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Indochina lässt die Puppen tanzen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Dienstag, den 27. Dezember 2011 um 20:29 Uhr

Das Puppentheater hat eine lange Tradition in Indochina. Vietnam und Kambodscha sind aber ganz unterschiedliche Wege gegangen.


In einer unscheinbaren Straße in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh versteckt sich ein ungewöhnlicher Betrieb. Es ist der Standort von Sovanna Phums Puppenmanufaktur, die jene Schattenpuppen herstellt, die später die Hauptdarsteller im hauseigenen Schattenpuppentheater sind. In mühevoller Handarbeit werden die anmutigen Figuren aus gegerbtem Leder angefertigt. Dass dies sehr viel Geschick und Fingerspitzengefühl benötigt, erfahre ich schon sehr bald selbst.

Als unser Tuk Tuk vor der Manufaktur haltet, bietet sich meinem Auge nichts Ungewöhnliches. Ein überdachter Arbeitsplatz mit einer Verkaufstheke, steinernen Fließen und einigen Stühlen, Sitzkissen und wuchtigen, runden Holzscheiben. An der Wand hängen einige Ausstellungsstücke, prächtige Schattenpuppen mit detailreichen Verzierungen, die auch zum Verkauf angeboten werden. Eine junge Frau bearbeitet gerade ein Lederstück mit geschickten Händen. Als wir eintreten, legt sie die Werkzeuge aus der Hand und heißt uns willkommen.

Die Organisation Sovanna Phum (auf dt.: Goldene Ära) wurde 1994 gegründet und bietet jungen Künstlern die Möglichkeit, traditionelle kambodschanische Kunstformen zu erlernen und aufzuführen, um diesen Aspekt einheimischer Kulturgeschichte der Nachwelt zu erhalten. Neben dem eigentlichen Schattenpuppentheater werden auch traditionelle Khmer-Tänze gezeigt. Die überwiegende Mehrheit aller Künstler, die ich zu Gesicht bekomme, sind noch sehr jung, was angesichts der extrem jungen Bevölkerung Kambodschas nicht weiter verwundert.



Da wir gekommen sind, um die traditionelle Technik der Puppenmanufaktur zu erlernen, werden wir von Chantrea fachkundig eingewiesen. Viele Werkzeuge benötigt man nicht. Zuerst befestigt man auf dem glatten Lederstück eine Papierschablone, die den Umriss der Figur, sowie die zu stanzenden Flächen und Muster vorgibt. Das Spektrum reicht dabei von relativ einfachen Figuren, bis hin zu großflächigen Motiven mit komplexen Mustern. Um die markierten Löcher und Flächen auszustanzen, verwendet man grazile Meisel von unterschiedlicher Form und Größe, die man mittels eines Hammers in das Leder treibt. Wie bei vielem, gilt auch hier »Übung macht den Meister«, denn speziell die kleinen, gebogenen Linien erfordern eine geübte Hand. Kein Wunder, dass wir in Summe mehrere Sitzungen benötigen, um unser Werk schließlich fertig in den Händen zu halten.

Aus der Palette an verschiedenen Motiven (Personen, Tiere und Figuren aus der kambodschanischen Mythologie) entscheide ich mich als erstes für einen buddhistischen Mönch. Es ist ein eher einfaches Motiv, da nur wenige Stanzarbeiten erforderlich sind. Dennoch brauche ich eine gute Weile, bis ich den richtigen Dreh heraußen habe. Nach zwei Stunden Arbeit kann ich die Einzelteile der Puppe heraustrennen und mit einer groben Schnur zu einer beweglichen Marionette verbinden. Dann wird das Leder gemäß Vorlage bemalt und fertig ist das gute Stück. Üblicherweise befestigt man zuletzt die Puppe an Holzstangen, um sie während der Aufführung bewegen zu können, doch verzichten wir darauf, da sie ohne die sperrigen Stangen leichter zu transportieren ist.



Auf den Geschmack gekommen, suche ich mir als zweites Motiv die komplexere Figur einer Apsara-Tänzerin aus. Nun heißt es sauber und penibel zu arbeiten, den das Muster strotzt nur so vor winzigen Löchern und bogenförmigen Aussparungen, und mehrmals muss mir Chantrea die richtige Technik vorzeigen, damit ich die Figur nicht zerstöre. Immer wieder lege ich Pausen ein, denn das pausenlose Hämmern schmerzt mein Handgelenk. Dazwischen kann ich dabei zusehen, wie zwei Männer eine große Tierhaut auf dem Boden für das anschließende Gerben präparieren. Auch hier bedienen sie sich einfacher Werkzeuge, um das anhaftende Fleisch gründlich abzuschaben.

Nach zwei weiteren Arbeitseinheiten ist die Figur endlich fertig ausgestanzt und in Schwarz, Braun- und Rottönen bemalt. Stolz betrachte ich mein Werk. Ich werde sie als ganz besonderes Souvenir nach Hause mitnehmen. In den Genuss einer Aufführung komme ich leider nicht, denn diese finden nur Freitag und Samstag abends statt, und ich muss weiterreisen. Trotzdem darf ich einigen jungen Tänzerinnen und Tänzern bei einer Probe zusehen, bei schon die jungen Mädchen durch ihre Anmut und Grazie beeindrucken. Arm an finanziellen Mitteln, doch reich an Landschaft und Kultur – das ist das Königreich Kambodscha im Süden Südost-Asiens.

Wasserpuppentheater in Vietnam

Es geht weiter nach Vietnam, wo man ebenfalls dem Puppentheater frönt, mit dem Unterschied, dass es im Wasser stattfindet. Wasserpuppentheater ist eine Kunstform, die auf den Reisfeldern im Norden des Landes geboren wurde, und auch heute noch – vorwiegend zu touristischen Zwecken – aufgeführt wird. Die größte Bühne des Landes befindet sich in der Hauptstadt Hanoi - das Thang Long Theater – in dem täglich mehrere Vorstellungen angeboten werden.

Unterwegs mache ich einen Zwischenstopp in Hoi An, einem kleinen Städtchen in Zentralvietnam, das ob seiner relativ alten, während des Vietnam-Kriegs unzerstört gebliebenen Altstadt gerne von Touristen besucht wird. In einem der Häuser mit hölzerner Fassade stolpere ich in eine Manufaktur, in der diese Puppen hergestellt und zum Verkauf angeboten werden. Die Puppen werden aus einem speziellen Holz gefertigt und mit einem wasserabweisenden Lack bemalt. Dann befestigt man sie einzeln oder zu mehreren beweglich an Holzstangen, mit denen sie von den Akteuren im Zuge der Aufführungen bewegt werden. Die Puppenspieler stehen dabei im Wasser, wo sie durch einen bunten Vorhang vor den Augen der Zuseher verborgen die Puppen steuern.

Das Thang Long Theater gegenüber dem Ufer des Hoan Kiem Sees im Herzen der Stadt beherbergt einen geräumigen Saal, in dem die Bühne durch ein Wasserbecken mit Aufbau ersetzt wird. Auf einer Plattform sorgen Musiker, Sänger und Sprecher für die akustische Untermalung. Die inszenierten Episoden sind Ausschnitte aus vietnamesischer Geschichte und Folklore. Besonders bekannt ist die Szene, in der eine goldene Schildkröte aus den Tiefen des Hoan Kiem Sees auftaucht, um dem Kaiser sein magisches Schwert zu entreißen. Der Schildkröten-Turm auf einer kleinen Insel des Sees, eines der Wahrzeichen der Stadt, erinnert auch heute noch an diese Legende. Die Puppenspieler entlocken den dabei Figuren mit bewunderswerter Geschicklichkeit erstaunlich flüssige Bewegungen. Fische springen durch das Wasser, und Drachen tollen übermütig in den Fluten und brennen ein Feuerwerk der Unterhaltung ab.

Am Ende der Show tauchen auch die menschlichen Akteure hinter dem Vorhang auf, um sich den verdienten Applaus abzuholen. Sie werden ihre Kunst an die nächste Generation weitergeben, um diese Tradition weiterleben zu lassen.



Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 27. Dezember 2011 um 21:19 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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