Momentaufnahmen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   

Was macht ein Land aus? Wie beschreibt man einen Kontinent am besten? Wie fängt man das Leben auf einem Stück Papier ein, und wie bannt man es auf ein Foto?


Ein jeder Fotograf kennt diese Situationen: weit und gewaltig breitet sich eine Landschaft aus, ungestüm fließen verwegene Formen aus Stahl und Glas dem Himmel entgegen, und jedes Bild bleibt nur Stückwerk und wird dem Ganzen nicht gerecht. Man kann weitere Bilder machen, doch ist die Gesamtheit mehr als die Summe seiner Teile. Irgendwann sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, und die Stadt versinkt im Häusermeer. Doch wer die Bäume näher betrachtet und in die Häuser einkehrt, der wird zum Entdecker und beginnt zu verstehen. Was klein ist, wird groß, und was unbedeutend erscheint, gewinnt an Bedeutung. Und so vereinigen sich einzelne Mosaiksteinchen allmählich zu einem Gesamtbild.

Aus diesem Grund erscheint es verwegen, eine Region wie Südostasien in wenigen Seiten beschreiben zu wollen. Wo anfangen, wo enden? Unzählige Reiseführer wurden geschrieben, hunderte Fotobände veröffentlicht, tausende Seiten, und doch nicht genug? Natürlich können Text und Bild niemals das eigene Erleben ersetzen. Was erklärt den Genuß eines thailändischen Currys besser? Ein detailiert geschriebenes Rezept? Eine appetitanregende Fotografie? Oder das sensorische Feuerwerk von Chili, Galangal, Zitronengras, Knoblauch und Kokosmilch, wenn es am Gaumen explodiert? Dennoch möchte ich den Versuch wagen, Südostasien mit wenigen Worten einzufangen. Mit einer Handvoll Sand den Strand zu beschreiben. Mit Sandkörnern als Momentaufnahmen.

Schließen Sie die Augen und atmen Sie tief. Es ist warm, und die Sonne verursacht ein leichtes Brennen auf Ihrer Haut. Ungewohnte Gerüche steigen in Ihre Nase, doch nicht alle sind angenehm. Dicke Luft kriecht in die Atemwege und setzt sich in den Lungen fest. Die Luft vibriert vom Dröhnen der Motoren, und schrille Hupgeräusche reißen Sie aus Ihren Träumen. Sie öffnen Ihre Augen und sehen ungewohnte Formen durch die halb geöffneten Lider auftauchen. Der Verkehr fließt hektisch, doch stetig auf dem dreispurigen Boulevard. Weiße Blüten bedecken die Bäume, wie frisch gefallener Schnee an einem klaren Wintertag. „You buy book. Only four Dollar“, ertönt es hinter Ihnen. Hoffnungsvoll streckt das junge Mädchen ihre braune Hand aus, mit der anderen umklammert sie eine Schachtel mit weiteren Büchern, die wie ein Bauchladen vor ihrem Körper hängt. Der Rücken ist nach hinten durchgebogen, um die schwere Last auszugleichen. Ihr Sortiment umfasst Reiseführer, Phrasenbücher und verschiedene Romane, alle kopiert und in vergilbte Plastikfolie verpackt.


An ihr vorbei gleitet Ihr Blick zu den farbenfrohen Gestalten, die im Gänsemarsch den Gehsteig entlang gehen. Orange Gewänder in verschiedenen Schattierungen verhüllen die Körper der Männer, deren nackte Füße in einfachen Sandalen stecken. Obwohl der Himmel wolkenlos ist, halten mehrere von ihnen gelbe Sonnenschirme über den kahlgeschorenen Kopf. Als sie die Straße überqueren, teilt sich die Masse der Autos und Motorräder und gibt eine schmale Schneise frei. Dann schwappt die blecherne Flut hinter den Mönchen zusammen und setzt rauchend und hupend ihren Weg fort. Vor Ihren Augen verschmelzen Farben und Formen zu einem bunten Wirbel. Dann wird es dunkel. Und still.

Vom grellen Licht geblendet, blinzeln Sie durch Ihre halb geöffneten Augen. Glitzernd spiegelt sich das Sonnenlicht auf der kleinen Wasserfläche, und tausende grüne Halme strecken zaghaft ihre Spitzen in den Himmel. Libellen surren mit unmerklichem Flügelschlag an ihnen vorbei, und ihre zarten Flügel reflektieren das Licht in Myriaden schillernder Farben. Geduldig, und mit geübter Hand, setzt der wettergegerbte Mann Setzling um Setzling in den fruchtbaren Schlamm, immer im gleichen Abstand, immer gleich tief. Der Morgen war noch angenehm, doch mittlerweile sendet die Sonne gleißende Strahlen vom Fimament und bringt die Luft über dem Tümpel zum Flimmern. Ein spitzer Strohhut bedeckt das Haupt des Mannes, und die schmutzig-grüne Hose sowie ein blaues, langärmeliges Hemd schützen die Haut vor der mörderischen Hitze. Eine Stunde hat er noch, vielleicht auch zwei, bevor der Himmel seine Schleusen öffnet und das kostbare Nass auf das Reisfeld herabregnen lässt. Mit besorgtem Blick schaut er zum Himmel, auf dem sich dunkle Wolken zusammenrotten.


Doch die Arbeit muss weitergehen. Erst wenn die gesamte Fläche bestellt ist, kann er durchatmen und dem Reis beim Wachsen zusehen. Die zarten Setzlinge werden wachsen und die begehrten Ähren hervorbringen, die der Familie das Überleben im kommenden Jahr sichern. Rasch ergreift er ein weiteres der grünen Bündel, die wenige Meter entfernt im Schlamm stehen, und setzt seine Arbeit zügig fort. Als der Regen einsetzt, zerfließen das Grün der Pflanzen und das Braun des Untergrundes vor Ihren Augen zu einem undefinierbaren Farbton.

Schmutzig-braun strömt der Fluss durch den Regenwald, ohne viel Aufsehen zu erregen. Gemächlich fließt er in seinem Bett, nur gelegentlich beschleunigen kleine Stromschnellen seine Wassermassen, tanzt welkes Laub auf seiner Oberfläche und reitet weiße Gischt auf den Wellen. Er hat Zeit, denn seine Reise ist lang. An seinen Ufern spielen Kinder, während ein paar Fischer ihre Netze ausbessern. Zwischen den Bäumen stehen einfache Holzhütten, solide und schnörkellos gebaut, schlichte Funktionalität ersetzt verspieltes Design. Ein älteres Paar gleitet lautlos in ihrem Ruderboot über die Wellen, beladen mit tropischen Früchten, unterwegs zu einem lokalen Markt. Eine kurze Handbewegung, einige Rufe, die vom Ufer in einer rythmisch an- und abschwellenden Sprache erwidert werden, dann ist der Kahn außer Reichweite und bald nur noch als kleiner Punkt am Horizont zu sehen, bevor er hinter der Flussbiegung gänzlich aus ihrem Blickfeld verschwindet.


An seiner statt tritt ein motorisiertes Langboot, das laut knatternd die trüben Fluten teilt. Auslöser klicken und Kameras surren. Begeistert winken die Kinder, und die Touristen an Bord winken freundlich zurück. Die Fischer heben ihre Köpfe und lächeln. Sie sind diese Szenen gewohnt. Früher, als sie diesen Fluss noch für sich alleine hatten, sahen sie selten Fremde. Doch mit der Zeit tauchten immer öfter diese seltsam aussehenden Menschen mit ihren Fotoapparaten, den blassen Gesichtern und den großen Leibern auf, und sie wurden zu einem vertrauten Anblick. Doch sie waren kein Grund, den eigenen Lebenstil zu ändern. Der Fluss kommt und geht, er gibt und nimmt, und das Schicksal der Menschen ist eng mit dem seinen verknüpft. Während der Regenzeit wird er aufbrausend und grob, und wütend wälzen sich die Wassermassen durch den Dschungel und reißen alles mit, was sich ihnen in den Weg stellt. Dann beruhigt er sich wieder und kehrt zu seinem sanften, lebensspenden Naturell zurück. Ja, er hat eine lange Reise vor sich, der Mekong, die Mutter aller Flüsse, bevor er sich an seiner Mündung ins Meer ergießt. Ein leises Gurgeln ertönt aus dem Wasser, ein Gruß an alle Anrainer, und ein Versprechen für die Zukunft. Dann fließt er leise der Ewigkeit entgegen.

Eine barsche Stimme reißt Sie aus der Stille. Ein mürrisch aussehender Mann zupft an Ihrem Ärmel und zieht sie zu seinem Wagen. „Where you go?“, fragt er ungeduldig. Er ist gestresst, denn die Konkurrenz ist groß. Ungeduldig drückt der Fahrer auf die Hupe, doch noch sind nicht alle Plätze in dem kleinen Minibus besetzt. „Ninh Binh? Ja, dorthin fahren wir. Steigen Sie schnell ein, der Bus fährt in wenigen Minuten ab.“ Das Ticket? „Bekommen Sie im Bus.“ Sie steigen ein und sehen sich im Wageninneren um, doch zu Ihrem Erstaunen sind bereits alle Plätze belegt. „Dort hinten ist noch ein Platz frei“, antwortet der Mann und zeigt mit herrischer Geste auf die letzte Sitzreihe. Widerwillig beginnen die anderen Fahrgäste zusammenzurücken, während sie den schweren Rucksack durch die Gegend wuchten. Viel zu eng ist der Sitzabstand, und so verstauen Sie ihre Beine notdürftig unter dem Vordersitz und richten sich auf eine ungemütliche Fahrt ein. Die Minuten vergehen, und der Wagen hat sich immer noch nicht vom Fleck gerührt. Dann endlich setzt er sich langsam in Bewegung, während der Busbegleiter den Kopf aus der geöffneten Wagentüre steckt und lauthals nach Kundschaft schreit. Er wird fündig, und zwei weitere Fahrgäste drängen zur Tür herein. Ungläubig zählen Sie die vorhandenen Sitzplätze ab. Die beiden Männer nehmen auf kleinen Plastikhockern Platz, und der Bus nimmt wieder Fahrt auf. Im fahlen Licht der Abenddämmerung bahnt er sich wild hupend seinen Weg durch den dichten Verkehr. Eingekeilt sitzen Sie auf Ihrem Platz, der Duft von Schweiß, Nahrungsmitteln und Benzin vermischt sich zu einem übelriechenden Cocktail, der unbarmherzig und unaufhaltsam in Ihre Nase dringt, während die Sonne als rötliche Scheibe hinter dem Horizont verschwindet.

Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch die hohen Palmgewächse und tauchen den Garten in ein sanftes Gelb. Orange sind die Roben der Mönche, die in dieser friedvollen Oase arbeiten, und orange sind die Gewänder, die auf der Wäscheleine zum Trocknen hängen. Das Summen der Bienen und das Brummen der Hummeln, das Zwitschern der Vögel und das Ratschen der Zikaden sorgen für die akkustische Untermalung. Dann ertönt ein Gong. Sein metallener Klang durchschneidet die Stille wie das Schwert eines Samurai. Sorgsam legen die Männer, manche gerade erst dem Kindesalter entwachsen, ihre Werkzeuge aus der Hand und schreiten mit ruhigem Schritt auf die Gebetshalle zu. Mit Blick auf die große, goldfarbene Buddhastatue lassen sie sich im Lotussitz nieder und verharren in Reglosigkeit. Rythmisches Klopfen von Holz auf Holz setzt ein, zuerst leise und dann stetig anschwellend. Ein älterer Mönch stimmt mit kehliger Stimme einen Vers an, und seine Brüder fallen darin ein. Wort um Wort dringt in den Raum, bis er bis zum letzten Winkel mit dem monotonen Sprechgesang gleichgeschalteter Stimmen ausgefüllt ist. Sie verstehen die Silben nicht, doch unwiderstehlich dringen sie in Ihr Ohr, gleiten Ihre Wirbelsäule hinunter, bis auch Ihr Körper im harmonischen Einklang mit dem Mantra vibriert. Raum, Zeit und Sein verschmelzen zu einer Einheit, und Ihr Dasein reduziert sich zu einem Punkt im Universum.

Als Sie sich im Tempel umsehen, fällt Ihr Blick auf eine zierliche Frau mittleren Alters. Andächtig verharrt sie im Gebet. Zwischen ihren gefalteten Händen hält sie Räucherstäbchen und eine geschlossene Lotusblüte. Mit geschlossenen Augen kniet sie vor dem goldenen Schrein und murmelt lautlos ein Gebet. Dann erhebt sie sich, entzündet das Räucherwerk an einer Kerze und verteilt es in den bereitstehenden Urnen. Langsam steigt der weiße Rauch auf, schwebt durch den Raum und verbreitet seinen aromatischen Duft. Sie legt ein paar Geldscheine in einen Teller und entnimmt etwas Goldpapier, mit dem sie kleine Buddhafiguren beklebt. Es soll ihr und ihrer Familie Glück bringen. Die Geburt ihrer Enkelin steht unmittelbar bevor, und sie soll einen guten Start ins Leben haben. Sie hat an alles gedacht und auch die Opfergaben nicht vergessen. Obst, Süßigkeiten und kleine grüne Päckchen mit gedämpftem Reis legt sie in eine Schale auf dem Altar. Mit einer tiefen Verbeugung bittet sie die Geister, die Gaben anzunehmen und von schädlichem Treiben abzusehen. Zufrieden verlässt sie den Tempel, um daheim das Mahl für die Familie vorzubereiten.

Feurig zischt die Flüssigkeit auf dem heißen Metall, steigt als Dampf aus dem Kessel und verbreitet den Duft von Knoblauch, Chili und Fischsauce. Mit flinken Händen verrührt der Mann die Zutaten im gusseisernen Wok, während ihm seine Frau schon die nächste Portion vorbereitet. Eine Prise Zucker, ein Löffelchen Glutamat und ein Schuss Austernsauce runden das Gericht ab. Geschickt verteilt er alles auf dem Teller und trägt diesen zusammen mit einer Portion Reis zu Ihrem Tisch. Es ist ein guter Tag heute, und die Kunden strömen in die kleine Garküche. Nicht mehr als acht kleine Plastiktische nennt er sein Eigen, doch das reicht, um den bescheidenen Lebensunterhalt zu sichern. Für mehr Leute könnte er auch nicht kochen. Gelegentlich hilft ihm seine Tochter beim Servieren aus, was die Arbeit natürlich erleichtert, doch mit einem Seufzer denkt er an das Versprechen, welches er seiner Frau gegeben hat. Die Schule geht vor, ihre Ausbildung ist ihnen wichtig und bedeutet auch eine Investition in die eigene Zukunft, wenn sie nicht mehr täglich vor dem Herd stehen können. Er selbst hatte diese Wahl nicht, denn selbstverständlich musste er als Junge im elterlichen Betrieb aushelfen. Zu mehr als ein paar Jahren Schule hatte es da nicht gereicht. Doch seine Tochter soll es einmal besser haben, eine gute Ausbildung bekommen, vielleicht sogar auf eine Universität gehen, die Eltern stolz machen. Eine Träne der Rührung fällt von seinen Wimpern und verdampft augenblicklich auf dem heißen Metall.

Aufgeregt strömen die Kinder in Sopans Haus zusammen. Fremde sind gekommen, und das ist in dieser Gegend eine Seltenheit. Auf schmalen Holzbänken nehmen sie dicht gedrängt Platz, Schulter an Schulter, verteilt auf zwei provisorische, halboffene Klassenzimmer. Es ist Abend, und die Kinder sind müde nach einem langen Schul- und Arbeitstag, doch hier erhalten sie kostenlosen Englischunterricht, für den Sopan aus eigener Tasche aufkommt. Sein Geld verdient er in Phnom Penh, bei einer ausländischen Organisation, doch am Wochenende nimmt er die beschwerliche, knapp zweistündige Fahrt über staubige, ruppige Landstraßen auf sich, um in sein Dorf zurückzukehren. Dort verbringt er Zeit bei seiner Familie und überwacht sein kleines Projekt. Den beiden Englischlehrern bezahlt er ein paar Dollar, nicht viel, doch ein willkommener Zusatzverdienst. Und die Kinder sind mit Feuereifer bei der Sache. Hier geht es um ihre Zukunft, und das wissen sie. Nicht jeder in dieser Gegend bekommt dieses Privileg. Zufrieden beobachtet Sopan den Unterricht. Dieses Land ist auf dem Weg in eine bessere Zukunft, und auch er leistet seinen Beitrag. Eine angenehme Abendprise weht durch das Dorf und kühlt die Luft, bevor die Hitze am nächsten Tag wieder unbarmherzig zuschlägt.

Salzig schmeckt der Schweiß, der Ihnen über die Stirne rinnt und auf die Lippen tropft. Eine drückende Schwüle legt sich über die Landschaft, die alles Leben unter einem Mantel aus Hitze und Luftfeuchtigkeit erstickt. Hoch türmen sich die Gewitterwolken auf und schauen drohend auf die Erde herab, wie eine Schlange, die den Körper zum tödlichen Stoß anspannt. In der Ferne rollt der Donner, und Blitze zucken über den Himmel. Die Luftmassen kommen in Bewegung, fahren ungestüm durch die Zweige, wirbeln Blätter durch die Straßen und Gegenstände durch die Luft. Die Temperatur sinkt spürbar. Der Wind braust jähzornig auf und die ersten Regentropfen fallen. Wie kleine Geschosse prasseln sie auf den Boden und die Dächer und zerreißen die Stille, wie Vorboten von etwas Größerem, Gewaltigerem. Dann fallen die Wassermassen ungebremst hernieder und überwältigen den ausgedörrten Boden mit ihrer entfesselten Wucht, wie ein grauer Vorhang, der auf den Horizont herabfällt und die Sonne unter sich begräbt. Schweigsam sitzen die Dorfbewohner in ihren Häusern und lauschen dem Tosen der Natur. Eine halbe Stunde später lässt der Regen nach, und die ersten Sonnenstrahlen blinzeln zaghaft zwischen den dunklen Wolkenfetzen hervor. Die Sonne vertreibt die Wolken und verdunstet das Wasser der Pfützen, bis der Boden dampft wie ein Hexenkessel. Langsam kehrt das Leben in den Ort zurück, die Bewohner nehmen ihre Arbeit wieder auf und auch Sie setzen Ihre Reise fort. Der Regen wird morgen wiederkommen, und übermorgen und auch an den folgenden Tagen, Wochen und Monaten. Er füllt die Reistümpel und spendet den jungen Halmen das kostbare Nass, das diese Region am Leben erhält.

Und der Sand rieselt weiter. Inmitten der brodelnden Masse aus schwitzenden Touristen und geschäftig herumeilenden Einheimischen entsteigen Sie Ihrem Tuk Tuk vor den Mauern des Königspalasts. Er ist einer der Eckpfeiler in diesem Konglomerat aus prächtigen Tempeln, modernen eisgekühlten Hochhäusern, bescheidenen Holzhütten, stinkenden Kanälen, knatternden Schnellbooten, exquisiten Restaurants, bodenständigen Straßenküchen, stylisch gekleideten Yuppies und einfachen Straßenverkäufern, doch das wahre Leben spielt sich zwischen den dreispurigen Prachtstraßen und außerhalb der mondänen Hotels ab, in den unzähligen kleinen Gässchen und entlang der dreckigen Klongs, die sowohl als Verkehrswege, als auch als Kanalisation benutzt werden. Überhaupt scheint Geschwindigkeit kein Kriterium zu sein, um in dieser Stadt voranzukommen. Auf den Straßen wälzt sich der Verkehr im Schritttempo durch die Häuserschluchten, und auf dem Fluss fahren die Boote in einem Zickzack-Kurs von einem Ufer zum anderen, stets begleitet vom Dröhnen der Dieselmotoren und dem schrillen Pfeifen, welches dem Fahrer signalisiert, dass sich sämtliche Passagiere an Bord befinden. Für das alles haben Sie aber keinen Blick, denn goldene Pagoden und prunkvolle Dächer fesseln Ihre Aufmerksamkeit, als Sie erwartungsvoll auf den Palasteingang zuschreiten. Auf dem Gelände des weltberühmten Tempels drängen sich Touristen aus aller Welt. Überwältigt von den Meisterleistungen und dem Einfallsreichtum menschlicher Architektur und Kunstfertigkeit, verlieren Sie sich in all dem Zauber.

Ein paar hundert Kilometer weiter. Entlang der Uferpromenade drängen sich Souvenirläden, Restaurants und Bars, und die Luft ist erfüllt von einem schweren, schwülstigen Geruch. In den Seitengassen buhlen die Nachtbars und Go-go-Klubs mit grellen Neonreklamen um Kundschaft, und die leicht bekleideten Mädchen vor den Eingängen verfehlen die beabsichtigte Wirkung nicht. In den Bars sitzen sie im Dutzend und lassen geduldig zu, wie geile Männerhände gierig auf ihren Körpern entlang gleiten. Schüchtern sitzt sie in einer Ecke und zupft nervös an ihrem knappen Höschen und dem freizügigen Top. Die lüsternen Blicke des feisten Mittfünfzigers sind ihr nicht entgangen, unruhig rutscht er auf seinem Sitz herum, bereit zum Sprung. Wie alt mag sie sein, schon über achtzehn? Natürlich ist sie das, das letzte bisschen Gewissen zweifelt, aber das Fleisch ist nur zu willig. Auch wenn es schon ein wenig schwabbelt, nach fünfzig, sechzig langen Jahren. Die Hosen ausgebeult von dicken Brieftaschen, die Zärtlichkeit kaufen, doch keine Liebe. Raubritter auf der Suche nach dem heiligen Gral der Jugend. Neonlicht pulsiert, die Luft vibriert, die Beats dringen in die Nacht und ein vielstimmiges Sprachen-Wirrwarr verwischt die letzten Spuren des Landes. In der Walking Street, dem Rotlichtviertel der Stadt, potenziert sich das Treiben noch einmal, steigert sich die Ekstase, bis auch der gierigste Nimmersatt befriedigt ist. Immer tiefer dringen Sie in dieses Viertel vor, in diese Kollage aus Bordellen, Restaurants und Bars, umgeben von unzähligen Touristen und dem Klang lauter Rockmusik. Nackte Haut schreit Sie an, lockt mit lasziven Bewegungen und bittet zum Tanz. Knappe Höschen, rote Lippen und falsche Wimpern schauen mit unschuldigen Augen ins Antlitz, bereit für das frivole Spiel. Auch der Mittfünfziger wartet auf seinen Einsatz. Entschlossen gibt er sich einen Ruck und steuert auf die Ecke zu, in der ein junges Mädchen mit ausdruckslosen Augen auf seinen Peiniger wartet. Ihr Gesicht zur Maske erstarrt, ein Lächeln aufgesetzt. The land of smile.

„Ai mua banh khuc?“, tönt es durch die Nacht. „Ai mua banh khuc?“ Langsam bewegt die hagere Gestalt mit dem Pyjama und dem Spitzhut das überbeladene Fahrrad an Ihnen vorbei durch die engen Gassen. Und immer wieder „Ai mua banh khuc?“, unermüdlich, monoton, in rythmischen Intervallen. Die Nacht ist kühl, und leichter Nieselregen hüllt die Stadt in einen feuchten Schleier. „Ai mua banh khuc?“ Viel hat sie heute noch nicht verkauft. Die Müdigkeit sitzt ihr in den Knochen, doch ein oder zwei Runden noch, dann ist Schluss. Aus den Häusern dringt Licht, und durch die offenen Türen erhascht sie flüchtige Blicke auf Familien, die sich im Wohnzimmer vor dem Fernseher versammelt haben und miteinander plaudern und lachen. Ihre eigene Familie sitzt daheim und wartet auf ihre Rückkehr. „Ai mua banh khuc?“ Früher war alles einfacher gewesen. Sie hatten nie ein luxuriöses Leben geführt, doch die grundlegenden Bedürfnisse waren abgedeckt. Doch dann verlor der Mann den Job, und als Motorradtaxi-Fahrer lag sein Verdienst deutlich unter dem Einkommen als kleiner Angestellter. Der älteste Sohn beendete die Schule und ging zur Universität, was ein weiteres Loch in die Familienkasse riss. Schließlich blieb ihr nichts anderes mehr übrig, als selbsthergestellte Lebensmittel zu verkaufen. Ohne eigenen Laden wurde die Straße zum Verkaufslokal. „Ai mua banh khuc?“ Nun reichen die gemeinsamen Einkünfte gerade noch zum Überleben und die ganze Hoffnung ruht auf den Söhnen. Nach Beendigung ihres Studiums werden sie hoffentlich einen guten Job finden und die Familie finanziell unterstützen. Doch bis dahin heißt es, mit dem Fahrrad Tag für Tag unzählige Runden zu drehen. „Ai mua banh khuc?“

Langsam rieseln die Sandkörner durch meine Finger. Schier unendlich ist ihre Zahl, so zahlreich wie die Sterne am Nachthimmel. Mit jedem Griff in den Sand erhalte ich eine andere Auswahl. Neue Körner kommen hinzu, andere werden vom Wind verweht oder von den Gezeiten abgetragen. Jedes Korn ist ein Teil des Ganzen und doch ein eigenes Universum für sich, das aus der Nähe betrachtet ein Wunder offenbart. Korn für Korn erschließt sich eine neue Welt. Es sind Augenblicke in der Geschichte der Menschheit. Momentaufnahmen.
 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 20:51 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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