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Werdegang eines Reisenden PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Freitag, den 27. März 2009 um 16:56 Uhr

Am 18.04.1970 erblickte ich in Wien das Licht der Welt, und es war eine schwere Geburt. Ich hatte es mir in der Gebärmutter nämlich verkehrt herum gemütlich gemacht, was den Geburtsvorgang erheblich behinderte, aber es hatte mir auch niemand erklärt, was ich zu tun hatte. Ich musste die ganze Sache alleine durchstehen, und vielleicht hat mich diese frühe Erfahrung in meinem Leben zu dem Individualisten gemacht, der ich heute bin. Beinahe wäre es schief gegangen, und nur dem beherzten Eingreifen der Ärzte habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt am Leben bin. Um Haaresbreite dem Tod entronnen, prustete und schrie ich, bis ich blau im Gesicht anlief. Dieser Umstand hat sich mittlerweile ein wenig gebessert. Doch noch immer lösen enge (Lebens)Räume bei mir ein beklemmendes Gefühl aus, und das ist auch symbolisch so zu verstehen. Ich brauche Platz, um meinen Freiheitsdrang auszuleben.

Einer meiner ersten Berufswünsche war es, Forscher zu werden. Im Laufe der Zeit präzisierte sich dieser Wunsch, und der Forscher wandelte sich zum Archäologen, später zum Paläoanthropologen (das sind die, die fossile Knochen ausbuddeln), was nicht gerade die Blockbuster unter den Studienrichtungen sind. Mit dem Reisen begann ich eher spät, weil ich aus familiären Gründen bis zu meinem 18. Lebensjahr nie weiter in die Welt vordrang als bis nach Tirol, Budapest oder Altötting. Damals erkannte ich, wie klein die Welt eigentlich ist.

Nach Bestehen der Matura änderte sich das schlagartig. Ich kaufte mir ein InterRail-Ticket und fuhr zusammen mit einem Freund einen Monat lang durch Italien und Griechenland (ja, das war damals für mich eine Fernreise). Mit den letzten Geldreserven kamen wir im letzten Moment nach Österreich zurück, denn Bankomaten waren zum damaligen Zeitpunkt (wenn es sie denn überhaupt schon gab), dünn gesät. Auf diese Reise folgte im Jahr darauf eine zweite (Spanien und Portugal), im darauffolgenden Jahr eine dritte (Türkei), und ab diesem Zeitpunkt war ich irreversibel mit dem Reisevirus infiziert.

Während der nächsten 15 Jahre reiste ich immer noch, aber die Unternehmungen wurden wieder biederer, was abermals familiäre Gründe hatte. Erwartungsvoll schnürte ich den Rucksack und brach mit meiner damaligen Freundin nach Griechenland auf. Spät in der Nacht kamen wir übermüdet auf Paros an und mussten in völliger Finsternis unser Zelt auf dem Campingplatz aufschlagen. Es gelang nicht, und so verbrachten wir die Nacht im Freien liegend auf der Zeltplane. Als sie dann am Morgen noch die (für einen Campingplatz völlig arttypischen) Sanitäranlagen besichtigt hatte, war das Thema Rucksacktourismus und Campingplatz ein für alle Mal erledigt. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich zum Pauschaltouristen, und die Destinationen hießen unter anderem Gran Canaria, Teneriffa, Kreta und Marbella (was auch ganz nett war). Sie hatte allerdings nicht mit meinem jäh entflammten Enthusiasmus für den Mountainbikesport gerechnet, und so begleitete sie mich in mehreren Aktivurlauben (und ich nahm diesen Begriff sehr wörtlich) durch die Berge Österreichs und der Toskana. Dieser neuerlichen Belastungsprobe war unsere Beziehung auf Dauer nicht gewachsen, und ich hatte plötzlich wieder sehr viel Zeit, um nachzudenken und die Welt zu erkunden.

In der Zwischenzeit war mein Interesse für den asiatischen Kontinent und den Buddhismus stetig gewachsen, was 2005 schließlich zu meiner ersten wirklichen Fernreise führte. Ich verbrachte einen tollen Monat in Thailand, zuerst als Volunteer, dann das erste Mal in meinem Leben als Einzelreisender. Es wurde zu einem jener einschneidenden Erlebnisse, die das Leben nachhaltig verändern. Schon damals wäre ich gerne länger dort geblieben, um Englisch zu unterrichten. Noch war die Zeit nicht gekommen, aber die Weichen waren gestellt. Wieder zurück in Wien, wurde ich hauptberuflich Lehrer, was mir in den Sommermonaten viel Zeit zum Reisen ließ. Im darauffolgenden Jahr fuhr ich abermals als Volunteer nach Thailand, nicht jedoch ohne kurze Abstecher nach Laos und Kambodscha zu unternehmen. Speziell von Kambodscha war ich hellauf begeistert, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wiederkommen würde.

Ich hatte bereits eine Menge erlebt, aber meine innere Stimme drängte mich vehement dazu, mein Leben noch weitreichender auf den Kopf zu stellen. Es dauerte eine Weile, bis ich realisierte, was sie damit meinte, doch dann nahm ich allen Mut zusammen, ersuchte um eine einjährige Karenz, kündigte meine Wohnung und verkaufte mein Auto. Dann packte ich meinen Rucksack und flog per Oneway-Ticket nach Südkorea. Ich blieb dort einen Monat, kehrte zurück nach Thailand, besuchte Malaysien und Singapur, kehrte für ein kurzes Intermezzo nach Österreich zurück, um einige Monate später abermals nach Asien aufzubrechen. Ich flog nach Taiwan, verbrachte zwei Monate als Volunteer in Kambodscha, und fuhr anschließend auf dem Mekong über die Grenze nach Vietnam, wo ich weitere zweieinhalb Monate zwecks Volunteering und Reisen verbringen wollte. Den Rest der Zeit hatte ich mir offen gelassen, denn allzu langes Vorausplanen ist meine Sache nicht. Einzig das Rückflugticket war bereits gekauft, um pünktlich zu Beginn des Schuljahres 2008/09 wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Doch es kam anders. Wenige Tage, bevor ich Vietnam verlassen wollte (die Flugtickets nach Indonesien waren schon in meiner Tasche), geschah das Unerwartete. Ich fand eine neue Liebe, und das brachte die letzten Eckpfeiler meines Lebens, die noch stehengeblieben waren, zum Einstürzen. Nach quälenden Überlegungen kündigte ich kurzfristig meinen Job (meinem Ansuchen um Verlängerung der Karenz um ein weiteres Jahr wurde leider nicht stattgegeben) und begann, mir in Hanoi aus dem Nichts eine neue Existenz aufzubauen. Ich war „Plötzlich in Vietnam“.

Nach eineinhalb Jahren in Hanoi zog es mich wieder in die Heimat zurück. Mittlerweile lebe und arbeite ich wieder in Wien. Die neue Liebe ist nun meine Frau, und eine Tochter hat sie auch mitgebracht, was mich unverhofft auch zum Familienmenschen und Vater gemacht hat. Manchmal haben Reisen eben weitreichende Konsequenzen... Winken


Sie wollen mehr über mich erfahren? Dann lesen Sie hier weiter: CT interviewt sich selbst


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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 11. Dezember 2010 um 19:30 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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