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Die Revolution, die sich verlief... PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Freitag, den 26. März 2010 um 22:59 Uhr

„Sie sollten nächstes Wochenende einen Bogen um Bangkok machen. Es wird Unruhen geben“, bemerkt der Tourguide so nebenbei. „Am Sonntag findet in der Hauptstadt eine Großdemonstration statt. Die „Redshirts“ marschieren auf Bangkok“, fügt er noch hinzu. Aha. Und was bedeutet das genau? Müssen wir um unser Leben bangen, sollten wir unversehens dazwischen geraten? Oder stecken wir bloß im Stau?

„Keine Angst, da passiert schon nichts. Aber meidet die Gegend um den Sanam Luang und die Ratchadamnoen Road, dort wird das Epizentrum des Geschehens sein. Letztes Jahr gab es blutige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Wichtige Punkte, darunter der Flughafen, waren durch die Demonstranten blockiert.“

Ich registriere die Information und bleibe gelassen. Abwarten und Tee trinken. Auch der Mann an der Rezeption unseres Gästehauses beschwichtigt: „Don’t worry. No problem.“ Das Standardrezept halt. Doch ich bin nicht alleine unterwegs. Meine Frau Ha und unsere Tochter reisen mit mir. Und was meine Frau betrifft, fallen die Warnungen auf einen äußerst fruchtbaren Boden. Wo auch immer sie hinkommt, fragt sie Einheimische danach. Auch das Internet wird plötzlich interessant. Die vietnamesischen Medien machen es bereits zum Thema und erinnern an vergangene, unrühmliche Ereignisse. Zeit für ein bisschen Panik also: "Was ist, wenn sie den Flughafen sperren? Ich habe gehört, dass sie aus allen Teilen Thailands kommen. Hier in Chiang Mai wohnt angeblich ein Verwandter Taksins. Was ist, wenn sie sich auch hier versammeln?“ Laut Aussagen von den Locals wenig wahrscheinlich, wo doch jeder in die Hauptstadt fährt. Don’t worry, eben. Mittlerweile hat sie auch die Tochter mit ihren Befürchtungen angesteckt. Großes Seufzen.

Ich finde es eigentlich spannend. Und um die „Hot Spots“ einen Bogen machen, dass sollte uns nicht schwer fallen. Wir sind hier in Chiang Mai, der zweitgrößten Stadt Thailands und von Bangkok weit weg. Vor fünf Jahren war ich schon einmal hier, damals noch solo. Dschungeltrekking war angesagt, doch die wilden Zeiten sind vorläufig vorbei. Keine mehrtägige Trekkingtour oder Whitewater-Rafting. Die gestrige Tour beinhaltete Trekking „light“ (die Gehzeit wurde auf eine halbe Stunde zusammengestrichen), dafür waren alle kinderfreundlichen Aktivitäten mit dabei: ein Ritt auf einem Elefanten und Bamboo-Rafting. War das ein Spaß! Der Elefant saugte die Bananen mit Wonne in den Rüssel und knabberte das Zuckerrohr wie Soletti. Die Flußfahrt blieb zahm, da Trockenzeit. Trotzdem stand Choice im Mittelpunkt, weil es alle Thais als Ehrensache sahen (und es waren deren viele, da Sonntag) sie anzuspritzen. Der kurze Fußmarsch zu einem Wasserfall ließ des Müllers Lust aufkommen, die vom äußerst frischen Wasser rasch abgekühlt wurde. Trotz meiner ausgeprägten Antipathie gegen kaltes Wasser ließ ich mich überreden, denn es war kein leichter Schwimmplatz für ein Kind, das noch dazu kein sicherer Schwimmer ist. Das war eigentlich auch schon das größte Abenteuer des Tages. Nein, vielleicht doch die Flußfahrt, denn dieses Mal durfte ich am Heck steuern, während ich beim letzten Besuch noch unbeteiligter Passagier gewesen war. In weiteren fünf Jahren habe ich dann vielleicht mein eigenes Floß.


 
(Video mit Szenen aus Nordthailand)

Auch der nächste Tag geht ähnlich tollkühn weiter. Am Abend zuvor treffen wir auf dem Nachtmarkt eine Bekanntschaft von Bangkoker Hauptbahnhof Hua Lamphong. Sie ist Deutsche, lebt mit ihrem Mann aber schon seit zwanzig Jahren in London. Ihre Tochter ist sieben und damit ein Jahr jünger als Choice, und die beiden Mädels sind auf Anhieb ein Herz und eine Seele. Geduldig lauschen wir den Bühnendarbietungen, wo sich junge und bildhübsche Thai-Mädchen anmutig bemühen, den zusehenden Touristen nordthailändische Folklore darzubringen. Ich genieße den Moment, da ich unter normalen Umständen nicht dazu berechtigt bin, hingebungsvoll andere Frauen anzustarren. Die Anmut, Eleganz und Präsenz thailändischer Tänzerinnen schlägt mich jedes Mal aufs Neue in ihren Bann, sie ist unerreicht. Später gehen wir gemeinsam essen und ein Plan wird geboren. In meiner Version miete ich ein Motorrad und erkunde mit den Meinen die nähere Umgebung der Stadt, mit dem Tempel That Doi Suthep als unangefochtenem Highlight. Zu fünft ist ein Motorrad natürlich etwas unbequem, und Stefanie eine ungeübte Fahrerin. Also muss ein Taxi her, die ungeliebte Variante, denn dekadent und meine Freiheit einschränkend, jederzeit stehenbleiben zu können, wo und wann immer ich will. Es muss ein Fahrpreis und eine Route ausgehandelt werden. Aber in diesem Fall definitiv die praktischere Lösung.

Wir finden uns nicht auf Anhieb, und Stefanie ist erzürnt, dass sie der Taxifahrer geradewegs ignoriert und sich stur an mich wendet, wenn es etwas zu besprechen gibt, doch Asiens Männer sind im Umgang mit Frauen etwas, nun sagen wir, konservativ. Wir einigen uns auf Preis und Route und fahren los. Ich kenne Doi Suthep bereits, doch litten meine Fotos beim letzten Mal unter dem einsetzenden Regen. Heute ist Feuchtigkeit kein Problem, eher schon die brütende Hitze, die mir wenig ausmacht, aber für eine Frau, die mir schon heftige Vorwürfe macht, wenn ihre Haut durch meine Schuld um eine Nuance dünkler wird, ein Problem. Rein physikalisch kann sie gar nicht dunkler werden, da kein Sonnenschein jemals Gelegenheit erhält, ungehindert auf die Haut zu treffen, aber Einbildung ist eine starke Emotion, stärker noch als die Macht der Jedi-Ritter.

Doi Suthep ist ein wunderschöner Tempel, gelegen auf dem gleichnamigen Berg, von dem man eine gute Aussicht über Chiang Mai genießt. Theoretisch zumindest, denn im März ist die Luft so diesig, dass ich die Stadt hinter dem Schleier nur erahne. Es ist die Zeit der Brandrodungen und dem Absengen der Äcker, die für diese Trübung verantwortlich zeichnen. Doch der goldene Chedi im Zentrum der buddhistischen Anlage glänzt im Sonnenlicht, und nach dem berühmten Wat Phra Kaew, dem Tempel des Smaragdbuddhas im Königspalast in Bangkok, ist es der zweitschönste thailändische Tempel, den ich gesehen habe. Ha nutzt wie üblich jede sich bietende Gelegenheit, um zu opfern und zu beten, und da sich in einem Tempel von dieser Bedeutung allerhand Gelegenheit dazu bietet, ist sie damit eine ganze Weile beschäftigt. Zum Glück habe ich meine Kamera, mit der ich mich in diesen Stunden der Einsamkeit vertröste. Auch Choice greift die Rituale ihrer Mutter begierig auf und verneigt sich vor den mannigfaltigen Formen Buddhas. Es gibt Statuen, da steht Buddha, dann wiederum liegt er oder sitzt meditierend auf dem siebenköpfigen Naga. Auch der Handhaltung kommt eine eigene, spirituelle Bedeutung zu. Für jeden Tag der Woche existiert eine typische Darstellung des Erleuchteten.

Nachdem wir die lange Treppe hinuntergeschritten sind und die zahlreichen Imbiss- und Souvenirstände hinter uns gelassen haben (Wer in aller Welt braucht den Krempel?) bringt uns der Fahrer zum nächsten Punkt dieser aufregenden Expedition. Im Zoo am Fuße des Berges gibt es ein Aquarium, Pandas und viele andere exotische Tiere. Ein anderes, lohnendes Ziel stellt ein Wasserfall dar, der in mehreren Stufen einen Berg talabwärts rinnt. Besonders wir Erwachsenen sind von dieser Vorstellung angetan. Welch Fehler, den Kindern diese Entscheidung zu überlassen! Trotzdem begehen wir ihn. An der Zookasse steigen wir aus dem Fahrzeig aus. Eine Stunde will uns Herr Ronny geben, soll sich der Wasserfall auch noch ausgehen. Wir lächeln müde und einigen uns auf 90 Minuten. Auch das reicht knapp nicht, doch wir wollen es wissen, drängen zum Wasserfall und schwören hochheilig, dort nicht herumzutrödeln. Die einzelnen Stufen des zehnteiligen Wasserfalls sind nett, doch in der Trockenzeit nur ein Abklatsch ihrer selbst. Pünktlich kehren wir zum Parkplatz zurück, obwohl wir einen anderen Weg einschlagen und beinahe auf der falschen Seite stranden. Das Furten gerät ob eines Wasserspiegels von 10 cm zum Kinderspiel, auch an dieser Stelle bleibt uns ein Abenteuer versagt. Trotzdem sind alle zufrieden.

Fast alle. Während der Rückfahrt die obligate Frage nach den Redshirts. Wir erfahren, dass der Zug auf Bangkok begonnen hat und bekommen eine interessante Einführung in die Hintergründe dieses Konflikts. Herr Ronny ist ein Anhänger Taksins, des Vertriebenen, des Mannes des Volks, wie er beteuert. Der erschwingliche Zugang zu medizinischer Versorgung für alle war sein Werk, doch die Reichen sollten mehr bezahlen und das mißfiel ihnen. Die Treibstoffpreise seien seit seiner Absetzung auch drastisch in die Höhe geschnellt, was ihn als Taxifahrer besonders triftt. Er preist Taksin als Fürsprecher des „kleinen Mannes“ und steigert sich zunehmend in seine Argumentation. Am Ende bricht er abrupt ab und entschuldigt sich fast bei uns, so als habe er uns nicht mit seinen politischen Ansichten belästigen wollen. Im Gegenteil, ich bin froh darüber mehr zu erfahren und hake nach. Wie es um die Korruptionsvorwürfe stehe, die dem ehemaligen Premier unter anderem seinen Job gekostet haben? „Das wurde alles übertrieben“, ärgert sich Herr Ronny, Taksin sei nicht mehr oder weniger korrupt gewesen, als andere Politiker auch. Das klingt durchaus plausibel, sieht man sich die zahlreichen Fälle auf aller Welt an, wo einflussreiche Politiker vom großen Finanzkuchen illegal mitnaschen. Selbst im reichen und ach so korrekten Westen. Heute lebt Taksin im Exil, zur Zeit gerade in Dubai. Ein paar Münzen wird er also doch noch beiseite geschafft haben. Interessant, dass sich auch in den USA so viele (Reiche) gegen die von Barak Obama geplante Gesundheitsreform wenden. Gleiche Stücke in wechselnder Besetzung.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“, beruhigt uns Herr Ronny abschließend. „No problem.“

Diese gut gemeinten Worte hindern uns dennoch nicht daran, uns in die zu Bangkok entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Von Chiang Mai weiter hinauf in den Norden, so lautete die Devise bereits vor der Geschichte mit den Rothemden, denn fünf Jahre zuvor endete mein Vorwärtsdrang genau hier wegen akuten Zeitmangels, einem Grundproblem jeder Reise. Nordöstlich wartet Chiang Rai, der Gateway zum „Goldenen Dreieck“, der „Opiumhöhle“ im Grenzgebiet zwischen Thailand, Burma und China, der die thailändische Regierung im Kampf gegen illegalen Drogenkonsum den Kampf angesagt hat. Besonders reizvoll erscheint die Variante einer Flussfahrt zu dieser Stadt, die im kleinen Ort Tha Ton ihren Anfang nimmt. Allein, schon der Reiseführer empfiehlt die Regenzeit für dieses Vorhaben, wenn die Flüsse angeschwollen sind und die Reise in einem halben Tag zu bewerkstelligen ist. Meine Erkundigungen bestätigen meine bösen Vorahnungen, denn nun zu dieser Jahreszeit beträgt die Dauer einen vollen Tag, und das mit einem Kind, das schon auf einem Ausflugsboot um Phu Quoc im südlichen Vietnam bei ruhigem Meer übel wird. Wäre ich alleine unterwegs, wähnte ich mich schon in jenem Boot, doch ein Familienurlaub unterliegt eben anderen Gesetzen.

Aus diesem Grund wende ich mich gespannt nach Nordwesten und greife eine Idee auf, die ich schon bei der letzten Reise ins Auge gefasst habe. Circa drei Fahrstunden von Chiang Mai liegt der kleine Ort Pai in einer Hochebene inmitten der Berge nahe der burmesischen Grenze und wird ob der ihn umgebenden landschaftlichen Idylle gepriesen. Klang diese Destination vor fünf Jahren noch nach einem Geheimtipp, so hat sich das ruhige Örtchen mittlerweile zu einem wahrhaftigen Touristenort entwickelt. Doch entkommt dem Trubel, wer sich ein Motorrad mietet und auf eigene Faust die Umgebung erkundet, oder die Wandelstiefel schnürt, um die bezaubernde Landschaft zu durchstreifen. Besser ist der Dezember, wenn saftiges Grün das Tal überzieht und der Reisfelder Halme sich sanft im Winde wiegen. Nun liegt die Landschaft trocken vor uns, doch schön ist sie, und hell erleuchten goldene Sonnenstrahlen das fallende, fahlgelbe Laub, wie an einem warmen Herbsttag daheim. Die Bauern nutzen die brach stehenden Reisfelder, um Knoblauch, Sojabohnen und auch Getreide anzubauen. Als wir an solch einem Feld vorbeikommen, wo die Knoblauchernte in vollem Gange ist, da lässt es sich Ha nicht nehmen, begeistert ein Bündel der weißen Knollen auszugraben. Die Thais nehmen es amüsiert zur Kenntnis. Nun habe ich weder Pannendreieck noch Erste-Hilfe-Kasten dabei, doch ein paar Zehen Knoblauch, die in den Korb vor mir wandern. Wenn mich schon ein technisches Gebrechen stoppte, wenigstens vor Vampiren bin ich gefeit.

Wir besuchen heiße Quellen, in deren achtzig Grad heißem Wasser Schulkinder Eier kochen, und baden in natürlichen Becken von etwas kühlerem Inhalt. Es fühlt sich an wie in einer heißen Badewanne. Wir passieren Elefantenfarmen, auf denen die rüsseligen Dickhäuter genüsslich am Zuckerrohr kauen, und wir nehmen im Vorbeigehen, sozusagen, einen weiteren Wasserfall mit. Wir besuchen ein chinesisches Dorf und ein Dorf burmesischer Einwanderer. Auch dem Pai Canyon statten wir einen Besuch ab, eine bizarre Landschaft, in der die heftigen Monsunregen die weicheren Gesteinsschichten ausgewaschen haben, um senkrechte Lehmwände zu formen, auf denen man – teils ausgesetzt – entlang verwegener Kämme durch die Gegend spaziert.


Unumgänglich dann der abendliche Abstecher ins Internet. Die Redshirts mobilisieren ihre Anhänger, die Sicherheitskräfte wappnen sich für den kommenden Ansturm, und martialische Reden heizen die Stimmung weiter an. Ha hat Angst vor dem „Krieg“, ich versuche sie zu beruhigen, mit zweifelhaftem Erfolg. Kein Wunder, kennt sie doch derartige Ereignisse nicht aus ihrem Heimatland Vietnam, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung von der kommunistischen Regierung kontrolliert wird und solche Massendemonstrationen undenkbar wären. Trotz aller Misstöne werden wir Zeugen gelebter Demokratie, wie sie im Westen schon länger Tradition hat. Kaum ein Land, das nicht von Großdemonstrationen und Arbeitsstreiks geplagt wird, doch unverzichtbare Instrumente politischer Anteilnahme durch den Einzelnen sind sie.


Da Bangkok nicht nur das geografische Zentrum Thailands darstellt, sondern auch den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt, ist es unvermeidbar, früher oder später wieder dorthin zurückzukehren. Doch noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen. Ein anderes Ziel, knapp vor den Toren der Hauptstadt lockt, und wiederum erfülle ich mir einen Wunsch, der mir ehedem versagt geblieben ist. Ayuthaya, die ehemalige Hauptstadt Siams und zerbröselte Ruinenstadt, ist neben Sukothai eine der beiden Hauptattraktionen Thailands für alle Freunde verblichener Kulturen und monumentaler Tempel. Gewiss, kein Angkor Wat, und doch erhält man einen prickelnden Vorgeschmack auf die imposanten, weltberühmten Khmer-Bauwerke jenseits der Grenze in Kambodscha.

Als wir die kurvige Straße von Pai herunterkommen und an die Stadtgrenze von Chiang Mai gelangen, da erspähen wir die ersten Pickup-Trucks, mit roten Wimpeln geschmückt und mit rotwamstigen Menschen bemannt. Ein Wagen mit Lautsprecher peitscht die unbeteiligten Passanten und Verkehrsteilnehmer auf. Es sollte nur die Vorhut sein, denn kurze Zeit später sitzen wir schon im Bus nach Bangkok und beobachten die Wagenkolonnen auf der linken Fahrbahnseite, an denen wir vorüberrollen. Dann und wann erreichen wir einen Checkpoint, wo alle Rothemden von der Polizei angehalten werden, um deren Ausweise zu kontrollieren und nach Waffen zu suchen. Dennoch präsentiert sich die Lage relativ entspannt. Zwar sehe ich den einen oder anderen vermummten Typen auf einer Ladefläche, doch ist dies wohl eher als Atemschutz zu verstehen, denn als Maskerade. Die Szenerie wirkt, als wären Schlachtenbummler unterwegs zu einem Fußballmatch.

Die Stunden verrinnen, und wir passieren einen Checkpoint nach dem andern. Seit zehn Uhr vormittags sind wir schon auf vier Rädern unterwegs, nun hüllt die Dunkelheit den Bus in dunkles Samt und Müdigkeit übermannt uns. Der Bus hält nicht direkt in Ayuthaya, sondern entlang der Autobahn, wo wir hoffentlich von einem Taxi in die Stadt gebracht und ein Gästehaus finden werden. Doch je später es wird, desto fraglicher ist dieses Szenario. Wann klappt man in Ayuthaya die Gehsteige hoch?

Um halb zwölf endlich, nach einem Essensstopp in einem dieser unsäglichen Busrestaurants, wo sie das schlechteste Essen unter der Sonne servieren, halten wir am Straßenrand, wo wir höflich, aber bestimmt, aus dem Bus komplimentiert werden. Erleichterung durchströmt mich, als ich der beiden Taxis gewahr werde, die in zwanzig Metern Entfernung auf Kundschaft warten. Der Fahrpreis ist halbwegs fair und schnell verhandelt, denn unsere Verhandlungsposition ist schwach. Wer mitten in der Nacht mehrere Kilometer von der nächsten Stadt an der Autobahn steht und ein Bett möchte, der diktiert keine Bedingungen. „Um diese Zeit haben nicht mehr viele Gästehäuser offen, aber ich kenne einen Freund, der für 300 Baht ein Zimmer anbietet. Ich kann Sie dorthin bringen“, erklärt der Fahrer. Ich stimme zu, nachdem mir zuvor schon zwei andere Quartiere auf meine telefonische Anfrage hin erklärten, nun sei es zu spät und man wolle nicht mehr auf uns warten. Der Kunde ist König, außer in Ayuthaya, dort verhungert er auf der Straße. Doch führt das Schicksal mitunter vortrefflich Regie, denn als wir zehn Minuten später vor dem Haus halten und von der fülligen, aber überaus freundlichen Frau empfangen und auf unser Zimmer geführt werden, da sieht die Welt gleich wieder besser aus. Die beiden anderen Gäste, die vor dem Haus sitzen, passen perfekt zum Ambiente: ein Amerikaner, mit schütterem, langem Haar, der in China lebt und arbeitet, und die Ruhe von Ayuthaya nutzt, um die Zukunft zu überdenken, wie er sagt. Seine chinesische Freundin, mit der er die Wochen davor im Süden des Landes verweilte, ist bereits wieder abgereist. Der zweite im Bunde ist ein schmächtiges Bürschchen mit breitem Lächeln, kommt aus Australien, schaut aus wie ein Irokese aus Rapa Nui und ist der Cousin unserer Vermieterin, spricht aber kein Thai. Er ist das erste Mal in Thailand. Dafür hat die freundliche Frau vietnamesische Wurzeln, wie Ha herausfindet, doch sie spricht kein Vietnamesisch. Ich spreche weder Thai, noch Vietnamesisch, was angesichts meiner weißen Visage niemanden verwundert. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl hier.

Der neue Tag bringt viel Sonne, doch wie lockt man Nachtschattengewächse hinaus ins Freie, wenn die Quecksilbersäule behände emporklettert? Ich schaffe es, und nach dem Mieten eines Motorrollers und einem Frühstück bewegen wir uns zwischen verwittertem Stein, Türmen, Chedis und kopflosen Buddhafiguren herum. Das Fotografieren der kopflosen Statuen ist per Hinweisschild untersagt, doch sie sehen es ja ohnehin nicht. Die ganze Innenstadt, die einer Insel gleich von drei Flüssen und einem Kanal umgeben ist, wimmelt nur so von historischen Stätten (Ayuthaya ist ein UNESCO Weltkulturerbe) und überrascht mich angenehm mit ihrem Flair. Kühne Treppen führen steil die Türme empor, wir klettern über steinerne Sockel und Palisaden und atmen einen Hauch von Angkor Wat. Die knorrigen, blattlosen Bäume stehen in Blüten und besprenkeln die Umgebung mit weißen Farbtupfen. Erinnerungen an die gewaltigen Monumente um Siem Reap tauchen auf, zwischen denen ich vor nicht allzu langer Zeit gewandelt bin. Nur wenige Tempel sind von den Tagesbussen in Beschlag genommen, der Rest gehört dem Individualisten.

Einen Tag verbringen wir in der Vergangenheit, dann müssen wir uns wieder der Gegenwart stellen. Wenige Tage bleiben uns, ans Meer wollen wir, das Ziel ist klar: Cha Am. Alles weitere ist Strategie, denn heute ist der große Tag der Demonstration gegen die ungeliebte Regierung. Der Gegner zieht seine Figuren in und um Bangkok zusammen, besetzt strategische Positionen, und meine Aufgabe ist es die Lage abzuschätzen, den Stau zu vermeiden und die Gefährten bei der Stange zu halten. Kurioserweise fühlt sich Ha von den Geschehnissen angezogen, denn sie ist neugierig geworden. Doch mitspielen, das wäre unklug. Wie leicht kann die Stimmung kippen, verwandeln sich friedliche Aufmärsche in emotional geladene, gewalttätige Auseinandersetzungen. In den Nachrichten sehen wir hunderttausende Menschen in roten Gewändern versammelt, deren Anführer von einem gewaltigen Podium Reden schwingen, dann wieder Lieder anstimmen und abermals reden. Obwohl wir kein Wort verstehen, ist die Botschaft klar: hier wird Geschichte geschrieben.

Doch wenden wir uns dem Spielfeld zu. Im Zentrum sitzt der Gegner, und seine Figuren sind zahlreich. Im Süden, im Osten und im Norden sammeln sie sich in den Vororten, um sich abzusprechen und in einem geordneten Zug über die Stadt hereinzubrechen. Ebenso in zentraler Lage befindet sich Hua Lamphong, der Hauptbahnhof, der die landesweite, zentrale Drehscheibe für den Zugsverkehr darstellt. An den Flanken liegen die Busbahnhöfe für den Norden und Nordosten, den Süden und den Südosten. An der Peripherie dieser Millionen-Metropole zu bleiben und ein Stockwerk unter der Erde (die U-Bahn) oder ein Stockwerk über ihr (die Skytrain) zu reisen, das stellt die vielversprechendste Option dar. Alle Busse aus dem Norden halten in Mo Chit, dem Nordbahnhof. Von dort gelangt man mittels Skytrain zum Rot Ekamai, dem südlichsten Busbahnhof. Ein genialer Plan, der auch familienintern viel Zustimmung erhält, doch weist er einen gravierenden Schönheitsfehler auf, den ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Der südlichste Busbahnhof ist mitnichten derjenige, der seine Busse in die südlichen Landesteile entlässt. Seine Ziele liegen im Südosten, wie Pattaya, Ko Samet, Ko Chang oder die Grenze nach Kambodscha. Der Busbahnhof für den Süden liegt in einem Vorort östlich der Stadt und ist öffentlich bei weitem nicht so gut angebunden wie Mo Chit. Da ist guter Rat teuer.

Ich beschließe, zuerst einmal in den Bus zu steigen und in Mo Chit zu entscheiden, wie es weitergeht. Doch der Ehemann unserer freundlichen Vermieterin hält davon wenig. In der Früh quittiert er unsere Pläne mit einem sorgenvollen Kopfschütteln, denn im Radio erzählt man, dass Mo Chit fest in roter Hand sei. Doch er weiß einen Ausweg. „Meine Frau glaubt zu wissen, dass es von Ayuthaya einen direkten Minibus zum südlichen Busterminal gibt. Das wäre die beste Lösung“, gibt er sich zuversichtlich. Ich bin entzückt. Doch werden wir diesen Minivan aus eigener Kraft wohl nicht finden, denn gestern fand ich nur mit Mühe den regionalen Busbahnhof, der sich als offene Haltestelle mit angeschlossenem Ticketschalter präsentierte, und Minibusse fahren von mehreren Stellen ab. Dies erfordert handfeste Ortskenntnisse, und woher soll ich die nehmen? Doch man ist rührend um uns bemüht. Flugs verfrachtet man uns und unser Gepäck in den eigenen Wagen und setzt uns an der richtigen Straßenecke ab. Wir bezahlen dem Fahrer vier Plätze, denn ein Teil unseres Gepäcks muss angesichts des jämmerlichen Stauraums auf einem eigenen Sitz Platz nehmen. Dieses Rätsel beschäftigt mich immer noch: ein Minibus fährt zu einem großen Busterminal, von dem man in der Regel zu weiter entfernten Destinationen aufbricht. In der Regel tut man dies nicht alleine, sondern in Begleitung einer Reisetasche, eines Koffers oder eines Rucksacks. Und diese Gegenstände benötigen, da sie eine bestimmte physikalische Ausdehnung haben, ein Minimum an Platz. Selbst unter der Voraussetzung, dass nicht alle Fahrgäste in die Ferne schweifen, erscheint mir die Annahme, dass es keiner von ihnen tut, als verwegen, ja geradezu töricht! Doch das ist Asien. Solch rationalen Überlegungen haben im Denkkosmos der Asiaten keinen Platz. Sie sind nur jedes Mal auf Neue baff erstaunt, dass es Reisende gibt, die mit mehr Gepäck als einer Handtasche aufkreuzen.

Unser Plan geht auf. Ohne größere Probleme gelangen wir zum südlichen Busterminal, von wo wir in einen Regionalbus nach Cha Am umsteigen. Eigentlich fährt der Bus nach Prachuap Khiri Khan, aber das kennt ohnehin niemand. Es ist einer jener Busse, die nicht unbedingt langsam sind, aber auch nicht gerade den Eindruck erwecken, als müssten sie einen Fahrplan einhalten. Irgendwann kommt man schon an. Der Fahrer hält, um Fahrgäste zwischendurch ein- und aussteigen zu lassen, er hält, um kühle Getränke zu tanken und ein weiteres Mal, um frischen Blumenschmuck zu kaufen, als ein Mönch zusteigt. Abgesehen davon ist die Bordunterhaltung eintönig, da der Fernseher als inhaltsleeres Gerippe in seiner Verankerung hängt und zur Aufbewahrungsbox umfunktioniert wird. Auch die Redshirts machen sich rar, aber die haben auch andere Sorgen als die Wahl des richtigen Sonnenschutzfaktors am Strand.

Irgendwann kommen wir in Cha Am an (wie schon üblich schmeißt man uns am Highway aus dem Bus) und nach dem rituellen Geplänkel mit dem Taxifahrer bringt uns der zu einem Schmuckstück von Gästehaus. Man merkt den Einfluss der Provinz, denn in Bangkok bekämen wir deutlich weniger für unsere Baht. Ich nehme einen Atemzug der salzigen Meeresluft und tauche wenig später in die warmen Fluten des Golfs von Thailand, die in hohen Wellen an den Strand rollen. Wie warm ist doch das thailändische Meer, viel wärmer als beispielsweise das Südchinesische, welches sich vor der Küste Vietnams breit macht. Wir sehen wohltuend wenige westliche Touristen, doch als wir mit dem Motorrad die Promenade abfahren, da finden wir sie vierfach konzentriert um ihre Bettenburgen. Doch viel touristischer ist Hua Hin, 25 km von Cha Am entfernt, wo die Königsfamilie gelegentlich zur Sommerfrische weilt. Der königliche Störfaktor begleitet mich auf meinen Reisen, denn genau so wie im englischen Windsor, wo die Anwesenheit der Queen die Sperre eines Teil des Schlosses bedingte (den Rest durfte ich jedoch kostenlos besichtigen), so verwehrt man uns hier den Zutritt zum „Palast fernab der Sorgen“. Der König sei hier, meint ein schwer bewaffneter Soldat, und weist uns ab. Wir trösten uns mit dem allzeit öffentlich zugänglichen alten Königspalast auf halbem Weg von Cha Am, dessen gelb und blaue Holzteile zu einem luftigen Bauwerk verschränkt sind. Der englische Rasen und die kunstfertig gestutzten Sträucher und Bäume zeigen, dass Thailands Könige gerne den Blick nach Europa warfen, um sich Inspiration zu holen. Speziell König Mongkut (bekannt aus dem Film „Anna und der König/The King and I“) und sein Sohn Chulalongkorn öffneten das Land behutsam gegenüber dem Westen. Dennoch blieb das Land frei von europäischer Kolonialherrschaft, im Gegensatz zu Burma, Kambodscha oder Vietnam (die letzteren dafür knusprige französische Baguettes bescherte).

In den Nachrichten Bilder der Protestbewegung, doch bislang bleibt die Lage ruhig. Es gibt weder Ausschreitungen, noch Verletzte oder gar Tote. Der Regierungschef weigert sich zurückzutreten, und die Demonstranten weigern sich, nach Hause zu fahren (obwohl der Premier ihnen dafür seine Unterstützung anbietet, der Schlawiner). Als sich politisch nichts bewegt, greifen die Redshirts zu dramatischen Gesten. Hunderte Liter Eigenblut werden vor dem Regierungs- und dem Wohnsitz des Premierministers in einem Ritual verschüttet. Unmittelbar danach kommt die Putzbrigade und wischt alles auf. Solcherart entmutigt beginnt die Phalanx der Protestbewegung zu bröseln und die ersten reisen ab. Wichtige öffentliche Einrichtungen, darunter der Flughafen, bleiben unbehelligt. Gut so, denn wir werden ihn noch brauchen.

Im Touristenghetto verelendet nur der, der niemals die Nase in die Umgebung steckt. Mögen die Pauschaltouristen in Hua Hin versauern, der Freigeist schwingt sich auf zwei Räder und fährt die vierzig Kilometer nordwärts nach Petchaburi, wo die Affen vor dem Höhlentempel im Brunnen plantschen und ein königlicher Palastkomplex hoch über der Stadt auf einem „heiligen“ Hügel über dem Geschehen thront. Das Hauptgebäude ist dem berühmten Wat Phra Kaew von Bangkok nachempfunden, doch ein Deja-vu bleibt mir versagt. Die Aussicht aber ist herrlich. Viele weitere Tempel liegen in der Stadt verstreut - die bunten, prachtvollen, landestypischen. Man muss nicht weit fahren, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Auf anderer Route geht es dann zurück, durchs Hinterland statt monotonem Highway. Die schlanken Palmen mit kugelrunder Blattkrone erinnern mich frappant an Kambodscha, denn ich habe sie noch niemals außerhalb der Khmer-Landen gesehen. Allerdings gehörten Teile Thailands und auch der Süden Vietnams vor langer Zeit zum Khmer-Imperium, mit Angkor als seinem Zentrum. Den Stil seiner Bauherren erkennt man sofort, ebenso wie seine Palmen.

Im Regionalzug geht es retour nach Bangkok. Die Wagen alle dritter Klasse, Sitze aus Hartplastik und überfüllt. Wir erkämpfen uns Sitze und lassen die Landschaft an uns vorüberziehen. Rund eineinhalb Stunden länger als per Bus dauert die Fahrt, doch wieviel kurzweiliger als die Straße ist sie! Wir passieren Felder, kleine Dörfer und mittelgroße Städte. So trocken sich der Norden präsentierte, so grün sind bereits hier die Felder, und junge Reissetzlinge stehen aufrecht in den Tümpeln. Teilweise pflügt man auch hier noch mit Hilfe von Wasserbüffeln. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Vororte von Bangkok, und lange noch rollt der Zug gemächlich durch die Häuserschluchten, bevor er am Ende der Reise im Hauptbahnhof zum Stehen kommt. Keine Rothemden. Es herrscht purer Alltag.

Am nächsten Tag erreichen wir ohne Schwierigkeiten sicher den Flughafen. In Frankreich frisst die Revolution ihre Kinder. In Thailand schickt sie sie nach Hause. Doch sie werden wiederkommen. Wie ich übrigens auch.


Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:28 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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