezeichnung »Korea« war. Dieses Königreich vereinigte alle Gebiete unter seiner Herr­schaft und nahm in etwa die Ausdehnung ein, die den heutigen bei­den koreanischen Staaten entspricht. Der Gründer von Goryeo war sehr pragmatisch veranlagt, denn er bekämpfte seine besiegten Widers­acher nicht, sondern heiratete sie. Das heißt nicht alle, sondern eine Prinzessin aus Shilla, was den Beginn einer mehrhundertjährigen Pha­se der Stabilität einleitete.
Ganz ungetrübt war das Vergnügen allerdings nicht. Streitereien mit den Nachbarn und ungebetene Gäste gab es schon damals, und so wurde die junge koreanische Nation wiederholt aufs heftigste be­drängt. Im 13. Jahrhundert von den Mongolen, die unter anderen auch Korea überrannten und dessen Armeen vernichtend schlugen. Im 14. Jahrhundert bekamen die mongolischen Eroberer von der chi­nesischen Ming-Dynastie eine aufs Haupt, und in das entstandene Machtvakuum stieß Yi Seong-gye vor, der eine neue Dynastie be­gründete, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Bestand hatte: das Königreich Joseon, mit Seoul als seiner Hauptstadt.

Alter Königstempel

Alter Königstempel in Seoul

Palastgebäude in den typischen Farben bemalt.

Palastgebäude in den typischen Farben bemalt.

Die darauffolgende Geschichte Koreas spielt sich im Spannungs­feld zwischen China und Japan ab. Ende des 16. Jahrhunderts wird Korea von Japan überfallen, und nur dem Eingreifen der Chinesen ist es zu verdanken, dass die japanischen Streitmächte wieder zurückge­schlagen werden. Die Beziehung zwischen China und Korea ist tradi­tionell sehr eng, und für die Koreaner bedeutet China zu jener Zeit so etwas wie den Nabel der Welt, vor allem in kultureller Hinsicht. Japan spielt hingegen die Rolle des bösen Krokodils. Im Jahre 1910, nach dem Triumph über Russland, wird die koreanische Halbinsel von den Japanern besetzt. Fortan lassen die japanischen Eindringlinge nichts unversucht die koreanische Gesellschaft zu »japanisieren«, was sich in unschönen Ereignissen ausdrückt, die das offizielle Verhältnis beider Länder auch heute noch sehr belasten. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs, und der damit verbundenen Niederlage Japans, wird Ko­rea befreit, und endet 1948 als ein Opfer des kalten Krieges als geteilt­e Nation, wobei der Süden von den Amerikanern und der Nor­den von Russland unterstützt wird.

1950 greift Nordkorea an und leitet damit den Korea-Krieg ein, der bis 1953 andauert und in dessen Verlauf das Kriegsglück mehr­fach wechselt. Ohne dem Eingreifen der chinesischen Truppen wäre es allerdings um Nordkorea geschehen gewesen. Als der Krieg endet, haben fast drei Millionen Koreaner ihr Leben verloren, und weite Teile des Landes liegen in Trümmern. Territoriale Veränderungen gibt es nicht. Die Grenze zwischen beiden Staaten wird zur demilita­risierten Zone (DMZ) erklärt und ist fortan ein trauriges Mahnmal für menschliche Starrköpfigkeit und Unvernunft. Und eine der »Tou­ristenattraktionen« des Landes.

Die buddhistische Religion wurde über Jahrhunderte hinweg aus der Hauptstadt verbannt, und deswegen befinden sich dort nur wenige Tempel von Interesse. Sie sind auch bei weitem nicht so schön und spektakulär wie jene außerhalb der Städte. Nein, zum Tempelhüpfen müssen Sie sich schon ins Grüne begeben.
Koreanische Tempel sind ausgesprochen hübsch anzusehen. Die Holzfassaden sind meist mit bunten Mustern bemalt und mit chinesi­schen Schriftzeichen versehen. Die dominierenden Farben sind tür­kisblau, rostrot, grün, hellblau und weiß. Die ausladenden und pracht­voll strukturierten Dächer werden von runden Pfeilern ge­stützt. Die Holzkonstruktionen ruhen auf einem Sockel aus Stein. Das ist schlau, denn so können sich die Holzwürmer nicht einfach von unten empor fressen. Der Sockel ist nicht einmal einen Meter hoch, aber für so einen Wurm ist das ein Gebirge. Ich stelle mir das folgendermaßen vor: Wenn er zum Sockel gelangt, stellt er fest, dass dieser aus Stein ist, und zieht deshalb falsche Rückschlüsse auf die Bausubstanz des gesamten Gebäudes. Enttäuscht zieht der Wurm von dannen! Ganz schön clever.

Der buddhistische Tempel Bulguksa stammt aus der Shilla-Periode und ist einer der bedeutendsten in Korea. Er liegt in der Nähe von Gyeongju.

Der buddhistische Tempel Bulguksa stammt aus der Shilla-Periode und ist einer der bedeutendsten in Korea. Er liegt in der Nähe von Gyeongju.

Innenhof des Bulguksa-Tempels.

Innenhof des Bulguksa-Tempels.

Der idyllisch gelegene Tempel Girimsa. Er liegt ebenfalls in der Nähe von Gyeongju.

Der idyllisch gelegene Tempel Girimsa. Er liegt ebenfalls in der Nähe von Gyeongju.

Grimmige Tempelfiguren.

Grimmige Tempelfiguren.

Stupas wie diese sind ebenfalls sehr zahlreich.

Stupas wie diese sind ebenfalls sehr zahlreich.

Buddhistische Mönche sind in Korea unauffälliger gekleidet als ihre südostasiatischen Glaubensbrüder. Ihre Roben sind von hellgrau­er Farbe, gemischt mit etwas Schwarz oder Braun. Die Köpfe sind kahlgeschoren. Auch sieht man sie nicht auf ihrem allmorgendli­chen Almosengang in den Straßen. Was würden Sie denn schon be­kommen? Einen Genussschein von Daewoo? Interessanterweise ist die Zahl der Christen in Korea noch eine Spur höher als die der Bud­dhisten. Nur etwa jeder zweite Koreaner verfügt über ein Religions­bekenntnis, und diese beiden Religionen teilen sich den Kuchen un­tereinander auf. Anfangs wusste ich das noch nicht, und war daher sehr erstaunt über die großen Kirchen und Kathedralen, die man in den Städten findet. Wer sich für die Lebensweise und Rituale bud­dhistischer Mönche interessiert, kann über Nacht oder länger in ei­nem Tempel bleiben und am dortigen spirituellen Leben teilhaben. Auf Luxus muss man verzichten. Man schläft auf dünnen Unterlagen auf dem Boden, steht wie die übrigen Mönche um vier Uhr morgens auf, um zu meditieren und buddhistische Texte zu rezitieren, und nimmt einfache vegetarische Mahlzeiten zu sich. Dafür wird man mit einer interessanten, spirituellen Erfahrung belohnt, zu der man in die­ser Art so schnell nicht wieder kommt. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe zwei Tage in einem dieser Tempel verbracht.

Temple Stay Aufenthalt in Golgulsa.

Temple Stay Aufenthalt in Golgulsa.

Die Schlafgemächer sind bescheiden.

Die Schlafgemächer sind bescheiden.

Golgulsa liegt abgeschieden in der waldreichen Hügellandschaft um Gyeongju. Er ist das Trainingszentrum der koreanischen Kampfsportart Sunmudo.

Golgulsa liegt abgeschieden in der waldreichen Hügellandschaft um Gyeongju. Er ist das Trainingszentrum der koreanischen Kampfsportart Sunmudo.

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