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Die Hoffnung stirbt zuletzt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Dienstag, den 16. Juni 2009 um 10:53 Uhr
Langsam dreht sich der Schlüssel im Schloss, und die schwere Eisentür springt auf. Zwei dunkle Gestalten packen den Gefangenen im Innern der Zelle, öffnen die schweren Ketten und schleifen die ausgemergelte Gestalt durch den Korridor. In einem Raum am Ende des Ganges fesseln sie den Mann auf einen hölzernen Stuhl. Der Kopf wird mit einem Metallgestell ruhiggestellt. Langsam nähert sich dem Kopf des Mannes ein stählerner Bohrer. Als er auf den Schädel trifft, gellt ein Schmerzensschrei durch den Raum. Millimeter für Millimeter frisst sich das Metall durch die Schädeldecke, bis der Gefangene das Bewusstsein verliert. Die Wächter sehen dem Vorgang teilnahmslos zu. Nach Beendigung der Prozedur werfen sie den Gefangenen zurück in seine Zelle. Dann schließen sie die nächste Tür auf.
    
Am späten Nachmittag betritt eine Gruppe schwarz uniformierter Gestalten den Gefängnistrakt und treibt einige der Gefangenen auf dem Innenhof zusammen. Sie fesseln ihnen die Hände auf dem Rücken und verbinden ihre Augen. Dann werden die ausgemergelten und geschundenen Gestalten – Männer, Frauen und Kinder - auf einen Lastwagen verladen, der sich langsam in Bewegung setzt. Auf staubigen Straßen geht es hinaus aus der Stadt, doch das Ziel ist ungewiss. Nach einer halbstündigen Fahrt kommt das Fahrzeug dann zum Stillstand. Die Gefangenen müssen aussteigen und werden ein Stück weit eskortiert. Dann befiehlt man ihnen niederzuknien. Zitternd kauert eine Gestalt nach der anderen auf dem Boden. Ein gräßliches Geräusch ertönt, als die schwere Spitzhacke in den Kopf eindringt und den Schädel zerschmettert. Regungslos sackt das leblose Bündel zusammen. Dann wirft man es in die bereitstehende Grube.

Ich befinde mich in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, mehr als dreißig Jahre nach diesen Ereignissen. Das ganze Land feiert ausgelassen den dreißigsten Jahrestag der Befreiung Kambodschas aus den Händen der Roten Khmer. Mehr als Fünfzigtausend sind im Olympiastadium zusammengekommen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern. Etwa in der Mitte Phnom Penhs, und trotzdem ein gutes Stück vom Stadtzentrum entfernt, befindet sich das ehemalige Gefängnis Tuol Sleng, oder S 21, wie dieser Ort auch bezeichnet wurde. Ursprünglich eine Schule, wurde die Anlage von den Roten Khmer in eine Strafanstalt verwandelt, die an Grausamkeit kaum zu überbieten war. Von den insgesamt rund 14.000 Insassen überlebten nur wenige. Nun ist dieser Ort ein Museum, in welchem den Besuchern die verübten Greueltaten und die berührenden Schicksale der Menschen auf drastische Weise veranschaulicht werden.

Heute bin ich selbst ein Besucher. Es ist ein strahlend schöner Tag, die Sonne scheint übermütig vom Himmel, die Temperaturen sind angenehm, und das Wetter längst nicht so drückend schwül wie während der Regenzeit. Auf den Straßen herrscht das übliche Chaos von tausenden Motorrädern, die sich in einem heillosen Durcheinander durch den Verkehr kämpfen. Die wenigen Autos bahnen sich wild hupend ihren Weg durch diese zähfließende Masse aus Mensch und Maschine, und wir kommen in unserem Tuk Tuk auch nicht viel schneller vom Fleck.

Tuol Sleng ist von hohen Mauern umgeben. Als wir das Gelände betreten, deutet nicht viel auf seine grausame Vergangenheit hin. Die Anlage erinnert an eine der landestypische Schulen, doch die Gemäuer sind verwahrlost, und Kinder spielen hier schon lange nicht mehr. Erst bei näherem Hinsehen offenbart sich der Stacheldraht, der die Ballustraden umgibt. Wie schon tags zuvor ist Sophan mein Führer. Er erzählt mir Geschichten, die er selbst von seinem Großvater gehört hat. Mit seinen 26 Jahren hat er die „heiße Phase“ dieser Schreckensherrschaft (1975-1979) nicht miterlebt, aber als er mir davon berichtet, wird er plötzlich sehr emotional. Zu tief ist diese Zeit im kollektiven Bewusstsein der Kambodschaner verankert, zu viel Leid ereignete sich in diesem Land, und kaum eine Familie ist davon verschont geblieben. Zwei bis drei Millionen Tote sprechen eine deutliche Sprache.
    
Die Besichtigung der einzelnen Gefängnistrakte verlangt nach einem guten Magen. Die Häftlinge wurden unter fürchterlichen Bedingungen gehalten, und um Häftling zu werden bedurfte es nicht viel. In einem Film berichtet eine Frau mit tränenerstickter Stimme von einem Mädchen, dass von Pol Pots Schergen nur deshalb aus ihrer Wohnung entführt worden war, weil sie unbedarft ein altes Lied über das Königshaus gesungen hatte. Tags darauf wurden die Familie und die Nachbarn zusammengetrommelt, und ihnen die blutverschmierten Kleider sowie die Spitzhacke, mit der sie erschlagen worden war, präsentiert. Jeder der in Verdacht stand, mit den Feinden der Roten Khmer zu kollaborieren, wurde getötet, ebenso die gebildete Bevölkerungsschicht. Eine Brille oder ein akademischer Grad kam einem Todesurteil gleich. Die Anschuldigungen beruhten meist auf unter Folter erzwungenen Geständnissen.
    
Das Bildmaterial, welches in den Schauräumen hängt, trägt wesentlich zur Personifizierung der einzelnen Schicksale bei. Hunderte Portraits von Männern, Frauen und selbst Kindern, die mit großen Augen in die Kamera schauen – angsterfüllt, ausdruckslos, leer. In manchen Gesichtern ist sogar noch ein Funken Hoffnung erkennbar. Ob sie sich ihres bevorstehenden Todes bewusst waren? Vermutlich. Intuitiv müssen sie gespürt haben, dass es von diesem Ort kein Entrinnen gab. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.
 
Ich betrete einen kleinen, kahlen Raum. Der Fußboden gleicht einem Schachbrett aus roten und weißen Feldern, und durch ein vergittertes Fenster fällt Licht auf das metallene Bett. Es ist ein ehemaliges Klassenzimmer und einer von mehreren gleichen Räumen, in denen Gefangene ans Bett gefesselt und gefoltert wurden. Hier fand man die Leichen der letzten Opfer der Roten Khmer, die der Tod quasi in der Nachspielzeit ereilte. Vor ihrem Rückzug schnitten ihnen ihre Peiniger noch rasch die Kehlen durch. Das Blut sammelte sich in großen Lachen auf dem Fußboden, und diese Flecken sind immer noch sichtbar. Dunkel heben sie sich vom Untergrund ab, eingebrannt in die Fließen wie stumme Zeugen unvorstellbarer Grausamkeit. Es ist immer wieder beängstigend, wie viel Kreativität Menschen entwickeln, wenn es darum geht, andere zu quälen. Peitschen- und Stockhiebe, elektrische Stromstöße, das Ziehen von Nägeln mit der Kneifzange – all das ist leider Gottes hinlänglich bekannt. Das Anbohren der Schädel hingegen ist mir neu, ebenso das Abschneiden der Brustwarzen, aber vorgekommen ist das vermutlich alles bereits irgendwann. Dokumentiert durch Gemälde eines ehemaligen Gefängnisinsassen - einer der wenigen, der diesen Ort überlebt hat - verschiedene Folterinstrumente, und zahlreiche Fotos. Von den zahlreichen Touristen hier lacht niemand. Das Entsetzen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Auch mir ist das Lachen vergangen.
    
Die Endstation dieses Leidensweges waren die „Killing Fields“, fünfzehn Kilometer außerhalb von Phnom Penh. Die Gefangen wurden von den Wärtern aus ihren Zellen geholt, gefesselt und mit verbundenen Augen auf LKW verladen, um ihre letzte Reise anzutreten. Um Munition zu sparen, wurden sie mit Stangen, Spitzhacken und anderem Werkzeug erschlagen, oder es wurde ihnen die Kehle durchgeschnitten. Die leblosen Körper wurden anschließend in die ausgehobenen Gruben geworfen. Endstation Massengrab.

Ich bin froh darüber, diesen Ort heil zu verlassen. Wir besteigen unseren Tuk Tuk und begeben uns zu den Killing Fields. Im Gegensatz zu den damaligen Opfern habe ich freie Sicht und die Gewissheit, dass ich auch diesen Schauplatz unbeschadet überstehen werde. Am Rande der Stadt führt die Straße durch Suburbs, in denen die Menschen nach wie vor ums Überleben kämpfen, wenn auch als freie Bürger. Die Armut in diesem Land ist drückend, und dennoch ist eine positive Aufbruchsstimmung spürbar. Ein merklicher Ruck geht durch das ganze Land, und die Schatten der Vergangenheit werden allmählich kürzer. Die Rädelsführer dieser Massenvernichtung unter der Führung Pol Pots sind entweder bereits tot oder sitzen hinter Gittern, wo sie auf ihren Prozess warten. Doch viele der ehemaligen Kämpfer der Roten Khmer, derer pikanterweise selbst nicht wenige der Vernichtungswut der eigenen Organisation zum Opfer fielen, leben heute unbehelligt, teilweise sogar in nächster Nähe zu Angehörigen ihrer einstigen Opfer. Der Ruf nach Vergeltung ist laut, doch die Justiz hält sich zurück. Sophan erläutert mir den Grund dafür. Würde man diese Leute verfolgen und mit Gefängnis bedrohen, so bestünde die Gefahr ihres Rückzugs in jene Wälder, von denen sie schon einmal das Land mit ihrem Guerillakrieg überzogen. Darin würde aber der Keim einer neuerlichen Destabilisierung des Landes liegen. So nimmt man des sozialen Friedens und des Wiederaufbaus wegen zähneknirschend in Kauf, dass die Verbrechen vieler wohl niemals gesühnt werden. Zumindest nicht durch ein irdisches Gericht.

Trotz aller Versuche, die Vergangenheit aufzuarbeiten, kann aber niemand so wirklich verstehen, was damals passiert ist. Was normale Menschen dazu bewegte, Nachbarn kaltschnäuzig abzuschlachten und zu misshandeln. Was sie dazu veranlasste, Kinder von ihren Müttern zu trennen, um diese dann brutal zu ermorden. Betrachtet man die Bilder der Führungsriege der Roten Khmer, so könnten diese honorigen Herren auch brave Familienväter oder Vorsitzende eines örtlichen Sportvereins sein. Sie lächeln, als hätte es diesen fürchterlichen Genozid niemals gegeben. Was geht in solchen Menschen vor? Steckt letztlich in jedem von uns der Keim des Bösen?

Ich weiß nicht so recht, was ich mir erwartet habe, doch ich hatte mir die Killing Fields anders vorgestellt. Irgendwie größer, wie eine Ebene, auf der sich dramatische Schlachten abgespielt haben. Doch als wir auf dem Parkplatz halten, wirkt die Umgebung unscheinbar und völlig unspektakulär. Ein kleines verstepptes Areal, auf dem Touristen auf ausgetretenen Pfaden gedankenverloren umherwandern. Von den Massengräbern sind nur mehr kleine Gruben übriggeblieben, die der Erdoberfläche ein pockennarbiges Aussehen verleihen. Teilweise sind auch noch Stofffetzen in der Erde sichtbar. Das Grauen, das sich an diesem Ort abgespielt hat, lässt sich nur mehr erahnen. Es wird greifbarer, wenn man zuvor Tuol Sleng besucht hat. Für deren Insassen muss der Tod wie eine Erlösung gekommen sein, doch der Mensch klammert sich gierig an sein Leben, mit allem was er hat. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.
    
Wer die Killing Fields als Opfer betrat, verließ sie niemals wieder, doch aufgetaucht sind sie, die bleichen Schädel, und ihre Gebeine haben sie auch mitgebracht. Aus der Erde auferstanden, bewohnen sie ein kleines Haus auf dem Gelände, mit großzügig dimensionierten Fenstern und den zierlichen Giebeln der typischen Khmer-Architektur. Ausdruckslos starren sie durch die Scheiben, übereinander in mehreren Etagen aufgestapelt. Sie besitzen jetzt eine bequemere Ruhestätte, doch haben sie auch ihren Frieden gefunden? In Asien glaubt man noch an Geister, an gute wie an böse. Unruhig müssen sie sein, hier auf diesem Gelände, zornig und verbittert. Doch vielleicht kommt mit dem Tod auch der Frieden. Und wer ihn zu Lebzeiten nicht findet, den ereilt er möglicherweise posthum.

Im Fernsehen jubeln die Menschen, doch die Gegenwart ist hart. Das Verdienst schmal. Außer für eine kleine Elite, die es sich nach dem Grauen des Bürgerkrieges gerichtet hat. Mehrere Jahre war die Hauptstadt leergestanden, eine Geisterstadt, seiner Bürger enteignet. Vertrieben wurden sie von den Roten Khmer, hinausgetrieben auf die Felder, des Lebens und der Zukunft beraubt. Nach der Befreiung des Landes durch die Vietnamesen, die Ende 1978 einmarschierten und das Schreckensregime stürzten, kehrten sie der Reihe nach zurück und suchten sich eine passende Bleibe. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und den Letzten beißen die Hunde. Deswegen gibt es wahrscheinlich so viele Hunde im Land, denn es gibt viele Letzte.
    
Auf den Straßen Phnom Penhs ist die Unterscheidung von Ersten und Letzten einfach. Erstere fahren dicke Autos - allradgetriebene Geländefahrzeuge oder stilvolle Limousinen. Die anderen Motor- oder Fahrräder, die unter Aufbietung aller Mechanikerkunst am Leben erhalten werden. Diese Leute sind weltmeisterlich im Reparieren von Gegenständen, denn Wegwerfen ist ein Luxus, den sich die meisten nicht leisten können. Rohstoffe werden gesammelt, sortiert und wiederverwertet, doch nicht um die Umwelt zu schützen, sondern um zu überleben. Der Rest landet auf den Müllkippen. Oder einfach in der Landschaft.

Noch eine Vielzahl anderer Orte erinnert an die Roten Khmer. Zum Beispiel der Bokor-Naturpark, der ungefähr vierzig Kilometer von der im Süden des Landes gelegenen Provinzhauptstadt Kampot entfernt liegt. Die Franzosen errichteten hier während ihrer Kolonialherrschaft in tausend Metern Seehöhe eine luftige Freizeitanlage, die später in einer Kampfhandlung der Roten Khmer mit den Vietnamesen komplett zerstört wurde. Übrig blieben ausgebombte Ruinen, die bis heute diesem Plateau ein geisterhaftes Aussehen verleihen. Nichtsdestotrotz, oder gerade deswegen, ist Bokor zu einem beliebten Ausflugsziel für Touristen und Einheimische geworden. Bis vor kurzem. Als ich nach Kampot komme und mich nach Touren erkundige, teilt man mir mit, dass die Straße auf diese Hochebene vor einem Monat für die Dauer von mehr als zwei Jahren gesperrt worden ist. Da dies das Zeitbudget für meinen Aufenthalt in Kambodscha deutlich übersteigt, hake ich die Angelegenheit ab und kehre nach Phnom Penh zurück. Doch was muss ich dort erfahren? Anlässlich der Feiern zum chinesischen neuen Jahr wird die Sperre am kommenden Wochenende für den Zeitraum von vier Tagen aufgehoben, um den erwartungsgemäß vielen Kurzurlaubern die Besichtigung zu ermöglichen. In den vergangenen Wochen haben Arbeiter in einem Gewaltakt die gesamte Straße verbreitert. Eine zweite Lücke wird sich weiters im April auftun, wenn das gesamte Land den Beginn des kambodschanischen neuen Jahres feiert. Danach wird man mit den Renovierungsarbeiten an dem Bergresort beginnen, um es dank internationaler, finanzkräftiger Investoren in einen Vergnügungspark wie einst umzuwandeln, diesmal aber dem Zeitgeist entsprechend mit Seilbahn und allem Drum und Dran. Einem Dreh des Schicksals verdanke ich die letzte Gelegenheit diesen Ort so zu erleben, wie er die letzten Jahrzehnte darniedergelegen hat, und so überlege ich nicht lange und kehre am darauffolgenden Wochenende nach Kampot zurück.

 
   
Bokor Hill ist jedoch nicht der einzige Ort in dieser Gegend, dem die Franzosen und die Roten Khmer ihren Stempel aufgedrückt haben. Die Hafenstadt Kep, circa 24 Kilometer von Kampot entfernt, wurde zu einer Art Mini - Cote d’Azur ausgebaut, in der sich selbst König Norodom Sihanouk in seinen jungen Jahren mit seinen Freunden königlich amüsierte. Doch “Auch Spaß muss sein” war eine Devise, mit der die Roten Khmer wahrhaftig nichts anzufangen wussten, denn während ihres Regimes machten sie diesem Ort dem Erdboden gleich. Heute erinnern zerbombte und leerstehende Ruinen an dieses Verbrechen, doch erwacht der Ort langsam wieder aus seinem Dornröschenschlaf, um sich zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Umgebung zu entwickeln. Schon jetzt wohnt diesem verschlafenen kleinen Dorf wieder eine gehörige Portion Charme inne, und ein Grund für meine erneute Rückkehr sind auch verschiedene Aktivitäten rund um Kep, zu denen ich beim ersten Aufenthalt nicht gekommen bin.
    
Länder, in denen Feiertage am Programm stehen, befinden sich quasi im Ausnahezustand, denn unzählige Erholungsuchende verlassen ihre Wohnungen, um die Verkehrsmittel und Ausflugsziele zu bevölkern. Für den Reisenden bedeutet dies die Notwendigkeit umsichtiger Planung, will man seine Reisepläne für den betreffenden Zeitraum nicht an einem regionalen Busbahnhof enden sehen. Aus diesem Grund habe ich bereits aus Phnom Penh alle Vorkehrungen getroffen, um nicht in einer der leerstehenden Ruinen nächtigen zu müssen. Nach zwei schönen und erholsamen Tagen in Kep fahre ich nach Kampot, wo ich abends mit Nicholas, einem französischen Volunteer aus Paris, zusammentreffe. Die Tour nach Bokor hat er bereits organisiert, denn morgen wollen wir den sagenumwobenen Berg unmittelbar erleben. Die Nachricht betreffend der Öffnung der Straße hat sich in der Zwischenzeit natürlich in Windeseile verbreitet, und sämtliche Touranbieter der Umgebung sind auf diesen Goldzug begierig aufgesprungen.
    
Flott geht es den Berg hinauf, und der Fahrer gibt mächtig Gas. Langsamere Fahrzeuge werden erbarmungslos angehupt und überholt oder von der Straße gedrängt, je nachdem wie breit die Straße zum jeweiligen Zeitpunkt ist. Ein paar einheimische Motorradfahrer holpern ebenfalls dem Plateau entgegen, doch sind sie die schwächsten Glieder in der Straßenhierarchie und dementsprechend defensiv unterwegs. Die Vegetation ist üppig, und der Bergstock ab halber Höhe in dichte Wolken gehüllt, die lautlos den Hang emporziehen, was der Szenerie ein sehr mystisches Aussehen verleiht und mir selber eine ordentliche Gänsehaut. So frisch habe ich Kambodscha noch nie erlebt. Zum Glück bin ich darauf vorbereitet und habe genügend warme Kleidung mitgebracht. Doch Bokor ist einer der Orte, denen man bei jedem Wetter etwas abgewinnen kann. Ist der Berg wolkenverhangen wie heute, dann wirkt die Umgebung noch wesentlich mystischer als bei Schönwetter. Trostlos stehen die verwitterten Ruinen einzeln in der Landschaft, geschwärzt von unzähligen Explosionen, durchlöchert wie Schweizer Käse und von Flechten bewachsen.

Als wir oben ankommen, bricht die Sonne durch die Wolken und lässt das Ambiente freundlicher wirken, und auch die Vegetation hat sich von dichtem Dschungel zu einer buschbewachsenen Grassteppe gewandelt. Nur die Betonskelette der Gebäude ragen wie vergessene Filmkulissen gespenstisch aus der Landschaft. Ich verlasse den Truck, um die Gegend zu Fuß zu erkunden. An einer Seite bricht das Plateau nach unten hin jäh ab, und die steilen Hänge wirken wie ein undurchdringliches Meer aus Grün, aus welchem eine Synphonie verschiedenster Tierstimmen zu mir heraufdringt. Das Bokor-Plateau ist einer der besten Aussichtspunkte des Landes, und an einem klaren Tag sieht man bis ins Mekong-Delta in Vietnam. Doch ich habe offensichtlich kein Glück mit Aussichtsbergen, denn die Luft ist diesig, und die Aussicht schleierhaft.

  
   
Im Schatten der Ruinen des einstigen Grand Hotels nehmen wir eine spartanische Mahlzeit ein, die vom berühmten Kampot-Pfeffer dominiert wird. Die Besichtigung des Gebäudes im Anschluss daran vermittelt wenig von der Grandesse vergangener Zeiten. Die Fassaden sind grau und kahl, die Scheiben zersplittert und das Innere ausgebrannt. Die einzigen Farbtupfer stellen die orangefarbenen Flechten dar, die das Gebäude überziehen. All das wird schon bald der Vergangenheit angehören. Ich bin gespannt, wie dieser Ort nach seiner Renovierung aussehen wird. Auf jeden Fall ein ausgezeichneter Vorwand, um in einigen Jahren wieder einmal vorbeizuschauen.

Kambodscha ist ein Entwicklungsland, doch ändert sich vieles. Die Menschen wissen, wo sie stehen, und sie wissen auch, wohin sie wollen. Der Hunger nach Bildung ist enorm, und um sich das Studium zu finanzieren, haust man notfalls in einem kleinen Raum und geht dem einen oder anderen Nebenerwerb nach. Den Traum vom Reichwerden, den träumen sie alle. Nur Wenigen wird er erfüllt. Doch sie träumen weiter, denn die Hoffnung stirbt zuletzt.
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 25. Oktober 2010 um 21:59 Uhr
 



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