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Drei Chilis für ein Halleluja PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Dienstag, den 16. Juni 2009 um 10:10 Uhr

Das Wasser spritzt über die Reeling und der Wind zerzaust mein Haar. Ich sitze an Bord der Fähre nach Phuket und lasse verträumt die letzten Tage in Gedanken Revue passieren.

Die letzten zwei Wochen habe ich mich nie wirklich als Tourist in diesem Land gefühlt. Zu eng war der Kontakt zur lokalen Bevölkerung, zu intensiv die Erlebnisse in einer Welt abseits des Tourismus. Doch als wir in Krabi ausstiegen, fühlte ich mich augenblicklich in diese Welt zurückkatapultiert. Ich bin nunmehr als Tourist unterwegs, als einer von vielen.
    
Auf Koh Phi Phi bezogen wir Quartier in einer netten Bungalow-Anlage. Unmittelbar danach plantschten wir schon ausgelassen im herrlich warmen Wasser. Am darauffolgenden Tag organisierten wir ein Langboot, das uns zu einigen der besten Schnorchel- und Badeplätze brachte. Für die Fischer bedeutete das ein wichtiges Zusatzeinkommen, denn durch den Tsunami, der im Winter davor das Eiland überrollte, hatten viele nicht nur Hab und Gut, sondern auch Familienmitglieder und Freunde verloren. Noch jetzt legten Trümmerreste am Strand sowie im Wiederaufbau befindliche Häuser ein Zeugnis von dieser Naturkatastrophe ab.
    
Es wurde ein herrlicher Tag. Das glasklare, türkisblaue Wasser, die traumhaften Buchten, die wunderbare Unterwasserwelt – all das hatte ich in dieser Form bislang nicht zu Gesicht bekommen. Es war überdies mein erstes Schnorchelerlebnis. Ich war hingerissen von dem, was ich zu sehen bekam, und schwebte euphorisch über den bunten Korallen. Das Abendessen bestand aus exquisiten exotischen Gerichten, und das Leben konnte nicht schöner sein.
    
Am nächsten Tag begannen die ersten Abschiede. Charlotte war die erste, dann folgte Farida, was ganz besonders David zu Herzen ging. Ich glaube, er hatte sich ernsthaft in sie verliebt. Doch ihr Freund wartete bereits zu Hause in Paris. Ich blieb noch einen weiteren Tag, doch auch dieser ging irgendwann zu Ende, und als der dritte Morgen anbrach war auch für mich die Zeit gekommen, das geborgene Nest zu verlassen und meine ersten Flugversuche als alleinreisender Backpacker zu unternehmen.
    
In Phuket ging ich von Bord und bestieg einen Minivan, der mich quer über die Insel zum Flughafen brachte. Ein heftiger Wolkenbruch begleitete diese Fahrt. Über Bangkok flog ich hinauf in den Norden Thailands nach Chiang Mai. Chiang Mai ist die zweitgrößte Stadt Thailands und schlägt mit ihrem ruhigen, beschaulichen Charakter und der großartigen Landschaft viele Besucher in ihren Bann. Die zahlreichen, dicht bewaldeten Hügel und Berge im Norden Thailands bilden einen scharfen Kontrast zur Inselidylle im Süden des Landes. Die Stadt selbst lockt mit einer hohen Dichte an Tempeln - mehrere hundert sollen es sein - und noch eine weitere Attraktion sorgt für das gewisse „Etwas“ während des Aufenthalts: Chiang Mai ist die erste Adresse für diejenigen, die die Geheimnisse der thailändischen Kochkunst erkunden möchten. Eine ausgezeichnete Gelegenheit für einen Hobbykoch wie mich, den schwarzen Gurt in „Wok“ zu erlangen.


 
   

Die meisten Touristen absolvieren nur einen Tag, doch ich habe einen zweitägigen Kurs gebucht. Die thailändische Küche ist so fantastisch, dass ich möglichst viel Know-how in die Heimat mitnehmen möchte. Voller Spannung und Tatendrang warte ich daher nach dem Frühstück auf den Startschuss, den imaginären, lieblichen Duft von thailändischem Curry in meiner Nase. In einem Sawngthaew werden wir zum Kochstudio transportiert. Sawngthaews sind jene öffentlichen Transportmittel, in denen die Fahrgäste im Innenraum auf zwei in Fahrtrichtung angeordneten Pritschen sitzen und nach Strich und Faden durchgerüttelt werden. In gewisser Weise erinnern sie an Bilder von frühen Wägen zum Transportieren von Gefängnisinsassen. Die Fahrer sind permanent bemüht, weitere Fahrgäste in das Gefährt zu stopfen, wodurch das Vorwärtskommen mitunter quälend langsam geschieht. Dieser hier steht glücklicherweise nur uns Kochlehrlingen zur Verfügung, und bietet daher ausreichend Platz.
    
Das Kochstudio liegt etwas außerhalb der Stadt, wo auf einem großzügig angelegten Gelände ein offenes Zelt steht, und viel Grün für tropisches Ambiente sorgt. Für jeden Teilnehmer stehen eine Arbeitsfläche, sowie ein gasbetriebener Herd zur Verfügung. Die Zutaten bekommen wir schon vorbereitet und portioniert, sodass wir uns ganz auf die höheren Aufgaben konzentrieren können. Schließlich steht die Zubereitung von sechzehn Gerichten auf der Tagesordnung, und das bedeutet Kochen im Akkord.
    
Unsere beiden Instruktoren sind witzige Typen. Der eine begleitet seine Erklärungen mit einem aufmunternden Meckern, der andere schneidet komische Grimassen, wenn er die Produkte meiner handwerklichen Tätigkeit inspiziert, wie zum Beispiel dem Zurechtschnitzen von Gemüse zu dekorativen Zwecken. Ich habe aber nie behauptet, ein direkter Nachfahre Michelangelos’ zu sein. Trotzdem bin ich ein guter Koch. Zu Mittag verkosten wir die eigenen, am Vormittag mit viel Liebe zubereiteten Gerichte (darunter Klassiker wie grünes Hühnercurry, Hühnersuppe mit Kokosnussmilch, Tintenfisch süß-sauer und eine Art Fischauflauf) und sie schmecken außergewöhnlich gut. Ich hätte mir auf der Stelle eine Haube verdient, doch ist mir ohnehin warm genug. Ich lerne, dass man Currypaste so herstellen kann, dass einem die Schärfe nicht die Mundschleimhäute wegätzt, ohne dabei geschmackliche Einbußen in Kauf zu nehmen. Man verwendet einfach weniger Chilis. Nicht eine Handvoll, und auch nicht fünf, nein, drei kleine Chilis genügen, um ein prickelndes Feuer im Gaumen zu entfachen. So einfach kann das Leben sein. Ich lerne, wie man einen ganzen Tintenfisch seziert, und dass er sich beim Anbraten optisch ansprechend einrollt, wenn man das Fleisch vorher kreuzweise einschneidet. Ich lerne, dass die Kokosmilch beim Herstellen des Currys mit Suppe oder Wasser verdünnt wird, was das typische gemaserte Erscheinungsbild der Sauce ergibt. Und ich lerne, dass Papayasalat so scharf ist, dass mir schon beim ersten Bissen die Luft wegbleibt. Obwohl ich mittlerweile Gerichte esse, bei denen ich noch vor einigen Jahren die Augen verdreht, nach Luft gerungen und drei „Vater unser“ gebetet hätte.
    
Wie zu erwarten, habe ich meinen Magen angesichts all der Köstlichkeiten etwas überfüllt. Besonders das grüne Curry kommt mir wie Mana aus dem Himmel vor. Doch wir kochen uns weiter die Finger wund: Pat Thai, ein klassisches Nudelgericht mit Shrimps, Sojasprossen und Erdnüssen; gebratener Reis; gebratene Glasnudeln; selbst hergestellte Frühlingsrollen; und für den süßen Gaumenkitzel gekochte Bananen in Kokosmilch. Das meiste davon können wir uns fürs Abendessen mitnehmen. Das ist auch gut so, denn eine weitere Ausdehnung meines Magens würde zu schwerwiegenden medizinischen Komplikationen führen.

Der zweite Tag ist eine Erweiterung des ersten, obwohl ich nur mehr wenig wirklich Neues dazulerne. Allerdings habe ich als einziger den zweiten Tag gebucht, und erhalte daher Privatunterricht. Ich begleite den Koch auf den Markt und erfahre mehr über die Zutatenvielfalt der thailändischen Küche. Vieles davon werde ich zu Hause nur unter Schwierigkeiten finden. Aber meine Spezialität ist sowieso „Fusion Food“. Ich liebe es, Einflüsse aus aller Welt in meinem Wok zu kombinieren. Als ausgekochter Profi verlasse ich das Camp.


Auf Hannibals Spuren

Tags darauf geht es in den Dschungel. In der Hoffnung auf günstiges Wetter habe ich am Vortag ein paar Räucherstäbchen entzündet, wie sie auch die Gläubigen in den Tempeln zu Dutzenden verwenden. Wenn es schon den Regen nicht verhindert, so überdeckt es zumindest den Geruch meiner Schmutzwäsche. Ich muss etwas falsch gemacht haben – die falschen Stäbchen erwischt, sie in der verkehrten Reihenfolge angezündet – denn am Abend beginnt es zu schütten, und meine Hoffnungen auf trockenes Wetter werden von den Wassermassen hinweggespült. Die Geister sind penibel in diesen Dingen.
    
Trotzdem beginnt der Tag trocken. Wie immer habe ich meinen Rucksack komplett angefüllt, um ja für alle Fälle gerüstet zu sein. Im Prinzip benötige ich schon für eine einfache Mehrtagestour einen Sherpa, deswegen verblüfft mich auch immer, mit welch leichtem Gepäck andere in solch eine Unternehmung starten. Ein paar Ecken weiter halten wir vor einem Gästehaus, wo zwei koreanische Burschen zusteigen. Sie haben nicht einmal einen Rucksack dabei, bloß ein kleines Täschchen und ein Handtuch. Mit dieser Ausrüstung ginge ich noch nicht einmal im Park spazieren.
    
Zwei weitere Personen komplettieren die Gruppe. Vor einem Hotel bleiben wir stehen, und als ich das asiatischen Pärchen erblicke, welches soeben aus dem Eingang ins Freie tritt, bete ich, dass es keine Koreaner sind. Es könnte den Ausflug in eine Schweigemeditation verwandeln, denn Koreaner begeistern normalerweise nicht gerade mit ihren Englischkenntnissen. Doch ich habe Glück, denn die beiden kommen aus England und sprechen daher ein ganz passables Englisch, wie ich zugeben muss. Ziemlich perfekt sogar. Unser Führer ist ein Angehöriger eines der Bergstämme, das sieht selbst der ungeschulte westliche Betrachter auf den ersten Blick. Sein Rucksack ist winzig, aber wahrscheinlich ist er in der Lage, sich alles Nötige unterwegs herzustellen. Er hat sicher keine elektrische Zahnbürste mit, so wie ich. Schauen Sie nicht so, ich hab nur die eine. Das Ladegerät habe ich ohnehin auf dem Zimmer gelassen.
    
Der Tourist ist anspruchsvoll und will bei Laune gehalten werden. Er verlangt nach Brot und Spielen. Deshalb haben sich unsere Tour-Organisatoren auch einen besonderen Beginn einfallen lassen. Ein Ritt durch den Dschungel auf dem Rücken eines Elefanten. Von einer Plattform aus besteigen wir die grauen Riesen. In der blumigen Sprache der Literaten werden Kamele ja oftmals als Wüstenschiffe bezeichnet. Der Elefant fällt diesbezüglich in eine andere Kategorie, denn elegant pflügt er nicht durch den Urwald. Sein etwas schwerfälliger Gang, bei dem er sein gesamtes Gewicht von einem Bein auf das andere verlagert, gleicht mehr einer Schifffahrt durch sehr rauhe See. Vor allem bei abschüssigem Gelände bekommt das Metallgestell, auf dem wir sitzen, beängstigende Schieflage, und ich klammere mich daran wie ein Schiffbrüchiger an seine Holzplanke. Kein Wunder, dass Hannibal auf seinem Ritt durch die Alpen scheiterte. Wenn Sie wissen möchten, womit solch ein Ungetüm angetrieben wird – es sind Bananen. Die Einheimischen verkaufen sie tonnenweise, und Sie brauchen nur jedes Mal eine davon in seinen Rüssel zu werfen, sobald er ihn nach hinten streckt. Auch dies war sicherlich mit ein Grund für das Scheitern von Hannibals Expedition, denn Bananen waren in jener Gegend zu jener Zeit wohl nur schwer aufzutreiben.

Zu Fuß beginnen wir mit der eigentlichen Wanderung. Schon nach wenigen Metern verschlingt uns die üppige Vegetation auf dem schmalen Waldpfad. Die Biologen sagen, dass der Regenwald jene Vegetationszone der Erde mit der höchsten Artenvielfalt und der höchsten Dichte an Leben ist, doch die Tiere halten sich sehr bedeckt. Eigentlich gehen wir nur durch sekundären Regenwald, und er ist nicht unberührt genug, um wirklich interessante Tiere zu sehen. Ob ich es immer noch interessant finde, wenn ein Leopard zehn Meter neben mir aus seiner Deckung springt, ist eine andere Frage. Eine große, bunte Spinne in ihrem Netz ist das spektakulärste, was ich tiermäßig zu Gesicht bekomme. Keine tropischen Blumen und Orchideen. Das heißt, Orchideen gibt es, nur stehen sie während der Regenzeit nicht in Blüte. Aus diesem Grund starre ich wie ein Rindvieh minutenlang in den Wald, ohne die Orchidee zu sehen, auf die unser Führer mit seinem Finger zeigt. Eine unspektakuläre, parasitäre Pflanze in einer Astgabel. Zu Hause auf Mutters Fensterbrett sah das anders aus. Trotzdem genieße ich den Marsch. Ich muss nur höllisch aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren, denn ich gehe gerne am Schluss, weil ich da in aller Ruhe fotografieren kann. Bei der kleinen Weggabelung mit zwei gleichwertigen Alternativen, ohne jede Spur von meinen Vorderleuten, ist es dann mit meiner Ruhe vorbei. Meine Augen dringen nicht mehr als ein paar Meter durch das Dickicht, doch die Gruppe ist noch in Rufweite. Es ist mir eine Lehre für den weiteren Verlauf der Tour.
    
Vorbei an hübsch terrassierten Reisfeldern gelangen wir zu einer kleinen Labestation, wo wir Getränke und Souvenirs kaufen können. Mittlerweile kommt immer öfters die Sonne zum Vorschein, und die zarten Reissetzlinge in den Tümpeln glänzen zaghaft in ihrem Licht. Nach einer kurzen Rast setzen wir unseren Weg fort, der nun stetig bergauf führt. Nach weiteren zwei Stunden stoßen wir auf Felder und die ersten Anzeichen einer Siedlung, und wenig später haben wir unser Ziel für den heutigen Tag erreicht. Es ist ein einfaches Dorf, bestehend aus Holzhäusern, und Hühner, Hunde, Schweine und Enten bevölkern neben den Menschen die Wege. Es ist immer aufregend, als erste Fremde überhaupt seinen Fuß in eine von der Außenwelt bisher völlig unberührt gebliebene Zivilisation zu setzen. Die Eingeborenen beobachten uns neugierig, lassen uns aber weitgehend unbehelligt, dabei bin ich vermutlich der erste Weiße, den sie zu Gesicht bekommen.

 


Wir beziehen unsere Schlafstätte, welche aus einem überdachten Bambuslager besteht. Unser Führer ist auch unser Küchenchef, und als diplomierter Thaikoch assistiere ich ihm. Wir genießen ein köstliches Mahl, was die Koreaner aber nicht daran hindert, es mit einer mitgebrachten Packung Kimchi zu verfeinern. So sind sie halt. Am Abend versammelt sich die Dorfgemeinschaft um ein Lagerfeuer, und die Kinder geben eine kleine Gesangseinlage zum besten. Als auch wir um eine Aktivität ersucht werden, ist das die Gelegenheit, die während meiner Lehrertätigkeit in Ban Kam Lei erworbenen Fähigkeiten anzuwenden, und so performe ich mit den Kindern den „Bodyparts-Song“. Erklären muss ich ihn nicht, denn sie kennen ihn bereits. Offenbar hat es doch bereits erste Kontakte zur Außenwelt gegeben.

Nördlich von Chiang Mai, im Grenzgebiet zwischen Thailand, Burma und China, erstreckt sich das „Goldene Dreieck“, welches ich gerne näher erkunden würde, doch die Zeit reicht nicht. Es ist immer dasselbe. Egal, wie viel Zeit einem zur Verfügung steht, es gäbe immer noch etwas zu sehen. Also besteige ich den Bus nach Sukothai, um die neben Ayuttayah bedeutendste historische Stätte des Landes zu besuchen. Einst war Sukothai Königsstadt, heute ist es eine unspektakuläre Provinzstadt in Zentralthailand. Dass sich mir der ländliche Charme der Umgebung dennoch eröffnet, verdanke ich dem Zufall, einem deutschen Ex-Mönch und einer Suzuki.

Ordensregeln

Am frühen Nachmittag komme ich von meiner Besichtigungstour der Ruinenstadt zurück in mein Quartier. Die historischen Sehenswürdigkeiten erkundete ich auf dem Rad, weil sie über ein größeres Areal verstreut lagen. Leider hatte ich kein Glück mit dem Wetter. Es regnete zwar nicht stark, aber stark genug, um Maßnahmen zu ergreifen, mich und meine Kamera vor der Feuchtigkeit zu schützen. Auf einem Rad fahrend ist ein Regenschirm eine unpraktische Angelegenheit, weswegen ich einen dieser dünnen Plastiküberzüge erwarb, die sie während der Regenzeit nahezu überall verkaufen. Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme bin ich mir immer noch nicht ganz im Klaren, denn aufgrund der nicht vorhandenen Atmungsaktivität stellte sich unter der Plastikhülle schon bald ein Klima wie in einem Treibhaus ein. Ich konnte mir also aussuchen, ob ich lieber durch den Regen oder den eigenen Schweiß durchnässt wurde. Die optische Präsenz leidet in solch einem Ganzkörperkondom naturgemäß beträchtlich, und hätte ich dieses Schicksal nicht mit vielen anderen in diesem Land geteilt, wäre ich mir wie ein Anti-AIDS - Aktivist vorgekommen. Trotzdem blieb auf diese Weise zumindest die Kamera trocken, wenngleich ich sie etwas umständlich unter dem Umhang hervorwursteln musste.

Die Besichtigung gestaltete sich zu einer intimen Angelegenheit. Zwar verteilten sich die Touristen auf dieser weitläufigen Anlage, doch viele waren ohnehin nicht gekommen. Offensichtlich hatte es sich bis nach Europa herumgesprochen, dass diese Jahreszeit den touristischen Interessen nicht immer entgegenkam und bisweilen die gute Laune verdarb. Ruinen verbreiten ohnehin eine leicht düstere Stimmung, denn sie repräsentieren die Vergänglichkeit. Etwas bodenständiger formuliert könnte man auch sagen, sie sind schlicht und ergreifend kaputt. Und angesichts kaputter Dinge befällt einen automatisch ein gewisses Unbehagen. Man möchte sie entweder wegwerfen oder reparieren. Ersteres ist für kulturelle Denkmäler keine gesellschaftlich anerkannte Lösung, und zweiteres kostet nicht nur Unmengen an Geld, sondern ist in meinen Augen auch nicht immer erstrebenswert. Schließlich ist es das schiere Alter, das Orte wie diesen so faszinierend macht. Restaurierungsmaßnahmen müssen schon sehr behutsam und dezent durchgeführt werden, um keine unansehnlichen Chimären aus Alt und Neu entstehen zu lassen.

 Der wolkenverhangene Himmel verdüsterte die Szenerie noch zusätzlich. In meiner Gummihaut schlenderte ich von Stupa zu Stupa und kletterte ein wenig zwischen den Ruinen herum. Der Vollständigkeit halber bat ich andere Touristen um Fotos, welche ich angesichts meiner Aufmachung später auf eine CD speicherte und im Garten vergrub, um sie vor der Öffentlichkeit zu schützen. Ich betrachte dies als Vorsorgemaßnahme für die Zukunft. Die Boulevardpresse ist voll von Bildern, auf denen die Jugendsünden Prominenter genussvoll ans Tageslicht gezerrt werden.

Zurück im Gästehaus lege ich mich erst einmal trocken, und stärke mich mit einem exquisiten Mahl der Chefin für neue Schandtaten. Die Abreise für den morgigen Tag ist eingeplant, da fällt mein Blick auf eine unscheinbare Mappe mit Tourangeboten. Ein ortsansässiger Deutscher bietet Rundfahrten auf seinem Motorrad an, und da mich die Fotos neugierig machen und ich zudem seit Wochen kein Deutsch mehr gesprochen habe, erkundige ich mich an der Rezeption. Eine Stunde später sitzen wir zusammen an einem Tisch und besprechen den Ablauf des kommenden Tages.

In der Früh holt mich Jürgen von meinem Gästehaus ab. An seiner Seite befindet sich eine junge thailändische Frau, die er mir als seine Englischschülerin vorstellt. Ihr Name ist Chalisa. Sie soll die Gelegenheit nützen, um an mir ihre Englischkenntnisse anzuwenden. Ich nehme auf dem Rücksitz ihrer roten Honda Platz und Jürgen auf seiner betagten Suzuki. Entlang des Flusses führt er uns aus der Stadt, bis wir in ein kleines Dorf kommen. Am Ende der Straße biegen wir in eine Tempelanlage ein, in der Jürgen zwei Jahre lang als Mönch gelebt hat. Im Garten stehen Figuren, die Schlüsselszenen aus dem Leben Buddhas darstellen. Ein Mönch hatte sie im Laufe seines Lebens geschaffen. Er war wohl der Gaudi des Buddhismus, denn die Figuren sind bunt und schrill, wie in einem religiösen Disneyland. Ein alter Mönch tritt zu uns und zündet sich eine Zigarette an. „Ich dachte, Mönchen ist es untersagt zu rauchen“, wende ich mich leicht irritiert an Jürgen, aber der zuckt nur mit den Achseln. „Weißt du, es sind über 200 Verhaltensregeln, die sie befolgen müssen“, entgegnet er mir. „Und wie viele davon darf man streichen?“ Keine Antwort. Aber wie erkläre ich einem buddhistischen Mönch die vielen katholischen Priester mit Kind? „Sie haben halt eine Regel gestrichen“. Letztlich muss das jeder mit sich selbst ausmachen. Soll er ruhig paffen, der Mönch. Vielleicht ist es auch nur sein persönlicher Weg zur Erleuchtung, sich eine anzuzünden.

Nach diesem spirituellen Intermezzo setzen wir unsere Fahrt fort. Zentralthailand ist eines der Hauptanbaugebiete für Reis, auch wenn das relativ ist. Schließlich gibt es keine Gegend des Landes, in der kein Reis angebaut wird. Thailand ohne Reis ist wie Österreich ohne Schnitzel. Wie München ohne Weißwurst. Und wie Paris ohne Baguette. Keine Wasserfläche, die nicht zum Anbau dieses Grundnahrungsmittels genützt wird. Vermutlich hat jeder Thai ein paar Reissetzlinge in der Tasche, und sobald er einen jungfräulichen Tümpel erblickt, wird dieser auch schon bepflanzt. Eine Pfütze nach einem Wolkenbruch? Her mit dem Reis! Auf den weitläufigen Ebenen Zentralthailands erfolgt das Setzen der Reispflanzen maschinell. Man erkennt das leicht an der höheren Setzdichte der Pflanzen. Bis zum Horizont erstrecken sich die Reisfelder, wohin ich auch blicke. Sie sind für mich eine der Hauptattraktionen Südostasiens, und in dieser Form nur in der feuchten Jahreszeit zu bewundern.

Wenig später bekomme ich eine Kuriosität zu sehen. Eine Reismühle, die von einem Dampfgenerator angetrieben wird. Angeblich ist sie seit mehr als zwanzig Jahren ununterbrochen in Betrieb. Früher wurde eben noch solide gebaut. Der angelieferte Reis wird von den Spelzen getrennt, gereinigt und danach in Säcke verpackt. In typischer Haushaltsgröße, so um die 25 kg. Eine mitteleuropäische Familie kommt damit 2 Jahre aus. Eine thailändische zwei Wochen.


Es ist Mittagszeit. Wir besuchen jenes Dorf, in dem Chalisa lebt. Ihre Familie verdient ihren Lebensunterhalt unter anderem mit der Herstellung von Süßigkeiten, welche sie am Markt verkaufen. Auf dem Markt ist es auch, wo wir essen. Chalisa kennt jeder, mich niemand, was die Gerüchteküche gehörig anheizt. Im Hintergrund werden bereits Wetten abgeschlossen, und die Geldscheine hin und her geschoben. Das Bestellen überlasse ich ihr, da es erstens keine englischsprachige Speisekarte gibt, und mich zweitens ohnehin niemand versteht. Außerdem bekomme ich ein paar Kostproben ihres Süßwaren-Sortiments. Hoffentlich ist das nicht schon die Mitgift.

„Möchtest du sehen, wo ich wohne?“, fragt sie mich in einem herausfordernden Englisch. Na klar! Wie oft bekomme ich schon Gelegenheit, mich in einem thailändischen Dorf umzuschauen? Um die Mittagszeit sind die Dorfbewohner meist daheim, um während der heißesten Zeit des Tages im Kreise der Familie zu rasten. Zu diesem Zweck werden die Häuser auf Stelzen errichtet, um den darunter liegenden Schatten zum Ruhen und zum Verrichten verschiedenster Tätigkeiten zu nützen. Zögernd nähere ich mich ihrem Elternhaus, denn es widerstrebt mir einfach in ihre Privatsphäre zu platzen. Doch ich bin willkommen. Die Kommunikation verläuft parallel bidirektional, und zwar zwischen Jürgen und mir auf der einen, und Chalisa und ihrer Familie auf der anderen Seite. Ihr Vater reicht mir eine Kokosnuss, die er dankenswerterweise schon vorher geöffnet hat. Die Flüssigkeit im Inneren schmeckt nicht so süß wie erwartet, wirkt aber angenehm erfrischend. „Solltest du wieder einmal nach Thailand kommen, kannst du jederzeit hier vorbeischauen. Du kannst hier kostenlos essen, trinken und schlafen. Du findest mich auf dem Markt, ich bin immer hier und verkaufe Süßigkeiten“, versichert mir Chalisa eifrig ihre Gastfreundschaft. „Ich glaube, du gefällst ihr“, zwinkert mir Jürgen spitzbübisch zu. Ich ringe mir ein gezwungenes Lächeln ab und stoße ihm den Ellbogen in die Rippen. „Aufbruch, Jürgen!“


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 19:55 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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