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Buddhistisches Lebenszeichen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Freitag, den 02. Juli 2010 um 20:19 Uhr

In mehreren Kapiteln der Lotus Sutra wird gesagt, dass das geeignete Mittel zur Verbreitung und Blüte der Lehre des Buddha nach seinem Hinscheiden darin besteht, für die Menschen einen Ort der Verehrung zu schaffen, indem man Stupas über Buddhas heiligen Reliquien erbaut.

27 Jahre ist es her, dass ein japanischer Mönch die Friedenspagode am Ufer der Donau erbaute. Sie ist zu einem beliebten Treffpunkt von Buddhisten verschiedenster Nationen in Wien geworden. Am Sonntag, den 27. Juni 2010 feierte sie sich selbst, zum 27. Mal.

»In mehreren Kapiteln der Lotus Sutra wird gesagt, dass das geeignete Mittel zur Verbreitung und Blüte der Lehre des Buddha nach seinem Hinscheiden darin besteht, für die Menschen einen Ort der Verehrung zu schaffen, indem man Stupas über Buddhas heiligen Reliquien erbaut. […] Grundriss und Aufbau eines Stupa werden durch das Unterbringen von Reliquien des Buddha geheiligt.« (aus dem Info-Flyer der Friedenspagode)

Darin besteht für mich das grundsätzliche Problem der Reliquienverehrung: gemessen an der unerschöpflichen Zahl buddhistischer Stupas in aller Welt, müssen den Anhängern des Erleuchteten doch irgendwann die Reliquien ausgehen. Selbst unter der Voraussetzung, dass der Körper Buddhas mehrere tausend Knochen aufwies, und er in jedem Land der Erde Fußabdrücke hinterlassen hat (manche in Schuhgröße 86), geht sich das beim besten Willen nicht aus. Auch Jesus und diverse Heilige der katholischen Kirche müssen ja in ihre molekularen Bestandteile zerlegt worden sein (war da die Enterprise mit im Spiel?), um sämtliche Abteien und Klöster mit Reliquien zu versorgen. Also haben findige Mönche wohl schon zu allen Zeiten Ersatzteile in ihre Stupas eingebaut. Was man da wohl alles findet?

Eine dieser Stupas steht in Wien. Damit besitzt die Bundeshauptstadt neben einer (äußerlich als solches erkennbare) Moschee auch eine buddhistische Einrichtung (neben vielen kleinen Tempeln, die wie Moscheen in unscheinbaren Wohnungen untergebracht sind). Kultur ist gut, in der viel gerühmten Kulturstadt Wien, aber zu fremdländisch sollt sie halt auch nicht sein. Wo kämen wir denn da hin? Wir bauen unsere Kirchen ja auch nicht überall in der Welt (wir nicht, aber zahlreiche Missionare, die die Einheimischen meist erst gar nicht fragen, was sie davon halten; Hauptsache, der Oberhirte hat ein paar Schäfchen mehr).

Damit genug der Polemik. Das katholische Österreich ist keine buddhistische Hochburg, doch ein unbeugsamer japanischer Mönch hält die weiß-blau-gelb-orange-rote Fahne des Buddhismus hoch. 27 Jahre ist es her, dass er die Friedenspagode am Ufer der Donau erbaute, und sie ist zu einem beliebten Treffpunkt von Buddhisten verschiedenster Nationen in Wien geworden. Am Sonntag, den 27. Juni 2010 feierte sie sich selbst, zum 27. Mal. Standesgemäß bekam unser japanischer Mönch an diesem Tag Zuwachs, denn mehrere japanische Zen-Mönche des Nipponzan Myohogi Ordens  kamen nach Österreich, um mit Rev. Masunaga diesen Jahrestag zu feiern. Das Wetter feierte mit, denn nach einem kalten und feuchten Mai, und einem nur bedingt zulässigen Juni, strahlte die Sonne vom Himmel, und der Wind verblies voller Freude die Notenblätter der Musiker. Doch Buddhisten nehmen jede noch so widrige Situation zum Anlass, sich in Ruhe und Gelassenheit zu üben, und so meisterten sie diese Unannehmlichkeiten ohne gröbere Flüche.

Rein zufällig war ich dabei. Gewiss, ich hatte mich freien Willens ins Auto gesetzt und war dorthin gefahren, doch eigentlich hätte ich von dieser Veranstaltung nichts gewusst. Österreichs Medien vergiften lieber selbst die öffentliche Meinung, anstatt ein Diener der Spiritualität zu sein. Doch an einem freundlichen Maitag, nur wenige Tage nach der Ankunft meiner Familie (aus Vietnam), besuchten wir gemeinsam diesen Ort. Wir waren die Einzigen, als wir den kleinen, schmucklosen Tempel betraten, den Rev. Masunaga betreut, und den er auch sein Heim nennt. Stumm in Meditation versunken, saßen wir auf dem Boden, als ein kleiner, wettergegerbter japanischer Mönch in den Raum kam. Er erblickte uns und setzte sich spontan an eine Trommel, die er in rhythmischen Intervallen anschlug und dazu unverständliche Verse anstimmte (unverständlich für uns; er wusste vermutlich, was er tat).

Nach einer Weile beendete er seinen Sprechgesang und wendete sich uns zu. Auch wenn die Falten eine gewisse Strenge in sein unbewegliches Gesicht malten, so verschwanden diese augenblicklich, als er zum sprechen anfing. Er strahlte Ruhe aus, Heiterkeit, ein Mann, der die Dinge nimmt und ziehen lässt, so wie sie kommen und gehen, so wie wir gekommen waren und wieder gehen würden. Von ihm erfuhren wir auch von dieser Feier. Zum Abschied reichte er unserer Tochter ein Fruchtbonbon, und anschließend auch uns (für eine Extraportion Milch ist man ja angeblich nie zu alt, und für Vitamine sowieso nicht). Sie musste allerdings noch lernen, die Dinge so anzunehmen, wie sie einem gegeben werden, denn als er weg war, begann sie Zitronengeschmack gegen Himbeer zu tauschen. Ich willigte schließlich ein, denn am Ende bekam sie ohnehin alle. Kinder an die Macht.

Völlig unbuddhistisch war ich am Morgen viel zu spät aufgestanden, völlig unbuddhistisch wehrte ich mich dagegen, bei dem schönen Wetter mit dem Auto zu fahren, und völlig unbuddhistisch grummelte ich vor mich hin, weil ich den Tag viel lieber in den Bergen verbracht hätte, als an der Donau. Völlig unbuddhistisch, aber menschlich. Dabei bereute ich meine Anwesenheit ja gar nicht. Natürlich waren zehn japanische Mönche nichts gegen die Tausende aus verschiedenen Ländern, die im Mai 2008 im National Convention Centre in Hanoi den United Vesak Day gefeiert hatten (siehe Tuk Tuk, Sir?: Versammlung der Glatzköpfe), doch allein die Besucher waren ein bunter Querschnitt durch verschiedene Kulturen. Und wann hört man schon eine Dhamma-Rede auf Japanisch? Die Fahnen knatterten im Wind, die Stimmbänder im Rachen der Rezitierenden, und alle waren gut gelaunt (bis auf die Musiker, die ihren Notenblättern nachjagten).

Alles in allem war es eine sehr gelungene Veranstaltung: das Wetter passte, das Buffet konnte dem vehementen Andrang der hungrigen Gäste Paroli bieten (das Catering kam aus indischer Küche), die Stupa selbst war nach längerer Restaurierungsphase wieder betretbar, und die Tänzerinnen hüpften, die japanische Virtuosin zupfte, und überhaupt. Die islamischen Sufi-Musiker fehlten, aber das tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Dafür posierten die Mönche anschließend in harmonischer Eintracht in einem Gruppenbild, das auch die FIFA stolz gemacht hätte. Der Buddhismus lebt. Auch in Österreich.


Die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft (ÖBR) ist die Dachgesellschaft, die den Buddhismus in Österreich vertritt, und aus Gruppen verschiedener Ausrichtungen besteht (z.B. Theravada-, Mahayana- und Zen-Buddhismus). Auf der Homepage der ÖBR kann man sich das vierteljährliche Programm herunterladen, das Seminare, Vorträge, Retreats und andere Veranstaltungen beinhaltet. Sie betreut auch diverse buddhistische Einrichtungen und zeichnet verantwortlich für den buddhistischen Religionsunterricht. Daneben trifft man sich regelmäßig zum Meditieren in kleinen »Tempeln«.

 

 


Einen kurzen Mitschnitt des künstlerischen Rahmenprogramms sehen Sie im folgenden Video:


Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:00 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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