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Prosit Neujahr! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Sonntag, den 07. Februar 2010 um 15:53 Uhr

Ein ungewöhnlicher Wunsch, jetzt im Februar? Ja. Und nein. Schauen Sie doch einmal in den Kalender. Den Mondkalender! Letztes Jahr lebte ich zu dieser Zeit noch in Hanoi und registrierte die Veränderungen auf den Straßen, die damit einhergingen. Im folgenden lesen Sie einen kurzen Abschnitt aus meinem neuen Buch "Plötzlich in Vietnam" (noch nicht erschienen), der dem Jahreswechsel in diesem Land gewidmet ist.


[...] Mitte Januar begannen auch in Vietnam die Vorbereitungen auf den Jahreswechsel. Offensichtlich hatte es sich auch bis nach Indochina herumgesprochen, dass 2009 begonnen hatte. Damit waren sie zwar ein wenig spät dran, doch auch die Chinesen sind ja bekanntlich Spätzünder. Umso hektischer waren sie daher bemüht, das Versäumte nachzuholen. Geschenke wurden gekauft, die Heime dekoriert und die Straßen verstaut. Augenscheinlich war es den Bewohnern Hanois ein kollektives Anliegen der Welt zu beweisen, dass das städtische Verkehrschaos noch steigerungsfähig war. Die Stadtverwaltung tat das ihre dazu, indem sie kurz vor Tet (so wird dieses Ereignis in der Landessprache genannt) wichtige Straßenzüge kurzerhand in Baustellen verwandelte. Somit wurden der Weg zur Arbeit und diverse Erledigungen zum Geduldsspiel und Hindernislauf. Doch Brot und Spiele will das Volk, das haben umsichtige Herrscher schon lange vor unserer Zeit erkannt.

Die bevorstehenden Feiern nehmen vielfältige Erscheinungsformen an. So fuhren schon die Wochen davor Kumquatbäume durch die Stadt. Der Kumquatbaum ist das vietnamesische Pendant zum Christbaum, doch hat er gegenüber unserem Modell ein paar Vorzüge. Erstens leben die Bäume, und werden nach den Festlichkeiten im Garten ausgepflanzt. Das würde bedeuten, dass ein siebzigjähriger Vietnamese eine beachtliche Plantage sein Eigen nennt, weswegen ich glaube, dass die meisten die Bäume nur ausleihen und nach dem Fest wieder zurückbringen oder sich gegenseitig damit beschenken. Sollte die Idee eines Kumquatbaumverleihs noch nicht verwirklicht sein, so werde ich sie irgendwann selbst in die Tat umsetzen. Dieses Geschäftsmodell ließe sich natürlich auch leicht auf Christbäume übertragen. Zweitens nadeln die Bäume nicht, was den Hausputz danach ungemein erleichtert. Und drittens erübrigt sich das Kaufen von Baumschmuck, denn der Baum kommt bereits mit golfballgroßen, orangefarbenen Kugeln bestückt. Die man, viertens, sogar aufessen kann. Ein Wunderbaum!
   
Am darauffolgenden Wochenende entdeckte ich dann auch das lokale Gegenstück zu einem Weihnachtsmarkt. Auch wenn der Vergleich hinkt, denn Weihnachtsmärkte strahlen eindeutig mehr Atmosphäre aus. Es handelte sich vielmehr um eine Art Neujahrs-Messe. Auf mehrere Gebäude verteilt präsentierten Aussteller und Händler alles, was vietnamesische Glücksritter brauchen: Lucky Buddhas und Lucky Money, diverse andere Glücksbringer und natürlich auch verschiedene traditionelle Festtagsköstlichkeiten, daneben auch Bekleidung, alltägliche Lebensmittel und verschiedene Wellness-Produkte, denn warum soll man eine Veranstaltung von dieser Bedeutung nicht gehörig kommerziell ausschlachten? Marzipanschweine und Glückspilze fand ich keine, auch Schornsteinfeger, vierblättriger Klee und goldene Hufeisen waren eindeutig unterrepräsentiert. Möglicherweise hat man diese in unseren Breitengraden üblichen Glückssymbole auch in Vietnam irgendwann ausprobiert, ohne dass sie jedoch ein nennenswertes Ergebnis brachten. Vielleicht wirken sie dort nicht. Der regionale Wirkungsgrad von Glückssymbolen ist meiner Meinung nach noch viel zu wenig untersucht und stellt sicher ein lohnendes Forschungsgebiet dar. Dafür erstanden wir ein kleines goldenes Schiff, das uns für 2009 viel Glück versprach. Seinem Hersteller hatte es schon jetzt Glück gebracht.

So hektisch sich das Treiben auf den Straßen und in den Läden vor Tet darstellt, so ruhig wird es zum Jahreswechsel selber. Die Familien ziehen sich in die eigenen vier Wänden zurück, die Geschäfte werden geschlossen, und das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Auf den Straßen wird es gespenstisch still. Der erste Besucher im neuen Jahr ist ein bedeutender Glücksfaktor, und da man das Glück in Asien ungern dem Zufall überlässt, wird er in der Regel selbst eingeladen. Nicht auszudenken, würde gar ein Bettler an die Türe klopfen! Es handelt sich dabei häufig um Personen, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht haben. Wer also niemals zu diesem Anlass eine Einladung erhält, sollte sich über seinen gesellschaftlichen Status ernsthaft Gedanken machen. Wer die Hamsterkäufe in den Tagen davor vergessen oder finanziell nicht durchgestanden hat (die Lebensmittelpreise steigen um Tet signifikant an), begibt sich mit knurrendem Magen in den nachfestlichen Alltag. Mich selber berührte das alles wenig, denn ich gedachte die Festlichkeiten in Thailand zu verbringen. Mit Ha. Für mich war es bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land bereiste, für sie das erste Mal. Das mag angesichts der geografischen Lage von Österreich und Vietnam auf den ersten Blick ein wenig verwundern, doch hat jeder Tourist, der länger als zwei Wochen in Vietnam verweilt, in der Regel mehr von diesem Land gesehen als die meisten Einheimischen selber.

Das bevorstehende Neujahr war auch ein idealer Anlass, um dem lokalen Polizeirevier den gebührenden Respekt zu erweisen. Das Verschenken von „Lucky Money“ (kleine, druckfrische Banknoten in einem speziell designten, roten Kuvert) ist ein Brauch, so wie man bei uns dem Hausbesorger oder dem Schornsteinfeger zum Jahreswechsel ein kleines Trinkgeld zukommen lässt. Für gewöhnlich erhalten Kinder und junge Erwachsene diese Aufmerksamkeit von ihren Eltern oder älteren Familienangehörigen, was als Symbol für Glück im neuen Jahr gilt. Umsichtige Menschen beschenken auch für sie wichtige Personen wie Beamte oder Geschäftspartner, wobei sich der Betrag im Kuvert dann entsprechend dem Ansehen des Beschenkten oder der Wichtigkeit des eigenen Anliegen erhöht. Auch unser Nachbar überreichte am örtlichen Polizeirevier ein kleines Quentchen Glück. Nachdem mir mein österreichischer Bekannter den guten Rat gegeben hatte, es den Einheimischen gleichzutun, pilgerte ich zusammen mit Ha zum zuständigen Polizeibeamten, um gute Beziehungen herzustellen. In der Zukunft benötigten wir sein Wohlwollen sicher noch, und wenn herzliche Neujahrswünsche der Sache dienten, so war mir das die paar Scheine wert. In meinem besten Vietnamesisch wünschte ich ihm ein gutes neues Jahr, während Ha das Kuvert überreichte. Unser Gegenüber war sichtlich erfreut und sicherte uns bereitwillig seine Unterstützung zu. Selbstverständlich würde die Polizei während unserer Abwesenheit auch ein Auge auf unser Haus werfen. Nachdem ich noch weitere Kostproben meiner Vietnamesischkenntnisse zum Besten gegeben hatte, machten wir uns wieder auf den Heimweg. Ich hatte das erste Mal die Obrigkeit „geschmiert“. Doch in Vietnam sieht man das nicht unbedingt als Bestechung an (schon gar nicht in diesen Größenordnungen). Es handelt sich einfach um einen Vorgang, der zwischenmenschliche Beziehungen begleitet, beziehungsweise erleichtert. Eine Hand wäscht die andere, und kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. So könnte man es auch ausdrücken.
   
Wieder daheim, äußerste Ha den Wunsch, Papiergewänder zu verbrennen, um dem Küchengeist zu opfern. Der Küchengeist lebt bei den Menschen in deren Heim und verläßt die Erde vor Tet, um in den Himmel aufzusteigen. Nach zwei Wochen kehrt er von dort wieder zurück. Ich zeigte mich wenig begeistert, im Haus selbst ein Freudenfeuer zu veranstalten (selbst wenn nichts passierte, flogen die Aschefetzen durch die Gegend), daher verweigerte ich meine Zustimmung. Ich legte ihr nahe vor der Haustüre zu zündeln, so wie ich das unzählige Male in den Gassen Hanois gesehen hatte, aber das schien sie (oder den Küchengeist?) nicht zu befriedigen. Doch ich blieb stur. Auch meinem gutgemeinten Vorschlag, notfalls das Essen ein wenig anbrennen zu lassen, konnte sie nur wenig abgewinnen. Als ich sie ein paar Tage später darauf ansprach, verneinte sie diesbezügliche Aktivitäten. Außerdem war der Küchengeist nun ohnehin fort. Na, dann! [...]

 

 

Chuc Mung Nam Moi! ;-) [Ein frohes neues Jahr!]

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 20:13 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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