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Taten, nicht (nur) Worte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Dienstag, den 30. Juni 2009 um 13:47 Uhr
Ungefähr hundert Kinder in Schuluniformen sitzen in Reih und Glied. Die Aufregung ist förmlich greifbar. Leise tuscheln sie mit ihren Sitznachbarn und schauen uns mit großen Augen an.
Es ist ein besonderer Tag heute. Selten kommen Fremde in diesen abgelegenen Teil Thailands.Der Schuldirektor steht am Mikrofon und hält eine Rede. Zuerst in der Landessprache, dann in gebrochenem Englisch, als er sich der internationalen Freiwilligengruppe zuwendet. Er stellt sich und sein Lehrerkollegium vor und bittet anschließend auch die Gäste, es ihm gleichzutun. Als ich an der Reihe bin, schlucke ich kurz und ergreife das Mikrofon.

Nach der Vorstellungsrunde erläutert uns der Direktor das Programm unseres English Teaching Camps. Vormittags und nachmittags Unterricht in Kleingruppen, dazwischen Mittagspause und Zeit für soziale Aktivitäten. Während des dreitägigen Camps werden wir hier an der Schule zusammen mit den Schülern Quartier beziehen. Wir, das sind junge und jung gebliebene Menschen aus Frankreich, Südkorea, Holland, Spanien, den USA und - Österreich. Das bin ich. Als ich im Kreis meiner Schützlinge Platz genommen habe, richten sich rund dreißig erwartungsvolle Augenpaare auf mich. Zwischen zehn und zwölf Jahre alt sind sie, die hoffnungsvollen Mädchen und Buben. Sie beherrschen nur relativ wenige Worte, und ihnen ganze englische Sätze zu entlocken ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Auch wenn ich die Hälfte der Zeit einen Assistenzlehrer an meiner Seite habe, wird mir rasch klar, dass das kein leichtes Unterfangen wird.

Vier Monate vorher. Ich sitze in einem kleinen Büro in der Schottengasse im 1. Wiener Gemeindebezirk und überhäufe meinen Gesprächspartner mit Fragen. Adrian ist ehrenamtlich beim SCI tätig und hat schon an mehreren Friedensprojekten teilgenommen. Er erzählt mir über seine Organisation und erklärt mir die administrativen Vorgänge rund um die Entsendung von Freiwilligen. SCI steht für Service Civil Inter-national (internationaler Freiwilligendienst) und ist eine internationale Vereinigung, die sich die Förderung des weltweiten interkulturellen Austausches zum Ziel setzt. Erreicht wird dies durch die Entsendung von interessierten Personen in alle Welt, um im Zuge sogenannter Workcamps zusammen mit Gleichgesinnten aus aller Welt an gemeinnützigen Projekten mitzuarbeiten. Das Unterrichten von Englisch an zumeist ländlichen Schulen in abgelegenen Landesteilen, das Arbeiten mit Kindern aus sozial unterprivilegierten Schichten, oder das Mitwirken an Aufklärungskampagnen über AIDS oder Mülltrennung – all dies kann Inhalt eines solchen Projektes sein.
   
Der SCI Österreich, der im vergangenen Jahr sein 60jähriges Bestehen feierte, ist der nationale Zweig der internationalen Dachorganisation. Er ist ein kleiner Verein, gemanagt von einer Gruppe engagierter Studenten, die ihre Arbeit unter eher beengten räumlichen Bedingungen verrichtet. Im Winter ist es ein wenig ruhiger, da die meisten Workcamps in den Sommermonaten stattfinden. Trotzdem muss die Nachbereitung der vergangenen Saison abgeschlossen, und die Aktivitäten für das kommende Jahr vorbereitet werden. Im Frühjahr, wenn die Projekte von den Partnerorganisationen aus aller Welt in die länderübergreifende Datenbank gespeist werden, geht es so richtig los. Die eintreffenden Anfragen und Anmeldungen müssen bearbeitet werden, und die heiße Phase des Jahres beginnt. An Geld mangelt es an allen Ecken und Enden, doch das tut der guten Stimmung keinen Abbruch.
   
Ehrenamtliche MitarbeiterInnen sind immer willkommen. So wie die 22jährige Jenny. Seit einem Jahr koordiniert die Studentin für internationale Entwicklung im Büro die laufenden Aktivitäten des Vereins. Begonnen hatte alles im Rahmen eines Besuches der Bildungsmesse für Beruf und Studium (BeSt). Damals wurde sie auf den SCI aufmerksam, und im darauffolgenden Sommer in Italien erstmals mit dem Workcamp-Virus infiziert. Darauf folgten weitere Einsätze in Finnland, Griechenland, und – als vorläufiger Höhepunkt – Kenia. „Vor meinem Workcamp in Kenia war ich schon ein wenig nervös“, gesteht sie. „Immerhin bedeutete es, in einer völlig unbekannten Umgebung unter teilweise widrigen Verhältnissen absolutes Neuland zu betreten“. Untergebracht in einer ländlichen Schule, ohne elektrischen Strom und fließendem Wasser, in einer Gegend, in der man Touristen nur vom Hörensagen kennt, wird der persönliche Horizont neu definiert. Bereut hat sie ihr Engagement nicht. In den drei Wochen ihres Aufenthaltes eröffneten sich ihr Land und Leute in einer Weise, die dem konventionellen Touristen vorenthalten bleibt.

Wie kann man sich nun so ein Workcamp vorstellen?
   
Veranstaltet werden Workcamps überall dort, wo eine lokale NGO das Bedürfnis für ein solches Projekt erkennt, und die benötigte Infrastruktur und Organisation bereitstellen kann. Dies umfasst die Zusammenarbeit mit Behörden und Projektpartnern, die Unterbringung und Verpflegung der Freiwilligen, sowie die Planung und Betreuung der Aktivitäten vor Ort. In der Regel gibt es ein bis zwei Personen, die die Campleitung übernehmen. Sie sind damit erste Ansprechpartner für die Mitglieder der Gruppe, und für deren Wohlergehen verantwortlich. Erwartet wird von den Freiwilligen auf der anderen Seite ein hohes Maß an Eigenverantwortung, Engagement und Kreativität. Zum einen ist die Anreise selbst zu finanzieren, und auch eine Campgebühr ist in der Regel zu entrichten. Diese deckt nicht nur Unterkunft und Verpflegung ab, sondern trägt auch zum laufenden operativen Erfolg der NGO bei. Zum anderen sind die Projektziele und der Weg dahin oft nur grob umrissen, was neben den oben genannten Eigenschaften auch eine gehörige Portion Flexibilität unabdingbar macht. Während eines Workcamps in Thailand kam eine Lehrerin zu mir und bat uns, einen Nachmittag lang Aktivitäten zum Thema Mülltrennung für die Schüler vorzubereiten. Wir setzten uns mit rauchenden Köpfen zusammen und stampften aus dem Nichts ein Programm aus dem Boden, dass zusammen mit viel Spontanität und Improvisationsvermögen zu einem vollen Erfolg wurde.
   
Dabei steht das Erreichen der Projektziele nicht unbedingt an erster Stelle. Viel wichtiger ist der persönliche Erfahrungsaustausch mit den anderen Campteilnehmern und der einheimischen Bevölkerung. Westeuropäisches Effizienzdenken kann mitunter zum Problem werden, vor allem in Ländern, in denen die Uhren ein wenig anders ticken. Ein Projekt kann vor dem Maßstab der Zielsetzung scheitern und dennoch für alle Beteiligten ein voller Erfolg sein. Meistens reicht auch die durchschnittliche Campdauer von zwei Wochen nicht aus, um bahnbrechende Erfolge einzufahren. Es ist ein kleines, doch keineswegs unbedeutendes Mosaiksteinchen im großen Bild der weltweiten Bemühungen um eine bessere Welt. Und eine wertvolle Erfahrung für jeden Einzelnen. Diesen Aspekt kann auch Jenny voll und ganz unterstreichen: „Vor meinem Camp in Afrika war es mir wichtig, meine eigene Erwartungshaltung und zugrundeliegende Motivaton für mich persönlich abzuklären und kritisch zu hinterfragen. Wer unter falschen Erwartungen an einem solchen Projekt teilnimmt, kann leicht enttäuscht werden.“ Der Gedanke zu helfen spielt eine wichtige Rolle, aber es ist auch das Interesse an anderen Ländern und am Reisen, sowie die Neugier Leute aus aller Welt kennenzulernen, die der Entscheidung, Freiwilligenarbeit zu leisten, zugrunde liegen.

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist der finanzielle Aspekt. Vielen erscheint es unverständlich, dass für die geleistete Arbeit auch noch bezahlt werden muss. Das ist verständlich, und wenn man sich die Angebote einiger internationaler Organisationen ansieht, dann wird man mit stolzen Preisen konfrontiert. Die Bandbreite ist allerdings groß, und manche Anbieter offerieren Pakete, die mehr an Abenteuerurlaub erinnern. Freiwilligenarbeit bedeutet aber in der Regel Entwicklungsarbeit, und viele dieser Projekte leiden unter einem akuten Mangel an Ressourcen, ganz besonders in ärmeren Ländern oder Regionen. Wie schon bereits erwähnt, sind viele der lokalen NGOs unterfinanziert und haben zu wenig Personal, um die angestrebten Ziele zufriedenstellend verwirklichen zu können. Die internationalen Freiwilligenhelfer decken mit ihrem Beitrag nicht nur die (meistens geringen) Kosten ab, die durch ihren Aufenthalt entstehen, sondern unterstützen damit auch die lau-ende Arbeit der sie betreuenden Partnerorganisationen. Ein bisschen Idealismus ist schon vonnöten, und immerhin kostet ein reiner Urlaubsaufenthalt auch etwas. Unbestritten bleibt aber, dass internationale Freiwillenarbeit Geld kostet, wobei die Workcamps des SCI dabei auf der günstigen Seite liegen. Ideal also für junge Leute mit wenig Geld, aber großem Enthusiasmus.

Zurück nach Thailand. Schon im Laufe des ersten Tages erkenne ich meine Schüler in der Menge wieder und kann sie auch beim Namen nennen. Das anfänglich sehr homogene Erscheinungsbild der Kinder, das durch die Uniformen und die Frisurvorgaben – vorne kurz und den Hinterkopf abrasiert bei den Burschen, maximal schulterlang bei den Mädchen – noch betont wird, beginnt sich langsam aufzulösen und Individuen treten aus der Masse hervor. Am Ende des Camps haben sich Schüler, Lehrer und Freiwillige gegenseitig ins Herz geschlossen und zusammen einen bleibenden Eindruck geschaffen. Und darum geht es ja auch in erster Linie. Um gegenseitiges Kennenlernen, Spaß haben, Verständnis fördern, lebensbereichernde Erfahrungen sammeln. Nicht, dass unsere Thai-Schüler innerhalb der kurzen Zeit ein besseres Englisch sprechen. Aber jetzt wissen sie, wozu sie es überhaupt lernen.


Der SCI (Service Civil International)

Der SCI wurde nach dem 1. Weltkrieg von den Schweizer PazifistInnen Pierre Ceresole und Helen Monastiere gegründet. Eines der ersten Projekte war der Wiederaufbau eines zerstörten französischen Dorfes in der Nähe von Verdun, unter Einbeziehung von Freiwilligen aus den ehemaligen Gegnerstaaten Frankreich und Deutschland. Diese Initiative erwies sich als zukunftsweisend für die Friedensarbeit des SCI. Inzwischen gibt es die Organisation in mehr als 30 Staaten Europas, Asiens und in den USA, mit Partnerorganisationen in Osteuropa, Afrika, Lateinamerika und Australien.

Der SCI als Friedensorganisation arbeitete lange nach dem Motto „Deeds not words“ (Taten, nicht Worte), was sich auch auf die Art und Organisation der Workcamps auswirkte. Es waren durchwegs längerfristige Arbeitseinsätze in Gebieten, die durch Naturkatastrophen und/oder Kriege zerstört worden waren. Während der Sechzigerjahre kam es langsam zu der Umwandlung in den SCI, wie wir ihn heute kennen. Die Workcamps wurden kürzer (2-3 Wochen). Sie beschäftigten sich immer häufiger mit sozialen Problemen, und die Zusammenarbeit mit anderen NGO´s wurde forciert. Dadurch kam es auch zu einer stärkeren gesellschaftspolitischen Dimension der SCI-Arbeit, und heute kann man sagen, dass sich das Motto längst zu „Deeds and Words“ gewandelt hat.


 
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:09 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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