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Das Lonely Planet-Phänomen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Freitag, den 25. Dezember 2009 um 09:55 Uhr
Zu reisen und dafür bezahlt zu werden. Klingt wie DER Traumjob schlechthin für jeden Globetrotter. Für die Autoren der großen Reiseführer wie Lonely Planet (LP), Rough Guide oder Stefan Loose – um nur einige zu nennen – geht dieser Traum in Erfüllung. Oder doch nicht?

Wie sieht das Leben eines Reiseführer-Autors nun wirklich aus? So wie wir uns es vorstellen oder doch ganz anders?Der Amerikaner Thomas Kohnstamm bekommt überraschend das Angebot, für die neue Auflage von LP Brasilien einen Teil des Buches zu überarbeiten. Er kündigt seinen gut dotierten, aber sterbenslangweiligen Bürojob in New York, erfährt das Ende seiner Beziehung zu seiner Freundin Sydney, die von seinen neuerlichen Eskapaden überhaupt nicht begeistert ist, und bricht voller Motivation nach Brasilien auf. Mit unterdurchschnittlich viel Zeit und Geld ausgestattet (und auch unterdurchschnittlich viel Disziplin) muss er bald erkennen, dass dieser Job kein Honiglecken ist, sondern beinharte Arbeit.

LP im Originalton: „Warum sind unsere Reiseinformationen die besten? Ganz einfach: unsere Autoren sind passionierte und leidenschaftliche Reisende. Sie akzeptieren keine Vergünstigungen im Gegenzug für eine geschönte Berichterstattung, weshalb Sie sicher sein können, unparteiisch informiert zu werden. Sie nehmen alle populären Orte unter die Lupe, verlassen aber auch die ausgetretenen Pfade. Sie führen ihre Recherchen nicht ausschließlich telefonisch oder übers Internet durch. Sie erforschen neue Plätze, die nicht in anderen Reiseführern stehen. Sie besuchen persönlich Tausende von Hotels, Restaurants, Palästen, Pfaden, Galerien, Tempel und vieles mehr. Sie sprechen jeden Tag mit Dutzenden Einheimischen um sicherzustellen, dass Sie Informationen aus erster Hand erhalten. Es macht sie stolz, alle Einzelheiten richtig hinkriegen und darüber zu berichten“.

Das ist die Theorie. Thomas Kohnstamm merkt rasch, dass dieses hehre Ziel mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu erreichen ist. Wie sollte auch ein einzelner Autor innerhalb des vorgegebenen Zeitraums alle relevanten Orte, Restaurants und Hotels erkunden, dann sich obendrein ins Nachtleben stürzen und anschließend die Zeit und Energie finden, über alles detailliert zu berichten? Und so beginnt er sich als LP-Autor zu outen und Informationen aus zweiter Hand zu verwerten, was sein Leben bedeutend erleichtert. Solange er weiterhin unabhängig berichtet, spricht doch nichts dagegen, oder? Als ihm das Geld ausgeht, versucht er sich sogar als Drogendealer.

Bei aller Leidenschaft fürs Reisen offenbaren sich ihm auch die Schattenseiten seines Gewerbes. Kaum dass sie auf der LP-Landkarte auftauchen, verwandeln sich idyllische Orte innerhalb weniger Jahre in Rummelplätze, in denen Immobilienspekulation, Kleinkriminalität, Prostitution und ein globaler Einheitsbrei die letzten Reste kultureller Identität auslöschen und die eigentlichen Einheimischen entweder vereinnahmen oder sie an den Rand der Gesellschaft vertreiben. Touristenhorden mit Reiseführern unter dem Arm folgen den skizzierten Routen und beklagen sich über mangelnde Authentizität des Landes. Bis sich Kohnstamm angesichts seiner Entdeckung eines entzückenden Orts in den Dünen selbst die Gewissensfrage stellt: Soll ich darüber berichten oder nicht? Und wenn ja, in welchem Umfang?

Fazit:
Auch ich habe auf meinen Reisen stets einen Reiseführer dabei, denn man bekommt so sehr leicht einen Überblick über ein Land und dessen Sehenswürdigkeiten. Viele der Informationen sind wirklich nützlich, und im Notfall kann man immer darauf zurückgreifen. Meist verwende ich die Bücher von LP (bin aber auch schon mit anderen Produkten sehr gut gefahren) in der englischsprachigen Version aus den folgenden Gründen: Sie sind unterwegs fast überall erhältlich. Da jedes Buch seinen eigenen Aufbau beibehält, bleibe ich gerne bei einem Werk, denn darin finde ich alles wesentlich schneller, weil ich eben schon mit der Struktur vertraut bin. Zur englischen Ausgabe greife ich, weil es den Informationsaustausch mit Reisenden aus aller Welt erleichtert, und diese Bücher auch leichter gegen ein anderes Exemplar eintauschbar sind. Trotzdem ist man gut beraten, seinem Reiseführer kritisch gegenüberzustehen. Nach mehreren Jahren Erfahrung habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und die enthaltenen Phrasierungen entsprechend zu interpretieren. Entlang des „LP-Pfads“ fällt das Reisen leichter und man findet auch leichter Reisebekanntschaften, die in der gleichen Richtung unterwegs sind. Doch um ein Land in seiner ganzen Vielfalt zu entdecken, muss man diesen ausgetretenen Trampelpfad auch verlassen, sonst verfängt man sich allzu leicht im Netz seiner eigenen Bequemlichkeit.

Thomas Kohnstamm berichtet in seinem Buch mit dem Titel „Die absolut ehrlichen und völlig schamlosen Bekenntnisse eines professionellen Reiseführer-Autors“, mit dem er einige Diskussionen rund um die Branche losgetreten hat, von seinen ersten Erfahrungen als LP-Autor. Er liefert damit ein realistischeres Bild von einem vermeintlichen Traumjob, doch muss man einschränkend anmerken, dass er sicherlich nicht die disziplinierteste Persönlichkeit ist. Drogen, Alkohol, Sex und fragwürdige Bekanntschaften kommen ihm immer wieder bei seinen Bemühungen in die Quere, und er lässt sich nur allzu leicht von seinem Vorhaben ablenken. Dennoch werden sich erfahrene Reisende in ihrer mehr oder weniger großen Skepsis gegenüber Reiseführern bestätigt sehen, und neue Individualreisende ihren Reiseführer mit etwas anderen Augen betrachten. Auch die „Bibel“ unter den Reiseführern hat ihre Schwächen.


Thomas Kohnstamm
Die absolut ehrlichen und völlig schamlosen Bekenntnisse eines professionellen Reiseführer-Autors

Erschienen: September 2009
Aus dem Englischen von Gaby Wurster
Originaltitel: Do Travel Writers Go to Hell
304 Seiten
€ 16,95 [D], € 17,50 [A], sFr 29,90
ISBN: 9783890297545
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 25. März 2011 um 19:31 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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