Flucht aus Saigon PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Sonntag, den 04. September 2011 um 15:33 Uhr

Als Saigon am 30. April 1975 fällt und vom kommunistischen Norden »befreit« wird, sehen die Einwohner der Stadt einer bedrückenden Wahrheit ins Gesicht. Vietnam ist nun kommunistisch.

Der Traum von einer demokratisch legitimierten Regierung nach westlichem Vorbild ist in weite Ferne gerückt. Damit ändert sich vieles für die anti-kommunistisch eingestellten Menschen des Südens, denn sie bekommen von Anfang an die harte Hand Hanois zu spüren. Getreu ihrer marxistisch-leninistischen Ideologie gehen die nördlichen Brüder brutal gegen die wirtschaftliche, politische und intellektuelle Elite des Südens vor, weswegen eine beispiellose Flüchtlingswelle einsetzt. Manche verlassen das Land bei Nacht und Nebel (vor allem politische Gegner landen im Gefängnis oder werden exekutiert), andere warten noch ab, haben sie doch viel zu verlieren. So wie die Familie von Frau The.

Frau The wohnt im sechsten Bezirk in Saigon in einem großen Haus und gehört einer wohlhabenden Familie an. Sie verdienen ihr Geld mit der eigenen Schneiderei und dem Verkauf von Nähmaschinen. Das Geschäft geht gut, und der Nachwuchs gedeiht. Fünf Burschen und ein Mädchen bevölkern das Haus, in dem man selten alleine ist. Doch das Leben ist nicht unbeschwert. Angst vor den Kommunisten drückt die Stimmung, und auch die fortdauernden Kriegshandlungen, in die Vietnam verwickelt wird (China, Kambodscha) lassen kein Gefühl von Stabilität und Sicherheit aufkommen. Die Angst, die Söhne zu verlieren, sind sie erst einmal alt genug für das Militär, ist groß. Dazu die alltäglichen Schikanen der neuen »Herren« im Lande.

Als der Druck zu groß wird, beschließt man, das Land zu verlassen. Ein Wunschziel gibt es nicht, nur weg von Vietnam, in den Westen, nach Nordamerika oder Europa. Sie bezahlen viel Gold für dieses »Privileg«, 380 Unzen für die gesamte Familie, und auch das Haus bleibt zurück, das heute geschätzte 80.000 Unzen wert wäre. Die Trauer ist groß, doch die Familie sieht keine andere Wahl.

Am vereinbarten Tag brechen sie von Saigon zum Hafen in Can Tho, der größten Stadt des Mekong-Deltas auf, wo bereits ein Schiff auf sie wartet. Sie sind nicht die einzigen, die die Heimat verlassen. Rund 400 Personen – Männer, Frauen und Kinder – gehen an Bord des völlig überladenen Schiffs, dessen Kapitän nervös zur Eile mahnt. Doch sie haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Kurz vor der Abfahrt erscheinen Beamte entgegen der Vereinbarung auf der Bildfläche und nehmen den Flüchtlingen, den »Landesverrätern«, auch das Wenige ab, das ihnen noch geblieben ist. Völlig mittellos legen sie von der Küste Vietnams in eine ungewisse Zukunft ab.

Das Schiff fährt durch die Straße von Malakka. Als Folge der gedrängten räumlichen Verhältnisse und dem eklatanten Mangel an Nahrung und Trinkwasser leiden die Menschen bald an Unterernährung und Krankheiten. Als die Lage aussichtslos erscheint, bauen einige Männer aus Ölfässern und Bambusrohren Flöße, um an der Küste Malaysias neue Vorräte aufzunehmen. Auch Frau Thes Mann ist einer von ihnen. Lange blickt sie ihm über das Meer nach, bis er aus ihrem Gesichtsfeld verschwindet. Sie wird ihn nicht mehr wiedersehen.

Als die Männer nicht wiederkehren, steuert der Kapitän das malaysische Festland an. Doch dort will man die geschwächten und mittellosen Flüchtlinge nicht haben. Mit letzter Kraft erreichen sie eine unbewohnte indonesische Insel, die für mehr als ein Jahr ihr Zuhause bleibt. Aufgrund der schlechten sanitären Bedingungen und dem Mangel an sauberem Trinkwasser breiten sich Krankheiten aus, die zahlreiche Todesopfer fordern. Wie durch ein Wunder gelingt es Frau The und ihrer Schwester die Kinder – sie sind zu diesem Zeitpunkt zwischen 6 Monaten und 8 Jahren alt – vor dem Tod zu bewahren.

Die Rettung naht aus einem kleinen Land im Zentrum Europas. Mitarbeiter von SOS Kinderdorf lesen die Familie in ihrem Exil auf und bringen sie nach Österreich. Eineinhalb Jahre nach ihrer Flucht aus Vietnam erreichen sie schließlich das burgenländische Pinkafeld, wo sie die nächsten dreizehn Jahre verbringen. Gemeinsam mit der Schwester zieht sie die Kinder groß und arbeitet nebenbei für SOS Kinderdorf und eine Schmuckfabrik im 23. Wiener Gemeindebezirk. Doch der Kontakt zur alten Heimat und den dort verbliebenen Familienangehörigen ist abgerissen. Zehn Jahre dauert es, bis er wieder hergestellt wird. Zehn lange Jahre, innerhalb derer die Sorge um nahe Angehörige und Freunde ein steter Begleiter ist. Als es schließlich doch gelingt, erhält Frau The eine traurige Nachricht. Ihr Vater ist in der Zwischenzeit gestorben.

1996 fliegt sie das erste Mal nach der Flucht zurück nach Vietnam, wo sich mittlerweile vieles verändert hat. Lange steht sie wehmütig vor dem ehemaligen Haus. Sie besucht Verwandte und alte Freunde, und bleibt insgesamt sechs Wochen in diesem ihr nun etwas fremden Land. Danach kehrt sie nach Österreich zurück, wo sie und ihre auf zwanzig Köpfe angewachsene Familie ihren neuen Lebensmittelpunkt haben. Zurück nach Vietnam möchte sie mit ihren 60 Jahren nicht mehr. Zu viele schreckliche Erinnerungen sind geblieben, zu viel ist passiert, und in der neuen Heimat lebt es sich gut. Doch einmal pro Jahr verbringt sie ihren Urlaub gerne in dem Land, dem sie vor so langer Zeit den Rücken gekehrt hat. »Ich habe mich mit der Vergangenheit ausgesöhnt«, meint Frau The, als ich sie in ihrer Wohnung in Wien Landstraße besuche. Vor zwei Jahren ging sie in Frühpension, nachdem ihre Knie schlechter wurden und sie beim Gehen schmerzten. Erst letzte Woche wurde das zweite operiert, sie zeigt mir die frische Narbe und lobt die medizinische Versorgung in Österreich.

Ein Schicksal, das sie mit anderen Menschen in ihrem Alter jedenfalls nicht teilt, ist Einsamkeit. »Alle sechs Kinder leben hier in Wien, gehen zur Arbeit und haben teilweise selbst schon Kinder. Der älteste Sohn ist 39, das jüngste Kind 32. Ich bin nicht alleine. Nie.« Wie um das zu unterstreichen, gießt ihre Nichte noch eine Tasse Tee ein. Das Schicksal hat ihr hart zugesetzt, doch sie hat überlebt und ihren Kindern ein neues Leben in Wohlstand ermöglicht. Und das macht sie glücklich. Und stolz.


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 27. Dezember 2011 um 20:23 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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