Stationen einer Reise Drucken
Geschrieben von: Albert Karsai   
Montag, den 15. Juni 2009 um 16:01 Uhr
Auf den Geschäftsfassaden prangen Bollywood-Motive, und die psychedelischen Klänge indischer Musik schallen aus den Lautsprechern, die unüberhörbar vor dem Eingang aufgestellt sind. Geschmeidige Sari, hergestellt aus bunten, leuchtenden Stoffen, hängen auf der Stange und warten auf Kundschaft. Dunkelhäutige Gesichter auf den Straßen, manche mit Turban, manche schlendern gemütlich dahin, andere eilen hektisch durch den Morgen. Allgegenwärtig der würzige Geruch von Räucherwerk, der mir in die Nase dringt und sich an meinem Gewand festsetzt. Aus dem Tempel dringt monotoner Sprechgesang und die rhytmischen Klänge hölzener Instrumente, und bunte Figuren erzählen farbenfroh Legenden von einst. Bin ich in Indien?

Stoisch sitzt der alte Mann in seinem Laden und bläst weiße Rauchwolken in die Luft, die sich wie ein feiner Schleier über den Raum legen. In den Regalen stapeln sich allerlei Kuriositäten. Getrocknete Eidechsen und in Alkohol eingelegte Schlangen, Kräuter und seltsam geformte Wurzeln, Töpfe, Tiegel und Dosen, deren Inhalt sich dem Blick der Kundschaft entzieht. Draußen auf der Straße herrscht hektisches Treiben unter den überdimensionalen Leuchtreklamen, und ich sehe Rot. Gelbe Schriftzeichen auf rotem Untergrund, rote Lampions mit Drachenmotiven, und rote Säulen vor dem Tempeleingang, der sich verschämt in eine kleine Baulücke zwischen doppelt so hohen Gebäuden zwängt, als wäre ihm bewusst, dass er schon bessere Zeiten gesehen hat. Das Innere ist düster, denn das spärlich eindringende Tageslicht mischt sich mit dem Neonschein der Leuchtröhren zu einem fahlen Zwielicht. Bin ich in China?

Ein unerwartetes Reiseziel

Als ich frühmorgens in den Minivan steige, der mich von Hat Yai im Süden Thailands nach Penang bringen soll, habe ich noch keine Vorstellung davon, was mich in Malaysien erwartet. Die Entscheidung nach Malaysien zu fahren fällt spontan, nachdem mich die Umstände in den thailändischen Süden geführt haben, und die malaysische Grenze nur noch etwa 50 km entfernt liegt. Einen englischsprachigen Reiseführer konnte ich nicht auftreiben, lediglich einige spärliche Informationen anderer Reisender, sowie vom Anschlagbrett meines Gästehauses begleiten mich auf meiner Fahrt. Sehenswerte Orte, die Landessprache, die Kultur, ja selbst so grundlegende Dinge wie die verwendete Währung oder die Nationalflagge – als dies gilt es vor Ort in Erfahrung zu bringen.
    
Wenn man mit dem Rucksack auf eigene Faust unterwegs ist, bedeutet der Informationsaustausch mit anderen Reisenden das Salz in der Suppe. Unglücklicherweise besuchen nur mehr wenige Touristen den tiefen Süden Thailands, der durch eine Reihe terroristischer Anschläge muslimischer Separatisten in Verruf geraten ist. Schon seit Jahren gärt es in den drei südlichsten Provinzen (Yala, Pattani und Narathiwat), die überwiegend von der muslimischen Minderheit des Landes bewohnt werden. Auch Hat Yai, immerhin drittgrößte Stadt Thailands, blieb davon nicht verschont. Diese Stadt ist keiner der großen Touristenmagneten, sondern ein Durchzugsort auf dem Weg nach beziehungsweise von Malaysien. Aber der muslimische Süden Thailands offenbart dem Besucher eine eigene Welt, die einen interessanten Kontrast zu den touristisch geprägten Teilen des Landes darstellt.
 
Die Fahrt zur malaysischen Grenze verläuft problemlos. Weder sind Bombendetonationen zu hören, noch kreuzen säbelrasselnde oder Sturmgewehr schwingende Aufständische unseren Weg. Wieder einmal zeigt sich, dass es keinen Sinn macht, auf solche Ereignisse überängstlich zu reagieren. Passieren kann immer etwas, und das Leben endet nun einmal tödlich. So kam es just in jenem ägyptischen Restaurant am Roten Meer, welches ich wenige Monate davor mehrmals besucht hatte, zu einem Bombenanschlag, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen. Im türkischen Fethiye explodierte ein Sprengsatz an jener Meerespromenade, an der ich Jahre zuvor entlang geschlendert war. Ähnliche Ereignisse passierten auch in Spanien. Eines schönen Nachmittags erschütterte eine Explosion das friedliche Städtchen Burgos – ein Anschlag auf das örtliche Polizeikomissariat, wie sich später herausstellte. Und in einem Zug auf der Strecke Zaragossa – Madrid kam es ebenfalls zu einem Anschlag – auf jener Linie war ich einige Tage zuvor mit Freunden unterwegs gewesen. Kurz gesagt, der Teufel schläft nicht, und wer vor Angst stirbt, ist auch tot.

An der Grenze dann das übliche Spiel: zuerst auf der thailändischen Seite aussteigen, das Gepäck ausladen, die Ausreiseformalitäten erledigen, zum malaysischen Immigrationsposten weitergehen, das bereits im Bus ausgefüllte Einreiseformular samt Pass abgeben und versuchen, dem eingeklebten Passfoto möglichst ähnlich zu sehen. Gott sei Dank sind die meisten Grenzbeamten in dieser Hinsicht relativ anspruchslos. Dann den eigenen Bus wiederfinden, das Gepäck einladen und es sich bequem machen – sofern das für einen Minivan der passende Ausdruck ist. Endlich bekomme ich die malaysische Nationalflagge zu Gesicht, die mich mit ihren roten und weißen Längsstreifen und den gelben Symbolen auf blauem Grund spontan an die amerikanischen „Stars and Stripes“ erinnert. Und auch der Geldwechsel wird erledigt, die thailändischen Baht gegen malaysische Ringgit eingetauscht.
    
Nach weiteren zwei Stunden Fahrzeit gelange ich nach Penang, einer großen Insel an der Westküste, die mittels einer imposanten Brücke mit dem Festland verbunden ist. Wir übersetzen mittels Autofähre, was angesichts der Brücke anfänglich verwundert, vom Fahrer aber mit der damit verbundenen Zeitersparnis ob der direkteren Verbindung erklärt wird. Überhaupt kann ich mein Glück kaum fassen: nach Wochen der verbalen Frustration in Südkorea und Thailand ist es wieder ein leichtes, sich auf Englisch zu unterhalten. Und auch die Schrift ist für mich lesbar, auch wenn ich deren Bedeutung nicht verstehe. Das Reisen lehrt Bescheidenheit. Der Grund für die Geläufigkeit der englischen Sprache in Malaysien liegt nicht nur in der ehemaligen Kolonialherrschaft der Briten – Malaysien feiert in diesem Jahr fünfzig Jahre Unabhängigkeit – sondern wohl auch in dem Bevölkerungsmix des Landes. Neben den eigentlichen Malaysiern gibt es mit den Indern und den Chinesen zwei große ethnische Minderheiten im Land, was der Benutzung einer gemeinsamen Sprache dienlich war.

Augenblicke
 
In Georgetown, der Hauptstadt Penangs, steige ich aus. Rasch finde ich ein günstiges Gästehaus, ein kleines mehrstöckiges Gebäude in einer schläfrigen Seitengasse, und starte ungeduldig meine erste Erkundungstour. Die britische Vergangenheit Malaysiens ist unmittelbar spürbar. Häuser im Kolonialstil dominieren das Stadtbild im Zentrum und umgeben manche Viertel mit einem europäischen Flair. Dazwischen neuere mehrstöckige Gebäude im eher nüchternen asiatischen Stil, und moderne Wolkenkratzer. An jeder Ecke stechen Geschäfte oder Firmen mit chinesischen Schriftzeichen ins Auge. Den Architektur-Mix runden prächtige Moscheen ab, die eindringlich daran erinnern, dass Malaysien ein islamisches Land ist. Das Antlitz dieser Religion ist hier aber friedlich. Zwar sind Frauen mit (farbenfrohen) Kopftüchern unterwegs, sie tragen aber keinen Schleier und sind ansonsten modisch gekleidet. Das Miteinander der drei großen ethnischen Gruppen funktioniert, auch wenn Malaysier, Inder und Chinesen in der Freizeit doch eher unter sich bleiben. Überall im Land finden sich chinesische und indische Wohnviertel, die es dem Reisenden ermöglichen, auf engstem Raum in verschiedenartige, faszinierende Welten einzutauchen. In Chinatown gibt es nicht nur eine Vielzahl chinesischer Geschäfte und Restaurants, auch mehrere der typischen Tempel sind innerhalb dieser kleinen Enklaven verstreut. Little India, wie man die indischen Viertel nennt, empfängt den Besucher mit exotischen Düften und kräftigen Farben, und der Hauch des Mutterlandes weht über den Ozean.
    
Da mir langsam der Magen knurrt, suche ich ein indisches Restaurant auf. Das Gericht wird auf einem Bananenblatt serviert, die einzelnen Gemüsevariationen sind um eine große Portion Reis in der Mitte herum angeordnet. Ein zweiter Kellner kommt mit einer Art Sektkübel und leert mir eine Portion Curry über den Reis. Am Nebentisch beobachte ich ein Esserlebnis der besonderen Art. Zwei Inder verzehren eine ähnliche Mahlzeit wie die meine, dabei werden Reis und Nebengerichte jedoch mit der rechten Hand vermischt und in den Mund gestopft. Mit kreisenden Bewegungen vermischen sich die Zutaten zu einem klebrigen Brei. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie einer der Männer aufsteht, zu mir herüberkommt, mir kräftig die Hand schüttelt und sie dann freundschaftlich um meine Schultern legt. Doch sie denken nicht daran. Ungerührt wühlen sie in ihrem Reisberg, ins Gespräch vertieft, während ich mich dankbar an unsere traditionellen Essbehelfe klammere. Ich erkenne, dass die strikte funktionale Trennung von rechter und linker Hand in Indien absolut Sinn macht, denn auch die Linke vollführt kreisende Bewegungen, allerdings zu einem anderen Zeitpunkt und in einer anderen Körperregion.

Mein nächster Weg führt mich in ein großes Einkaufshaus, in dem es ein Buchgeschäft mit englischen Titeln geben soll. Die wichtigste Literatur für den Rucksacktouristen ist ein Reiseführer, der auf all die Nöte und Bedürfnisse des Individualreisenden mit wenig Budget eingeht. Es gibt verschiedene Bücher, das Standardwerk schlechthin aber, und so etwas wie die Bibel der Backpacker-Szene, sind die Reiseführer von Lonely Planet. Sie haben inzwischen einen legendären Ruf und sind fast überall erhältlich, wo sich ausländische Kundschaft tummelt. Die Kehrseite ist ihr legendärer Ruf, und dass sie fast überall erhältlich sind. Und so trifft man dieselben Leute in denselben Gästehäusern wieder. Zu meiner großen Erleichterung finde ich den gesuchten Band. Als ich mich im Geschäft näher umsehe, erblicke ich einen Bücherstapel mit dem neuesten Harry Potter – Band, daneben finden sich auch seine älteren Abenteuer. Überhaupt kann sich das Angebot sehen lassen: auf zwei Etagen gibt es ausreichend Futter für Leseratten und Bücherwürmer. Hochzufrieden verlasse ich den Laden mit dem Reiseführer, dem sechsten Band von Harry Potter und „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien. Warum nicht von Malaysien aus einen Abstecher auf Mittelerde unternehmen?

Lonely Planet Mittelerde: „Dieser Kontinent ist eine Traumdestination für den abenteuerhungrigen Individualtouristen. Die Landschaft ist atemberaubend und divers. Reiten Sie über die saftigen Ebenen Rohans, genießen Sie die spektakuläre Aussicht von den Burgzinnen Minas Tirits, und lassen Sie den Tag bei einem opulenten Mahl im Auenland ausklingen. Erleben Sie magische Momente in der Gesellschaft von Trollen, Elfen und Zauberern, oder lernen Sie selbst die Zauberei. Danger and Annoyances: In der Provinz Mordor treibt ein garstiger Dämon sein Unwesen, weshalb Reisende davor gewarnt werden, dort nach Einbruch der Dunkelheit alleine herumzulaufen. Die herumstreifenden Touragenten bieten keine Bustickets an, sondern Fahrkarten ins Jenseits. Eine umfassende Reiseversicherung ist dringenst anzuraten.“
 
Es ist später Nachmittag und ich setze meine Erkundungstour fort. Ich folge der Straße zur Uferpromenade und beobachte das bunte Treiben. Im Schatten der Palmen tummeln sich Familien, Jugendcliquen und Liebespaare verschiedenster Herkunft. Straßenverkäufer führen ihre Ware vor – kleine Plastikpistolen zum Erzeugen von Seifenblasen – und die Luft ist erfüllt von den bunten, schillernden Kugeln. Ich bitte einen Vater um Erlaubnis, die Bemühungen seines Sohnes fotografieren zu dürfen und er willigt ein. Nach ein paar Versuchen präsentiere ich ihm stolz das Foto. Er nickt wohlwollend. Ich setze mich auf die Steinmauer und lasse Seele und Füße baumeln. Die Temperatur ist jetzt im Gegensatz zur brutalen Hitze des Tages recht angenehm, und eine erfrischende Brise weht vom Meer. Ein zarter, doppelter Regenbogen spannt sich über den Horizont, als würden die Seifenblasen bunte Schatten werfen. Zufrieden krame ich den „Hobbit“ aus meinem Rucksack und beginne zu lesen. Eine Viertelstunde später verschwindet die Sonne hinter dem Horizont und es wird rasch finster. Der dunkle Lord wirft seinen Schatten voraus.

Am nächsten Tag nehme ich an einer geführten Tour rund um Georgetown teil. Fünf vor neun verlasse ich das Gästehaus und treffe den Fahrer, der mit seinem Wagen bereits auf der Straße wartet. Ich bin für heute der einzige Tourgast. Leicht enttäuscht nehme ich die Nachricht zur Kenntnis und steige ein. Herr Li ist Chinese, um die fünfzig Jahre alt, und spricht ein gefälliges Englisch. Der Gedanke an die bevorstehenden Besichtigungen hellt meine Stimmung wieder auf. Die Lust Neues zu entdecken und neue Erfahrungen zu sammeln ist ein konstanter Faktor in meinen Reiseunternehmungen, eigentlich meines ganzen Lebens. Ich will nicht nur von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen, sondern das Land erleben und mit allen Sinnen erspüren. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, wie es riecht und schmeckt, und wie es klingt. Ich will wissen, wie die Menschen dort leben und wie sie ihren Alltag bestreiten. Ich beginne, mich für die Geschichte der Region zu interessieren. Wenn ich an den Schulunterricht zurückdenke, so bedauere ich, wie viele Gelegenheiten dort verpasst werden. Neugierde wecken, statt bloß Fakten vermitteln. Die Fakten sind leichter abprüfbar, das ist wahr. Aber sie sind blass und schal, und auch sehr schnell wieder vergessen. Studier keinen Atlas, fahr’ selber hin. Ersetze die Zweidimensionalität durch eine Welt in 3D.
    
Vom „Penang Hill“, einer 735 m hohen Erhebung circa sechs Kilometer von Georgetown entfernt, blicke ich durch die Nebelschwaden auf Georgetown hinunter. Eingebettet zwischen immergrüne Hügel schmiegt sich die Stadt zärtlich an den Meeresbusen. Es ist wesentlich frischer, als ich das erwartet habe, und fröstelnd verpacke ich mich in meinen Windbreaker. Die tolle Aussicht, von der Herr Li geschwärmt hat, lässt sich nur erahnen. Für einen Augenblick blinzelt die Sonne durch den Schleier und liebkost die Erde mit ihren wärmenden Strahlen. Ein Hinweisschild weist mich zu einem künstlich angelegten Bretterpfad, der mehrere hundert Meter in luftiger Höhe durch die Baumkronen führt. Geöffnet ist er von Freitag bis Sonntag. Und heute haben wir…Montag! War nicht eben noch Freitag gewesen? Wo sind sie hin, der Samstag und der Sonntag, die sich wie Diebe in der Nacht davongeschlichen haben? Wo sind sie hin, die Stunden des Herumwanderns, der Ekstase, des Schwelgens in der Fremde?
    
Unten vor der Talstation empfängt mich Herr Li mit seinem Wagen. Er bringt mich zu zwei Tempeln, einem chinesischen und einem burmesischen, die sich überdies praktischerweise gegenüberliegen. Nachdem ich die letzten Tage weitgehend alleine verbracht habe, genieße ich Herrn Li’s Gesellschaft, und erfahre von ihm so manches über das Leben auf dieser Insel. Es ist wieder sehr heiß geworden, und obwohl das Auto eine Klimaanlage besitzt, habe ich nach jedem Zwischenstopp das Gefühl, in einen Backofen einzusteigen. Herr Li nimmt es gelassen. Mit der ganzen Gelassenheit, die ich aufbringen kann, schwitze ich vor mich hin. Das Ziel des buddhistischen Weges ist es, nach unzähligen Wiedergeburten dieses leidvolle, erdgebundene Dasein zu transzendieren und ins Nirvana – den Zustand der endgültigen Erlösung – einzugehen. Soweit bin ich definitiv noch nicht. Ich transzendiere nicht, ich transpiriere. Das dafür meisterlich.
 
Jetzt ist ja der Besuch eines asiatischen Tempels eine feine Sache – wenn man sie nicht schon zu Dutzenden gesehen hat. Schmunzelnd denke ich an den ersten buddhistischen Tempel zurück, den ich im Zuge meines ersten Thailand-Aufenthalts besucht habe. Es war in Hat Yai, und in dieser Stadt gibt es nur einige wenige sehenswerte Tempel. Ich musste ihn bei brütender Hitze förmlich suchen, während man beispielsweise in Chiang Mai fast an jeder Ecke einen antrifft. Welche Aufregung, als ich dann endlich davor stand! Ein exotisches Bauwerk mit prachtvoll verziertem Dach und Giebeln, den goldenen Türmchen und Pagoden, dem aufwendig dekorierten Äußeren und den überlebensgroßen Buddha-Statuen. Mit der Zeit ist allerdings eine leichte Übersättigung eingetreten, obwohl ich nach wie vor gerne buddhistische Tempelanlagen aufsuche – zum Besichtigen, Entspannen oder Meditieren in der Stille und dem Frieden dieser Orte, oder einfach nur, um den Rezitationen der Mönche zu lauschen, von denen eine magische Wirkung ausgeht. Ich setze mich vor die Gebetshalle und lausche den Sprechchören Dutzender gleichgeschalteter Stimmen in der Abenddämmerung. Dann versinke ich in eine Welt aus farbigen Roben, weißen Elefanten und zartrosa Lotusblüten. Momente wie diese machen die Magie des Reisens aus.

Dennoch gestaltet sich der Besuch des chinesischen Tempels als interessant, da mir Herr Li die Bedeutung mancher Dinge erklärt, die ansonsten verborgen geblieben wären. Mein Blick bleibt an einem großen Glasschrein mit vielen kleinen Schwarzweiß-Portraits hängen. Es sind Bilder von Verstorbenen, eingerahmt in mit Blattgold überzogenen Ständern. Ich sehe alte und junge Personen, Ehepartner und Familien. Hie und da fehlen auch einzelne Fotos, denn mit der Zeit werden sich jetzt noch lebende Angehörige mit ihnen vereinigen und ausgelassen Wiedersehen feiern. Vor dem Schrein stehen Opfergaben für die Verstorbenen: Blumen, Räucherstäbchen, sowie kleine Schalen mit Lebensmitteln.
    
Meerjungfrauen gibt es in Kopenhagen, Thailand und anderen Orten, die „Meer-Leute“ trifft man auf Penang. Sie leben in einem schwimmenden Dorf, auch wenn die Häuser fest verankert und durch Holzstege miteinander verbunden sind. Bei den Bewohnern handelt es sich um Chinesen, die seit Generationen an diesem Ort leben und denen von der Gemeinde besondere Rechte zugesprochen wurden. Sie bilden quasi eine autonome Einheit. Auf den überdachten Terrassen – praktisch ein Vorraum im Freien– befinden sich Hängematten, Blumentöpfe, Fahrräder, Tierkäfige, Tische und Stühle sowie anderer Hausrat. Die Atmosphäre wirkt entspannt und bildet einen deutlichen Kontrast zum modernen Alltag im Stadtzentrum, auch wenn Georgetown eine gemütliche Stadt ist. Ich folge einem längeren Holzsteg ins Meer hinaus. Herr Li kann sich nicht so recht erklären, was ich dort suche und bleibt im Schatten zurück. Ich weiß es selber auch nicht genau. Ich stehe in der prallen Nachmittagssonne und lasse meinen Blick übers Meer schweifen. Boote ziehen vorüber oder schaukeln friedlich auf den Wellen. In der Ferne erkenne ich die Brücke, die Penang mit dem Festland verbindet. Hier stehe ich, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, auf einem Holzsteg im fernen Malaysien, ganz alleine. Klein komme ich mir vor, wie ein unbedeutender Fleck in der Landschaft. Und doch steigt ein erhabenes Gefühl aus der Tiefe meines Selbst in mein Herz empor. In Momenten wie diesem fokussiert sich das ganze Leben, und man wird sich der Bedeutung des Augenblicks bewusst. Mein ganzes Leben war eine Abfolge solcher Augenblicke, und so wird es sich auch fortsetzen. Die Vergangenheit und die Zukunft hat es nie gegeben, es gab immer nur Gegenwart. Lerne im „Hier und Jetzt“ zu leben, wenn du das Glück finden willst, konzentriere dich auf den Augenblick. So heißt es sinngemäß in zahlreichen spirituellen Ratgebern. Wie wahr!

Teestunden

Grün. Ringsherum grün. Seit zwei Stunden marschieren wir nun schon durch den Wald. Das dichte Grün erlaubt selten Ausblicke von mehr als zehn Metern, aber wir müssen uns ohnehin auf den Weg konzentrieren. Die Trampelpfade sind unwegsam und rutschig, führen bergauf und bergab, und wir müssen immer wieder unsere Hände (und manchmal auch die anderer) zu Hilfe nehmen, um uns durch das Dickicht zu kämpfen. Gelegentliche Ausrutscher sind unvermeidlich, enden aber glimpflich. Eine gute halbe Stunde ist es angeblich noch bis zu unserem ersten Zwischenziel, einem Teehaus am Rande einer der großen Teeplantagen. Ich bilde mir ein, dies bereits vor einer halben Stunde vernommen zu haben, aber asiatische Zeitangaben sind durchaus dehnbare Begriffe. Vielleicht fällt es Kali aber auch nur deshalb schwer, die verbleibende Zeit korrekt einzuschätzen, da wir aufgrund des nicht gerade trekking-tauglichen Schuhwerks zweier Teilnehmerinnen nicht allzu flott vorankommen.
 
In der Nacht hat es geregnet und der Boden ist ziemlich rutschig. Im Augenblick regnet es nicht, aber der Himmel ist von dunklen Wolken bedeckt. Nass werden wir trotzdem, weil auch die Blätter feucht sind. Kali erklärt uns verschiedene Pflanzen und demonstriert gelegentlich seine Kenntnisse von deren Verwendung. So gibt es Blätter, die zerkaut auf einen Insektenstich gelegt den Juckreiz stoppen. Eine Bethelnuss (der die Insel Penang ihren Namen verdankt) verwendet er, um die Handfläche einer Dänin rot anzumalen. Bethelnüsse sind es auch, die die Zähne dunkelrot einfärben, wenn man sie über einen längeren Zeitraum regelmäßig kaut, wie es beispielsweise von einigen thailändischen Bergvölkern im Norden des Landes gepflegt wird, oder von älteren Frauen in Vietnam. Der ganze Mund ist mit roter Farbe verschmiert, wie die Lippen einer billigen Schlampe. Dass die Verfärbung der Zähne irreversibel ist, spielt keine Rolle – sie fallen daraufhin ohnedies aus. Auch zeigt er uns eine Pflanze, die im Notfall ohne Zubereitung verzehrt werden kann. Ich registriere diese Information, bin mir aber sicher, dass ich zehn Zentimeter davor stehen könnte, ohne die Pflanze wiederzuerkennen. Sollten wir uns im Wald verlaufen empfiehlt er uns, einfach den die Wege dann und wann kreuzenden Wasserleitungen zu folgen. Sie führen nämlich allesamt zu Höfen oder Ortschaften. Die Logik dahinter klingt bestechlich, hält mich aber dennoch nicht davon ab, unseren indischen Führer nicht aus den Augen zu verlieren.

Dann ist es endlich soweit. Nach einem kurzen, aber steilen (und daher umso rutschigeren) Abstieg hören wir die Geräusche vorbeifahrender Autos und ich folgere daraus messerscharf, dass vor uns eine Straße liegt. Fünf Minuten später erreichen wir das Teehaus, von dessen Terrasse wir einen überwältigenden Ausblick auf die sich vor uns ausbreitende Teeplantage genießen. Die Berghänge sind von grünen Farbtupfen bedeckt, als hätte sie ein Maler mit geübtem Pinselstrich in die Landschaft gemalt. Ich ziehe schneller als mein Schatten und zerlege das satte Grün der Teebüsche in winzige Pixel. Die „Cameron Highlands“ sind Teil eines Gebirgssystems, welches die malaysische Halbinsel überzieht. Entlang dieser Gebirgskette, die stellenweise über 1500 m aufragt, liegen mehrere Orte und Freizeitresorts. Aufgrund der Höhenlage herrschen angenehmere Temperaturen als in der Tiefebene, was neben der Kultivierung von Erdbeeren auch den Anbau von Tee im großen Maßstab ermöglicht.

Frisch gestärkt betreten wir die Plantage. Zuerst geht es in den Talkessel hinunter, vorbei an einigen Wirtschaftsgebäuden und über einen kleinen Bach, der sich durch das Tal schlängelt. Das Furten erfordert einiges an Konzentration, da die Steine noch rutschiger sind als die Dschungelpfade. Ich fasse mir ein Herz, nehme etwas Anlauf und springe ans andere Ufer. Die Haltungsnoten sind durchwegs bescheiden (was auch an dem nicht gesetzten Telemark liegt), aber ich erreiche das andere Ufer trockenen Fußes.

Wir verlassen die Schotterstraße und gehen querfeldein den Hang hoch, vorbei an den Teesträuchern, die uns bis zu den Oberschenkeln reichen. Eine Gruppe von Arbeitern ist damit beschäftigt, die frischen Teeblätter abzuernten. Da unsere Welt immer technischer wird, ernten sie die Blätter nicht mit der Hand, sondern mittels einer Kombination aus elektrischem Trimmer und Staubsauger, an dem ein überdimensionaler Staubbeutel hängt. Die gefüllten Säcke werden sodann verschlossen und abtransportiert. Sie sehen schwerer aus als sie sind, aber ich möchte sie dennoch nicht tagaus tagein auf meinem Haupt tragen. Am höchsten Punkt des Hügels drehe ich mich um und lasse ein letztes Mal den Blick über die Plantage gleiten. Dann steigen wir in eine kleine Senke hinab und tauchen wieder in den Wald ein, wo uns das üppige Grün augenblicklich verschluckt.

Im Holländerdörfl

Rot. Überall rot. Gebäude mit leuchtend rotbraunen Fassaden, im alten Kolonialstil errichtet, verwandeln den Platz in ein Freilichtmuseum. Zwischen den Gebäuden sind Leinen gespannt, die mit unzähligen kleinen Nationalflaggen bestückt sind, davor warten blumengeschmückte Fahrrad-Rikschas auf Touristen. Ungefähr zwei Busstunden von der Hauptstadt entfernt liegt Malakka (Melaka in der Landessprache), eine kleine Hafenstadt mit ausgeprägter kolonialer Vergangenheit. Dieser Umstand ist unübersehbar, sobald man auf dem Hauptplatz der historischen Altstadt aus dem Bus steigt. Wegen ihrer strategisch günstigen Lage entlang der „Straße von Malakka“ war die Stadt viele Jahrhunderte lang ein beliebter Umschlagsplatz für Waren aller Art. Araber, Inder und Chinesen beherrschten das Handelsgeschehen, und bis ins 15. Jahrhundert wurde die Stadt von den Chinesen verwaltet. Danach wechselten die Herrscher in einem bunten Reigen: zuerst regierte ein malaysisches Sultanat, dann kamen die Portugiesen (1511 – 1641), die Holländer verleibten sich die Stadt bis 1824 ein, und zu guter Letzt wurde Malakka Teil des britischen Kolonialreiches – ein Umstand, der bis zur Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1957 andauerte.
 
In Chinatown finde ich ein Zimmer in einem entzückenden Quartier. Die Straßenseite ist üppig mit Grünzeug dekoriert, und im Inneren hat man das Gefühl, in einem kleinen tropischen Garten zu stehen. Im lichtdurchfluteten und nach oben hin offenen Innenhof des zweistöckigen Hauses ragt ein gepflegtes bis kreativ-chaotisches Dickicht von Palmen und anderen tropischen Pflanzen ins obere Stockwerk empor. Die Zimmer sind um den Innenhof herum angeordnet. Die Besitzer des Gästehauses - eine Schweizerin und ihr malaysischer Ehemann - sind irgendwie schräg. Sie wirkt wie eine Vertreterin der Hippie-Generation, die den Sprung ins moderne Zeitalter verschlafen hat, und er passt mit seinen langen Haaren und dem nackten Oberkörper gut dazu. Ich weiß nicht, was die beiden den lieben langen Tag machen, aber viel kann es nicht sein. Wann immer ich ins Haus komme, sehe ich sie irgendwo herumhängen. „Das ist ein ruhiges Fleckchen Erde“, sagt sie in ihrem schleppenden Akzent und schaut verträumt durch ihre Brille, „hier gibt es keinen Stress.“ Das glaube ich ihr aufs Wort. Wahrscheinlich könnte sie „Stress“ noch nicht einmal buchstabieren. Die Atmosphäre ist „relaxed“. Die Jugend würde sie als „chillig“ bezeichnen. Und chillig ist diese Unterkunft. Irgendwie cool. Und gemütlich.

Jäh einsetzender Hunger reißt mich brutal in die Realität zurück. Mir fehlt einfach die Muße für die schönen Dinge des Lebens, wenn mein Magen knurrt wie ein manisch depressiver Kettenhund, dem man den letzten Knochen vor der Nase weggeschnappt hat. „Gott sei Dank bin ich Asien“, denke ich mir, da findet man an jeder Straßenecke etwas zum Beißen. Zu meinem Entsetzen stelle ich aber fest, dass alle chinesischen Restaurants am Nachmittag geschlossen sind, und ich befinde mich mitten in Chinatown. Ich glaube im allgemeinen an das Gute im Menschen, aber in diesem Moment werden meine humanitären Prinzipien in ihren Grundfesten erschüttert. Mit der Beharrlichkeit des Jägers stöbere ich einen dieser kleinen Familienbetriebe auf, wo die Mutter oder Großmutter kocht, und die Tochter oder Mutter serviert. Von meinem lärmenden Verdauungsorgan eingeschüchtert, werfen sie unverzüglich ihren Herd an und servieren prompt eine köstliche Mahlzeit. Das ist gerade noch einmal gut gegangen.
    
Nachdem der Magen befriedet ist, begebe ich mich zum „Roten Platz“. Sollte es Sie erstaunen, wie es mir möglich war, innerhalb so kurzer Zeit nach Moskau zu gelangen, so lassen Sie sich gesagt sein, dass es auch hier einen solchen gibt. Es handelt sich um besagten Hauptplatz, und er trägt seinen Namen angesichts der leuchtend roten Gebäude auch zu Recht. Zu besichtigen gibt es unter anderen die Christ Church (1753 erbaut und heute eine anglikanische Kirche), das Stadhuys (das alte Rathaus), das portugiesische Fort A Famosa und die St. Paul’s Kirche (beide nur mehr als Ruinen erhalten), ein alter Sultanspalast und der holländische Friedhof (ebenfalls ziemlich ruinös). Es ist ein Streifzug durch die Jahrhunderte, in den Fußstapfen fremder Herrscher und Eroberer. Der historische Kern Malakkas ist sehr überschaubar, zusammen mit einem Besuch Chinatowns benötigt man einen halben Tag. Es sei denn, man gehört zu denjenigen Personen, die sich jedes Detail und jede Geschichte eines Ortes ganz genau einprägen, und die auch dann noch aufmerksam den Ausführungen des Tourguides lauschen, wenn alle anderen längst das Weite gesucht haben.

In der Umgebung der Stadt gibt es nicht allzuviel zu sehen, daher unternehme ich tags darauf einen Tagesausflug zur Insel Pulau Besar, auf eigene Faust und mit einigen vagen Informationen ausgestattet. Diese reichen von „es gibt auf der Insel gar keine Infrastruktur“ (meine Zimmervermieterin) bis zu „ein Hotel und ein Restaurant gibt es dort schon“ (ein lokaler Tourunternehmer). In meinem Reiseführer steht sicherheitshalber gar nichts genaueres drin. Als informativer erweist sich jener eines Schweizers, dem ich wenigstens die genaue Lage der Insel, sowie eine grobe Wegbeschreibung entnehmen kann. Und so sitze ich am Roten Platz am angeblichen Ort der Bushaltestelle und warte auf einen Bus mit der Aufschrift „SKA“. Dieser soll mich angeblich in die Nähe der Fähre bringen, zu der ich dann mittels eines Fußmarsches gelange. Überflüssig zu sagen, dass man diese Strecke auch per Taxi zurücklegen kann, doch wo bleibt da das Abenteuer?
    
Gesagt, getan. Es dauert zwar seine Zeit, aber dann stehe ich auf der Insel und kann mir selbst ein Bild von der Lage machen. Sie ist keineswegs einsam. Weder treffe ich Robinson und Freitag, noch Waterloo und Robinson, auch sind die Schreie der Seevögel nicht die einzigen Laute, die die Stille dieses Eilandes zerreißen. Gut, sie ist nicht so überlaufen wie viele andere, aber es gibt einige überaus nette Bungalows in hervorragender Lage, genügend Möglichkeiten, ein vernünftiges Essen zu bekommen, und sogar ein paar ganz passable Strände. Einfache Holzhütten verbergen sich am Waldrand vor neugierigen Blicken. Sogar einen Golfplatz entdecke ich. Nicht das, was man von Hochglanz-Reiseprospekten her kennt, aber alles in allem weitaus zufriedenstellender als ein eingewachsener Zehennagel. Wieder retour im Gästehaus, schildere ich meine Beobachtungen und übergebe den Hausherren einen Zettel mit den Fährzeiten. Kommende Backpacker sollen es besser haben als ich. Wenn die Zeiten dann noch stimmen. Und der Fährbetrieb nicht eingestellt wurde. Und das Schweizer Blumenkind nicht in einen hundertjährigen Dornröschenschlaf gefallen ist.

Reif für die Insel

Blau. Tiefblau spiegelt sich der wolkenlose Himmel im klaren Wasser, in dem bunte Fische übermütig ihre Kreise ziehen. Die Palmen entlang des Strandes und die üppige Vegetation ziehen mich augenblicklich in ihren Bann. Eine tropische Insel wie aus dem Bilderbuch. Die Atmosphäre ist so entspannt, dass jeglicher Stress augenblicklich von mir abfällt, als ich das Boot an der Anlegestelle zum Dorf mit der kryptischen Bezeichnung ABC verlasse.

Als Halbinsel ist das malaysische Festland mit endlosen Küstenlinien gesegnet und bietet daher viele Bademöglichkeiten. Die diesbezüglichen Renner unter den Strandlocations sind allerdings einige kleine Inseln, die unweit vom Festland mit schönen Stränden und idyllischen Bungalows aufwarten. Die Highlights sind die Perhentian-Inseln im Norden der Ostküste und die Insel Tioman, die weiter im Süden liegt. Um auf die Insel Tioman zu gelangen, ist die Kleinstadt Mersing ein günstiger Ausgangsort. Dass ich mich für Tioman entscheide, hängt mit meiner geografischen Lage und meinem Terminkalender zusammen. Nachdem ich die letzte Woche in Singapur verbracht habe, und mir nun nur noch wenige Tage in Malaysien zur Verfügung stehen, ist die näher gelegene Insel Tioman die bequemere Alternative. Von Singapur führt mich mein Weg direkt nach Johor Bahru, die südlichste Großstadt des malaysischen Festlandes, und nur wenige Kilometer von dem Inselstaat entfernt. Von dort kapere ich einen Bus nach Mersing, und nicht ganz zwei Stunden später laufe ich mit meinem Rucksack durch die Stadt, auf der Suche nach Omar.

Omar ist der Besitzer von „Omar’s Backpacker Hostel“, und ein gemütlicher Mann. Sein Gästehaus ist eine beliebte Station für Rucksacktouristen, die nach Tioman unterwegs sind, und ein Bett für eine Nacht benötigen. Für einen längeren Aufenthalt in der 28.000 Seelen – Gemeinde gibt es auch keinen Grund, denn die Stadt ist eher unspektakulär. Dennoch stellen Orte wie dieser eine wunderbare Gelegenheit dar, den Alltag eines Landes zu beobachten. Authentische Lebensweise, unverfälscht durch die Anwesenheit von Horden wildgewordener Touristen, die in guter - und manchmal auch weniger guter - Absicht in ein Land einfallen, und es durch ihre Anwesenheit ganz massiv beeinflussen. In der Quantenphysik heißt es, dass es unmöglich sei, ein Ereignis auf Quantenebene zu beobachten (d.h. messtechnisch zu erfassen), ohne dadurch die Vorgänge selber zu beeinflussen. Es ist zwar mühsamer, in einer Gegend unterwegs zu sein, die abseits der Touristenströme liegt, doch präsentiert sich das Land in einer völlig anderen Art und Weise denjenigen, die manchmal aus dem Zug der Reiselemminge ausscheren und zumindest tageweise eigenen Pfaden folgen. Es ist zumeist sehr lohnend.
    
Omars Hostel ist sehr einfach gehalten. Der Schlafsaal enthält sechs Betten und liegt direkt an der Straßenseite, dafür gibt es einen kleinen Balkon. An der Decke rotiert träge ein Ventilator, der gerade ausreicht, um etwas Bewegung in die schwüle Luft zu bringen. Für die Sicherheit ist unten an der Eingangstür ein Scherengitter angebracht, welches aber die ganze Zeit unverschlossen bleibt, denn sonst kämen die Hausgäste weder hinein, noch hinaus. Omar weist mich an, dieses Gitter beim Verlassen oder nach Betreten des Hauses immer zuzuziehen. Seinen Glauben möchte ich haben. Omar organisiert auch Tagestouren. Besonders interessant finde ich die „Island Hopping“ – Tour, in deren Verlauf er mehrere Inseln jener Inselgruppe, der auch Tioman angehört, mit seinem Boot ansteuert. Leider geschieht dies nur ab einer Gruppengröße von mindestens vier Personen, und da „me, myself and I“ nur zu dritt sind, wird leider nichts daraus.

Es gibt Ereignisse, die machen einem einen dicken Strich durch die Rechnung. Nationale Feiertage zum Beispiel, wenn eine ganze Nation unterwegs ist, um Familienmitglieder oder Freunde zu besuchen, oder einfach nur ein paar Tage Ferien zu machen. Diese Tage sollte man dann als Reisetage meiden, oder zumindest – wenn es sich nicht vermeiden lässt – entsprechend rechtzeitig für Quartier und Transport Vorkehrung treffen. Ungünstigerweise steht ein Großereignis bevor, welches ganz Malaysien bewegt und in Bewegung versetzen wird – die Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit am 31. August. Das bedeutet in meinem konkreten Fall, dass sämtliche Busse von Mersing nach Kuala Lumpur für die nächsten Tage ausgebucht sind. Millionen Malaysier begeben sich ins lange Wochenende, und das verheißt nichts Gutes. Normalerweise wäre das ja auch kein Problem. Einen weiteren Tag auf Tioman verbracht, unter Palmen am weißen Sandstrand – es gibt unmenschlichere Daseinsformen. Dummerweise wartet in einigen Tagen ein Flieger in KL, und einen Tag früher will ich schon zurück sein, man weiß ja nie.
    
Ich verdränge das unterschwellig aufkeimende Gefühl von Panik und suche nach Alternativen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als über eine wenig befahrene Strecke auszuweichen. Nach dem Studium der Landkarte und der Rücksprache mit einem örtlichen Reisebüro fällt meine Wahl auf Kluang, denn in diesem provinziellen Städtchen im Landesinneren kreuzen sich mehreren Buslinien mit einer Bahnstrecke, was mir eine weitere Ausweichmöglichkeit bietet, sollten die Busse auch dort ausgebucht sein. Die malaysische Bahn ist zwar langsam, aber besser langsam ans Ziel kommen als gar nicht. Für Tioman bleibt mir jetzt allerdings nur mehr ein Tag, was den ganzen Aufenthalt zu einem Tagesausflug schrumpfen lässt.
    
Tagesausflug bedeutet früh aufstehen, denn mit der Fähre dauert es fast zwei Stunden bis zur Insel. Schlaftrunken erreiche ich die Anlegestelle und suche nach einem Frühstück, doch ohne Erfolg. Für die Überfahrt stehen zwei Typen von Booten zur Verfügung: die größeren Fähren, und die Schnellboote, die die Fahrzeit in etwa halbieren. Fähren und Schnellboote legen alternierend zu festgelegten Zeit ab, und jetzt in der Früh sind die Schnellboote an der Reihe. Als ich das Boot besteige, erkenne ich, dass schnell nicht gleichbedeutend mit komfortabel ist. Die Sitzbänke sind extrem dicht gepackt, was für die Sitzposition nichts Gutes verheißt. Wäre ich von sehr großer Statur, kämen mir angesichts des McPlatzangebotes die Tränen. So quetsche ich mich auf einen Randsitz und erfahre das Leben zum ersten Mal aus der Sicht eines Faltkartons.

Tioman ist eine nette Insel. Die wenigen kleinen Dörfer sind nur zum Teil motorisiert zu erreichen, und werden daher ausnahmslos per Schiff angefahren. Die ganze Insel ist von üppigem Regenwald bedeckt und weitgehend unerschlossen. Lediglich eine unbefestigte Straße führt durch den Wald zur anderen Seite, wo sich ein weiteres Dorf befindet, welches ob seiner abgeschiedenen Lage ein Paradies für diejenigen ist, die Stille und Einsamkeit suchen. In einem kleinen Lokal hole ich erst einmal das Frühstück nach, bevor ich mich auf einen Spaziergang zu den Nachbardörfern begebe. Unterwegs komme ich durch ein kleines Dorf, an dessen Strand ein Schwarm aus leuchtendroten Schwimmwesten das Wasser in Ufernähe bevölkert. Wo man dem Wassersport frönt, gibt es normalerweise auch Leute, die einem die dafür benötigte Ausrüstung vermieten. Als ich an einem kleinen Strandcafe vorbeikomme, spricht mich auch prompt ein Mann darauf an. Tauchbrille, Schnorchel und Flossen um 10 Ringgit. Dafür darf ich solange im Wasser plantschen, bis ich so runzlig aussehe wie ein 90jähriger Nomade, der auf ein langes und entbehrungsreiches Leben zurückblickt. Das ist ein Geschäft, das sich sogar dann auszahlt, wenn die einzigen Lebewesen, die ich im Wasser sehen sollte, die Träger der roten Schwimmwesten sind.

Nahe jener Stelle, die laut dem Cafe-Inhaber am schönsten ist, gleite ich ins Wasser und schwimme mit kräftigen Zügen ein Stück aufs Meer hinaus. Vielleicht mangelt es mir auch nur an der nötigen Begeisterung, aber besonders spektakulär ist es nicht, was ich da unter Wasser zu Gesicht bekomme. Deshalb schnorchele ich zu jener Stelle, an der die Wasseroberfläche vor Menschenleibern brodelt, und Fische entweder schon längst das Weite gesucht haben oder traumatisiert das Geschehen beobachten. Vielleicht sehen sie uns Menschen aber auch nur als besonders merkwürdig geformte und relativ hilflos herumstrampelnde Meereslebewesen an, die in ihren Augen keine echte Gefahr darstellen. Dann haben sie aber weder Walfänger, noch Fischkutter mit Schleppnetzen gesehen, denn dann wüssten sie, wozu die menschliche Spezies fähig ist.
    
Um das Schnorcheln auch wirklich genießen zu können, sind einige Dinge zu beherzigen. Erstens muss die Taucherbrille eng genug anliegen, um dicht zu bleiben. Zweitens muss man sich trauen, unter Wasser tief einzuatmen, denn sonst bekommt man zu wenig Luft. Das ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Nach einer halben Stunde habe ich schon soviel Wasser geschluckt, dass das Salz zwischen meinen Zähnen knirscht. Und drittens muss man an Orten wie diesem ständig auf der Hut sein, um nicht permanent mit anderen Schwimmern zusammenzustoßen. Und ich bin einer weiteren Gefahr ausgesetzt. Da ich ohne Schwimmweste unterwegs bin, laufe ich Gefahr, nicht als menschliches Lebewesen erkannt und harpuniert zu werden. Dass dies nicht passiert, führe ich darauf zurück, dass ich mich auch nicht mit der Geschmeidigkeit und Eleganz eines Fisches durchs Wasser bewege.
    
Nach einem späten Mittagessen in einem kleinen Strandlokal mache ich mich wieder auf den Rückweg zur Bootsanlegestelle. Dieses Mal möchte ich die große Fähre nehmen, und die fährt schon etwas früher. Als das Boot anlegt, suche ich mir einen Platz am oberen Deck und mache es mir mit einem Buch bequem. Der Hobbit hat ausgedient, und ich folge Harry Potter durch die düsteren Gänge Hogwarts, den unsichtbaren Schatten Lord Voldemorts im Nacken. Die Fahrt dauert fast zwei Stunden, aber angesichts des großzügigen Platzangebotes und der angenehmen Temperaturen stört das nicht. Nur einmal wird es spannend, als wir einige hundert Meter vor der Küste beinahe im zu seichten Wasser steckenbleiben. Doch nach einer Runde „Wer zieht die kurzen Streichhölzer?“ werden die Verlierer einfach von Bord geworfen, und das Schiff erreicht sicher den Hafen.

Am nächsten Morgen wird es dann spannend. Ich begebe mich zum kleineren Busbahnhof und kaufe ein Ticket nach Kluang. Den Bussen sieht man es an, dass sie nicht für den Tourismus bestimmt sind, denn sie haben schon bessere Zeiten gesehen. Trotzdem klappert der Bus verlässlich durchs malaysische Hinterland, wobei die Klimatisierung durchs offene Fenster erfolgt. Als wir in Kluang ankommen, stürme ich zu den Ticketschaltern, um eine Fahrkarte nach Kuala Lumpur zu kaufen. Am ersten Schalter heißt es: „Bitte drei Felder vorrücken, diese Buslinie ist ausverkauft.“ Drei Schalter weiter gibt es nur mehr freie Plätze für 19 Uhr, und jetzt ist es 11.30. Einen möglichen Schalter gibt es noch, doch dessen Bus fährt noch später. Mist. Ich kaufe ein Ticket für den Abendbus, bringe mein Gepäck in einem bewachten Lagerraum unter und überlege mir, wie ich die Zeit bis zur Abfahrt am sinnlosesten gestalte.

„Entschuldigen Sie, möchten Sie mit dem Bus um zwölf Uhr fahren?“, stört mich eine männliche Stimme in meinen Überlegungen. Überrascht fahre ich herum und erkenne in ihm den Angestellten einer Busgesellschaft. „Sie wollen doch nach Kuala Lumpur. In unserem Bus ist ein Platz freigeworden“, höre ich, doch ich kann es kaum glauben. Hastig blicke ich auf die Bahnhofsuhr. In fünfzehn Minuten ist Abfahrt, und ich muss noch mein Gepäck zurückholen und meine Blase erleichtern, vielleicht auch noch das erste Ticket verkaufen sowie etwas Proviant besorgen. In Kambodscha hätte ich sogar noch Zeit, zum Friseur zu gehen, doch in Malaysien nimmt man die Fahrpläne ernst. Sprachlos schnappe ich nach Luft und beantworte die Frage mit einem „Ja“, das selbst den hartgesottensten Standesbeamten zu Tränen gerührt hätte. Doch für Sentimentalitäten ist keine Zeit. Wie ein Irrwisch setze ich mich in Bewegung und hetze im Gebäude umher. Lola rennt, ich fliege. Pünktlich verlässt der Bus die Station, und ich sitze darin. Mit meinem Gepäck. Mit Proviant. Und für die Fahrkarte der anderen Linie habe ich immerhin noch zwei Drittel des Preises rückerstattet bekommen.

Stau. Lärm. Dunst. Zurück in KL steige ich in Chinatown aus und marschiere schnurstracks zu einem Backpacker-Hostel, welches ich schon bei meinem ersten Besuch der Hauptstadt ausgekundschaftet habe. Es ist überdies recht nahe bei der MRT-Linie gelegen und daher ein günstiger Ausgangsort für meine Fahrt zum Flughafen am kommenden Abend. Wie einfach doch alles ist, wenn man sich bereits auskennt! Die Stadt pulsiert, fließt und lässt sich treiben. Der alte Mann sitzt immer noch in seinem Laden mit seiner Pfeife und mustert interessiert das Treiben auf der Straße. In Little India sitzen Gläubige im Tempel und rezitieren alte Verse zu rythmischen Klängen. In der Moschee drei Straßen weiter ruft der Muezzin zum abendlichen Gebet. Bin ich in Malaysien? Ja, das bin ich.
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 20:07 Uhr