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Geschrieben von: Albert Karsai   
Freitag, den 17. April 2009 um 04:59 Uhr

Freiwilligenarbeit in anderen Ländern (Volunteering) hat sich mittlerweile zu einem fixen Bestandteil der internationalen Reiseszene entwickelt. Auch ich habe meine ersten Schritte in Asien als Volunteer unternommen, und in Folge in mehreren Ländern an verschiedenen Projekten mitgewirkt (Thailand: 1 Monat; Kambodscha: 2 Monate; Vietnam: 2 Monate; Südkorea: 1 Woche). Volunteering ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, ein Land von einer Seite kennenzulernen, die man als Tourist in der Regel nicht zu Gesicht bekommt, und ermöglicht auf diese Weise tiefere Einblicke in die jeweilige Gesellschaft. Auch ist man meist in eine international besetzte Gruppe Gleichgesinnter eingebunden, was dem Unternehmen zusätzlichen Schwung verleiht. Ich habe dabei viele schöne Tage und Wochen erlebt.

Doch es gibt auch eine Kehrseite. In der Theorie verrichtet man dabei Tätigkeiten, die einer bestimmten Zielgruppe zu Gute kommen (Englischunterricht in abgelegenen Gegenden, Waisenbetreuung oder Instandhaltungsarbeiten). Leider hat sich diese gutgemeinte Idee in den letzten Jahren zunehmend zu einer Industrie entwickelt, die den Idealismus gutgläubiger, finanzkräftiger Menschen ausnutzt. Zahlreiche internationale Placement-Organisationen sind aus dem Boden geschossen, die Interessierte in westlichen Ländern für lokale Projekte in den sogenannten Entwicklungsländern rekrutieren, und sich diesen Dienst entsprechend vergüten lassen. Die eigentlichen NGOs in den Zielländern sehen von diesem Geld meistens wenig, denn schließlich muss der aufgeblähte Verwaltungsapparat dieser Organisationen bezahlt werden. Blättert man sich durch die Internetseiten einschlägiger Anbieter, dann sind Beträge von zweitausend Euro oder mehr (ab mehreren Wochen) dabei keine Seltenheit. Auf die jeweilige Zeitspanne umgelegt, erscheint das immer noch als relativ günstig, doch sind diese Summen angesichts der Tatsache, dass man unbezahlte Arbeit verrichtet, zu hoch. Ich wurde oft mit Unverständnis konfrontiert, wenn ich Einheimischen und anderen Reisenden davon erzählte. Ich kam, um zu helfen, und dafür musste ich auch noch zahlen? Es hilft, wenn man diese Angebote sieht, als was sie sind: eine alternative Urlaubsform, die sehr viel Spaß machen und interessante Erfahrungen bescheren kann. Nachhaltige Entwicklungsarbeit wird meist nicht geboten. Wer daran interessiert ist, sollte andere Wege beschreiten.

Das Vorgehen mancher Organisationen ist dabei höchst unprofessionell. Anstatt den Bedarf zu erheben und daraufhin die benötigte Zahl an Freiwilligen ins Land zu holen, verfällt man den Verlockungen des Geldes und entsendet zu viele Personen. Die lokale NGO vor Ort versucht dann, die Volunteers zu platzieren, und oft genug hält die Realität den Versprechungen nicht stand. Ich stütze diese Behauptung auf eigene Erfahrungen, sowie auf Erfahrungsberichte anderer, mit denen ich mich unterhalten habe. Natürlich gibt es auch zahlreiche positive Beispiele, doch erscheint mir die Situation insgesamt als unbefriedigend. Auch in anderer Hinsicht. Kambodscha, beispielsweise, ist das Land mit der relativ gesehen größten Dichte an NGOs in der Region. Oft genug wird ein Projekt mit guter Absicht gestartet, die westlichen Initiatoren lassen sich feiern, und einige Jahre später, wenn die Urheber der Sache überdrüssig geworden sind, werden die Beteiligten alleine ihrem Schicksal überlassen. „So passiert es leider viel zu häufig“, beklagte sich der englische Betreiber eines Gästehauses in Kampot, der aus seiner Abneigung gegen diesen Organisationen kein Hehl machte. „Wenn man den Leuten wirklich helfen will, dann muss man nachhaltige Projekte starten. Man muss den Leuten Arbeit geben oder sicherstellen, dass sich das Projekt mit der Zeit selber trägt.“ In ein ähnliches Horn stieß auch die amerikanische Initiatorin eines kleinen Projekts in Kambodscha, in dessen Rahmen körperlich behinderte Menschen Produkte herstellten, die später an Touristen verkauft wurden. „Ich habe viel Zeit und Geld in dieses Projekt hineingesteckt, aber nun sind meine finanziellen Resourcen erschöpft, ohne dass es mir gelungen wäre, einen lokalen Geldgeber dafür zu gewinnen. Interessiert tun sie alle, aber wenn sie mit dem Geld herausrücken sollen, kneifen sie. Nun muss ich das Projekt leider einstellen und nach Hause zurückkehren“, meinte sie resignierend.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel einer Holländerin, die in Phnom Penh einen kleinen Laden betreibt, in dem sie Souvenirs und andere Erzeugnisse aus Handarbeit verkauft, welche sie von lokalen gemeinnützigen Kooperationspartnern erwirbt. Daneben vermietet sie ein Zimmer ihrer Wohnung an Reisende, und ist zusätzlich in andere Projekte involviert. Ihre Angestellten sind Einheimische, die für die Verhältnisse fair entlohnt werden. „Momentan läuft es sehr zufriedenstellend“, freute sie sich, als wir vor ihrem Geschäft zusammensaßen. Unlängst erhielt ich einen Newsletter, in dem sie von den laufenden Ereignissen berichtete. Er klang ausgesprochen optimistisch. Ich wünsche ihr viel Durchhaltevermögen und alles Gute.

Wie finde ich ein geeignetes Projekt?

Damit ich nicht falsch verstanden werde: dies ist kein Plädoyer gegen Freiwilligenarbeit. Es gibt eine Vielzahl guter Projekte, deren Bekanntsgrad oft nur regional von Bedeutung ist, und denen die Mittel fehlen, in einer breiteren Öffentlichkeit zu werben. Doch gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen. Erfahrungsberichte von Leuten, die bereits an einem Projekt mitgewirkt haben, sind eine ausgezeichnete Informationsquelle, doch wie findet man sie? Auf der Homepage einer internationalen Organisation? Davon möchte ich abraten. Eine gute Anlaufstelle bietet der SCI (Service Civil International), eine gemeinnützige Dachorganisation nationaler Zweigstellen, die eigene Projekte organisiert, als auch mit Partnerorganisationen in verschiedenen Ländern zusammenarbeitet. Die Teilnahmegebühren an diesen „Camps“ fällt in der Regel gering aus, und deckt nur die Unkosten der Organisation ab. Ein kommerzielles Erwerbsinteresse besteht nicht. Auch gibt man gerne Auskunft in anderen Belangen.


--> "Taten, nicht (nur) Worte" (ein Artikel über den SCI Österreich, den ich 2008 geschrieben habe).



Ich hätte noch einen weiteren Vorschlag parat. Wer als unabhängiger Rucksacktourist unterwegs ist, stolpert immer wieder über kleine Projekte, bei denen man für eine beliebige Zeitdauer mit anpacken kann, ohne dass dafür bezahlt werden muss. In der Regel handelt es sich um kleinere Initiativen oder Einzelpersonen, die sich über jede helfende Hand freuen. Die schwarzen Bretter in Gästehäusern oder Travellercafes stellen dabei eine ausgezeichnete Informationsquelle dar. Mitunter liegen sogar einschlägige Borschüren auf (zb. in Kambodscha). Fahren Sie einfach ins Land und schauen Sie sich vor Ort um. Dann kann man in Ruhe vergleichen und dort bleiben, wo man sich wohlfühlt. Wer suchet, der findet. Doch ist diese Methode nicht überall gleich vielversprechend.

Thailand:
In Thailand gibt es eine Vielzahl an Projekten, die im ganzen Land verstreut sind. Greenway Thailand ist die Partnerorganisation vom SCI, akzeptiert Interssierte aber nur auf dessen Vermittlung. Ist man aber erst einmal im Land, dann ist es ein leichtes, in ein anderes Projekt zu wechseln.
--> Volunteerfaktor: hoch

Kambodscha:
Wie bereits erwähnt, gibt es in Kambodscha unzählige kleine Organisationen, und eine passende Tätigkeit ist schnell gefunden.
--> Volunteerfaktor: hoch

Laos:
Auch hier ist es möglich, Projekte auf eigene Faust zu finden.
--> Volunteerfaktor: mittel

Vietnam:
In Vietnam liegen die Dinge ein wenig anders, denn zum einen sind Projekte auf eigene Faust nicht ganz so einfach zu finden, und zum anderen ist der Freiwilligendienst von Ausländern offiziell genehmigungspflichtig. Während meiner Zeit als Volunteer in Hanoi wussten die Behörden die ganze Zeit über, wo ich wohnte und arbeitete, und sowohl meine Gastfamilie als auch die Organisation mussten wöchentliche Berichte übermitteln. Wahrscheinlich ist es dennoch möglich, eine Zeitlang inoffiziell mitzuarbeiten, doch legal ist es nicht. Angebote diverser Placement-Organisationen gibt es jedoch.
--> Volunteerfaktor: mittel

Südkorea:
In Südkorea sind Projekte rar, und das „Workcamp“, an dem ich mitwirkte, wurde vom nationalen Zweig des SCI organisiert. Die Kosten waren vernachlässigbar, und ich kontaktierte die koreanischen Organisatoren, während ich im Land weilte. Die Zusage gestaltete sich sehr unkompliziert. Die größte Teilnehmergruppe stellten die Koreaner (no na, werden manche denken, doch so selbstverständlich ist das bei internationalen Projekten nicht), gefolgt von einer zehnköpfigen Gruppe chinesischer Studenten. Ich selber stellte zusammen mit zwei Ungarn das westliche Kontingent.
--> Volunteerfaktor: mittel

Andere Länder:
Aus anderen asiatischen Ländern habe ich keine Erfahrungen.

Links

Links zum SCI und einigen anderen Placement-Organisationen finden Sie unter dem Menüpunkt „Links“ in der Kategorie „Volunteering“. Die auf dieser Homepage angezeigten Links stellen jedoch mit Ausnahme des SCI keine persönliche Empfehlung dar.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 12. Januar 2011 um 22:55 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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