Reisen "Made in Taiwan" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Montag, den 15. Juni 2009 um 09:26 Uhr

Taiwan ist ganz schön weit von Österreich entfernt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Fünfzehn Stunden Flugzeit sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn man den Zwischenstopp in Bangkok rein rechnerisch abziehen müsste. Physisch ändert das freilich nichts.


Chinesische Flugbegleiterinnen sehen nicht nur bezaubernd aus, sie sind auch überaus freundlich und beweisen einen subtilen Sinn für Humor. So wurde ich - nach dem Stopp in Bangkok wohlgemerkt - im Zuge der Ausgabe der Immigrationsformulare gefragt, ob ich nach Taipei wolle. Und ob. Für einen Augenblick rutschte mir das Herz in die Hose - was wollte sie damit andeuten? Ich hatte nicht daran gedacht, unterwegs auszusteigen. Zumal die Schwimmweste unter meinem Sitz nur einen schwachen Ersatz für einen Fallschirm abgegeben hätte. McGyver hätte sie vielleicht tunen können. Dafür meinte ihre Kollegin etwas später zu meinem Sitznachbarn, er solle sich quasi nicht vom Fleck rühren, bis sie mit der gewünschten Auskunft zurückkäme. Kein Problem. Wohin hätte er denn schon gehen können? Bei Außentemperaturen von rund minus sechzig Grad war ihm sicher nicht nach einem Ausflug zumute.


Taiwanesische Winter sind wesentlich milder als solche in Mitteleuropa. Nachdem ich mir daheim wochenlang bei Minusgraden den Allerwertesten abgefroren hatte, kamen mir die zwanzig Grad, die mich bei Verlassen des Flughafengebäudes begrüßten, wie ein Geschenk des Himmels vor. Diese Freude konnte auch nicht durch die Bemerkung meiner Gastgeberin getrübt werden, es käme ihr ein wenig kühl vor.

Taiwan ist paranoid. Nirgendwo sonst habe ich so viele Personen in der Öffentlichkeit Gesichtsmasken tragen sehen. Mit Ausnahme von Operationssälen und Reinräumen vielleicht. Viele Verkehrsteilnehmer tragen eine, Bedienstete der Gastronomie ebenfalls, und selbst einen weiblichen Gast sah ich mit Maske in einem Foodcourt bei Tisch sitzen. Da hätte ich mir als männliche Begleitung die süffisante Bemerkung, „Schatz, probier doch mal”, wohl nicht verkneifen können. Schon im Flugzeug wurde kurz vor der Landung ein Film gezeigt, der ernsthaft dazu aufforderte, bei den ersten Anzeichen eines grippalen Infekts einen Mundschutz anzulegen. Natürlich auch in Gegenden mit Vogelgrippe. Dabei wäre es weitaus sinnvoller, würden die Vögel welche tragen.


Auch in Taiwan gibt es Tussis. Teenage-Püppchen mit Mini-Miniröcken oder ebenso knappen Shorts, überknielangen Strümpfen und hohen Stiefeln. Das Gesicht mit viel Make-up kunstvoll verputzt. Zugegeben, niedlich sehen sie ja aus. Aber auch irgendwie künstlich. So als hätten die Schaufensterpuppen eines Kaufhauses Ausgang bekommen.


In den Sanitäranlagen der U-Bahn habe ich etwas Interessantes gesehen. Da gibt es nämlich „Baby Changing” - Stationen. Wenn das eigene Kind in der Nacht zu viel schreit, tauscht man es einfach um. Wie man einen Tauschpartner findet, hätte ich gerne herausgefunden, in Ermangelung eines Babys ließ ich es dann bleiben. Und welcher Chinese hätte schon heimlich mit mir getauscht? Ich kann mir die Diskussion mit seiner Frau lebhaft vorstellen („Liebling, wie bist du mir denn auf die Schliche gekommen?”). Trotzdem finde ich es sehr fortschrittlich, einen Wickeltisch auch in der Herrentoilette vorzufinden.

Und Anfang Jänner wird es in Taipei gegen sechs Uhr finster. Das ist an und für sich nichts Besonderes, musste aber auch einmal gesagt werden.

Wo bitte geht es nach...?

In die Umgebung von Taipei lassen sich dank der guten öffentlichen Verkehrsverbindungen wundervolle Ausflüge unternehmen. Nur bedeutet die Stadtgrenze auch so etwas wie das Ende der englischsprachigen Welt. So gut man innerhalb der Hauptstadt vorankommt, außerhalb ist Schluss mit lustig. Zum Glück sind die Taiwanesen ein hilfsbereites Völkchen und lassen nichts unversucht, aus dem sinnlosen Gestammel und der wirren Gestik des Ausländers schlau zu werden. So mancher hat mit mir schon seine liebe Not gehabt, so wie ich mit den chinesischen Schriftzeichen. Man könnte das als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnen.


Wie findet man beispielsweise einen Bus, dessen Fahrziele nur in der Landessprache ausgewiesen sind, und dessen Fahrer mit der englischen Sprache ebenso problemlos zurechtkommt wie ein Goldfisch beim Imitieren von Löwengebrüll. Schwer. Sehr schwer. Am besten man wendet sich vertrauensvoll an einen wohlmeinenden Mitmenschen, bloß an wen? Den jungen Mann im eleganten Anzug? Die Frau mittleren Alters, die mich ein wenig skeptisch mustert? Oder das Schulmädchen in der Hoffnung, dass sie einen guten Englischlehrer hat? Das erfordert eine gehörige Portion Intuition und Menschenkenntnis, weshalb ich einfach den Nächstbesten frage.


Der kleine Mann mittleren Alters quittiert meine Frage mit einem Ausdruck höchster Ratlosigkeit. Zum Glück bin ich im Besitz eines Reiseführers, in dem alle Ortsnamen auch in chinesischen Schriftzeichen vermerkt sind. So halte ich ihm das Buch unter die Nase und tippe mit dem Finger darauf, worauf sich seine Miene aufhellt. Jetzt weiß er zumindest, wohin ich möchte, nicht aber, wie er es mir erklären soll. Er probiert es dennoch, worauf sich das Spielchen umdreht. Manchmal wünsche ich mir, die Medizin wäre in der Lage eine Schnittstelle im menschlichen Kopf zu verankern, um alle benötigten Informationen - wie zum Beispiel Sprachkenntnisse - bei Bedarf einzuspielen. Nachdem dies aber (noch?) nicht möglich ist, und der gute Mann zur Einsicht kommt, dass mein Chinesisch innerhalb der nächsten Minuten keine dramatischen Fortschritte nehmen wird, geht er vor mir her, bis wir an der richtigen Haltestelle angelangt sind. Glücklicherweise kommt mir auch Fortuna zu Hilfe, und so fährt der richtige Bus in jenem Augenblick in die Haltestelle ein. Ansonsten hätte ich bei jedem ankommenden Bus nachfragen müssen, oder die Schriftzeichen vergleichen, was angesichts ihrer Komplexität keine einfache Aufgabe ist.


Am Bitou Kap steige ich - nach einem dezenten Hinweis des Fahrers - aus. Sicherheitshalber schickt er mich gleich in die richtige Richtung, indem er auf ein Schild mit der Aufschrift „Bitou Geological Trail” deutet. Offenbar geht in Taiwan die Kunde um, dass einzeln auftretende, frei herumlaufende Westler alleine nicht lebensfähig sind. Mir soll es recht sein. Das Bitou Kap ist ein traumhaft schöner Küstenabschnitt, mit schroff abfallenden Klippen, seltsamen Gesteinsformationen und einer reizvollen Vegetation. Durch dieses Gebiet führt ein künstlich angelegter Pfad von einigen Kilometern Länge. Die Zeit vergeht wie im Flug, und so gelange ich am Endpunkt der Runde mit einem ziemlichen Hunger in den malerischen Hafen von Bitou. Ich habe wirklich Glück mit dem Wetter. Die Wolken haben aufgelockert, und so lacht die Sonne von einem blauen Himmel auf das Fischerdorf herab. Eine Gruppe von Frauen feilscht lautstark mit einem Gemüsehändler, und ein paar Männer begutachten das Netz, welches sie vor sich auf der Straße ausgebreitet haben. Draußen am Pier sitzen Fischer und halten ihre Leinen in die Brandung.


Eine Faustregel besagt, dass in jedem Fischerdorf Meeresfrüchte zubereitet werden, und so bin ich zuversichtlich, dass dem auch hier so ist. Tatsächlich finde ich genau ein Fischrestaurant, und da ich nicht das erstbeste Lokal aufsuchen will, gehe ich ein bisschen auf und ab, bevor ich mich hineinsetze. Doch bevor ich meinen Hunger stillen kann, muss ich mir mein Essen erst verdienen. Nicht, dass ich Geschirr waschen muss, nein, nein, ich zahle in bar, aber wie bereits erwähnt ist Englisch hier so exotisch wie Suaheli in Mitteleuropa. Nach zehn Minuten haben wir einen kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden, und ich warte gespannt auf das Resultat.

Das Warten hat sich gelohnt. Man bringt mir Stücke gebratenen und panierten Aals, garniert mit mir unbekannten, aber sehr raffiniert schmeckenden Kräutern und einer milden, süß-scharfen Dipsauce. Dazu die übliche Portion Reis. Es schmeckt ausgezeichnet, aber frischer kann Fisch auch nicht auf den Tisch kommen. Nur das Verhältnis von Fleisch und Gemüse ist für meinen Geschmack zu fleischlastig, und so versuche ich noch mehr von den Kräutern zu bekommen. Ein Mann vom Nebentisch wird auf mich aufmerksam und macht einige für mich unverständliche Gesten, die ich vorsichtshalber mit einem Kopfnicken beantworte. Immerhin steht die Chance 50 zu 50. Er kommt an meinen Tisch und bringt mir einige Stücke Fleisch, die ich unbedingt probieren soll. Ich lächle freundlich und mache gute Miene zum bösen Spiel, denn dadurch hat sich das Fleisch/Gemüse-Verhältnis weiter zu meinen Ungunsten verschoben. Hier ist eindeutig mehr Fantasie gefragt, daher nehme ich meinen Teller und zeige mit den Stäbchen auf die grünen Blätter, doch der Serviererin kommt das ziemlich spanisch vor. Also geht mein edler Spender in die Küche und kommt mit einer Schüssel voll Grünzeug zurück. Freudig nicke ich mit dem Kopf und eine weitere Portion der Kräuter landet auf meinem Tisch. Überdies wird mir noch eine kleine Portion Gemüse vom Nebentisch gereicht. Diese Leute sind wirklich rührend um mich bemüht, und wäre ich im Umgang mit den Essstäbchen nicht geübt, so würden sie wahrscheinlich nicht einmal davor zurückschrecken, mich zu füttern.


Nach Beendigung meines Mahles lehne ich mich zufrieden auf meinem Sessel zurück. Eine ältere Frau tritt an meinen Tisch um sich zu erkundigen, ob ich etwa noch einen Nachschlag Reis oder Sauce benötige, da ich ein paar Fischstücke übrig gelassen habe. Ich lege die flache Hand auf meinen Bauch um anzudeuten, dass ich keinen Hunger mehr verspüre. Sie nickt verständnisvoll und packt mir die Essensreste sorgfältig zum Mitnehmen ein. Hätte sie mein Verhalten als „Ich habe Bauchschmerzen” interpretiert, hätte sie mir wahrscheinlich verdauungsfördernde Tropfen verabreicht. Wer weiß, wie die chinesischen Arzneimittel auf Europäer wirken?


Ich weiß nicht, wann der nächste Bus zurück nach Keelung fährt, aber ich setze mich hoffnungsvoll zur Busstation und beginne zu schreiben. Ich habe immer Papier und Stifte eingesteckt, um solche Wartezeiten sinnvoll zu nützen. Während ich diese Zeilen hier schreibe, inhaliere ich fast eine Stunde lang die Abgase des rege vorbeifahrenden Schwerverkehrs. Ich hoffe, sie wissen diese Selbstaufopferung zu schätzen. Im Bus gestaltet sich das Schreiben dann schwierig, denn er scheint ohne Stoßdämpfer unterwegs zu sein. Wie man auf einer solide gebauten Straße permanent das Gefühl vermitteln kann, man wäre auf einem Feldweg unterwegs, bleibt mir ein technisches Rätsel. Dafür passt der Fahrer irgendwie zum Bus. Sein heiseres Bellen schallt durch den Fahrraum und mir ist unklar, ob er uns beschimpft oder nur ein paar Anekdoten aus seinem Leben zum besten gibt. Als wir Keelung erreichen, mache ich wieder auf mich aufmerksam um herauszufinden, wann wir den Bahnhof erreichen. Vor allem will ich sicherstellen, dass der Fahrer weiß, dass dies mein Ziel ist. Ein Stückchen noch, deutet er mir, und zusammen mit zwei weiteren Fahrgästen gibt er mir das Gefühl in besten Händen zu sein. Wenn man alleine in der Fremde unterwegs ist, ist es ein gutes Gefühl so umsorgt zu werden.

Tags zuvor war das alles viel einfacher. Ich brach von Taipei auf, um ein kleines Aboriginal-Dorf zu besuchen, das in eine traumhafte Naturkulisse eingebettet liegt. Also nahm ich die U-Bahn zur Endstation und begab mich zur Bushaltestelle. Wie üblich, kam mir alles Chinesisch vor, mit Ausnahme des westlichen Burschen, der dort in Begleitung einer Chinesin herumstand. Ich sprach ihn an und siehe da, auch sie wollten nach Wulai. Sie war eine taiwanesische Bekannte, die ihn für die Zeit seines Aufenthaltes in der Gegend herumführte. Sie boten mir an, mich ihnen anzuschließen, und so wurde die Fahrt wirklich zum Kinderspiel. Wir verbrachten gemeinsam einen netten Tag, um uns abends auch schon wieder zu verabschieden, da er nach Australien weiterreiste. Ein Jahr wollte er dort verbringen, das Land bereisen und sich mit kleinen Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser halten. The great escape. Eine persönliche Auszeit nehmen. So wie ich. Auch ich will noch bis Anfang August in Asien verweilen, um an einigen Freiwilligenprojekten teilzunehmen. Unterwegs trifft man sie, die Aussteiger und Teilzeit-Aussteiger. Den Wunsch, zumindest für eine gewisse Zeit lang aus seinem geregelten Leben auszubrechen, verspüren viele. Nur wenige tun es wirklich.

 Ausnahmeerscheinungen

Taipei ist ja keine besonders schöne Stadt, als eine Perle des fernen Ostens kann man sie nun wirklich nicht bezeichnen. Die Luft ist auch nicht gerade vom Feinsten, und so viele Ausländer! Doch was ich an ihr schätze sind die unzähligen Möglichkeiten, einen Ausflug in die Umgebung zu unternehmen. Und dort hat das Schmuckkästchen Taiwan wahre Schätze versteckt. Das heißt, versteckt sind sie gar nicht, aber man muss sich schon in das Leben hineinstürzen, um dorthin zu gelangen. Offenbar sind um diese Jahreszeit nur wenige westliche Touristen im Land, denn wo ich auch hinfahre, bin ich der einzige Ausländer weit und breit. Das ergibt einen guten Pro-Kopf-Anteil an Hilfe anbietenden Einheimischen.

Als Europäer falle ich sowieso auf. Für die Mehrzahl der Erwachsenen ist das nichts Besonderes, in Zeiten weltweiter Globalisierung ist man den Anblick einer Langnase hier gewöhnt. Oder würden Sie etwa daheim einem Asiaten auf der Straße minutenlang nachstarren? Na also. Die Kinder aber machen schon manchmal ziemlich große Augen, besonders die kleinen. Ich unternahm einen Ausflug in den Yangmingshan-Nationalpark, der unweit der Stadtgrenze gelegen ist. Per Shuttlebus kann man weite Teile des Gebietes durchqueren und an verschiedenen Haltestellen und Stützpunkten aussteigen, um die Umgebung zu erkunden oder einen der zahlreichen, gut markierten Wanderwege abzugehen. Das Wetter war traumhaft, Sonne pur und Temperaturen um die 25 Grad. Ich hatte diese Woche wirklich viel Glück, denn in der Woche davor war es angeblich deutlich kälter und feuchter gewesen. Aber nach drei Wochen mit Minusgraden und hartnäckigem Nebel in der Heimat habe ich mir das auch verdient.

Aber zurück zu den Kindern. Als ich so inmitten einer wunderschönen Grasebene herumspaziere und sinnestrunken den Blick schweifen lasse, entdecke ich ein interessantes Motiv. Da sich aber eine kleine Wolke vor die ansonsten unbehelligt scheinende Sonne geschoben hat, knie ich auf dem Boden und warte erst einmal ab. So viel Zeit muss sein. Plötzlich stehen vier entzückende Fratzen hinter mir, drei Mädchen und ein Junge, und mustern mich mit großen Augen. Die weidenden Büffel in unmittelbarer Nähe sind ihnen wahrscheinlich nicht halb so grotesk vorgekommen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich in einem Gehege, mit dem folgendem Hinweis:

Europäischer Bergländer, beschränktes Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa, bevorzugte Nahrung sind panierte Fleischstücke, Mehlspeisen und Hopfen- und Malzgetränke. Unverständliche Sprache. Bitte nicht füttern!

Die Mutter kommt herüber und fordert sie auf, mir artig die Hand zu geben. Die Sache ist ihnen offensichtlich nicht ganz geheuer, aber bis auf ein Mädchen kommen sie der Aufforderung nach. Da schlage ich natürlich auch gleich ein und begrüße sie freundlich. Nur die kleine Dame ziert sich, aber man gibt seine Hand schließlich nicht jedem. Zum Abschied dürfen sie dann mit ihren gesamten Englischkenntnissen auftrumpfen. „Say bye bye”, ermutigt sie die stolze Mutter und siehe da, es funktioniert. Welch prächtige Unterhaltung!

Erst vor einigen Monate stand ich vor dem zweithöchsten Gebäude der Welt, den Petronas-Türmen in Kuala Lumpur. Wie es der Zufall so will, befindet sich in Taipei das zu diesem Zeitpunkt höchste. Stolze 508 Meter ragt das Taipei 101 empor, und da stellt sich unweigerlich die Frage, ob man in den obersten Etagen schon Sauerstoffmasken anlegen muss, um nicht die Besinnung zu verlieren. Das will ich natürlich wissen, denn bis hinauf ins 89. Stockwerk wird man von den schnellsten Personenaufzügen der Welt hinaufkatapultiert. Die Spitzengeschwindigkeit beträgt dabei ca. 60 km/h, was man im Inneren der Fahrkabine nicht weiter merkt, nur hat man sein Ziel in knapp 40 Sekunden erreicht. Die Aussicht von oben ist bemerkenswert und reicht bei klaren Sichtverhältnissen bis weit über die Stadtgrenzen hinaus. Wie ich oben stehe, ist es ziemlich diesig und zudem setzt die Dämmerung ein, aber die Panoramafotos an den Paneelen sind auch ganz nett anzusehen. Der Blick nach unten verdeutlicht die Höhe eindrucksvoll. Und noch etwas unterstreicht diese Wahrnehmung. Von einem der umliegenden Hügelgebiete an der Stadtgrenze aus betrachtet, überragt der Turm die davorliegenden Hügel, was ein beeindruckendes Zeugnis seiner Größe abgibt. Die Wohnhäuser an den Hängen nehmen sich gegen die massige Konstruktion im Hintergrund wie Puppenhäuser aus.
 
Eine Woche war natürlich viel zu kurz für diese Insel. Ich habe nicht die Taroko-Schlucht gesehen, eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten des Landes. Nicht den Sun Moon – See mit seinen malerischen Tempeln. Nicht den Kenting-Nationalpark im Süden der Insel und viele andere Orte von Interesse. Ich habe keines der Hot Spas besucht, jene warmen Schwefelquellen die riechen, als hätten alle Badegäste gleichzeitig ins Wasser gefurzt. Ich habe meine Herberge nicht gewechselt, obwohl mein Stoffwechsel in dem fensterlosen Schlafsaal aufgrund von Sauerstoffmangel Nacht für Nacht auf anaerobe Atmung umgeschaltet hat. Doch was ich in dieser Woche gesehen habe, weckt in mir den Wunsch eines Tages wiederzukommen, um die Republik China, wie sich der Inselstaat offiziell nennt, eingehender zu erkunden. Vielleicht ist Taiwan bis dahin schon ein international anerkannter Staat. Vielleicht chinesisches Territorium. Doch wird mir auch dann sicherlich wieder vieles chinesisch vorkommen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 20:21 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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