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Auf zwei Rädern durch Hanoi PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Mittwoch, den 17. Juni 2009 um 13:48 Uhr
Ich hoffe, Sie haben gute Nerven, denn heute unternehme ich mit Ihnen eine Fahrt durch Hanoi. Mit dem Motorrad, natürlich. Oder glauben Sie, ich lasse extra für Sie eine Limousine vorfahren? Und außerdem möchte ich Ihnen ein wenig von dem vermitteln, was für mich tägliche Realität ist. Also machen Sie es sich auf dem Rücksitz bequem, setzen Sie ihren Helm auf, und fangen Sie an zu beten. Haben Sie eigentlich schon Ihr Testament aufgesetzt? Wenn nicht, dann sollten Sie das vielleicht noch erledigen. Um die notorielle Beglaubigung kümmere ich mich dann später, sollte Ihnen etwas zustoßen. Das geht nicht? Alles geht in Vietnam, wenn man gut schmiert.
    
Ich werde Sie auf eine Tour durch Hanoi mitnehmen, mit Start und Ziel bei meinem Haus. Dazwischen führe ich Sie an einigen Sehenswürdigkeiten und sehenswerten Plätzen im Stadtgebiet vorbei. Wäre ich ein Motorradtaxi, dann müssten Sie jetzt zu Beginn gleich gehörig um den Preis feilschen, wobei ich natürlich alles unternähme, mir an Ihnen eine goldene Nase zu verdienen. Vergessen Sie alles, was Ihnen Freunde und Bekannte über reguläre Preise erzählt haben, denn Sie ziehen sowieso den Kürzeren. Ich sehe auf Anhieb, dass sie neu in der Stadt sind und keine Ahnung haben, also jammere ich ein wenig über die jüngst stark gestiegenen Benzinpreise und nehme Ihnen damit den Wind aus den Segeln. Gehen Sie ruhig zu einem Kollegen, der erzählt Ihnen auch nichts anderes. Wir halten nämlich zusammen.
 
Bei mir müssen Sie allerdings nichts bezahlen, schließlich verdiene ich mein Geld mit dem Unterrichten von Englisch. Ich lebe hier und kämpfe mich tagtäglich durch dieses Gewühl. Und es ist ein gefährliches Pflaster. Zwei meiner Kollegen hat es innerhalb der letzten beiden Monate böse erwischt. Die traurige Bilanz: ein Ellbogen- und ein Schlüsselbeinbruch. Ich hatte auch schon einen Unfall mit Feindkontakt, aber mein Schutzengel war wachsam und so stand ich vollkommen unverletzt auf vom heißen Asphalt. Lassen Sie sich deswegen aber nicht beunruhigen. Beinahe-Unfälle sind an der Tagesordnung, weil viele Leute entsetzlich undiszipliniert fahren. Sie werden ja sehen. Auf geht’s!

Hier in diesen engen Gassen spielt sich das eigentliche Leben ab. Fußgänger, Radfahrer und Motorradfahrer drängen sich Schulter an Schulter, und das Navigieren erfordert rasche Reflexe und eine ruhige Hand. Ja, ich weiß, das ständige Hupen ist lästig, aber gewöhnen Sie sich besser daran. Es wird Sie durch den ganzen Tag begleiten. Sehen Sie die Straßenhändler dort? Geduldig sitzen sie von der Früh weg auf ihren Hockern und warten auf Kundschaft. Fleisch, Gemüse und Obst – alles wird hier verkauft. Das Fleisch sieht nicht allzu appetitlich aus, denn die Schlachtkörper liegen offen herum, und das bei allen Temperaturen. Am Abend breiten Händler Textilien und andere Bedarfsgegenstände aus, was dann für zusätzliche Engstellen sorgt. Am schlimmsten ist es, wenn ein Auto diese Gassen befährt, denn dann stauen sich die anderen Verkehrsteilnehmer dahinter und davor, und nichts geht mehr. Um umzudrehen, fahren die Fahrer minutenlang vor und zurück, weil es so eng ist und man in der Hektik schnell ein Kind übersieht.

Dieser kleine Teich zu Ihrer Linken ist ein charakteristischer Anblick in Hanoi. Umgeben von einer Steinmauer, reiht sich ein Cafe ans andere, und über der Straße stehen die typischen mehrstöckigen vietnamesischen Häuser, die manchmal so schmal sind, dass ein Stockwerk aus nicht mehr als einem Raum besteht. Die Straßencafès sind Zentren der Geselligkeit, und den ganzen Tag über sitzen die Einheimischen im Schatten der Bäume und trinken Tee, Kaffee oder Fruchtshakes. Gegenüber am Eck, die kleine Motorradwerkstätte, das ist hier ebenfalls ein vertrautes Bild. Ich weiß nicht, wie viele dieser Läden in der Hauptstadt verstreut sind, aber für gewöhnlich muss man nicht lange fahren (beziehungsweise schieben), wenn man eine Panne hat. Die Reparaturen sind unglaublich billig.Für eine Stunde Mechanikerarbeit zahlt man nicht viel mehr als fünf Euro, während man bei uns für den Besuch einer Werkstätte eine Hypothek aufs Haus aufnehmen muss. Dafür arbeiten sie mitunter ein wenig schluderig, was einen weiteren Besuch nach sich zieht. Das kostet dann einen weiteren Euro. Dafür darf man in Europa noch nicht einmal dem Chef persönlich die Hand schütteln.
    
Wir biegen jetzt in eine große Straße ein, auf der der Verkehr auf mehreren Spuren dahinrollte, gäbe es welche. Richtungsspuren gibt es auf den Straßen Hanois nur sehr wenige, und wer benötigt sie schon? Es wird sowieso in alle Richtungen gefahren, selbst gegen die Einbahn. Da! Haben Sie das gesehen? Laut hupend fährt dieser Mann quer über die Straße, und das noch dazu gegen unsere Fahrtrichtung. Wie aus dem nichts ist er vor uns aufgetaucht, ebenso wie die Fußgängerin, die da wild gestikulierend mitten auf der Fahrbahn steht, als sich der Motorradpulk plötzlich vor uns teilt. Fast hätte ich sie übersehen. Das ist gerade noch einmal gutgegangen. Sobald ich motorisiert in Hanoi unterwegs bin, gilt für mich nur mehr eine Regel: Rechne mit dem Schlimmsten, und du wirst nicht enttäuscht werden. Und sie enttäuschen mich niemals. Sollte es einen fünften Teil von „Stirb langsam“ geben, dann wird er hier gedreht, auf diesen Straßen.

Die Straße, auf der wir jetzt unterwegs sind, ist eine wichtige Ausfallsstraße, denn sie verbindet das Zentrum mit dem Vorort Hadong, und ist in weiterer Folge eine wichtige Route in einige der nordwestlichen Provinzen des Landes. Stadteinwärts führt sie uns durch einen der älteren Bezirke, was leider bedeutet, dass der Verkehr sehr chaotisch ist, denn geplant wurde da nicht viel. Links und rechts von uns liegen dicht gepackte Wohnviertel, die in ihrer Gesamtheit klaustrophobische Gefühle verbreiten. Die Gassen, die in diese menschlichen Dachsbauten hineinführen, sind manchmal nicht breiter als eineinhalb Meter, und die grauen Wände verschlucken gierig das Sonnenlicht. Im Inneren verzweigen sie sich immer weiter, die Gasse wird zur Nebengasse und zur Nebennebengasse. Diese Wege sind so eng, dass zwei Personen unweigerlich zusammenstoßen, sobald sie gleichzeitig ihr Haus verlassen. Es bedarf eines raffinierten Kniffs, um hier sein Motorrad zu wenden, aber mittlerweile beherrsche ich ihn. Nicht dass ich solche Orte besonders oft aufsuche. In der Regel halte ich mich von ihnen fern, denn ich fühle ich dort unwohl. Ich brauche Sonne und Luft zum Leben.

Diese Viertel sind es auch, die pausenlos Personen aufsaugen und wieder ausspeihen, und dies ist auch der Grund für den lästigen Querverkehr. Ampeln gibt es in dieser Gegend nur wenige, und auch Rotlicht ist für viele kein Grund, stehenzubleiben. Wer in die Straße einfährt, schaut dabei nicht nach hinten, da müssen schon die andern aufpassen. Wenn sie wenigstens nicht gleich mitten in die Fahrbahn schwenkten, denn das macht sie so unberechenbar. In gewisser Weise ist dieses ignorante Verhalten auch schon wieder eine konstante Größe, doch das macht es nicht weniger gefährlich. An die ständigen Notbremsungen müssen Sie sich leider gewöhnen, ich kann es nicht verhindern, obwohl ich mir alle Mühe gebe, ein gleichmäßiges Tempo einzuschlagen. Doch drängeln und schneiden, ausscheren und nicht schauen sind die Grundzutaten dieses Tranks, der in seinem Hexenkessel feurig vor sich hin brodelt.
    
Wenn Sie jetzt nach rechts schauen, über die Mauer, dann sehen Sie Vietnams erste Universität, oder „Temple of Literature“, wie er heute genannt wird. Die Architektur ist ganz typisch für die vielen vietnamesischen Tempel und Pagoden, mit ihren rotbraunen Dachschindeln, den steinernen Drachen und den chinesischen Schriftzeichen auf den Säulen. Zu akademischen Weihen gelangt hier niemand mehr, denn heute handelt es sich um eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die zahlreichen Touristen haben die Studenten verdrängt, aber immer noch suchen Jugendliche diesen Ort auf, um für Prüfungsglück zu beten. Doch auch dieser Brauch nimmt langsam ab, denn Hanois Alumni haben erkannt, dass die Erfolgschancen steigen, wenn diese Zeit zum Lernen genützt wird. Dabei kann man ihnen mangelnde Strebsamkeit nun wirklich nicht vorwerfen. Sechs Tage in der Woche wird gebüffelt und gepaukt, und am Tag des Herrn sind die Batterien dann so leer, dass mindestens der halbe Tag verschlafen wird. Glaubt man den Aussagen meiner Englischschüler, dann ist Schlafen neben Fussball (männlich) und Shopping (weiblich) der Volkssport Nummer eins.

Wie geht es Ihnen? Ich weiß, die Straßen sind hektisch und die Luft nicht besonders, dabei ist es augenblicklich relativ ruhig. Es ist schließlich Mittagszeit, und diese dient dem Essen und der Ruhe. Eineinhalb bis zwei Stunden Mittagpause sind keine Seltenheit, sondern eher die Regel. Auch wenn die einfachen Geschäfte nicht zusperren, denn Zeit ist Geld. Warum glauben Sie, trage ich einen Helm mit Visier und den Mundschutz? Die Luft riecht nicht nur nach Verschmutzung, sondern enthält auch viel Staub und Dreckpartikel. Als ich noch ohne Visier fuhr, waren meine Tränensäcke abends schwarz, und ich hatte ständig Fremdkörper in den Augen. Aber jetzt ist das besser. Und ich bin nicht der einzige, der mit Mundschutz fährt. Sehen Sie nur um sich, Männer und Frauen, Motorrad- und Radfahrer, wie sie alle ihren Baumwoll-Maulkorb umgebunden haben. Manche tragen ihn auch in den öffentlichen Bussen, doch das halte ich für übertrieben. Nicht, dass die Linienbusse ein Segen sind, doch besser als ohne Blechgehäuse ist die Luft allemal.
 
Wir nähern uns jetzt langsam dem historischen Stadtkern Hanois, mit dem Hoan Kiem See und den „Old Quarters“ als fixem Bestandteil jeder Besichtigungstour. Dieser nette kleine See ist für mich das unbestrittene Zentrum der Stadt, auch wenn das geografisch nicht stimmt. Hier schlendern Touristen durch die Gegend, hier sitzen Einheimische neben Ausländern auf den steinernen Bänken rund um das Seeufer, und hier bummeln Pärchen nach Einbruch der Dunkelheit in trauter Zweisamkeit, während das monotone Dröhnen des Verkehrs und das vielstimmige Hupkonzert die Stille gnadenlos vertreiben. Auf einer kleinen Insel im Süden steht der „Schildkrötenturm“, eines der meistfotografierten Motive der Stadt. Der Legende nach tauchte aus diesen Wassern einst eine goldene Schildkröte auf, um des Kaisers magisches Schwert zurückzuholen, welches ihm vom Himmel zugespielt wurde und sein Kriegsglück maßgeblich beeinflusste. Heute sind die Riesenschildkröten verschwunden, auch wenn ein ausgestopftes Exemplar im Ngoc Son – Tempel am Nordufer des Sees zu bestaunen ist. Eine rote Fußbrücke – ein weiteres Foto-Highlight der Stadt – verbindet diese idyllische Tempelanlage mit dem Ufer. Meiden Sie den ersten und den fünfzehnten Tag des Mondkalenders für einen Besuch, denn an diesen Tagen strömen die Einheimischen in die Pagoden, um Glück und Wohlstand zu erbitten. Sollten Sie keinen Mondkalender mit sich führen, so können Sie einen in den Old Quarters erwerben.
    
Die Old Quarters schließen sich an das nördliche Seeufer an, ein geschäftiges Konglomerat aus schmalen Gassen, Straßenhändlern und Touristenhorden. Die meisten Gassen tragen Gewerbenamen, so wie die berühmte Getreidegasse in Salzburg oder die Naglergasse im ersten Wiener Gemeindebezirk. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten, und so reihen sich Geschäfte mit gleichem Warensortiment aneinander, was dazu führt, dass man in Hanoi genau wissen muss, wo man was bekommt. Sie können sich auf der Suche nach einem, sagen wir, Haarfön, stundenlang die Stiefel abwetzen, doch sind Sie erst einmal fündig geworden, können Sie zwischen einem halben Dutzend Geschäften wählen. Kaufen Sie im erstbesten Laden, denn sie bieten sowieso alle das Gleiche an. Die Fahrrad- Rikschas (Xic lo), die dort auf der anderen Seite auf Kundschaft warten, bekommen Sie nur mehr in dieser Gegend zu Gesicht. Sie werden ausschließlich von Touristen genützt, die faul auf ihrem Sitz thronen, während sich der schmächtige Fahrer im Schweiße seines Angesichts abstrampelt. Hartes Brot und wenig Lohn. Ich persönlich gehe ja lieber zu Fuß, denn da bin ich flexibler und unabhängiger, aber für viele ist es willkommene Touristenfolklore und fixer Bestandteil ihrer Pauschalreise. Sie werden ohnehin bald aussterben, die Xic los, und sich nahtlos in die Liste jener Traditionen reihen, die der Moderne weichen mussten.
 
Wie bitte? Entschuldigen Sie, aber ich muss hier höllisch aufpassen, denn die Motorräder kommen aus allen Richtungen. Die vielen Taxis verstopfen die Straßen zusätzlich, auch wenn sie sehr klein und platzsparend sind, doch alles, was größer als ein Motorrad ist, ist eindeutig überdimensioniert. Dieses Gebäude da drüben? Das ist der Dong Xuan – Markt, in welchem Händler auf drei Etagen ihre Waren präsentieren. Die meisten verkaufen billige Bekleidung oder Stoffe, doch wer feine Seidenware erstehen möchte, begibt sich am besten in die Straße der Schneidereien und Seidenhändler. Nicht alles, was man Ihnen dort als Seide verkauft ist echt, also sind Sie gut beraten, sich gut beraten zu lassen. In dieser Seitengasse bekommen Sie Kinderspielzeug, das meiste kommt aus China, die Qualität ist entsprechend, doch es ist billig. Und das ist hier ein schlagendes Verkaufsargument. In der nächsten Querstraße werden Metallutensilien verkauft, und in der Gasse dahinter bekommen Sie Korbwaren. Falls Sie Blumen suchen, dann machen wir bei einer der Straßenhändlerinnen halt, die auf ihren Fahrrädern und Holzkarren ein üppiges Sortiment an bunten Blumen mit sich führen. Für einen großen, bunten Strauß zahlen Sie nicht viel mehr als dreißig bis fünfzigtausend Dong, das sind umgerechnet etwa ein bis zwei Euro. Sehen Sie, dort drüben stehen sie mitten auf der Verkehrsfläche. Unsere Studienrichtung „Raumplanung“ löst bei Vietnamesen nur verwundertes Kopfschütteln aus.

Haben Sie Hunger? Ich auch. Ich kenne ein nettes kleines Restaurant in der Nähe, dort isst man gut und günstig. Sie können entweder von der Speisekarte bestellen oder sich beim Buffet anstellen, wo Sie aus fertig zubereitete Speisen wählen. Die meisten Vietnamesen bevorzugen diese Form der öffentlichen Ausspeisung. Sie bekommen einen Teller Reis, auf den die anderen Gerichte gehäuft werden. Fleisch, Fisch, Shrimps, diverse Gemüse, Tofu sind die Klassiker, daneben werden Erdnüsse, gesalzene Fischlein und gebratene Seidenraupen serviert. Die Suppe bekommen Sie automatisch dazu, sie ist sehr nützlich, um den trockenen Reis anzufeuchten. Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Keine Angst, man hält Sie nicht für herablassend, aber ein wenig in die Knie müssen Sie angesichts der niedrigen Hocker schon gehen. Das ist unbequem, speziell für größer gebaute Ausländer, aber wir bleiben auch nicht lange. Die meisten Einheimischen springen auf, sobald sie mit dem Essen fertig sind. Ob aus Zeitmangel oder um einem Muskelkrampf vorzubeugen, habe ich noch nicht herausgefunden. Was? Nein, das ist kein Mikado-Spiel, sondern die Essstäbchen. Sie finden in der Plastikbox auch Metalllöffel, doch wischen Sie sie vorher besser ab. Das hab ich mir von den Vietnamesen abgeschaut. Fragen Sie ruhig nach Eis für Ihr Getränk, das wird aus Trinkwasser hergestellt und ist weitgehend sicher, doch rechnen Sie damit, dass man es mit bloßen Händen in Ihr Glas schaufelt. Besser es kommt extra auf den Tisch. Wie die Eiswürfel in das Glas gekommen sind, ist ungewiss, aber „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, gell? Mahlzeit!
 
Lassen Sie nur, die Rechnung übernehme ich. Schließlich sind Sie mein Gast. Ich hoffe, Sie sind nicht müde, denn unsere Fahrt ist noch nicht zu Ende. Ich möchte Ihnen eine vollkommene andere Ecke von Hanoi zeigen, den Westsee. Die riesige Wasserfläche vertreibt die Enge dieser Stadt, und auch der Lärm verliert sich entlang der Uferpromenaden. In dieser Gegend leben viele Expatriates, und dementsprechend teuer ist sie auch. Am Wochenende sieht man sie beim Bummeln oder einer Fahrradtour mit ihren Kindern. Schöne Villen stehen hier und luxuriöse Apartments. Aber auch die Häuser, in denen wohlhabende Vietnamesen leben, können sich sehen lassen. Direkt an der Uferpromenade gelegen, überschauen sie die Weite des Sees, und eine kühle Brise lässt überhitzte Gemüter aufatmen.
    
Wir verlassen nun die Old Quarters und fahren durch das Regierungsviertel. Auf diesen breiten Straßen und Boulevards kommt man zügig voran, aber ich lasse mir Zeit, damit Sie die zahlreichen Prunkbauten bewundern können. Fällt Ihnen auf, dass fast alle in der gleichen, eierspeisgelben Farbe gestrichen sind? Die Stadtverwaltung war entweder nicht besonders kreativ, oder sie saßen auf einem Restposten Farbe, den Sie auf den Gebäuden verteilten. Das Gelb bietet allerdings einen guten Kontrast zum leuchtenden Rot der Staatflaggen, auf denen mittig ein großer gelber Stern prangt. Er symbolisiert den Sieg, während die Farbe Rot für das Blut steht, das vergossen wurde. Und Blut floss reichlich, in der langen Geschichte dieses Volkes. Wenn Sie nach links sehen, quer über den weiten Platz, dann sehen Sie ein würfelförmiges Monument, in dem der einbalsamierte Leichnam Ho Chi Minhs aufgebahrt ist. Es hat jetzt leider schon geschlossen, aber Sie können morgen vormittags wiederkommen. Eine eigenartige Stimmung herrscht im Inneren, im dem der Volksheld, Widerstandskämpfer und ehemalige Präsident des Nordens von den Vietnamesen verehrt wird.
 
So, jetzt haben wir den See erreicht. Spüren sie die frische Luft, die vom Wasser herüberweht? Der Westsee liegt zu unserer Linken, die kleine Wasserfläche rechterhand ist der Truc Bac – See, dessen angrenzende Straßenzüge zu den begehrtesten Wohngebieten der Stadt zählen. Sehen Sie den mehrstufigen Turm, der links vor uns zwischen den Bäumen hervorragt? Er gehört zur Tran Quoc – Pagode, die von Einheimischen wie Touristen gleichermaßen gerne besucht wird. Man erreicht ihn über einen kurzen Steg, der einen guten Blick auf die hübschen Wasserrosen ermöglicht, die das Tempelgelände umgeben. Auch hier tummeln sich am ersten und fünfzehnten des Mondmonats viele Einheimische, und jeder dieser Tempel erfüllt eine spezielle Funktion. Einsame Herzen beten woanders als Eltern, die sich nach Nachwuchs sehnen. Der vietnamesische Alltag erfordert viel Know-how, um die jeweils zuständige Instanz zu erreichen. Nicht nur in spirituellen Dingen.
    
Wir umrunden jetzt den See, und das bedeutet immerhin eine Strecke von dreizehn Kilometern, die kleinen Abstecher in verwinkelte Gässchen nicht mitgerechnet. Jeder Kilometer offenbart dabei eine völlig neue Seite der Gegend. Ist das nicht herrlich? Im Wasser stehen Fischer und bedienen sich einer Technik, die ich noch nirgendwo sonst gesehen habe. Mit langen Bambusruten werfen sie schwere, mit furchterregenden Mehrfachhaken bestückte Metallköder in die Fluten, und holen sie mit ruckartigen Bewegungen wieder ein. Die Schnur wird dabei mit geschickter Hand kontinuierlich auf eine einfache Rolle gewickelt. Die Methode ist einfach, aber effektiv, denn ich habe schon öfters beobachtet, wie diese Männer ansehnliche Flossenträger aus dem Wasser holten. Die bewachten Wohnanlagen rechts, in denen vornehmlich Ausländer leben, bilden einen scharfen Kontrast zu diesem archaischen Leben. Sie sind von hübschen Gärten umgeben, in denen sich Kinder auf den Spielplätzen vergnügen und die geplagten Eltern in der Sonne liegen. Geradezu unwirklich ruhig ist es hier, keine Spur vom nervenzerfetzenden Gehupe, das einen durch die restliche Stadt begleitet. In Vietnam leben und doch in einer eigenen Welt.

Sehen Sie die wuchtige Stahlkonstruktion am gegenüberliegenden Ufer? Dieses Riesenrad gehört zum Wasserpark, der den hitzegeplagten Besucher im Sommer mit ausgebreiteten Armen empfängt. Die tollkühnen Rutschen sind ideal für Adrenalin-Junkies, und die Anlage für sozialistische Verhältnisse beinahe fantasievoll gestaltet. Nur der Komfort kommt zu kurz, denn Ruhezonen und Relaxliegen sucht man hier vergeblich. Der rote Osten ist noch nicht so dekadent wie sein russischer Bruder, doch ist das wohl nur mehr eine Frage der Zeit, obwohl Konfuzius das Land immer noch prägt. Diene dem Staat, deiner Familie und der Firma. Das lässt zwar wenig Platz für persönliche Selbstverwirklichung, doch hält es das Leben überschaubar. Besonders für Frauen. Diese stehen in der Familienhierarchie an unterster Stelle. Zuerst kommt der Ehemann, dann die Kinder, die Eltern beziehungsweise die Schwiegereltern, und zuletzt sie selbst. Die Familie als kleinste funktionale Einheit des Staates ist ein Spiegelbild der Obrigkeit, und das bedeutet in einem kommunistischen Land straffe Hierarchien.

Legen Sie Ihren Mundschutz an, denn der nächste Abschnitt unserer Fahrt ist etwas staubig, bevor wir dann an der „vietnamesischen Riviera“ vorübergleiten. In der Umgebung wird heftig gebaut, und dann sind die Straßen holprig und löchrig und Staubwolken erschweren das Atmen. Ich habe meine Lektion gelernt. Generell sind die Straßen hier im gutem Zustand, aber rechnen Sie jederzeit mit einem Schlagloch. Speziell als Fußgänger muss man auf der Hut sein, denn offene Kanalschächte ohne Absicherung gehören in städtebaulichen Entwicklungsgebieten oder auch auf Gehwegen zur Tagesordnung. Erst kürzlich stürzte ein Kind in Ho Chi Minh City in den Tod, was einen massiven Aufschrei der Bevölkerung zur Folge hatte. Langsam beginnt auch in Vietnam ein Umdenken, aber gut Ding braucht Weile. Besonders hier.

Zu dumm, dass Sie keinen Mundschutz dabei haben, aber gleich wird es besser. Das letzte Stück um den See mag ich am liebsten, da die Uferstraße von netten Grünanlagen und gemütlichen Cafés gesäumt wird. Es ist eine beschauliche Wohngegend, frei von Hektik und Stress, und übermütige Jugendliche üben sich ebenso im Paarlauf wie Rentner in einer Partie Schach. Dahinter mondäne Villen, streng bewacht, mit hohen Palmen und Säulenmauer vis-a-vis. Wer hier wohnt, lebt nicht von der Notstandshilfe. Doch es wäre nicht Südostasien, würde Geldadel nicht dreihundert Meter weiter vom Müllschlucker abgelöst, der in seiner notdürftig zusammengeflickten Bruchbode ein kärgliches Dasein fristet. Die Kontraste sind laut, unvermutet und schmerzhaft. Nur ein kurzes Stück noch auf diesem schmalen Fußweg, dann haben wir wieder die Tran Quoc – Pagode erreicht. Ob man hier überhaupt fahren darf? Noch nicht lange im Land, was?

Die Tour hat Ihnen bislang gefallen? Das freut mich, doch der Härtetest steht noch bevor. Spät ist es geworden, und der Abendverkehr hat bereits eingesetzt, und das ist nichts für schwache Nerven. Sehen Sie, da vorne beginnt es schon. Stoßstange an Stoßstange wälzt sich der Verkehr durch die Straßen, und in diesem Getümmel sind Fremdkontakte keine Seltenheit, also halten Sie die Ohren steif und vor allem angelegt. Jeder Quadratzentimeter Verkehrsfläche wird genützt, und das schließt die Gehsteige mit ein. Sollten Sie lieber zu Fuß weitergehen, so weise ich Sie darauf hin, dass es zum einen noch sehr weit bis nach Hause ist, und zum anderen am Gehsteig auch nicht sicherer. Man warnt Sie zwar, bevor man Sie überfährt, aber Sie reagieren sicher falsch. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal und vertrauen Sie mir, ich bin das gewohnt. Auch wenn ich die abendliche Stoßzeit meide, wenn ich kann.
    
Dort drüben steht ein Händler, bei dem wir eine Gesichtsmaske kaufen können. Ich bitte Sie, das sind fünftausend Dong, nicht mehr als ein Butterbrot. Sie werden sie noch zu schätzen wissen, wenn Ihnen hunderte Motorräder ihre Abgase in die Lungen blasen. Sobald wir die inneren Bezirke überwunden haben, geht es ohnehin besser, aber bis dahin müssen wir uns im Nahkampf üben. Das macht sogar Spaß! Aber nur beim ersten Mal. Danach geht es auf die Nerven, wie überall halt. Es ist ein Erlebnis, so oder so. Als ich in Saigon das erste Mal in eine vietnamesische Großstadt kam, war ich von der schieren Anzahl der Motorräder auf den Straßen schlichtweg überwältigt. Phnom Penh war auch kein Sanatorium, aber es wirkte irgendwie provinzieller. Und auch freundlicher. Buddhistische Länder versprühen einen eigenen Charme.

Warum die Leute hupen, wenn ohnehin nichts weitergeht? Keine Ahnung. Aus Gewohnheit? Wie macht man einen Vietnamesen verkehrsuntüchtig? Man entfernt ihm die Hupe. Kleiner Scherz meinerseits. Obwohl das vermutlich gar nicht einmal so weit an der Realität vorbeigeht. Ein streikender Motor ist jedenfalls kein Grund, denn dann wird man „abgeschoben“. Ein hilfsbereiter Mitmensch setzt seinen Fuß auf Ihr Vehikel und schiebt sie durch die Straßen. Das klingt gefährlich? Eine Kleinigkeit. Ich habe gehört, dass Fahrlehrer ihren Schülern den guten Rat geben, während dem Fahren nur nach vorne zu schauen, denn die Hinterleute sehen ohnehin, was geschieht. Das macht mir Angst. Es erklärt aber in geradezu bestechender Manier das ignorante und kaltschnäuzige Verhalten auf den Straßen Vietnams, wo sich jeder selbst der nächste ist. Nirgendwo passt dieser abgedroschene Stehsatz besser als hierhin. Was die Polizei dagegen unternimmt? Nicht viel. Es gibt grüne Polizisten und gelbe Polizisten. Sie treten immer paarweise oder im Vielfachen davon auf, doch selten am Wochenende oder wenn es regnet. Meistens sehe ich einen Beamten amtshandeln, während die anderen daneben stehen und zusehen oder sich unterhalten. Das ist ineffizient? Sie rennen bei mir offene Türen ein, aber zwingen Sie mich bitte nicht, westliche Logik auf südostasiatische Länder zu übertragen. Mein Vorname ist nicht „Don“, mein Nachname nicht „Quijote“. Oder heißen Sie Sancho Pansa?
    
So, jetzt haben wir das Ärgste überstanden. Entspannen Sie sich. Da vorne am Eck, bei dem Fastfood-Restaurant, biegen wir wieder in mein Wohnviertel ein. Chaotisch ist es auch hier, denn die Leute kommen von der Arbeit, die Hausfrauen kaufen am Markt ein, und die Kinder rennen auf der Straße herum. Selbst die kleinen. Ich brauche kein Fahrsicherheitszentrum mit künstlichem Hindernisparcour, ich lebe in Hanoi. Da sind wir wieder. Schnell das Tor aufgesperrt und das Motorrad ins Haus geschoben. Sie parken Ihres daheim nicht in der Wohnung? Das sollten Sie aber. Dort ist es nämlich sicherer. Gehen Sie schon mal nach oben auf die Terrasse, ich komme dann mit zwei Flaschen Bier nach. Nein, ruhig ist es auch hier nicht, der Lärm wird uns noch bis Mitternacht verfolgen. Doch dann breitet sich eine wohltuende Stille über die Stadt, und nur noch die Frösche singen ihr Konzert. Zum Wohl!


(a) Lesen Sie hier die Videoversion von "Auf zwei Rädern durch Hanoi", in der die Fotos durch kurze Videos ersetzt sind.

(b) Ein  weiteres Video (10 min) führt Sie auf dem Rücksitz meines Motorrads entlang der beschriebenen Route. Erleben Sie "A2RdH" als mein Beifahrer!
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:54 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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