Taiwan: Das andere China PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Samstag, den 08. September 2012 um 19:02 Uhr

Nach meinem ersten Besuch Taiwans vor vier Jahren schloss ich meinen Reisebericht mit folgender Feststellung:

Eine Woche war natürlich viel zu kurz für diese Insel. Ich habe nicht die Taroko-Schlucht gesehen, eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten des Landes. Nicht den Sun- Moon-See mit seinen malerischen Tempeln. Nicht den Kenting-Nationalpark im Süden der Insel und viele andere Orte von Interesse. Ich habe keines der Hot Spas besucht, […]. Doch was ich in dieser Woche gesehen habe, weckt in mir den Wunsch, eines Tages wiederzukommen, um die Republik China, wie sich der Inselstaat offiziell nennt, eingehender zu erkunden. Vielleicht ist Taiwan bis dahin schon ein international anerkannter Staat. Vielleicht chinesisches Territorium. Doch wird mir auch dann sicherlich wieder vieles chinesisch vorkommen.

Nun stehe ich wieder am internationalen Flughafen Taoyuan und habe zwei Wochen, um den Rest der Insel zu erkunden.


Da ich Taipei schon kenne, nehme ich den Airport-Bus zum Hauptbahnhof. Da der Flughafen ca. 50 km außerhalb der Stadt liegt, dauert es selbst zu der frühen Morgenstunde eine gute Stunde, bis ich mein Ziel erreicht habe. 15 Minuten später sitze ich im Taroko Express mit Ziel Hualien an der Ostküste. Diese an sich unbedeutende Stadt ist ein Ausgangspunkt für die berühmte Taroko-Schlucht, beispielgebend für die landschaftliche Schönheit speziell an der Ostseite der Insel. Dieser  Schönheit verdankt die Insel auch ihren ursprünglichen Namen (La Isla Formosa), den ihr die Portugiesen verliehen haben.


Taiwan ist eine Insel vor dem chinesischen Festland. Dass sich dieser Staat „Republik China“ nennt, ist eine verwirrende Sache, denn wenngleich alles nach China aussieht und seine Bewohner im Prinzip Chinesen sind, so darf man nicht vergessen, dass Taiwan weder von China, noch von den meisten anderen Ländern als eigenständiger Staat anerkannt wird. Es handelt sich um eine diplomatisch höchst heikle Angelegenheit. Doch für Taiwan sieht es nicht schlecht aus. In den letzten Jahrzehnten hat das Land einen beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung genommen (man denke nur an Weltmarken wie ASUS oder HTC), und längst ist man dem Billig-Image „Made in Taiwan“ entronnen – auch wenn diese Tatsache vielleicht noch nicht bei jedermann angekommen ist. Folglich ist Taiwan heute eine moderne Industrienation, die auch dementsprechend einfach und bequem zu bereisen ist.

Tags darauf miete ich einen Motorroller und mache mich auf den Weg zur Taroko-Schlucht. Dort angekommen stelle ich erleichtert fest, dass die wichtigsten Wegweiser zweisprachig sind. Vorbei an der hübschen, fast schon kitschig in die Landschaft gesetzten Pagode, die die Eternal Spring ausspeit, entlang schroffer, jäh aufragender Felswände, in die sich der Fluss über die Äonen seinen Weg gegraben hat, dringe ich tiefer in die Schlucht vor. In kleinen Höhlen nisten Vögel – ein sicheres Refugium für die Tiere, zu dem kein Zweibeiner vorzudringen vermag. Nach etwa 12 km markiert das Dorf Tienhsiang den Endpunkt meiner Route. Das Wetter hat zum Glück ausgehalten, denn seit dem Vormittag hängen dunkle Wolken über den Bergen, doch nun reißt es sogar etwas auf. Auf einem Hügel vor mir liegt ein buddhistischer Tempel, ein Anblick, der auf meiner Reise ein treuer Begleiter bleiben wird.

Von Hualien geht es mit dem Zug weiter nach Yuli. Hier wünsche ich mir das erste Mal, Chinesisch zu können. Ob sich die Chinesen ebenso wünschen, Englisch zu können, weiß ich nicht, aber vermutlich ist es ihnen egal. In einem Radladen mit Rädern der Marke GIANT (auch diese Marke ist taiwanesisch) leihe ich mir ein brauchbares Mountainbike, mit dem ich kurze Zeit später in die Umgebung radle. Dies geht leichter als gedacht, denn in Taiwan ist Radfahren ein Volkssport. Kein Abend vergeht jetzt im Sommer, ohne dass sich die Hotels rasch mit Radgruppen füllen. Gut, wenn man dann schon ein Zimmer hat. Demzufolge zahlreich sind die Radrouten, und ebenso gut beschildert (wenn auch nur teilweise in Englisch).
Mein Ziel für den Nachmittag sind die Antong Hot Springs. Dass Taiwan in einer geologisch instabilen Zone liegt, zeigt auch ein Hinweisschild auf einer Brücke, über die ich Yuli verlasse. Sie markiert das Aufeinandertreffen der Eurasischen mit der Philippinischen (tektonischen) Platte, was ein Grund für die vielen heißen Quellen sind, die aus taiwanesischem Boden sprudeln. In Antong haben findige Unternehmer ihre Hotels darüber gebaut, was dazu führt, dass sich die Gäste auch auf dem Zimmer im heißen Wasser rekeln können. Trotzdem dürfen auch auswärtige Gäste die äußeren Becken gegen ein geringes Entgelt nutzen. Was ich auch tue.

In der Nähe von Yuli liegt der Wushan Nationalpark (NP), einer der mittlerweile neun Nationalparks in Taiwan. Der Walami Trail, der in den NP hineinführt, ist eine der Top-Wanderungen der Gegend. Auf dem Fahrrad lege ich die 16 km bis zum Beginn des Trails zurück. Die ersten zehn Kilometer bis zum Visitor Center sind noch vergleichsweise locker zurückzulegen, doch der folgende Anstieg bei Temperaturen an die 35 Grad treiben mir ordentlich den Schweiß aus den Poren. Der gesamte Pfad ist 12 km lang, allerdings sind nur die ersten 4 km davon frei begehbar. Das Gelände ist nicht allzu steil und der Weg gut befestigt, daher lege ich diesen Abschnitt in einer Stunde zurück, zusätzlich motiviert durch den grollenden Donner in der Ferne. Für den Rest benötigt man eine Erlaubnis der örtlichen Polizei. Es ist eine wirklich schöne Wanderung, mit hervorragenden Aussichten und üppiger Vegetation. Auf gleichem Weg gelange ich zurück zum Fahrrad. Flott rolle ich den Berg hinunter und zurück nach Yuli, nur kurz unterbrochen von einem heftigen Gewitterguss, während dessen ich bei einem kleinen religiösen Schrein Unterschlupf suche.

Um den Kenting NP ganz im Süden der Insel zu erreichen, muss ich zuerst mit dem Zug nach Kaohsiung, der zweitgrößten Stadt des Landes, fahren und anschließend mit dem Bus nach Kenting, einem ganz und gar nicht stillen Party-Ort, der direkt am Meer liegt und Ausgangspunkt für die Erkundung des gleichnamigen NPs ist. Ist es den Taiwanesen noch nicht aufgefallen, dass das umständlich ist? Die Fahrt mit dem Zug ist kurzweilig, denn die Strecke verläuft zuerst in dem engen Tal, welches zwischen dem Hauptmassiv und dem küstennahen Gebirgszug liegt, und anschließend kurz entlang der Küste, bevor es landeinwärts geht.

In Kenting ein Quartier zu finden, ist nicht schwer, sofern man nicht am Wochenende ankommt. Entlang der Hauptstraße reihen sich Restaurants, Bars und Shops nahtlos aneinander, und am Abend flanieren tausende Chinesen davor entlang. Nachdem ich kein besonderer Fan der chinesischen Küche bin, nehme ich das Angebot an thailändischen Restaurants dankbar an. Außerdem versuche ich einen Motorroller anzumieten, da ich für den nächsten Tag eine interessante, rund 50 km lange Runde durch den NP mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten im Visier habe. Doch hier habe ich kein Glück. In Taiwan dürfen Motorroller (und auch Motorräder) nur dann gelenkt werden, wenn man in Besitz eines taiwanesischen oder internationalen A-Führerscheins ist. Nicht allerorts sehen sich die Verleiher meine B-Lizenz genauer an, doch hier in Kenting ist die Polizei beinhart. Aus diesem Grund gebe ich nach einem halben Dutzend Anläufen bei verschiedenen Verleihern erfolglos auf und miete ein Fahrrad. Dafür muss ich meine Pläne für den nächsten Tag ändern. Die von mir geplante »Traumrunde« ist mir angesichts dieses Fahrrads und der brütenden Hitze zu ambitioniert, zumal das Gelände wellig bis hügelig ist. Es ist eine weise Entscheidung. Auch das, was ich am nächsten entlang der Küste zu sehen bekomme, ist die Anstrengung wert, und es bleibt mir sogar noch genügend Zeit, im warmen Meer zu baden.


Am nächsten Tag komme ich zurück nach Kaohsiung. Nachdem ich mir ein einfaches Hotel in Bahnhofsnähe gesucht habe, mache ich mich voller Tatendrang auf in die Stadt, die dank MRT öffentlich ebenso gut erschlossen ist wie die Hauptstadt Taipei. Rasch schließe ich Freundschaft mit dieser modernen, aber freundlichen Stadt. Überhaupt fühle ich mich auf Taiwan sehr wohl. Ich mag die Städte, ich liebe die Landschaft, und das Reisen ist effizient und komfortabel. Über weite Strecken bin ich die einzige Langnase.
Ich besuche den ehemaligen Sitz des britischen Konsuls in wunderschöner Lage auf einem Felsen in Hafennähe, sowie die Insel Cijin, eine bebaute Sandbank, die man mittels Fähre erreicht. Von diesem Viertel hat man auch eine grandiose Aussicht auf den Tuntex Sky Tower, mit 375 m das zweithöchste Gebäude Taiwans, ein wuchtiger Koloss, der dem chinesischen Symbol für »groß« nachempfunden ist und weithin sichtbar die Skyline dominiert. Da man mit dem Lift bis zu einem Aussichtsdeck hinauf fahren kann, und ich solche Gelegenheiten, eine Stadt aus der Vogelperspektive zu betrachten, niemals auslasse, bewundere ich am nächsten Tag den Blick über Kaohsiung in der einsetzenden Abenddämmerung.

Tags darauf ist es genau so heiß wie die Tage zuvor, und nur in der gut klimatisierten MRT oder in Lokalen gibt es wohltuende Abkühlung. Den Lotus-Teich im Norden der Stadt erreiche ich mittels City Bike. In Kaohsiung sind, wie auch in meiner Heimatstadt Wien, öffentliche Leihräder bei mehreren Dutzend Radstationen verfügbar. Mittels Kreditkarte sind sie rasch ausgeliehen, die Benutzung ist nicht teuer und man kann sie an jeder anderen Station retournieren. Nach Erhalt meiner Kreditkarten-Rechnung Wochen später stelle ich erleichtert fest, dass tatsächlich nichts schiefgegangen ist. Nachdem ich den Lotus-Teich gefunden habe, umrunde ich ihn und besichtige dabei die meisten der hübschen Tempel. Lotus sehe ich jedoch keinen.
Die zweite Tageshälfte laufe ich in der Stadt herum, nicht ohne bei der MRT-Station Formosa Boulevard einen Zwischenstopp einzulegen. In dieser Station hat ein Künstler in mehrjähriger Arbeit den Dome of Light geschaffen, eine bunte, leuchtende Glaskuppel, die auf zwei ebenso farbenfrohen Säulen ruht und die gesamte Decke überspannt. Es ist zu Recht eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt. Nach einem Besuch des Museum of History, in dem eine Ausstellung über taiwanesische Auswanderer erzählt, die in den vereinigten Staaten studiert und nach ihrer Rückkehr das Land zu der Industrienation, die es heute ist, transformiert haben, spaziere ich entlang des Love Rivers, auf dem Boote fahren und moderne Hochhäuser ihre Schatten werfen.
Am Abend folge ich dem Tipp der Rezeptionistin, die mich zu einer nahe gelegenen Suppenküche schickt, die etwas ganz Besonderes sein soll. Nudeln mit Rindfleisch soll ich bestellen, lautet ihr Rat. Weil sie meinen Sprachkenntnissen wohl doch nicht so traut, ruft sie das Lokal an und übermittelt dem Wirt die Bestellung. Ich soll ihr sogar eine Portion mitnehmen, was ich gerne mache. Das Lokal ist voll, was dafür spricht, dass man hier einfach, aber gut und preiswert isst. Und so ist es dann auch.


Wie überall in Taiwan, kann man auch in dieser Gegend unzählige nette Ausflüge unternehmen. Ich entscheide mich für einen Besuch von Foguangshan, einem buddhistischen, wenn nicht dem buddhistischen Zentrum im Süden des Landes. In Ermangelung eines eigenen Fahrzeugs nehme ich den Linienbus, der schon deshalb mehr als eineinhalb Stunden unterwegs ist, weil sämtliche Hausfrauen der Umgebung an jeder Station ein- und aussteigen. Doch die Fahrt lohnt sich. Neben dem eigentlichen Klostergelände befindet sich eine Gedenkstätte, die dem Buddha und seiner Lehre gewidmet ist. Neben den beeindruckenden architektonischen Ausmaßen der Anlage, kann auch das liebevoll gestaltete Museum im Inneren der Haupthalle, über der ein riesiger, goldener Buddha thront, überzeugen.  Zärtlich wasche ich den kleinen Buddha gemäß der beiliegenden Anleitung, denn wenngleich ich nicht an die segenbringende Wirkung solcher Handlungen glaube - wissen kann man es nie. Einen halben Tag verbringe ich auf beiden Arealen, und als ich auf der Straße den Bus für die Rückfahrt aufhalte, bereue ich es nicht, hierher gekommen zu sein.

Die weitere Reise führt mich nach Tainan. Ehemals Hauptstadt des Landes, liegt diese nunmehr moderne Großstadt in jener Gegend, in der im 17. Jhdt. die ersten »modernen« Taiwanesen (es gab schon vorher eine eingeborene Bevölkerung) von China kommend an Land gingen. Sie gilt als die Wiege des heutigen Taiwans. Der Taijiang NP, der vor den Stadtgrenzen Tainans entlang der Küste liegt, schützt daher nicht nur die Natur, sondern auch die traditionellen Gewerbe dieser Region.
Der historischen Bedeutung der Stadt entsprechend, liegen im Stadtzentrum verstreut eine Reihe von Tempeln und Wehranlagen. Populär ist auch der Stadtteil Anping mit seinem holländischen Fort und den wenigen alten Ziegelsteinbauten, die wie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten zwischen moderneren Straßenzügen versteckt liegen. Im Gegensatz dazu stehen die modernen Errungenschaften, wie Schönheits-Salons, Smartphone-Reklamen und Modeboutiquen, die bewusst machen, dass sich die junge Generation längst – wie überall – an den globalen Werten der neuen Konsumgesellschaft orientiert. Man lebt den neuen Wohlstand und das Selbstbewusstsein einer Nation, die im Hightech-Zirkus erfolgreich mitmischt, während Festland-China das Treiben argwöhnisch beobachtet. Ich selbst laufe in der sengenden Hitze den ganzen Tag lang von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, und stelle dabei fest, dass die meisten Restaurants geballt dann auftauchen, wenn ich nicht den geringsten Hunger habe.


Die letzte Station meiner Reise – bevor ich die letzten anderthalb Tage in Taipei ausklingen lasse – ist der Sun-Moon See. Dieser größte See Taiwans ist eines der beliebtesten Ausflugsziele des Landes. Die bergige Umgebung und subtropische Vegetation in Verbindung mit fotogenen Tempeln stellt eine reizvolle Kombination dar. Die typische chinesische Reisegruppe verlässt den Bus, folgt ihrem Führer im Gänsemarsch auf eines der Touristenboote, die im Viertelstundentakt zwischen den drei öffentlichen Piers verkehren, und besucht von der Anlegestelle weg nach kurzem Fußmarsch bergauf die Tempel, die an den Bergflanken liegen. Dort steht man dann artig Schlange, um sich vor den begehrtesten Fotomotiven ablichten zu lassen. Ich erschließe mir den See auf meine Weise. Mit dem Motorroller (ja, hier hat es wieder geklappt) umrunde ich den See auf guter, asphaltierter Straße und habe so mehr Zeit, die Ausblicke und Sehenswürdigkeiten zu genießen. Da ich aufgrund der drohenden Gewitter am Nachmittag schon sehr zeitig aufgestanden bin, erlebe ich nicht nur die klare, noch einigermaßen kühle Bergluft, die an diesem sonnigen Morgen über dem See liegt, sondern habe am Nachmittag auch noch genügend Zeit, den Mt. Maolan zu besteigen, auf dessen Hängen Tee-Versuchsplantagen zu wissenschaftlichen Zwecken angelegt wurden, die – wie überall auf der Welt – die Landschaft mit ihren grünen Farbtupfern veredeln. Vom auf etwa 1500 m Seehöhe gelegenen Gipfel überblicke ich den See, bevor mich die ersten Regentropfen zurück nach Shuishe (dem »Sun Moon Village«) drängen.

Zurück in Taipei, bleiben mir noch anderthalb Tage, die ich dazu nutze, Orte zu besuchen, die mir beim letzten Mal entgangen sind. Und ich besuche eine öffentliche Thermalquelle, in deren Freiluftbecken man für wenig Geld seine müden Glieder im warmen Wasser entspannen kann. Den Taipei 101 Tower, der mit seinen 508 m die anderen Gebäude in der Stadt überragt, als wären sie Puppenhäuser, habe ich beim letzten Mal schon erklommen. Wann immer ich ihn erblicke, bleibt mein Blick daran hängen, vor Ehrfurcht und Bewunderung. Welch würdiges Wahrzeichen dieser imposanten Stadt.


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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 29. Mai 2014 um 17:41 Uhr
 



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