Rückkehr nach Sapa PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Donnerstag, den 25. Juni 2009 um 10:20 Uhr

Erinnern Sie sich noch an meinen „Ausflug nach Sapa"? Damals hatte ich nicht gedacht, dass ich ein Jahr später wiederkommen würde. Noch dazu exakt am gleichen Wochenende. Schuld daran war meine vietnamesische Lebensgefährtin Ha.


Erinnern Sie sich noch an meinen „Ausflug nach Sapa“ (siehe mein Buch „Tuk Tuk, Sir?“)? Gemeinsam mit fünf vietnamesischen Gefährten hatte ich zwei abwechslungsreiche Tage in dieser kleinen Stadt vor dem Hintergrund einer traumhaften Bergkulisse verbracht und tiefere Einblicke in das Verhalten vietnamesischer Reisegruppen gewonnen. Damals hatte ich nicht gedacht, dass ich ein Jahr später wiederkommen würde. Noch dazu exakt am gleichen Wochenende. Schuld daran war meine vietnamesische Lebensgefährtin Ha, denn sie wollte unbedingt einmal herkommen. Sie lebte seit ihrem Studium in Hanoi, und hatte Sapa noch niemals besucht. Es sei eine Destination für Paare, meinte sie, was sie stets davon abgehalten hatte, alleine herzukommen. Wobei „alleine“ nur eingeschränkt gilt, denn „alleine“ unternehmen Südostasiaten selten etwas. Selbst ins Bordell geht man in einer netten Runde. Sich alleine für ein paar Tage in die Abgeschiedenheit zurückzuziehen oder gar mit dem Rucksack für Monate durch die Welt zu tingeln, das ist eine typisch westliche Angewohnheit und ruft unter Asiaten soviel Behagen hervor wie eine quälende Magenverstimmung. Obwohl ich Sapa schon kannte, konnte ich ihr diesen Herzenswunsch nicht abschlagen, und so begaben wir uns in Hanois „Old Quarters“, um Fahrkarten für den Nachtzug zu kaufen. Liegewagen, um es zu präzisieren, und da wiederum „Softsleeper“ in einem komfortablen Viererabteil. Mir war einfach nach dekadent.


Es hätte so einfach sein können. Schnurstracks ins nächste Reisebüro spaziert und die Fahrkarten gebucht. Eine Runde um den Hoan Kiem – See gedreht und im Cafe mit Terrasse auf den See einen Milchshake geschlürft. Danach in den botanischen Gärten eine Runde Badminton gespielt oder ein weiteres Erfrischungsgetränk gekippt. Doch unser Reisewochenende war ein spezielles. Vor das eigentliche Wochenende schoben sich der „Tag der Befreiung“ Saigons am 30. April, sowie der „Tag der Arbeit“ am 1. Mai. Der Vorteil, vier Tage am Stück frei zu haben wurde dadurch geschmälert, dass dies auf alle anderen Bewohner Hanois ebenso zutraf. Auch wenn die meisten nur aufs Land fuhren, um Familie zu besuchen. Der Rest stürmte die Reisebüros, um Ausflüge nach Sapa und in die Halong Bay, den zweiten Klassiker unter Nordvietnams Reisezielen, zu buchen, und das waren immer noch eine ganze Menge Leute. Die restlichen achtzig Millionen Einwohner des Landes noch nicht mitgezählt. Mit einem Wort, es herrschte eine Art Goldgräber-Stimmung in dem historischen Viertel der Stadt, und geschürft wurden keine Nuggets, sondern Tickets. Nicht, dass das die Altstadt in irgendeiner Weise chaotischer gemacht hätte. Hier herrschte immer rege Betriebsamkeit, und ein aufgebrachter Bienenstock war ein Sanatorium dagegen.


Schon im ersten Reisebüro wurde uns klar, dass die Liegeplätze nahezu ausgebucht waren. Die junge Frau durchsuchte eifrig die Angebote, doch je mehr sich ihre Miene verfinsterte, umso länger wurde mein Gesicht. „Hardsleeper“ hatte sie noch zu bieten, doch wir mussten schnell zuschlagen, denn die Plätze gingen weg wie die warmen Semmeln. Wir beratschlagten uns kurz und willigten ein, doch beim Reservieren der Karten geschah dann das Malheur. Jemand anderer hatte in der Zwischenzeit zugeschlagen. Es war wie eine „Reise nach Jerusalem“. Uns standen nur noch „Hard seats“ zur Verfügung, und diese halten auch, was sie versprechen. Auf diese Weise zwei Nächte im Zug zu verbringen, das war Strafe, und kein Urlaub. Also lehnte ich dankend ab.

Wie geprügelte Hunde verließen wir das Büro und suchten nach Alternativen. Sapa war an einem normalen Wochenende durchaus machbar, auch wenn dies bedeutete, frühmorgens unausgeschlafen in Hanoi anzukommen und in die Arbeit zu fahren. Dafür war in Sapa ganz allgemein weniger los, günstige Hotelzimmer einfacher zu finden, auch stieg man sich in den engen Straßen des Ortes nicht permanent gegenseitig auf die Füße. Doch Ha hatte nur einen freien Tag pro Woche und sie benötigte schon viel Zeit, um Behördenwege zu erledigen. Sie hatte sich schon sehr darauf gefreut, also unternahmen wir einen noch einen Versuch. Doch auch dieser blieb erfolglos. Die Züge waren so ausgebucht wie ein Gratis-Konzert der Rolling Stones. Gegenüber dem kleinen Reisebüro lag ein weiteres, welches ein nettes hauseigenes Cafe mit warmer Küche sein eigen nannte. Das Innere verstrahlte viel Gemütlichkeit, mit weichen Sitzkissen und Holzdekor, und die kreativ abwechslungsreiche Speisekarte lud zusätzlich zum Verweilen ein. Während ich mit Genuss mein Tofu-Sandwich verspeiste, ging Ha in die hinteren Räumlichkeiten, um sich nach Sapa-Touren zu erkundigen. Fünf Minuten später kam sie mit erfreulichen Neuigkeiten zurück. „Sie haben noch freie Plätze im Softsleeper-Abteil. Die Tour kostet allerdings 125 US-Dollar pro Person“, fügte sie stirnrunzelnd hinzu. Kein Wunder, entsprach es fast einem Monatsgehalt für sie.


Während in mir Hoffnung aufkeimte, beschloss ich der Sache näher auf den Grund zu gehen. Informationen aus vietnamesischer Quelle sind wie Legenden. Ein Körnchen Wahrheit ist dran, doch welches? Als ich mich wieder stark genug fühlte, den langen Weg in den Backstage-Bereich anzutreten, suchte ich die freundliche Angestellte persönlich auf. Es handelte sich um eine zweitägige Trekking-Tour, mit „Home-stay“ in einem kleinen Dorf außerhalb von Sapa und zwei Nächtigungen im Zug. Der Preis war mehr, als ich für das Wochenende ausgeben wollte, doch das Paket lockte mit zweimal Softsleeper-Abteil, und gewandert war ich rund um Sapa auch noch nicht. Im Jahr zuvor hatten sich meine Freunde Motorräder gemietet, mit denen wir zwar einen guten Aktionsradius hatten, doch das Leben der ethnischen Minderheiten zumeist nur aus der Ferne beobachteten. Außerdem durften wir einen weiteren Tag zum gleichen Preis anhängen, wobei wir das Hotel selbst bezahlen mussten. Und so überlegte ich nicht lange, sondern buchte das gesamte Paket an Ort und Stelle, inklusive Hotel. Wir fuhren nach Sapa.


Im Grunde genommen kam der vietnamesische Staat für dieses Wochenende auf. Ende des vergangenen Jahres hatte die Regierung beschlossen, alle Einwohner des Landes, inklusive Ausländer, mit einer eigenen Steuernummer zu erfassen. Diese Maßnahme sollte vermutlich den Steuerhinterzug eindämmen oder die Verwaltung erleichtern, doch es führte zu einem kapitalen Fiasko. Es zeigte sich nämlich, dass selbst dieser aufgeblähte Beamtenapparat der Herausforderung logistisch nicht gewachsen war. 85 Millionen Personen verwaltungstechnisch zu erfassen, war eben keine Kleinigkeit, und das veranlasste die Regierung Anfang 2009 zum Handeln. Das Einfordern der Steuern wurde für einige Monate ausgesetzt, was wiederum die Arbeitgeber vor einiges Kopfzerbrechen stellte. Würden die ausgesetzten Steuern nach Ablauf dieses Zeitraumes zurückgefordert oder nicht? Durfte man sie weiterhin vom Gehalt in Abzug bringen, um dem Arbeitnehmer die Last des plötzlichen Anfalls eines größeren Betrages zu erleichtern, oder war dies illegal? Das große Rätselraten begann. Bei meinem Arbeitgeber war dies nicht anders. Zuerst wollte man die Steuern wie gehabt in Abzug bringen, doch schon bald fanden die Juristen heraus, dass dies nicht dem geltenden Gesetz entsprach. Regelmäßig erhielten wir Emails von oberster Stelle, wonach die Dinge unendlich kompliziert seien, und sich niemand so recht auskannte. Böse Zungen behaupteten sogar, noch nicht einmal die Regierung selbst.


Der Ausflug war gebucht, nun musste nur doch das Wetter mitspielen. Doch es erwies sich als Spielverderber. Drei Tage vor unserer Abfahrt begann es zu regnen, und dieser Zeitraum ließ immerhin die berechtigte Hoffnung zu, dass sich seine schlechte Laune bis zum ersten Wochendtag wieder besserte. Doch dem heiligen Petrus musste eine mächtige Laus über die Leber gelaufen sein, denn die Tage verstrichen ohne nennenswerte Änderung. Es regnete, dann klarte es wieder auf und nährte unsere Hoffnung, bevor auch diese vom nächsten Regenguss hinfortgespült wurde. Vielleicht war es ja in Sapa selbst besser. Sie kennen das sicher, diese freiwillig auferlegten Selbsttäuschungen, zu denen man als Reisender gerne Zuflucht nimmt. Doch die Statistik sprach eine andere Sprache. War das Wetter in Hanoi schlecht, dann blieb auch Sapa nicht davon verschont, nur war es dort noch spürbar kühler und wolkiger. Aber vielleicht war es diesmal ja anders.

Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus?

Am frühen Morgen kamen wir in Lao Cai - dem Endbahnhof - an und es regnete. Lao Cai liegt in unmittelbarer Nähe zur chinesischen Grenze und ist schon bei Schönwetter nicht unbedingt eine Attraktion, doch im fahlen Licht der Morgendämmerung und durch die herabfallenden Regentropfen betrachtet erwies es sich als eher trist. Ein Angestellter des Tourveranstalters parkte uns in einem Lokal, während er sich auf die Suche nach den anderen Tourteilnehmern machte, und ich spülte meinen Missmut mit einem Becher Instantkaffee hinunter. Dort lag er dann in meinem Magen und verursachte eine leichte Verstimmung angesichts einer zur Gewissheit werdenden, bitteren Wahrheit. Unser erster Wandertag würde kein Sommerspaziergang werden. Aber vielleicht war es in Sapa selbst, von dem uns noch eine circa einstündige Fahrt trennte, besser. „Inshallah“, fügen die Türken hinzu. Wenn Gott es will.


Er wollte nicht. Während der Fahrt begann es stärker zu regnen, und als wir in Sapa ankamen, trommelten dicke Regentropfen auf den Asphalt. Sapa ist keine ebene Stadt, und so lief das Wasser in Sturzbächen die steilen Straßen hinunter. Wir flüchteten uns in die lokale Niederlassung unseres Tour-Operators und hielten eine improvisierte Ratsversammlung ab. Unser Tourguide, eine junge Angehörige eine der ethnischen Minderheiten der Umgebung, war trotz des grimmigen Wetters gewillt, die Tour wie geplant durchzuziehen, doch der Gedanke bei strömendem Regen durch die Landschaft zu laufen, erfüllte mich nicht gerade mit prickelnder Vorfreude. Ich suchte nach Alternativen, überlegte in der Stadt zu bleiben und abzuwarten, und gegebenenfalls am späten Nachmittag per Taxi zum Homestay dazuzustoßen. Dieser Plan hatte nur einen Schönheitsfehler. Wir waren in der Zwischenzeit zum Nichtstun verdammt. Nach einem gemütlichen Frühstück in einem nahe gelegenen Lokal kehrten wir zum Tour-Büro zurück, und selbst dieser kurze Abstecher genügte, um Hosenbeine und Schuhe völlig zu durchfeuchten. Erstaunlicherweise machte sich der Rest der Gruppe marschbereit, während ich mich noch dagegen sträubte wie ein Hund auf dem Weg in die Badewanne. Trotzdem, der Regen war etwas leichter und vielleicht hörte er ja auch ganz auf. Von Mai, unserer Führerin, bekamen wir eine typisch vietnamesische Prognose. „Vielleicht hört der Regen gegen Mittag auf. Vielleicht aber auch nicht.“ Hier stießen wir eindeutig an die Grenzen der Hobby-Meteorologie. Ha wartete noch auf meine Entscheidung, doch auch sie wollte die Wanderstiefel schnüren. Also gab ich mir einen Ruck und schlich in den Gepäcksraum, wo ich meinen Rucksack packte. Dann hüllten wir uns in die mitgebrachten, von unzähligen Regenfahrten in Hanoi erprobten Regenüberhänge, und stapften missmutig ins Freie.

Dort war es feucht. Mir ist bewusst, dass dies kein leuchtendes Beispiel für Enthüllungsjournalismus ist, doch beschreibt es die allgemeine Lage am treffendsten. Entlang der Straße verließen wir den Ort und schritten einsam und begossen in die überwältigende Landschaft hinaus, die von tiefhängenden Wolken verhüllt wurde. Angesichts des tristen Wetters versuchte ich mich mit einer fröhlichen Melodie aufzuheitern, doch statt „Das Wandern ist des Müllers Lust“ war „Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus?“ das einzige Lied, das mir in den Sinn kam. Hunderte Höhenmeter unter mir, am Boden des langgestreckten Tals, erstreckte sich das netzartige Muster der Reisfelder, und an den Berghängen der stattlichen Zweitausender stapelten sie sich Terrasse für Terrasse fotogen aufeinander. Dieser Anblick war spektakulär und zum Niederknien schön, doch an Fotografieren war nicht zu denken. Unbeirrt lief das Wasser an meiner Plastikhaut herunter, und durch meine Brillen sah ich auf eine Welt voller Regentropfen. Immerhin war die tosende Geräuschkulisse Hanois in weiter Ferne, und ich musste an diesem Tag nicht arbeiten. Und vielleicht würde es ja bald besser werden.
 
Nach etwa einer halben Stunde auf der wenig befahrenen Bergstraße verließen wir den Asphalt und stiegen ins Tal hinab. Dies war die Heimat der ethnischen Minderheiten Vietnams, der Bergstämme, die seit vielen Generationen diese unwirtliche Gegend bewirtschaften. Traditionell zählten sie zu den Ärmsten der Armen, bis sich ein unerwarteter Lichtblick in Form großer, seltsam aussehender und stark schwitzender Menschen auftat. Uns Touristen nämlich. Touristen hatten, wie sich rasch herausstellte, einerseits eine beträchtliche Menge Geld in der Tasche, und zum anderen eine ausgeprägte Vorliebe für ganz banale Gegenstände ihres täglichen Lebens. Und so mutierten diese handwerklich gewitzten und geschäftstüchtigen Menschen – das Handeln mit unterschiedlichsten Waren gehörte ja seit jeher zu ihrem Alltag – zu ausgesprochen hartnäckigen Souvenirverkäufern. Tag für Tag rücken die Geschwader aus, um sich an die Fersen strauchelnder Touristen zu heften, die ob ihres Kampfes mit den Tücken der Natur von Haus aus geschwächt, und in diesem Terrain eindeutig unterlegen sind. Speziell an einem Tag wie diesem.

Die andauernden Regenfälle hatten den Boden in einen morastigen, rutschigen Untergrund verwandelt, und selten in meinem Leben war ich so sehr um Haltung bemüht wie während dieser Wanderung. Um keinen Preis wollte ich ausrutschen und in den Boden greifen. Wobei es mir nicht so sehr darum ging, nicht schmutzig zu werden, keineswegs, ich war optisch bereits so tief gesunken, dass mir selbst eine Ameise auf Augenhöhe begegnet wäre, doch galt es meinen Fotoapparat zu schützen. Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen und der Himmel eine Spur aufgeklart, und so hielt ich die gesamte Partie wiederholt mit meinen Fotoeskapaden auf. Doch nur eine besonders hartgesottene Kreatur wäre bei diesem Anblick nicht schwach geworden. Reisfelder hier wie dort, in grün (mit frisch gepflanzten Setzlingen), braun (noch unbepflanzt), silber (den Himmel reflektierend) und gelegentlich auch anderen Farben, von unregelmäßiger Form und Größe. Verspielte Linien, die den Boden überzogen und die Hänge hinaufliefen, sich bis zum Horizont erstreckten, als wären sie nur Zierde statt pure Zweckdienlichkeit. Produkte überschäumender Kreativität, die das Auge betörten anstatt den Magen zu füllen. Aus Lehm geschaffen, klebten die Reistümpel hartnäckig an den Hängen, während das Erdreich andernorts dem Regen nachgab und unkontrolliert und wuchtig ins Tal abrutschte. Welch großartige Architekten hatten diese beeindruckende Kulturlandschaft geschaffen?
 
Über eine kleine Brücke übersetzten wir auf die andere Seite des Flusses und gelangten in das Dorf Ta Van. Es war ein Dorf der schwarzen H’Mong, und diesen Namen verdankten sie ihren traditionellen Gewändern. Die Frauen trugen schwarze, knielange Röcke, den Oberkörper verhüllten Jacken der gleichen Farbe, mit bunten Verziehrungen, und um die Beine hatten sie schwarze Tücher gewickelt. Angeblich signalisieren sie dem kundigen Beobachter, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht. Auf Partnersuche geht man auf dem „Liebesmarkt“. Nein, nicht was Sie denken. Es handelt sich um ein entzückendes Brauchtum, bei dem der Mann die Angebete mit einer Art Balztanz für sich zu gewinnen trachtet. Begleitet werden seine akrobatischen Verrenkungen dabei vom Spiel auf einem flötenartigen Musikinstrument. Das Objekt seiner Begierde verfolgt ihn in kurzem Abstand und führt mit den Füßen kickartige Bewegungen aus. Über die Interpretation dieses Verhaltens wurde ich mir nicht ganz schlüssig, ein Spitz in den Allerwertesten bedeutet aber vermutlich ein „Nein“. Auch wenn diese Tänze mittlerweile regelmäßig für Touristen aufgeführt haben, hat sich an diesem jahrhunderte Jahre alten Brauchtum bis heute prinzipiell nichts geändert. Hier tanzt der Mann noch nach ihrer Pfeife.
 
Auch hier wurden wir von unseren folgsamen Schatten verfolgt, die wie ein Perpetuum mobile eine Stickerei nach der anderen aus ihrem Tragekorb holten. Die Ausrede, keinen Platz im eigenen Rucksack zu haben, war somit zum Scheitern verurteilt, denn natürlich trugen sie den Einkauf für den Touristen entlang des Weges. Wobei mir ihre erstaunlichen Sprachfähigkeiten auffielen. Die meisten von ihnen sprachen ein Englisch, um das sie viele meiner Schüler in Hanoi beneidet hätten. Auch die Kinder, von denen viel keine Schule besuchten, erwiesen sich als begabte Gesprächspartner. Unsere Führerin hatte niemals Englisch in der Schule gelernt, doch ihre Aussprache war phänomenal. Dagegen war die Hauptstadt eine sprachliche Provinz. Ich wusste, welchen Rat ich meinen Sprachschülern in Hanoi in Zukunft mitgeben würde. „Vergesst Apollo, bleibt stattdessen lieber ein Jahr in Sapa“. Trotzdem waren sie Analphabeten, denn sie konnten weder lesen noch schreiben. Dass Mai der geschriebenen Sprache nicht mächtig war, fiel Ha auf, als ihr ein Tourist einen Plan unter die Nase hielt. Sie wusste damit nichts anzufangen. Zwar kannte sie die Gegend, doch die geschriebenen Bezeichnungen blieben für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

Nach einem bescheidenen Mittagessen setzten wir unseren Weg fort, wobei wir abermals den Talboden verließen und entlang Reisfeldern über Almen und bewaldete Berghänge marschierten. Der Boden wurde immiger rutschiger und tiefer, was unser Vorankommen erheblich erschwerte. Es war eine ziemliche Sauerei. Lediglich die Büffel nahmen es gelassen. Bis zu den Knien standen sie in den schlammigen Reistümpeln und kauten genüsslich vor sich hin. Bisweilen hatten auch sie Probleme, wenn sie über einen hohen Erdwall zu einer anderen Terrasse kletterten, und dann stießen sie tiefe Geräusche aus, die unmissverständlich ihren Missmut zum Ausdruck brachten. Ich hätte es als Muhen bezeichnet, aber das würde einem Büffelexperten wahrscheinlich die Nackenhaare aufstellen. Wenn die Pflicht rief, spannte sie der Farmer vor das Joch, und gemeinsam pflügten sie die Reisfelder. Hier geschah noch alles in Handarbeit. Ein Traktor hatte zwei Hörner und wurde umweltfreundlich mit Gras betrieben. Dafür schiss er auf die Wege, was unsere Situation noch zusätzlich verschärfte.
 
Mittlerweile hatte ich fotografisch gesehen eine reiche Ernte eingefahren, und war dementsprechend zufrieden mit mir und der Welt. Die Aufnahmen gliederten sich im wesentlichen in drei Kategorien: Reisfelder, die ethnische Bevölkerung, und „diverse andere“. Wobei die Reisfelder den Löwenanteil ausmachten. Mein künstlerisches Konzept folgte dabei dem Motto „ich habe zwar schon alles fotografiert, aber noch nicht aus jeder erdenklichen Perspektive“, und so war ich ziemlich beschäftigt. Der geborgte Regenschirm leistete mir vorzügliche Dienste, da er meine Kamera vor den Regentropfen abschirmte und mir somit ein sorgenfreies Fotografieren ermöglichte. Auf den schlammigen Wegen erwies er sich jedoch als Hindernis, aber kleine Opfer muss der Mensch im Dienste einer guten Sache eben bringen. Auch unsere Begleit-Armada hatte alle Hände voll zu tun, um die übrigen Tourteilnehmer auf zwei Beinen zu halten. Evolutionstechnisch gesehen stellt der aufrechte Gang vermutlich einen echten Fortschritt dar, auch wenn mir diesbezüglich manchmal Zweifel kommen. Eine Bergziege, dieses herausragende Beispiel für Trittsicherheit auch unter schwierigsten Bedingungen, würde sich auf zwei Beinen weitaus schwerer tun, und auch die Büffel hinterließen auf vier Hufen einen sichereren Eindruck. Im Gegensatz dazu waren die Hühner und Gänse wie wir Menschen zweibeinig unterwegs, und ebenso drollig wirkte ihr Gang auch. Auf der anderen Seite tappt der Mensch mit seinen vorderen Gliedmaßen aber auch nicht permanent im Büffelkot herum. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.
 
Nach dem letzten Dorf ging es gemäßigt ein Stück bergauf, bis wir nach einem kurzen, aber steilen Abstieg (nur Zyniker würden hierzu einen „guten Rutsch“ wünschen), ein weiteres Mal jenen Fluss überquerten, der dieses Tal entlang strömte. „Nun habt ihr es überstanden“, meinte eine H’Mong-Frau aufmunternd, als wir einen kleinen Wasserfall erreichten, bevor sie zusammen mit ihren Kolleginnen zu einer letzten Verkaufsoffensive ansetzte. Ich wollte ihr eine Kleinigkeit abkaufen, als Dank für diverse erbrachte Trage- und Haltedienste, doch Ha wollte nichts davon haben, uns so gab ich ihr ein kleines Trinkgeld. Mit dem Kauf eines Stücks ist es nämlich nicht getan, und auch nicht mit dem Erwerb von zehn weiteren. Egal, was man kauft,es ist niemals genug und hält die anderen nicht davon ab, auch ihr Glück zu versuchen. Fluchtartig verließen wir dieses Gemetzel und erklommen den gegenüberliegenden Hang zurück zur Straße, wo ein Minibus auf uns wartete. Ja, sie hatten es überstanden, doch wir mussten noch diesen letzten Anstieg zurücklegen, bevor wir es uns in unseren nassen und schmutzigen Klamotten gemütlich machen konnten. Es ist halt alles eine Frage der Betrachtungsweise.
 
Als wir so im Bus saßen, da hätte dieser Ausflug eigentlich zu Ende gehen können, und zwar so: Rückkehr in die Stadt, Einchecken im Hotel, eine heiße Dusche und frisches, trockenes Gewand. Dann mit einem guten Buch und einem Heißgetränk in der Hotellobby oder einem gemütlichen Cafe sitzen und so richtig entspannen. Stattdessen kurvte der Wagen auf der engen Bergstraße durch den Nebel, und ich sah den Begriff „Gemütlichkeit“ sich vor meinen Augen in Luft auflösen. Nach einer Weile verließen wir die Straße und tauchten auf unasphaltierten Serpentinen ins Tal hinab, zur letzten Station dieses Tages.
 
Homestay
 
Das Dorf Ban Ho liegt in einem langgestreckten Tal etwa fünfzehn Kilometer von Sapa entfernt und ist ein gern besuchter Ort zum Übernachten. Mehrere Familien bieten Matratzenlager in rustikalen, hölzernen Pfahlhäusern und verwöhnen ihre Gäste mit selbstgekochten Köstlichkeiten. Uns standen sogar warme Duschen und kalte Getränke zur Verfügung, und im Schlafraum Moskitonetze und Bettzeug. Die Moskitonetze waren auch unbedingt erforderlich, denn nach Einbruch der Dunkelheit gaben sich geistig verwirrte, langflügelige Insekten einem ekstatischen Tanz um die Neonröhren hin, bis die Mehrzahl von ihnen auf dem Boden mit orgastischen Zuckungen verreckte. Dieses Massensterben mag auf den ersten Blick wie eine Verschwendung von Leben vorkommen, doch beim Menschen verhält es sich im Prinzip auch nicht anders, wenngleich der zeitliche Maßstab ein anderer ist.
 
Warm geduscht, mit frischen und trockenen Klamotten am Leib kehrte neues Leben in unsere geschundenen Körper, und so setzte ich mich zufrieden mit einem Buch auf die Veranda, von der aus ich das Tal überblickte. Die Landschaft war hier kein atemberaubender Anblick, denn bauliche Aktivitäten schlugen tiefe Wunden in den Berg, doch es war wohltuend still und von den Temperaturen her weitaus angenehmer als im höher gelegenen Sapa. Der Regen hatte gänzlich aufgehört, und die Abenddämmerung breitete sich allmählich über das Tal. Entspannt lehnte ich mich zurück und lauschte dem Nichts. Ich ruhte in meiner Mitte. Bis Ha auf die Idee kam, meine Schuhe zu waschen. Sie tat es nämlich nicht auf die einzig vernünftige Weise, nämlich mit einer Bürste den zentimeterdicken Dreck abzuschrubben, sondern sie leerte eine Schöpfkeile mit Wasser darüber, was den Dreck nicht ablöste, sondern die Schuhe nur noch feuchter machte. Dabei war völlig offensichtlich, dass in diesem feuchtem Klima über Nacht nichts trocknen würde. Entsetzt beobachte ich diese Aktion, doch als ich dagegen einschritt, war es bereits zu spät. Ich spürte förmlich schon den feuchten Fußwickel, begleitet von schmatzenden Geräuschen, der mich am nächsten Tag erwartete. Ha zeigte sich leicht zerknirscht und brachte meine Schuhe in die Küche zum offenen Feuer, wo sie sie zum Trocknen aufstellte. Es hätte mich jedoch nicht gewundert, hätte sie die Schuhe auf einen Spieß gesteckt und langsam über dem Feuer geröstet.
 
Nach dem Abendessen saßen wir noch eine Weile auf der Veranda und unterhielten uns mit den anderen Teilnehmern, wobei wir sprachlich eine Minderheit darstellten. Die übrigen Vier kamen nämlich aus Frankreich, und unterhielten sich daher aus nachvollziehbaren Gründen auf Französisch. Trotzdem bezogen sie uns ins Gespräch ein, indem sie sich dazu herabließen, gelegentlich auch in die englische Wortkiste zu greifen. Überhaupt schien man mit Französisch in dieser Gegend besser voranzukommen als in der Landessprache, denn wir begegneten unterwegs so vielen Franzosen (und waren es Schweizer, so kamen sie mit Sicherheit aus dem französischsprachigen Landesteil), dass ich phasenweise das Gefühl hatte, in Frankreich unterwegs zu sein. Die Berge passten dazu, und hätte auf dem Esstisch ein würziger Camembert gestanden, so wäre die Illusion perfekt gewesen. Lediglich die Reisfelder und die Einheimischen störten ein wenig. Es war eine Ironie der Geschichte. 55 Jahre war es her, seit die Vietnamesen in der legendären Schlacht bei Dien Bien Phu (in den Bergen Nordwest-Vietnams) die Franzosen endgültig aus dem Land vertrieben hatten, und nun kehrten sie en masse als Touristen zurück. Mit den Amerikanern verhielt es sich nicht anders. Nur brachten sie diesmal keine Waffen mit, sondern Devisen, und das änderte natürlich einiges.
 
Zu den schwarzen H’mong, die das Tal über weite Strecken mit ihren schwarzen Gewändern prägten, gesellte sich noch eine weitere Volksgruppe, wobei besonders die Frauen schon von weitem mit ihrem ungewöhnlichen, leuchtend roten Kopfschmuck auffielen – die roten Dzao. Dieser Name war angesichts der Kopfbedeckung, eine Art Turban mit langen, quastenbesetzten Kordeln, trefflich gewählt. Sie erwiesen sich als ebenso hartnäckig beim Anbieten ihrer Waren, und waren ebenso wie die H’mong-Frauen mit einem geflochtenen Tragekorb ausgerüstet. Schon in aller Früh belagerten sie die Homestay-Quartiere, um dem einen oder anderen Touristen ein kleines Souvenir anzudrehen. Ich kaufte wie üblich nichts, sah dies aber als ausgezeichnete Gelegenheit, aus der Ferne ein paar Schnappschüsse zu machen. Sobald ein Tourist seine Kamera zückte, hielten sie gerne die Hand zum Abkassieren auf, doch schließlich hatte ich sie für dieses Foto-shooting nicht herbestellt. Würde ich jeder Person, die auf meinen Fotos zu sehen ist, ein Trinkgeld geben, so bliebe kein Geld mehr über, um zu reisen. Und ich posiere auch desöfteren für gemeinsame Fotos mit Asiaten, die aus unerfindlichen Gründen aus dem Häuschen geraten, wenn sie sich mit einer Langnase ablichten lassen. Vielleicht hat es für sie aber auch keine andere Bedeutung, als mit dem Affen aus dem Zoo Pose zu stehen.

Nach einer stillen und geruhsamen Nacht begrüßte ich mit halb geöffneten Augen den noch jungen Morgen. Es war trocken, doch musste es in der Nacht heftig geregnet haben, denn überall standen Pfützen, und die schuldigen Wolken flüchteten über den Himmel. Die Dorfbewohner waren längst erwacht und arbeiteten vor ihren Häusern oder auf den Feldern. Wer jetzt noch in den Federn lag, war entweder Tourist oder hatte mit ernsthaften gesundheitlichen Problem zu kämpfen. Auf mich traf beides zu, denn das stundenlange Gehen auf dem unebenen und rutschigen Terrain forderte seinen Tribut in Form verkaterter Muskeln, die bei jedem Schritt leise miauten. Folglich tat ich das einzig Vernünftige und legte mich bis zum Frühstück noch eine Weile aufs Ohr. Wer wusste, was mir heute noch bevorstand?
   
Nach dem Frühstück wanderten wir noch eine Weile im Tal herum, doch zum Vortag hatte sich nur wenig geändert. Ich kam, sah, rutschte und fotografierte. Nach der weltgrößten Sammlung an Tuk Tuk – Fotos besaß ich nunmehr auch die weltgrößte Sammlung an Fotos terrassierter Reisfelder. Der Mensch vergeudet sein Dasein mit sinnlosem Tun.
 
Als wir gegen Mittag in unsere Unterkunft zurückkehrten, da sah ich bereits mit freudiger Erwartung dem Nachmittag entgegen, der eine heiße Dusche und Behaglichkeit versprach. Nach einer warmen Mahlzeit packten wir unsere Sachen und gingen hinunter ins Dorf, um auf den Rücktransport zu warten. Es begann wieder zu regnen, zuerst unmerklich, dann allmählich stärker, doch nun war es mir egal. Vorerst. Waren wir am Vortag noch mit einem stinknormalen Minibus hergekommen, so kamen diesmal zwei grüne Militärjeeps angerollt. Sie boten eine schlichte, nüchtern funktionelle Erscheinung, die jeden Spartaner in helle Begeisterung versetzt hätte. Doch was war mit unserem Minibus passiert? War es diesen Fahrzeugen unmöglich, das Tal auf den ruppigen, und bei Schlechtwetter auch rutschigen Lehmpisten zu verlassen? Wenn dem so war, dann mussten folglich im gesamten Tal die Wägen herumstehen, doch nichts dergleichen war mir aufgefallen. Also musste es eine andere Erklärung geben. Wir kletterten in den ersten Jeep und begannen, den Berg hinaufzurütteln. Es war definitiv keine Fahrt für Bandscheiben-geplagte Menschen. Angesichts des bemerkenswerten Höhenunterschiedes war ich dennoch froh über diesen motorisierten Aufstieg. Die Bergvölker hingegen legen diese Wege großteils zu Fuß zurück, und daher ist es kein Wunder, dass selbst alte Leute noch die Berge in einem Tempo hinaufgehen, bei dem den meisten Touristen schwarz vor den Augen würde. Diese Leute müssen eine ausgesprochen robuste Konstitution haben.
   
Als wir uns die Serpentinen emporkämpften und so mühelos an den wandernden Einheimischen vorbeizogen, da fingen uns wieder tiefhängende Wolken ein und es würde spürbar kühler. Im Gegensatz zum Vortag hatte sich der Straßenzustand drastisch verändert. Schlammlawinen waren abgegangen und hatten die Straße stellenweise nur unter erschwerten Bedingungen passierbar gemacht. Tiefe Löcher strapazierten unsere Stoßdämpfer (mechanische wie biologische), und an einer Stelle hatte sich die Fahrbahn um rund zwanzig Zentimeter abgesenkt. Und auch die Fauna war keine echte Hilfe. Just hinter einer unübersichtlichen Biegung machte sich eine Gruppe uneinsichtiger Büffel daran, auf die andere Straßenseite zu wechseln, und dass ohne vorher nach rechts und links zu sehen. Folglich verhinderte nur eine unverzüglich eingeleitete Notbremsung des Fahrers Schlimmeres. Aber mit sowas muss man in einem Land, wo sich selbst die Menschen auf den Straßen wie Hornochsen benehmen, eben rechnen.

Während der Fahrer mit den Unwegsamkeiten der Natur kämpfte, und mein Blick auf das tief unter uns liegende Tal fiel, da stiegen in mir Erinnerungen an meinen ersten Trip nach Sapa hoch. Auf demselben Straßenabschnitt hatte uns das Schicksal zwei Motorradpannen beschert, und wie durch ein Wunder hatten wir schlussendlich noch den Bus erreicht. Diesmal nahm ich die Sache etwas gelassener, da wir erst am darauffolgenden Tag nach Hanoi zurückkehren wollten, doch konnte ich mir eindeutig erfreulichere Alternativen zu einer Nacht im Freien vorstellen. Vielleicht wohnte Murphy (bekannt als Vater des Murphy-Gesetzes, wonach alles schiefgeht, was auch schiefgehen kann) hier in der Gegend. Diese Hypothese schien sich zu bestätigen, als der Fahrer den Motor stoppte, mehrmals gegen die Ölstandsanzeige klopfte und aus dem Wagen kletterte. Wenn es sich um ein ernsthaftes Problem handelte, dann ließ er sich zumindest nichts anmerken, denn eine Minute später stieg er wieder ein und wir setzten die Fahrt fort. Souverän wuchtete er seinen Jeep über alle Unebenheiten (mit Ausnahme der Büffeln), und so erreichten wir sicher unser Reisebüro in Sapa. Dort packten wir unsere Habseligkeiten und checkten nach einen kurzen Fussweg in unser Hotel ein. Die Entbehrungen hatten ein Ende.

Paparazzi

Während der Nacht wurde der alte Petrus milde und beorderte die Regenwolken in ein anderes Gebiet. Was er allerdings nicht in Ordnung gebracht hatte, waren die Straßen. Ich vermutete es ohnehin, doch das hielt uns nicht davon ab, uns am Morgen nach dem Frühstück ein Motorrad zu mieten. Unternehmungslustig, und durch das schöne Wetter zusätzlich angespornt, brachen wir in Richtung Fansipan (mit seinen 3.143 m der höchste Berg Vietnams) auf und kamen die ersten Kilometer zügig voran, bis ich auf die Tankanzeige blickte und zu meinem Entsetzen feststellte, dass der Tank nahezu leer war. Natürlich hatte uns kein Mensch darauf hingewiesen, und ich hatte mich zugegebenermaßen vor Antritt der Fahrt auch nicht darum gekümmert. Also drehten wir um, denn Tankstellen sind in den Bergen rar, und mit klarem Quellwasser stottert der Motor für gewöhnlich. Im Ort ließ sich das Problem rasch beheben, und so starteten wir den zweiten Anlauf. Wir kamen leidlich gut voran (wir versanken nicht bis zum Hals im Schlamm), doch endete unser Vorwärtsdrang etliche Kilometer weiter an einer Straßensperre. Geduldig reihten wir uns in die Kolonne der wartenden Fahrzeuge ein (im Gegensatz zu den Vietnamesen, die prinzipiell solange nach vorne vorfahren, bis die gesamte Straßenbreite verstellt ist), und sahen den Bauarbeitern bei ihrer Arbeit zu. Die Zeit verging, doch nichts änderte sich an diesem Zustand, obwohl von Zeit zu Zeit einige Fahrzeuge, vornehmlich Autos und Lastwägen, durchgelassen wurden. Ich vermochte dieser Logik nicht ganz zu folgen, denn es befanden sich auch Privatfahrzeuge darunter, aber über vietnamesische Logik war ich schon aus wesentlich banaleren Gründen gestrauchelt.
 
Endlich kam Bewegung in die Sache, und wir durften passieren. Wir fuhren dreihundert Meter, dann erreichten wir den Parkplatz vor dem „silbernen Wasserfall“, der unser erstes Etappenziel darstellte. Typisch, dass an einem der geschäftigsten Wochenenden des Jahres eifrig gebaut wurde, obwohl man die Bauarbeiten angesichts des zu erwarteten Touristenstroms durchaus hätte einstellen können. Ich hatte die Besichtigung des Wasserfalls bei einem letzten Besuch ausgelassen und bei den Motorrädern gewartet, um nicht auch noch mein letztes trockenes T-Shirt zu verschwitzen. Nun holte ich das Versäumte nach. Auch wenn ich feststellte, dass ich nicht allzu viel versäumt hatte. Gewiss, der Wasserfall war durchaus eine ansehnliche Erscheinung, aber gegen die Niagara-Fälle war er nicht mehr als eine am Fels talwärts fließende Träne.
 
Wir kletterten weiter die Berge hoch und hielten bei einem Stützpunkt, von dem aus Touren auf den Berg Fansipan ihren Anfang nahmen. Ein zweiter, breiter Fussweg führte angeblich zu einem weiteren Wasserfall, in Wahrheit aber bereits nach zweihundert Metern in einen Schlammpfuhl, denn die heftigen Regenfälle hatten auch dieser Gegend zugesetzt, und ein dritter Pfad verschwand unter uns im dichten Wald und sah auch nicht wirklich trockener aus. Als letzte Alternative blieb uns noch, ein Stück auf dem Fansipan-Weg entlang zu gehen, doch wurde uns dies vom Aufsichtspersonal verwehrt. In Summe kamen wir aber dennoch auf eine Wegstrecke von etwa dreihundert Metern. Für die Wandernadel in Silber qualifizierte uns das nicht.
 
Auf dem verbliebenen Wegstück zum Tram Ton Pass, dem höchsten Bergpass Vietnams, passierte mir ein unerklärlicher Fauxpas. An einer Stelle war ein Reisebus hängen geblieben, und so umkurvte ich dieses Hindernis über Stock und Stein. Höchst konzentriert steuerte ich das Motorrad auf die Straße zurück und setzte meinen Weg fort. Nach wenigen Fahrminuten erreichte ich die höchste Stelle und stellte das Motorrad zwischen einigen Obstständen ab. Ich schwang mich aus dem Sattel und machte eine überaus interessante Entdeckung. Der Rücksitz war leer. Ich stand hier alleine. Wo war Ha? Ich musste sie unterwegs verloren haben. Diese an sich triviale Feststellung barg einen gewissen Zündstoff in sich. Vermutlich war sie an jener Engstelle unbemerkt abgestiegen und wartete dort schon ungeduldig (und leicht verärgert?) auf mich. Also startete ich neuerlich den Motor und fuhr das kurze Stück zurück. Weit musste ich nicht fahren, denn schon nach wenigen Kehren kam mir Ha entgegen und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Außerdem rieb sie sich den Kopf.
    „Wieso hast du nicht angehalten, als ich dich gerufen habe?“ Das war eine berechtigte Frage.
    „Ich habe weder bemerkt, dass du herunter gefallen bist, noch habe ich dein Rufen gehört“, verteidigte ich mich. „Ich hab’ mich eh ziemlich gewundert, als du plötzlich nicht mehr da warst. Aber nun bin ich ja hier.“ So ungeschoren kam ich nicht davon, doch überwog bei ihr die Erleichterung den Ärger. Sie kletterte auf den Rücksitz und ich legte das kurze Stück zum Pass ein zweites Mal zurück, diesmal aber in ihrer Begleitung.
 
Wir blieben nicht lange. Der Pass selbst war weit weniger spektulär als der Weg dahin. Auf dem Rückkehr kamen wir wieder an der Strassensperre vorbei, und wie nicht anders erwartet, mussten wir auch diesmal wieder warten. Vorsichtshalber bat ich Ha, sich nach der Zeitdauer zu erkundigen, und als ich die Antwort „zwanzig Minuten“ vernahm, platzte mir der Kragen und ich gab ohne lange zu überlegen Gas. Nichts passierte. Keine wütenden Ordnungsrufe, keine wilde Verfolgungsjagd, keine tieffliegenden Spitzhacken. Wir waren ganz offensichtlich die Aufregung nicht wert. Wir überwanden das Baustellen-Areal ohne nennenswerten Zwischenfälle und kehrten auf direktem Weg nach Sapa zurück. Dort erklommen wir die Stufen zu einer Restaurants-Terrasse und widmeten uns einem interessanten Zeitvertreib. Dem Beobachten anderer Leute.

Und derer gab es genug auf der geschäftigsten Straße des Ortes. Rund die Hälfte davon waren Touristen, die andere Hälfte Einheimische, die ihre Waren an den Mann bringen wollten. In Trauben hingen sie an den Ausländern, die alle Hände voll zu tun hatten, die in mehreren Wellen herangetragenen Angriffe abzuwehren. Doch sie standen auf verlorenem Posten. Das Portmonnaie festzuhalten war das Geringste, das sie tun konnten. Doch auch die Angreifer mussten rasten, und das führte zu Beobachtungen der anderen Art. So saß eine junge Frau auf einer Türschwelle und stillte ihr Neugeborenes mit blankem Busen. Eine andere Frau vollzog eine seltsame Behandlung an einer zweiten, und obwohl dies wie Folter aussah (auf der Haut des Opfers bildeten sich leuchtend rote Striemen), waren beide guter Stimmung und unterhielten sich dabei ausgezeichnet. Dann begann die junge Mutter ihr Kind auszupacken und ich fragte mich insgeheim, ob sie es nun auch auf der Straße wickelte? Selten wurde ich beim Essen so gut unterhalten, und daher verließen wir hochzufrieden das Lokal, um die verbleibenden zwei Stunden bis zur Rückfahrt mit einem Besuch des nur wenige Kilometer außerhalb des Ortes gelegenen Dorfes Cat Cat auszufüllen. Nach unserer ausführlichen Wanderung brachte dies keine wesentlichen Neuentdeckungen mehr, doch legten wir aufgrund dessen Lage am Fuße eines Tales beim Rückweg mehr Höhenmeter zurück, als am ganzen Wochenende zuvor.
 
Eines stimmte mich allerdings nachdenklich. Ha war wiederholt aufgefallen, dass sich unter den Angehörigen der ethnischen Minderheiten Kinder befanden, die, was Gesichtsform und Haarfarbe anging, westliche Merkmale aufwiesen. In Gesprächen mit einheimischen Frauen bestätigte sich dieser Verdacht. Demzufolge verdienten nicht wenige dieser Frauen in und um Sapa ihr Geld als Prostituierte, und das wiederum war mit meinem Bild von einer extrem konservativen Gesellschaft nur schwer vereinbar. Doch Geld ist für viele der Maßstab aller Dinge, und auch in anderen asiatischen Ländern wird von Familien das Treiben ihrer Töchter totgeschwiegen und verdrängt, um über die Runden zu kommen oder bloß Dinge anzuschaffen, die ohne dieses Zubrot in weiter Ferne blieben. Die Leidtragenden sind neben den betroffenen Frauen aber auch die Kinder, denn Mischlinge haben in diesen Gesellschaften oft einen schweren Stand. Mit dieser Nachricht hatte die Welt für mich ein weiteres Stück Unschuld verloren.
 
Die Rückfahrt verlief ohne erwähnenswerten Zwischenfälle. Wir teilten uns ein Viererabteil mit einem französischen Burschen, einem weiteren Mitglied unserer Tourgruppe, sowie einer Australierin, die in Vietnam als Volunteer arbeitete. Interessanterweise waren alle Teilnehmer unserer kleinen Tourgruppe keine Kurzzeittouristen, sondern in Asien ansässig. Auch Francois arbeitete für einige Monate an einem U-Bahn-Projekt in Hanoi, und so begann das Austauschen von Erlebnissen, was das Leben „on the road“ so interessant macht. Früh am Morgen trafen wir in Hanoi ein, warfen uns in ein Taxi und fuhren nach Hause. Dort legte ich mich schlafen, während Ha duschte und in die Arbeit fuhr. Mit dieser Aufteilung konnte ich leben. Ich träumte von Bergen und Reisfeldern, von ethnischen Minderheiten und Wasserbüffeln, und von einer Gesellschaft, die ihre Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer befriedigte. „Ich habe einen Traum“, begann die berühmte Rede, mit der Martin Luther King in die Annalen der Menschheit einging. Es blieb dabei. Ein Traum.


Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:42 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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