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Wissen SIE, wo Woodhenge ist? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Samstag, den 27. November 2010 um 21:08 Uhr

Assoziationen sind eine gefährliche Sache. Passen sie nicht exakt überein – z.B. weil man nicht genau hingesehen hat, und zwei Wörter sich relativ ähnlich sind – landet man leicht auf dem falschen Dampfer. Also lesen Sie sich den Begriff Woodhenge daher bitte noch einmal aufmerksam durch.

Spätestens jetzt sollte allen romantisch verklärten Liebhabern von Flower-Power, freier Liebe und Kiffen ohne Ende klar werden, dass Woodstock nicht gemeint ist. Aber Woodhenge war auch eine spannende Sache.

Es fing bei einem Haufen Steine an. Ein weltberühmter Haufen Steine, wohlgemerkt, denn die englische Kultstätte Stonehenge im Süden der britischen Insel ist nicht irgendein Steinhaufen, sondern ein UNESCO Weltkulturerbe. Aus der Ferne sieht die Anlage wie ein paar überdimensionierte Pilze aus, die ringförmig auf der grünen Wiese stehen. Dass sie noch nicht von passionierten Pilzsammlern mitgenommen wurden, haben sie ihrer eindrucksvollen Größe zu verdanken. Immerhin stehen sie laut wissenschaftlichen Erkenntnissen schon seit einigen tausend Jahren dort. Über die genaue Bedeutung dieser Monumente wird immer noch gerätselt, aber mit einem Begriff liegen Archäologen niemals falsch: Kultstätte. Die Zahl der Kultstätten auf diesem Planeten ist unermesslich, ganz zu schweigen von den zahllosen Kultgegenständen, die man in ihrer Umgebung findet. Irgendwann wird man auch die alltäglichen Gegenstände unseres Lebens als Kultgegenstände identifizieren, betrachten Sie also ihren Rasierapparat und die WC-Muschel mit Ehrfurcht. So wie das auch Museumsbesucher der fernen Zukunft tun werden.

Kultstätten bringen es mit sich, dass Menschen Kultgegenstände verwenden, um rituelle Handlungen durchzuführen. Der Begriff »rituelle Handlung« wird dabei relativ weit gefasst. Er reicht von Menschenopfern, denen bei lebendigem Leib das noch warme, zuckende Herz aus der Brust geschnitten wird, bis hin zum Auftragen dicker Schichten Makeups, um den Angebeteten zu betören. Auch öffentliche Parlamentssitzungen gehören, wenn auch weitgehend sinnentleert, dazu. Daher liegen Sie bei Diskussionen zu diesem Thema mit den Begriffen »Kult-«, »rituell« bzw. »Ritual-« niemals falsch, was auch dem ungebildetsten Tölpel ermöglicht, sich ins Gespräch einzubringen. Es ist wie beim Reden übers Wetter.

Stonehenge war also entweder eine Stätte, an der rituelle Begräbnisse stattfanden, oder hatte astronomische Bedeutung. Oder auch nicht. Vielleicht bekam man Kunde von den größenwahnsinnigen Pharaonen am Nil, und wollte das auch – etwas halt, das besser in die Landschaft passte. Bis dahin bauten die Briten ihre rituellen Stätten aus Holz, bis man herausfand, dass Stein zwar schwerer, aber auch wesentlicher haltbarer war. Wie auch immer, Stonehenge musste her! Und dort steht es noch immer.

    

Und ich stand davor und blinzelte gegen die warme Frühlingssonne, die ihre Strahlen durch die Steinriesen hindurch schickte. Wie immer, wenn ich sehr alten Zeugnissen menschlicher Zivilisation gegenüber stehe, empfand ich eine gewisse Ehrfurcht, so als würden sie durch ein Wurmloch aus der Vergangenheit zurückgeholt. Das gleiche passiert vor dem Forum Romanum, dem Kolosseum oder den Pyramiden Ägyptens. Man hat schon so oft davon gehört und Bilder gesehen, und kann dennoch kaum glauben, dass es sie wirklich gibt.

Ich umkreiste den Steinzirkel und stellte mir vor, wie eine Prozession weiß gekleideter Druiden langsam auf den Altarstein zuschritt, um ihre rituellen Handlungen auszuführen. Als aufmerksamer Asterix-Leser wusste ich, dass sich die herausragendsten Druiden jährlich an einem geheimen Ort zusammenfanden, um eine Probe ihrer Künste zum Besten zu geben. Also braute Miraculix seinen Zaubertrank und arrangierte vor den Augen seiner erstaunten Kollegen dieses steinerne Ensemble. Ich bin mir fast sicher, dass es ihm den ersten Platz einbrachte. Was für diese Theorie spricht? Nun, kam dieser weise Druide nicht in Begleitung seiner gallischen Freunde bis nach Ägypten, um dem unglücklichen Baumeister Numerobis (vermutlich war es Imhotep) beim Bau von Kleopatras Tempel zu unterstützen? Wo, wenn nicht dort, holte er sich die Inspiration? Lesen bildet, man kann es nicht oft genug wiederholen.

Die Besichtigung des Monuments dauert nicht allzu lange, denn hat man es einmal umkreist, dann kam man das noch ein weiteres Mal tun, oder auch noch einmal in die andere Richtung, aber dann ist die Zahl möglicher Besichtigungsvarianten aufgrund der Absperrung auch schon erreicht. Daher pilgerte ich zum Besucherzentrum zurück, wo ich herausfand, dass sich in der näheren Umgebung noch weitere, weniger gut erhaltene Stätten befanden. Unter anderem auch ein Ort, der als Woodhenge bezeichnet wurde. Dieses Schwestermonument war rund 3,5 Kilometer weit entfernt und weit weniger spektakulär. Wie Archäologen feststellten, bestand es wohl komplett aus Holz und war  älter als der berühmte Zwilling. Da der Baustoff Holz aber, wie bereits Eingangs festgestellt, weit weniger widerstandsfähig ist als Stein, gab es dort eigentlich nichts mehr zu sehen. Um die Besucher aber nicht zu enttäuschen (schließlich konnte sonst ein jeder einen kreisförmige Fläche niedertrampeln und behaupten, es wäre ein prähistorischer Ort), errichtete man niedrige Betonpflöcke an den Stellen, an denen die Holzpfähle einst standen.

Das Wetter war herrlich, und mir war nach einem Spaziergang durch die umliegende, sanfte Hügellandschaft, daher beschloss ich, dieses geheimnisvolle Woodhenge zu suchen. Rasch fand ich den skizzierten Pfad, der laut Plan dorthin an einigen prähistorischen Attraktionen vorbei führte, und beschritt ihn frohen Mutes und voll Vorfreude auf das Kommende. England ist berühmt für seinen Regen, daher konnte ich mein Glück, bereits seit Tagen frühlingshaft warmes Wetter zu genießen, kaum glauben. Ich zog meine Jacke aus, summte eine Melodie, summte mit den Insekten um die Wette, und stand solcherart kurze Zeit später vor einer Gruppe stattlicher Maulwurfshügel, die imposant aus der grünen Wiese ragten. Donnerwetter! Diese Tierchen hatten Elan.

    

Eine schlichte Schautafel am Wegrand klärte mich über meinen Irrtum auf. Ich stand bereits vor der ersten Sehenswürdigkeit, den Cursus Barrows, auf Deutsch Hügelgräber. Einige Meter ragten sie aus der Umgebung empor, ungefähr 10-15 m im Durchmesser, relativ unscheinbare, grasbewachsene Erdhügel, die aufgrund der flachen Umgebung dennoch eindeutig künstlichen Ursprungs waren. In Gruppen standen sie zwischen den spärlichen Bäumen, manche auch alleine (das waren die, die schon zu Lebzeiten nicht gut mit ihren Nachbarn auskamen). Ein Eingang war nicht zu erkennen.

Laut Tafel lagen derer zwanzig in der Landschaft verstreut, erbaut vor ca. 4000 Jahren, also annähernd zur selben Zeit wie Stonehenge selbst, das nun in der Ferne als unscheinbares Steinmonument zu erkennen war. Auch auf diesen Umstand wies der Text hin. Aus der Tatsache, dass dieser Ort noch im Blickfeld von Stonehenge lag, schloss man, dass sich dort vor tausenden von Jahren eine von Menschenhand geschaffene, geplante Kulturlandlandschaft befunden hatte. Meine Theorie klingt im Gegensatz dazu weitaus nüchterner: Während der Errichtung von Stonehenge hatten sich seine Erbauer derart übernommen (die Steinblöcke wogen Tonnen!), dass sie sich unmittelbar nach Fertigstellung erschöpft davon schleppten und dann ins Gras bissen.

Ich schlenderte weiter und war noch gar nicht weit gekommen, als die nächste Informationstafel meinen Vorwärtsdrang stoppte. Es überraschte mich, denn im näheren Umkreis gab es nichts, was man als Sehenswürdigkeit identifizieren konnte. Doch hier war Fantasie gefragt. Vor meinem geistigen Auge erstreckte sich über eine Länge von etwa drei Kilometern ein länglicher Veranstaltungsplatz, der seine Entdecker von der Form her an den Circus Maximus des alten Rom erinnerte, und daher Stonehenge Cursus getauft wurde. Er war von einem imposanten Wall umgeben (den man jetzt nicht mehr sah) und diente zu – etwas (die Archäologen nehmen an, dass man ihn für Prozessionen nutzte). Auf der Tafel sah man Bilder, mittels derer ein Künstler seine Sicht der damaligen Dinge darstellte. Menschen schritten in langen Reihen auf einen Festplatz zu, in dessen Umgebung weiß verkleidete Hügelgräber lagen. In der Ferne lag Stonehenge, als der Mittelpunkt dieser Ereignisse. Selbstverständlich könnte es aber auch ganz anders gewesen sein. Mit meinen Interpretationen will ich Sie aber jetzt nicht weiter behelligen.

    

»Seltsam, nicht wahr?«, sprach mich eine Stimme unvermutet an. Ein junger Mann stand neben mir und betrachtete nachdenklich die Tafel, richtete dann seinen Blick auf die Umgebung und ließ ihn wieder senken. »Man kann überhaupt nichts erkennen.«
    »Das stimmt«, pflichtete ich ihm bei. Vor uns erstreckte sich eine Wiese, die – in ihrer Ebenerdigkeit und Stille – auch eine sehr schöne Wiese war, aber eben doch nur eine Wiese. Man hätte sie noch mit ein paar Blumen und Wiederkäuern garnieren können, doch das hätte ihr auch nicht zum Status eines Weltkulturerbes verholfen. Sie war – da gab es nichts zu beschönigen – unscheinbar.

»Ich bin Danny«, streckte er mir die Hand entgegen. »Ich wollte diesen Weg hier weiter gehen, weiß aber nicht, ob ich richtig bin. Es gibt keinen Wegweiser«. Das war in der Tat seltsam, denn sollte dieser Fußweg nicht nach Woodhenge führen?
    »Keine Ahnung«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Ich möchte nach Woodhenge. Es müsste irgendwo in diese Richtung liegen«, und machte eine weit ausladende Bewegung mit meiner Hand.
    »Was ist Woodhenge?«, runzelte Danny seine Stirn. Er hatte offensichtlich noch nichts davon gehört. Ich erklärte ihm, dass es sich bei diesem Ort um eine ältere Version von Stonehenge handelte, und bot ihm an, gemeinsam danach zu suchen.
    »Warum nicht? Klingt nach einem guten Plan.« Damit machten wir uns auf den Weg.

Selbst wenn wir nicht fündig wurden, so war die Umgebung die Sache wert. Ein Meer aus Gelb erstreckte sich über die Hügel, denn der Raps stand bereits in voller Blüte. Der fehlende Wegweiser rächte sich natürlich, denn als sich der Weg gabelte, da stellte sich  die Mutter aller Fragen: »Nach links oder nach rechts?« Da es niemanden zum Fragen gab (außer uns gegenseitig, natürlich) wählten wir den breiteren, der auch optisch ganz gut zum bisherigen Wegverlauf passte. Wir gingen weiter, und weiter, und gelangten an den Rand einer Ortschaft, die mir schon deswegen in Erinnerung bleiben wird, weil am Straßenrand ein seltsam anmutendes Schild stand: GEFAHR! ACHTUNG VOR KINDERN. Waren die kleinen Kerlchen denn hier so gefährlich? Hatten sie die Erwachsenen des Dorfes bis auf die letzte Seele ausradiert? Ich bekam ein mulmiges Gefühl.

    

Gott sei Dank klärte mich Danny (der aus Australien stammte) darüber auf, dass der Text trotz seiner ungewöhnlichen Ausführung als »Bitte auf die Kinder aufpassen!« zu deuten war. Seine These bestätigte sich sogleich, als eine ältere Frau hinter dem Häuserblock auftauchte. Sie war dem Gemetzel offenbar knapp entronnen. Sie konnten wir nun auch nach Woodhenge befragen, und sie erklärte uns auch, dass wir vom Weg abgekommen waren und besser eine andere Richtung einschlugen. Die Suche ging also weiter.

Nach einem weiteren Kilometer oder so, und ein paar Begegnungen mit hilfsbereiten Passanten später, erreichten wir das Zielgebiet. Aus dem kreisförmigen Areal ragten in konzentrischen Kreisen angeordnete Betonpflöcke, die an jenen Stellen standen, an denen sich die hölzernen Originale befunden hatten (die Grundlage zu dieser Rekonstruktion lieferten archäologische Ausgrabungen). Entdeckt wurde dieser Ort überhaupt erst zufällig aus der Luft. Aufgrund seiner unspektakulären Erscheinung fügte sich dieser Ort nahtlos in die Reihe der vorhergehenden »Sehenswürdigkeiten« ein, doch – hey – wir hatten ihn gefunden! Stonehenge hatte schon viele Touristen gesehen, doch Woodhenge blieb denjenigen vorbehalten, die wahren Entdeckergeist zeigten.

Um uns den Rückweg nach Stonehenge zu ersparen, peilten wir das Städtchen Amesbury an. Zu Fuß war es noch ein schönes Stück Weg, allerdings rannten wir auf dem Weg dorthin in eine kleine Gruppe, die im Rahmen einer Privatführung eine erst kürzlich entdeckte Fundstätte besichtigte. Wie zu erwarten, gab es außer ein paar grasgrünen Wölbungen und spärlichen Mauerresten nichts zu sehen, doch waren wir eine der ersten, die diese Stätte zu Gesicht bekamen. Auf einer Abbildung der »English Heritage Photo Library« war zu erkennen, wie sich diese Anlage in das Gesamtkonzept einfügte. Dass sie bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, wäre dennoch übertrieben.

Müde, aber zufrieden, erreichten wir Amesbury, von wo aus wir den Bus zurück nach Salisbury (in dessen Nähe Stonehenge liegt) nahmen. Dort trennten sich unsere Wege (dass wir uns eine Woche später rein zufällig in London vor der Temple Church wieder trafen, zeigt nur einmal mehr, dass die Welt ein Dorf ist).

Für einen Tag lang war vor mir eine alte Zivilisation auferstanden, über die ich lernte, dass sie schwere Steine aufrichteten und ihre Spuren gut verwischten. Sie belegten auch, dass nicht nur antike Kulturen auf anderen Kontinenten ein gewisses Faible dafür hatten, gewaltige Ressourcen in Bauprojekte zu stecken, die eigentlich niemand brauchte, den nachfolgenden Zivilisationen tausende Jahre später jedoch gewaltige Rätsel aufgaben. Doch zu selbstgefälligem Ausruhen auf erbrachten Leistungen gibt es keinen Grund. Beim weltweiten Wettrennen um das höchste Gebäude der Welt haben die Scheichs aus Dubai  ihrer Konkurrenz mit dem 828 m hohen Burj Khalifa einiges vorgelegt. Sie werden solange weitermachen, bis Gott im Himmel wieder einmal der Geduldsfaden reißt, und er die Menschheit für ihr törichtes Tun bestraft. Mit dem babylonischen Sprachen-Wirrwarr hat er schon einmal für gehörige Konfusion gesorgt. Was fällt ihm wohl als nächstes ein?

Was ist ein Henge? 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 01. April 2015 um 08:15 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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