Gefangen im Paradies PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Sonntag, den 14. Juni 2009 um 17:31 Uhr

Viele Kriegsgefangene des Nordens, darunter auch Frauen, wurden auf der Gefängnisinsel Con Son im Süden Vietnams interniert. Heute ist Con Son Ferieninsel und Naturpark weit ab vom internationalen Touristenstrom. Und dort möchte ich hin.


Hanoi, Frühjahr 2009. Eine stattliche Zahl Schautafeln füllt den geräumigen Saal und beschreibt eindringlich die kargen Bedingungen, unter denen Hanois Straßenverkäufer ihr Leben fristen. Es ist gekennzeichnet durch Armut, Improvisation und Entbehrungen, durch einen permanenten Kampf ums Überleben und mit der korrupten Obrigkeit. Und Existenzängste, denn Hanois Stadtverwaltung sagt dem unorganisiertem Straßenverkauf den Kampf an. Die Meinung der Betroffenen dazu liegt auf der Hand. Die Meinungen der Experten und Konsumenten gehen auseinander. Billige Nahversorgung versus chaotisches Straßenbild. Die Entscheidungen treffen jedoch andere.

Einen langgestreckten Raum umfasst die Sonderausstellung, die in dem großzügig dimensionierten Gebäude des Frauenmuseums untergebracht ist. Dass man den Frauen dieses Landes ein eigenes Museum widmet, verwundert anfangs, doch Frauen spielten eine wichtige Rolle in den beiden letzten großen Kriegen Vietnams (der Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen, und der Krieg gegen Amerika). Als Gebärmaschinen, und als menschliche Resourcen auf dem Schlachtfeld und den Nachschublinien. Wie viele ihrer männlichen Leidensgenossen ließen sie dabei in großer Zahl ihr Leben. Sie opferten ihr Leben und das ihrer Söhne dem Staat, wie es in der kommunistischen Terminologie heißt. Eine Nation voller Helden. Die Frau, deren Portrait die kahle Wand schmückt, ist eine von ihnen. Drei Söhne verlor sie im Krieg, nun ist sie eine heroische Mutter Vietnams. Doch ihre Kinder sind tot.

Viele Kriegsgefangene des Nordens, darunter auch Frauen, wurden auf der Gefängnisinsel Con Son im Süden des Landes interniert. In Räumlichkeiten, die als „Tigerkäfige“ bekannt waren, mit gitterartigen Abdeckungen, durch welche die Aufseher das Geschehen beobachteten, die Gefangenen züchtigten und mit Nahrung versorgten. Heute ist Con Son Ferieninsel und Naturpark weit ab vom internationalen Touristenstrom, die nur von wenigen Einheimischen besucht wird und vom Festland per Flugzeug erreichbar ist. Und dort möchte ich hin. Aber nicht auf direktem Weg. Nördlich von Nha Trang, einer pulsierenden Küstenstadt im Süden Vietnams, lebt ein Landsmann, der den Traum des Aussteigers lebt. In einem Haus am Meer, mit dem Strand vor der Haustür. Und so folge ich seiner Einladung, ein paar Tage bei ihm zu verweilen.

Der alte Mann und das Meer

“Verstehst du jetzt, warum ich von hier nicht mehr weg will?” Mit einem verschmitztem Lächeln in seinem sonnengebräunten Gesicht schaut er mich an, als wäre er sich meiner Antwort sicher. Und die Argumente sprechen für sich. Ein großes, dreistöckiges Haus direkt am Meer gelegen - bei Flut sind es gerade einmal fünf Meter bis zum Wasser – Schatten spendende Kokospalmen vor der Terrasse und eine Bucht wie hingemalt. Dass hinter dem Haus eine Schnellstraße und die Bahntrasse verlaufen, stört ihn nicht weiters.
  “Wie ich diesen Flecken hier gesehen habe, mit den Palmen und dem Strand, hab’ ich sofort gewusst, da will ich bleiben”, setzt er nach. Der Aussteigertraum. Der Lebensabend im Paradies. Ist es so?
  “Ich verbringe den Großteil meiner Zeit in diesem Haus, doch alleine bin ich selten”, fügt er gut gelaunt hinzu. Freunde, Nachbarn und die Familie seiner Frau sorgen für Abwechslung. Und am Sonntag fährt er in die Stadt zum “Stammtisch”, wie er sagt, eine deutsch/österreichisch/schweizer Runde, die sich einmal pro Woche trifft.

Heinz kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Drei Ehen, zahlreiche Liebschaften und eine ungewöhnliche berufliche Laufbahn, die jeder konventionellen Karriereplanung spottet. Zuerst Gebietsbetreuer in der Getränkeindustrie, danach ein Leben auf der Straße. Als Fernfahrer. Weit ist er dabei herumgekommen. Vater mit neunzehn, darauf die Heirat, Alleinerzieher mit einundzwanzig.
  “Ich hab’ quasi eine Negativkarriere hingelegt”, meint er ohne Bedauern. “Als Gebietsbetreuer war ich ständig in feiner Kleidung unterwegs, selbst in der Freizeit. Ich hab’ ja nie gewusst, ob mir ein potentieller Kunde über denn Weg läuft. Sogar bei Familienausflügen im Freien war ich immer in Anzug und Krawatte unterwegs. Ständig im Dienst, sozusagen. Das nervt auf Dauer.” Fesch ist er, der junge Blondschopf, der mir auf der alten Schwarz-Weiß – Fotografie selbstbewusst in die Augen blickt. Bereit, die Welt zu erobern.
  Angefangen hat es in Wien. Nach der Entscheidung, den Vertreterjob an den Nagel zu hängen, fuhr er mit dem Bus für die Wiener Linien. Faul war er schon damals nicht. Während die Kollegen ein lockeres Leben genossen, fuhr er lange Schichten. Und irgendwann ist er dann weg aus Wien, in ein kleines Bergdorf in Tirol. Und vergaß augenblicklich die große Stadt.

“Ich könnt’ gar nimmer in einer Stadt leben”, meint er rückblickend. Ein kleines Haus im Wald nannte er sein Eigen, und stolz, doch ohne Sentimentalität, zeigt er mir die Fotos, die er eigens hervorgekramt hat. Verloren liegt die Hütte auf einer Lichtung, und strahlt selbst auf diesem vergilbten Foto Ruhe und Individualität aus. Einer, der unbeirrt seinen Weg geht und gegangen ist. Ein Eigenbrötler?
  “Keine Spur. Kaum war ich in Tirol angelangt, da hab’ ich mir innerhalb kurzer Zeit einen riesigen Freundeskreis aufgebaut. Es war keiner dieser Touristenorte, wo man gar keine Einheimischen mehr sieht. Ich hab’ mich dort auf Anhieb wohlgefühlt.” Gab es Probleme als Wiener?
  “Überhaupt nicht. Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es zurück”. Mit seiner lockeren, unverkrampften Art hat er sich überall rasch eingelebt. Und allzu viel war er sowieso nicht daheim, denn sein zweites Zuhause waren die vier Quadratmeter Fahrerkabine seines LKW. Auch von dieser Episode seines Lebens zeigt er mir ein paar Bilder. Erstaunlich der äußere Wandel. Latzhose statt feinem Anzug, lange Haare statt manierlichem Kurzhaarschnitt, wallender Vollbart statt glattrasierter Haut und eine Wollmütze auf dem Haupt. Aufgenommen auf einer Autobahn-Raststätte vor seinem tonnenschweren Fahrzeug, in Gesellschaft eines Kollegen. Ist das noch immer dieselbe Person?

Und wie war das mit den Frauen? Mein Blick fällt auf ein Foto, welches ihn zusammen mit zwei Asiatinnen zeigt, eine etwas älter, die andere jünger, mit langen schwarzen Haaren und von schlanker Gestalt.
  “Das war in Thailand. Meine nächste Station. Interessiert haben’s mich schon immer, die Frauen. Die ältere hier, das war meine Frau. Die jüngere meine Geliebte. Zumindest für kurze Zeit”, erläutert er bereitwillig. “Sie haben sogar voneinander gewusst.” Ich staune. Wie war das möglich?
  “Die Jüngere arbeitete in der Bar, die wir betrieben, und ich bezahlte sie für ihre Liebesdienste. Somit war das in Ordnung. Aber wehe, es ist Liebe im Spiel, dann werden thailändische Frauen entsetzlich eifersüchtig.” Wen wundert’s?
  Und wie lange hat die Beziehung gehalten, will ich wissen.
  “Nach einem Jahr haben wir uns scheiden lassen. Meine Frau war, finanziell gesehen, ein Fass ohne Boden. Die übliche Geschichte halt. Bevor sie heiraten sind sie lieb und willig, aber haben sie erst einmal den Trauschein, zeigen sie ihr wahres Gesicht.“ Was, bitte, bedeutet das genau?

  “Die Ansprüche steigen, die Familie wird mit versorgt, und nicht nur mit dem Lebensnotwendigen. Da wird ein neuer Fernseher angeschafft, teures Gewand eingekauft, und ein Haus für die Eltern sollt’s auch noch sein. Das Geld steht im Vordergrund”, sagt er mit Bedauern. “Nach einem Jahr musste ich dann die Notbremse ziehen.” Und war das nicht absehbar gewesen, frage ich ihn. Heinz zuckt nur mit den Achseln.
  “Wir haben eigentlich nur geheiratet, weil das gemeinsame Leben in Thailand auf diese Weise finanziell günstiger war. Zumindest auf eine Zeit von vier, fünf Jahren umgelegt. Ich hab’ das nie als langfristige Sache betrachtet, aber ich hab’ auch nicht damit gerechnet, dass das Aus schon nach einem Jahr kommt.” Schweigend höre ich mir die Geschichte an, aber wirklich nachvollziehen kann ich die Überlegung dahinter nicht. Dies ist eine andere, mir fremde Welt. Wenngleich ich schon viele Geschichten mit ähnlichem Ausgang gehört habe.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem anderen Österreicher, der nicht unweit von mir in Hanoi zusammen mit seiner vietnamessichen Lebensgefährtin und deren Kindern lebt. Eines Abends sitzen wir in seinem Haus zusammen und diskutieren unter anderem dieses Thema. Auch ich lebe mit einer Vietnamesin unter einem Dach, auch wenn sie nur drei Jahre jünger ist als ich, und finanzielle Interessen nie im Vordergrund standen. Die Beziehung ist uns einfach passiert.
“Du musst dir über eines im Klaren sein”, sagt Martin mit mahnender Stimme und seine Miene verhärtet sich. “Jede Beziehung zwischen einem westlichen Mann und einer Asiatin hat ihren Preis.” Und er erzählt Geschichten von Bekannten, die von ihren asiatischen Gespielinnen in den Ruin getrieben wurden.

  “Am schlimmsten sind die Thailänderinnen. Die saugen den Mann aus, bis er kaputt ist. Die begnügen sich nicht mit einem Teil des Geldes. Solange es noch etwas zu holen gibt, machen sie weiter.” Und er erzählt den Fall eines Expatriats in Bangkok, der für ein Projekt in Thailand weilt und eine junge Thailänderin kennen und lieben lernt. Zuerst gehen sie miteinander aus, dann begleitet er sie zum Shopping – er bezahlt natürlich – und irgendwann kreisen seine Gedanken um mehr. In der Zwischenzeit vernachlässigt er seine Arbeit und wird immer tiefer in diesen Strudel aus blinder Leidenschaft hinabgezogen. Was die Sache insgesamt noch verkompliziert sind seine Frau und die Kinder, die daheim in Deutschland warten.


  Martin ist mit seiner Lebensgefährtin nicht verheiratet, obwohl sie gemeinsam einen kleinen Sohn haben. Beide haben ältere Kinder aus der früheren Partnerschaft, doch Martin kann hier nicht heiraten. Auf dem Papier ist er immer noch in Österreich verheiratet. Zehn Jahre lebt er bereits in Hanoi, seit acht Jahren mit seiner Partnerin. Was sie dazu sagt?
  “Sie hat sich damit abgefunden. Sie hat hier mit mir ein lockeres Leben. Unlängst waren wir auf Schiurlaub in Österreich, da hat sie geschaut, wie teuer es bei uns ist. Sie hat gar kein Verlangen danach, woanders hin zu ziehen. Hier lebt sie wie eine Königin”, setzt er nach. Schwingt da ein Hauch von Verbitterung mit? Trotzdem scheint die Beziehung zu funktionieren.

Nach seinem Thailand-Flop hat Heinz weitergesucht nach der passenden Frau. Thailand ist abgehakt, da erweckt Vietnam sein Interesse. Vierzehn Jahre ist es her, seit er dieses Land zum ersten Mal bereiste. Damals war Vietnam noch ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte, und es war nicht immer einfach. Doch was er sah, gefiel ihm. Und so kam er im Jahr darauf wieder, in Begleitung seines Sohnes. Und da lernte er sie kennen.
  “Wir saßen in Nha Trang in einem Cafe, da kam eine junge Frau und wollte mir die Hände maniküren. Als sie mir diesen lächerlich niedrigen Preis nannte, da ließ ich sie gewähren und fragte meinen Sohn, ob ihm das Mädel gefalle. Und das tat sie. Also fragte ich sie, ob sie mit uns zu Abend essen wolle. Zu meiner Überraschung nahm sie die Einladung an, und so fragte ich sie weiters, ob sie denn nicht jemanden in meinem Alter wüsste. Was soll ich denn mit einem jungen Mädel, die meine Tochter sein könnt’? Am Abend erschien sie in Begleitung einer älteren Frau, die nur sieben Jahre jünger war als ich. Heute ist sie meine Frau. Und auch der Bub will sein Mädel heiraten und hierher ziehen.” Ich traf die vier bereits zwei Monate zuvor in Hanoi. Wie ein eingespieltes Quartett wirkten sie nicht.

  Und, funktioniert die Ehe?

  “Weißt du, zu Beginn, da ist sie mit mir im LKW mitgefahren, und da lebten wir auf diesen vier Quadratmetern Raum zusammen. Wir haben unterwegs verschiedene europäische Städte besucht, und sie hat mit mir zusammen eine Zeit lang in Österreich gewohnt. Anfangs hat alles gepasst, sie hat sich um mich bemüht und sparsam gelebt, aber als wir dann heirateten, hat sich vieles geändert. Sie wurde mit der Zeit immer dominanter. Vor vier Jahren hab’ ich mich dann in die Frührente verabschiedet und wir sind nach Vietnam zurückgekehrt. Sie war von Anfang an gegen dieses Haus, das ihr zu abgelegen war, doch ich liebe es. Ich brauch’ nichts anderes mehr. Ich gab ihr achtzigtausend Euro in die Hand und sie erledigte die Transaktion. Belege hab’ ich nie gesehen.” Das macht mich stutzig. Sollte er wirklich so leichtgläubig sein? Und noch ein Punkt bereitet mir Kopfzerbrechen, denn Ausländern ist es in Vietnam nicht gestattet, Eigentum zu erwerben.

“Das Haus läuft natürlich auf ihren Namen. Es wurde vom Vorbesitzer illegal gebaut, also haben wir es vor kurzem legalisieren lassen. Dafür scheint im Vertrag eine Klausel auf, wonach es auch in Zukunft im Besitz meiner Frau bleibt. Ich habe mich auch dazu überreden lassen, in der Stadt selbst ein zweites Haus zu bauen, in dem sie nun die meiste Zeit verbringt. Im Erdgeschoß betreibt sie ein Internetcafe. Gedacht war es eigentlich für die Söhne, damit die sich das Kapital erwerben können, um eine eigene Familie zu gründen. Jetzt sind sie von ihrer Mutter angestellt und verdienen einen geringen Lohn. Dabei bräuchte sie das Geld doch gar nicht.” Missbilligend schüttelt er den Kopf, doch laut wird er deswegen nicht.
  “Ich war halt immer ein Ruhiger, und bin damit meistens ganz gut gefahren. Vielleicht müsst’ ich ihr gegenüber aber einmal auf den Tisch hauen, wer weiß. Unglücklich wirkt er deswegen aber nicht. Trotzdem hake ich noch einmal nach.
  “Heißt das, dass du das Haus und alles im Falle einer Scheidung verlierst?” , frage ich ungläubig. Er bestätigt diese Vermutung.
  “Schau, wenn’s weg ist, ist’s weg. Meine Frau würd’ sich am liebsten von mir scheiden lassen und mich aus dem Haus werfen. Aber ich steh’ bei ihrer Familie hoch im Kurs, die mögen mich wirklich, obwohl sie noch nie wegen Geld gekommen sind. Ließe sie sich scheiden, dann würde das niemand verstehen und brächte sogar die eigene Familie gegen sie auf. Sie hatte nichts und jetzt spielt sie die Lady. Sie kocht nicht einmal mehr für mich.” An Besitz haftet er jedenfalls nicht. Ein paar farbige Planken auf der Terrasse unterstreichen dies. Vergangenen Dezember war es, als ein Taifun überraschend die Küste erreichte und sechzig Boote im Meer versenkte, darunter auch das kleine Fischerboot, das ein Geschenk der Familie war, und das er liebte und für ausgiebige Streifzüge durch Nha Trangs Gewässer nützte. Doch kein Grund zur Traurigkeit. Wie gewonnen, so zerronnen, das ist der ewige Lauf der Dinge.

Dass in der Beziehung nicht mehr alles eitel Wonne ist, fällt auch mir auf. Zwei Tage lang bleibe ich in deren Haus, doch sie kocht nichts, sie kauft nicht einmal etwas auf dem nahe gelegenen Markt ein, was schon sehr eigenartig für dieses an sich gastfreundliche Land ist. Im Prinzip ignoriert sie mich. Als unlängst ein Freund aus Wien zu Besuch in unserem Haus verweilte, da ließ es sich meine Ha nicht nehmen, uns kulinarisch zu verwöhnen, und ich musste sie einbremsen, sich deswegen nicht allzu viel anzutun.

  Die drastische Wandlung, die seine Frau durchgemacht hat, stimmt ihn traurig. “Wenn ich mit mit westlichen Freunden treffe, die ebenfalls eine asiatische Ehefrau haben, lassen wir unsere Frauen zu Hause. Kaum treffen sich die beiden, geht es nur mehr um ein Thema. Wer kann seiner besseren Hälfte mehr bieten? Und dann gehen das Hickhack und die Rangkämpfe los. Wieso kann er seiner Frau ein zweites Haus kaufen und du nicht? Und umgekehrt. Es ist fürchterlich.” Ist das das grundlegende Merkmal von Beziehungen, die nicht auf Liebe, sondern Geld basieren? Dass es auch Ausnahmen gibt, räumt er bereitwillig ein. Ein Italiener, der mit seiner vietnamesischen Ehefrau harmonisch zusammenlebt. Weil sie aus Liebe heirateten? Oder die große Ausnahme?

Ich will es wissen, denn ich lebe mit meiner vietnamesischen Lebensgefährtin beinahe ein Jahr schon unter einem Haus, eine Heirat steht in Aussicht. Doch was ich höre, beunruhigt und verstört mich. Könnte mir das auch passieren? Doch ich höre mir ruhig alle Geschichten an, wehre nichts ab, bleibe offen für alles, was man mir entgegen schleudert. Jeder Abwehrmechanismus ist ein Zeichen der Angst, ein Zeichen der Unsicherheit. Ich kenne Ha. Zumindest glaube ich, sie zu kennen. Das letzte Wort hat meine innere Stimme, mein unschätzbarer Ratgeber in allen Lebenslagen. Und sie bestärkt mich in meiner Entscheidung.

Trotz seiner Existenz auf einem Pulverfass, das jeden Moment hochgehen kann, bleibt Heinz gelassen. An eine Rückkehr nach Österreich denkt er nicht.
  “Ich lebe hier in meinem kleinen Paradies. Schau dich doch um. Ich verlasse dieses Haus nur selten, in der Regel nur für meinen Stammtisch, aber es steht weit offen für jeden. Ich bin mit meinem Leben und allem, was ich erreicht habe, zufrieden. Es war mehr, als ich je erwartet habe. Viele beschweren sich über Vietnam und die Vietnamesen, doch ich kann mit diesem Land und seinen Bewohnern gut leben. Mir gefällt’s hier.”
  Ich sehe in seine Augen und glaube jedes Wort. Wer hat das Recht, über andere zu urteilen? Trotz aller Turbulenzen ist Heinz mit seinem Dasein zufrieden. Wer zufrieden ist, ist glücklich. Können wir das alle von uns behaupten?

 
Gefangen im Paradies

Von Nha Trang fahre ich nach Mui Ne, ein kleines Nest weiter südlich, das für seinen traumhaften Sandstrand und seine spektakuläre Wüstenlandschaft bekannt ist. Dünen aus rotem und weißem Sand überziehen die Landschaft, und wo das Wasser die Landschaft formt, entstehen bizarre Felsformationen. Fasziniert von den Launen der Natur wandere ich bei brütender Hitze über die Sandmassen, verbrenne mir die Fußsohlen und raste an einem bläulich schimmernden See, an dessen Ufern hunderte Lotusblüten wachsen, im Schatten der Bäume. Entspannt gleite ich über weitgehend menschenleere Straßen, vorbei an bunten Gräbern, die wie Schafe auf der Weide stehen und mit ihrer farbenfrohen Erscheinung den Tod verspotten. Weite Ebenen mit spärlichem Bewuchs, komponiert in Rot-, Grün- und Brauntönen, und etwas Leben, das standhaft der Hitze trotzt. Und dann das Meer, das seine leuchtend blaue, weiß gekrönte Brandung in einer Angriffswelle nach der anderen gegen die Küste schickt.

Doch die Zeit drängt, viel zu kurz die zehn Tage, und so rolle ich auf der Landstraße nach Saigon, der größten Stadt des Landes. Das Zurücklegen von Distanzen ist das Reisen schlechthin, das Beobachten der Landschaft, die wie eine gigantische Kulisse vorüberzieht und von Zeit zu Zeit markant ihr Aussehen ändert. Die Hauptakteure vor dieser Kulisse sind die Menschen, die hier in Vietnam ihre Häuser und Geschäfte entlang der Straßen bauen, sodass man phasenweise das Gefühl hat, eine halbe Stunde oder länger durch ein einziges kleines Dorf zu fahren. Kleine, einstöckige Gebäude, oft nicht mehr als ein oder zwei Wohnräume groß, säumen das Asphaltband, welches sich National Highway Nr.1 nennt und Hanoi mit Saigon verbindet. Für die einen ist es ein Highway, für die anderen die längste Landstraße Vietnams. Mit Ausnahme der großen Ballungsgebiete im Norden und Süden verläuft er einspurig über mehr als tausend Kilometer. Hinter den Gebäuden erstrecken sich Felder, und was angebaut wird, bestimmt das Klima. Nur für ein kurzes Stück verschwinden die Reisfelder, dieses Symbol Südostasiens, bevor sie erneut die Landschaft in ein Schachbrett aus grünen und braunen Feldern aufteilen. Ich bewundere die vielen Kokospalmen, die mit ihrer Anspruchslosigkeit an nahezu allen warmen Standorten, an denen genug Wasser vorhanden ist, anzutreffen sind. Sie spenden Kokosnüsse, Schatten und prägen die Landschaft wie kaum ein anderes Gewächs. Was ich zum ersten Mal sehe, sind die Plantagen dicker, fleischiger Sukkulenten, vielleicht Agaven, die die Lücken zwischen den Wohnhäusern ausfüllen.

Schon lange habe ich nicht mehr so viel Zeit zum nachdenken gehabt. Auch in Hanoi bin ich stets etliche Stunden pro Tag alleine, und dankbar dafür. Doch nun bin ich das erste Mal seit einem Jahr wieder alleine mit dem Rucksack unterwegs und genieße das Gefühl der Freiheit, diese “Leichtigkeit des Seins”, welche sich stets “on the road” einstellt. Ich spüre mich intensiver als sonst und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Ich denke über mein Leben nach, meine Zukunft, meine Beziehung zu Ha, und über Gott und die Welt. Ich erinnere mich wieder an mein Versprechen, meine Zukunft meinem Schicksal zu überlassen, ohne vehement in eine bestimmte Richtung zu drängen. Ein Versprechen, das ich im mühevollen Alltag nur allzu leicht vergesse.

An der Stadtgrenze Saigons ist es vorbei mit der Ruhe, der Verkehr stockt auf der mehrspurigen Schnellstraße und es dauert eine Ewigkeit, bis wir das Touristenviertel rund um die Pham Ngu Lao erreichen. Ein Hotel ist schnell gefunden, und ich stoppe ein Motorradtaxi, um rasch nach Dong Khai, einem schicken Viertel des ersten Stadtbezirks zu gelangen, wo ich in einem großen Buchladen meinen Lesestoff für die kommenden Tage aufstocke. Saigon wirkt moderner, lebendiger, weltoffener und auch disziplinierter als Hanoi, und ich genieße das legere Treiben auf den Straßen, während ich den Rückweg zu Fuß zurücklege. Trotzdem freue mich schon auf die Ruhe und Abgeschiedenheit der Insel Con Son.

Mit zwanzig-minütiger Verspätung hebt die kleine Propellermaschine ab, um eine Stunde später auf dem kleinen Fluhafen von Con Son, der kleinen Hauptinsel der kleinen Inselgruppe aufzusetzen. Small is beautiful. In einem kleinen Minivan geht es der Küste entlang in die kleine Stadt, die so großzügig angelegt ist, als spielte Platz keine Rolle. Verfallende Reste einstiger französicher Villen und Strafanstalten gehören ebenso zum Stadtbild wie respektable neue Häuser. Schlanke, aber überaus ordentlich angelegte Straßen durchziehen den Ort wie ein Gitter, und die gelegentlichen Ampeln an den niedlichen, überschaubaren Kreuzungen wirken schon fast überordentlich. Nicht, dass man sich wirklich an eine rote Ampel hält – bei dem lockeren Verkehr ist das ohnehin überflüssig – aber es verdeutlicht eine gewisse Grundhaltung.

Con Son war während des französischen Unabhängigkeitskrieges und später im Lauf des Vietnamkriegs eine Gefängnisinsel, in der Gefangene auf unmenschliche und grausame Weise inhaftiert und gefoltert wurden. Mehr als 20.000 Menschen verloren in den tristen Kerkern ihr Leben, gezeichnet von den schlechten Lebensbedingungen und den unmenschlichen Anstrengungen beinharter Zwangsarbeit. Heute zählen diese Gefängnisse neben unberührter Natur zu den “Attraktionen” der Insel. Vorwiegend vietnamesische Touristen besuchen diesen Ort, um einem Stück schmerzhafter Geschichte zu gedenken und den gefallenen Helden die Ehre zu erweisen.

Als ich am Pier aus dem Wagen aussteige, bin ich weit und breit der einzige westliche Tourist, und die Einheimischen mustern mich neugierig, aber keineswegs aufdringlich. Gegenüber dem Pier liegt ein Hotel, doch während ich auf mein Zimmer warte, beschließe ich ein paar andere Quartiere (die Auswahl ist ohnehin bescheiden) auszukundschaften und bleibe in einer netten Bungalowanlage hängen. Aufgrund der Abgelegenheit der Inselgruppe ist sie vom Massentourismus bislang verschont geblieben. “Party-Löwen” bleiben daher besser zu Hause, denn “Nachtleben” wird hier anders definiert. Spätabends trete ich auf die Terrasse, atme die salzige Luft ein und lausche den Blättern der Palmen, durch die der Wind geräuschvoll hindurchfährt. Große, gepanzerte Käfer brummen durch die Luft, fliegen gegen Wände oder krachen ungebremst mit dem Kopf voran auf den harten Steinboden, wo sie auf dem Rücken liegen bleiben und hilflos zappeln. Zuerst helfe ich einem von ihnen auf die Beine, doch als er sich eine Minute später wiederum in dergleichen Situation befindet, überlasse ich ihn seinem Schicksal.

 
Als ich am nächsten Morgen so durch die Straßen streife, da fühle ich mich frappant an Kep, ein kleines Fischerdorf an der Südküste Kambodschas, nahe der Provinzhauptstadt Kampot erinnert, welches ich ein Jahr zuvor besucht habe. Die Parallelen sind verblüffend. Kleine, verschlafene Orte fernab der touristischen Landkarte, mit Ruinen kolonialer Herrenhäuser (in Kep wurden sie von den Roten Khmer zerbombt), in denen die Uhren noch langsamer ticken und die dennoch allmählich vom Strom der Moderne mitgerissen werden. Beschauliche, idyllische Orte, wo man noch so lebt wie es die Vorfahren taten, und sich nicht dem Touristen anbiedert wie eine billige Dirne. Bereitwillig lasse ich mich von der Beschaulichkeit umgarnen und einfangen, und plötzlich spielt Zeit keine Rolle mehr, weil Hektik und Stress hier keine Chance haben, auf verlorenem Posten stehen. Viel gibt es ohnehin nicht zu tun. Besser, sich treiben lassen, denn Vietnam seinen Willen aufzwingen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Auch beim Besuch der Gefängnisse geht mein Deja-vu weiter. Ausgemergelte Gefangene, unter unmenschlichen Bedingungen gehalten und brutal gefoltert – das hatte ich doch schon. Wenn ich weiter in meiner Vergangenheit zurückgehe, dann werden Erinnerungen an meinen Besuch des KZ Mauthausen wach, den man im Laufe seines Schullebens in Österreich mit Sicherheit absolviert, doch ich meine Tuol Sleng (oder S21) in Phnom Penh, der Haupstadt Kambodschas, das dieser Tage wieder wegen eines international Aufsehen erregenden Prozesses gegen den Direktor dieser Anlage Schlagzeilen macht. Auch dort überlebten von etwa 14.000 Gefangenen nur wenige, der Rest landete auf den Killing Fields. Die Geschichte wiederholt sich gnadenlos, was wechselt sind die Schauplätze. Soll kein Volk sagen, es wäre besser als ein anderes. Die Geschichte straft diese Behauptung mit Lüge.

Im “Revolutions-Museum” bekomme ich einen Vorgeschmack auf die Gefängnisse. Fotos von bis auf die Knochen abgemagerte Gestalten, menschliche Skelette, geschlagen und geschunden, mit apathischem Blick. Einige der bedeutendsten Kriegshelden Vietnams waren in diesen Lagern inhaftiert. Gedenktafeln mit ihren Namen erinnern daran. Auch Frauen waren darunter, jene “Heldinnen”, über die das Frauenmuseum berichtet. Die berühmteste unter ihnen ist Vo Thi Sau, die mit ihren jungen neunzehn Jahren aus dieser Welt schied. Auf dem Gedenkfriedhof, auf dem rund zweitausend Leichen zur letzten Ruhe gebettet wurden, ist ihr Grab eines der auffälligsten Erscheinungen. Lotusblumen, Räucherstäbchen und Opfergaben werden ihr bis heute von den Lebenden dargebracht. So grausam die letzte Behausung zu Lebzeiten war, so idyllisch ist diese letzte Ruhestätte. Ein immergrüner Garten mit rotblühenden Zierbäumen, Palmen und tropischem Regenwald im Hintergrund. Da sei den Vietnamesen das Monument verziehen, das an drei gewaltige Räucherstäbchen erinnern soll, dabei aber so potthässlich ist, dass sich die Toten im Grab umdrehen.


Am 4. Mai 1975, nach dem Ende des Vietnamkriegs, wurden die überlebenden Insassen auf Con Son endlich befreit. Manche von Ihnen kamen in den darauffolgenden Jahren wieder an die Stätte ihrer dunkelsten Stunden zurück, gesponsert von der vietnamesischen Regierung. Was mag in ihrem Innern beim Besuch der Kerker wohl vorgegangen sein?

Die Besichtigung der Gefängnisse ist ohne Führer nicht möglich, daher kehre ich am frühen Nachmittag wieder zurück. Ein schlanker Mann in dunkler Hose und weißem Hemd, welches trotz der drückenden Hitze nicht einen Schweißflecken aufweist (während meine Oberbekleidung aussieht wie ein nasser Fetzen), begleitet mich. Er spricht kein Englisch, und daher verstehe ich auch nicht allzu viel, doch die Orte sprechen für sich und bedürfen keiner weiteren Erklärung. Nackte, steinerne Zellen mit Betonpritschen und Fußfesseln, die den Gefangenen nicht einmal die Möglichkeit gaben, aufzustehen und umherzugehen, verschlossen mit wuchtigen Metalltüren, verdeutlichen die Hölle auf Erden. Manche dieser Zellen hatten kein Dach, wodurch die Insassen der mörderischen Sonne oder dem zermürbendem Regen schutzlos ausgeliefert waren. Die “Unterbringung” erfolgte einzeln, paarweise oder in Gruppen, streng nach Geschlechtern getrennt. Den Frauen ging es dabei nicht besser. Puppen in Lebensgröße lassen das Leben der Gefangenen vor den Augen des Besuchers auferstehen. Zaghaft gehe ich in einige dieser Zellen hinein, rieche die muffige Luft und sehe zu den vergitterten Fenstern empor, durch die ein wenig Licht ins Innere fällt. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Nicht viel anders geht es mir in den “Tigerkäfigen”. Im Osten nichts Neues.

Doch eigentlich bin ich hier, um zu entspannen und Kraft zu tanken. Kraft für die verbleibenden Monate in Hanoi, denen ich mit Argwohn entgegensehe. Nach nur einer Woche, die ich außerhalb dieser Stadt verbracht habe, verblasst die Erinnerung daran wie ein schlechter Traum. Die Schatten, die sich auf mein Gemüt legen, solange ich in der Hauptstadt verweile, haben sich aufgelöst und ich entdecke einmal mehr die landschaftliche Schönheit dieses Landes. Ich streife mit dem Motorrad durch die Gegend, ich marschiere schweigsam durch den Regenwald, nur begleitet vom Rascheln des Laubs, wenn ein überdimensionales Eichhörnchen übermütig herumturnt oder eine braun-graue Eidechse mit gedrungenem Körper und kurzem Schwanz fluchtartig das Weite sucht, als hätte ich nichts anderes im Sinn als meinen Hunger mit deren Fleisch zu stillen, von dem man sagt, es schmecke zart wie Hühnchen. Ich finde einsame Buchten, in denen bunte Schmetterlinge vor meiner Nase herumtanzen und der Wind meine Gedanken hinfort bläst wie unnützen Staub. Ich suche im Sand nach Meeresschnecken, bin fasziniert von den fantasievollen Formen und Farbmustern, als bereite es der Schöpfung diebische Freude jeden Tag eine weitere, atemberaubende Kreation zu entwerfen. Doch vor allem bin ich.

Am Abend ärgere ich mich kurz über einen Stromausfall, der mich dazu zwingt meinen Bungalow zu verlassen, doch wie dankbar bin ich dafür, als ich das weiße Sternenband am Himmel sehe, mit einer Intensität wie ich es noch selten erlebt habe. Kurz darauf gehen wieder die Lichter an, und die Milchstraße verschwindet vor meinen Augen in derem Schein. Niemals zuvor bekam ich den Effekt der “Lichtverschmutzung” eindringlicher vor Augen geführt als in diesem Moment.

Hier auf Con Dao endet meine Reise in die Vergangenheit, bevor ich nach Hanoi zurück in die Zukunft fliege. Dort erfahre ich aus der Zeitung, dass die Tage der Strassenverkäufer gezählt sind, geht es nach der Regierung. Doch sie werden weitermachen, denn so wie die Natur immer wieder neue Nischen besetzt, wenn sich die Bedingungen ändern, so erfindet der Mensch stets neue Tricks, um sein Überleben zu sichern. Als ich wieder zu Hause bin und meinen Rucksack entleere, ertönt eine vertraute Stimme von draußen durch das Fenster. Wie ein Uhrwerk zieht die Frau auf dem Fahrrad ihre Kreise. Es gibt sie noch. Wie lange?

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 20:37 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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