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Schulden aus dem Jenseits PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Donnerstag, den 28. Juli 2011 um 21:35 Uhr

Ich habe einen großen Schuldenberg angehäuft im letzten Leben. Sagte der buddhistische Mönch meiner Frau. Das ist auch der Grund für die Probleme, mit denen ich schon Zeit meines Lebens kämpfe.

Sie wissen schon, diese sich immer wieder kehrenden Probleme, die sich wie ein roter Faden durchs Leben ziehen, bis man den gordischen Knoten ein für alle Mal durchschlägt und einen anderen Weg geht, beziehungsweise etwas anders macht oder anders reagiert, als man das bislang getan hat.

Meine Schulden belaufen sich angeblich auf 100.000 Toa Quan. Das ist keine reale Währung, sondern spirituelles Kleingeld, gutes oder schlechtes Karma in seiner monetären Form. Ob das wenig ist oder eine gigantische Hypothek kann ich nicht sagen, aber es gibt da schon ein paar Dinge in meinem Leben, die auf meinen Schultern lasten. Und die meiner Frau Anlass genug sind, zu einer Wahrsagerin zu gehen, um eine Messe vorzubereiten, um diese Schulden ein wenig zu tilgen und meine Last zu erleichtern. Und eben zu dieser Wahrsagerin sind wir gerade unterwegs.

Natürlich findet man so eine Person nur schwer in Österreich. Also fahren wir durch die staubigen Straßen von Hanois Vororten, um eine abgelegene Pagode zu suchen. Wobei “staubig“ die Situation nur unvollständig beschreibt. Der Boden ist mit Schlaglöchern gepflastert, und Autos und LKW blasen ihre Abgase noch zusätzlich in die Luft. Ich habe das Gefühl schon jetzt ein paar Sünden abzubüßen, doch ob das was an meinem Schuldenberg ändert, entscheiden andere.


Endlich finden wir die Pagode gegenüber einem kleinen, von einer Mauer umfassten Teich, in dem Lotuspflanzen üppig gedeihen. Die Szenerie ist ausgesprochen ländlich, und angesichts der Größe des Stadtgebiets von Hanoi (es wurde erst vor einigen Jahren um mehrere umliegende Provinzen erweitert) ist dies auch nicht verwunderlich. Wir stoßen vorsichtig das Doppelflügelholztor auf und stecken unsere Köpfe hindurch. Es ist ruhig, niemand zu sehen, nur ein paar Hunde kommen bellend auf uns zu, als wir uns einem der Gebäude nähern. Allzu schlecht kann es um mein karmisches Konto nicht bestellt sein, denn sie bleiben in einem Abstand von zwei Metern stehen und beißen mich nicht. Der Garten der Pagode wirkt idyllisch und ruhig, wie geschaffen, um den hektischen Straßen Hanois für einen Augenblick zu entkommen und durchzuatmen ohne Millionen kleiner Dreck- und Staubpartikel zu inhalieren. Die Wahrsagerin ist leider noch nicht da, also hilft nur warten.

Als sie eine halbe Stunde später eintrifft, bin ich überrascht. Ich habe eine ältere Frau erwartet, doch vom Motorroller steigt eine attraktive junge Frau mit einem bezaubernden Lächeln. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich das Warten gelohnt. Wir setzen uns in den kleinen Tempelraum, um die Session zu beginnen. Ich bin mir unsicher, was ich davon halten soll, doch haben mich meine Erfahrungen mit der buddhistischen Philosophie und der Geister- und Ahnenwelt Vietnams doch soweit gebracht, mir die Sache vorurteilslos anzuhören und möglichst unvoreingenommen zuzuhören. Auch denke ich an ein Buch zurück, welches ich vor einigen Jahren gelesen habe. In “A Fortune-teller Told Me“ beschreibt der italienische Journalist Tiziano Terzi seine einjährige Auszeit, in der er durch Asien reist und Wahrsager aufsucht, um sich die Zukunft erzählen zu lassen. Dabei verzichtet er auf Flugzeuge als Transportmittel, nachdem ihn ein Wahrsager ausdrücklich davor warnt. Während seiner Suche trifft er auf die unterschiedlichsten Wahrsager, die ihm über sein Leben erzählen (unter Einbeziehung der Zukunft). Und er überlebt.

Die Frau beginnt mit dem Rezitieren von Versen, die ich nicht verstehe, auf mich aber wirken, als wären sie einstudiert und Routine. Für mich beginnt eine rund einstündige Leidenszeit, da ich wie die meisten Westeuropäer das Sitzen auf dem harten Boden nicht gewöhnt bin und daher aufrichtig leide. Sie erklärt, dass ich jeden Tag zwischen neun und elf Uhr abends mindestens fünf Minuten meditieren soll, was kein Problem darstellt, solange mein Hintern nicht auf nacktem Stein ruht.


Mit geübter Bewegung wirft sie zwei kleine, gelochte Münzen in eine Schale, die mit eigentümlichen Symbolen verziert sind. Dann beginnt sie aus meinem Leben zu erzählen, und ich frage mich, ob sie diese Informationen aus dem Münzwurf bezieht oder doch aus meinem Geburtsdatum. Von Terzis Buch weiß ich, dass die genaue Kenntnis von Geburtsdatum und -zeitpunkt eines Menschen von entscheidender Bedeutung sind, was den Schluss nahelegt, dass die Sterne doch mehr Einfluss auf uns haben, als wir Leute im Westen das für Allgemein denken. Und das mir, der sich den größten Teil seines Lebens dagegen gewehrt hat, das Leben wäre deterministisch vorherbestimmt, ein Schicksal quasi, das unveränderlich ist und einem keine Wahl lässt. Mittlerweile weiß ich, dass man immer mitbestimmt, doch Regie führt eine höhere Macht.

Sie fragt auch nach den Namen und Geburtsdaten meiner Eltern, spielen diese doch eine ebenso gewichtige Rolle in einem Leben. Dann spricht sie: Ich sei ein guter Mensch, aber eine schwere Last liegt auf meinen Schultern. Sie erwähnt die angesprochene Schuld aus einem früheren Leben, die ich zurückzahlen muss, Tag für Tag. Ein “großer Boss“ werde aus mir nicht, ich solle eine solche Position daher gar nicht erst anstreben. Dennoch wird mein Leben ab dem 50. Lebensjahr besser, und ich werde “reich“ (wie immer man das definiert), doch am Ende meines Lebens werde ich dieses Geld nicht mehr besitzen. Ich reise gerne (wie wahr) und werde daher alles wieder ausgeben (gibt es eine schönere Art, Geld auszugeben?). Und ich sei ein einsamer Mensch. Ein Hund im Sternzeichen, das wäre noch kein Problem, aber ein Leben als einsamer Hund, als herumstreunender Köter, wäre nicht erstrebenswert. Und die Einsamkeit, das Alleine-sein, spiele eine dominante Rolle in meinem Leben (auch das stimmt; man kann sich auch in einer Menschenmenge einsam fühlen), und eben diese Komponente könne man durch geeignete Maßnahmen (wie eine Messe) zu einem gewissen Grad tilgen.

An all dem hätten meine Eltern einen gewichtigen Anteil, doch “Jeder lebt sein Leben alleine“, mit anderen Worten: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich passe nicht mit meinem Vater zusammen (sehr richtig), während unsere Tochter Joyce angeblich gut mit meiner Mutter harmoniert (was sicherlich zutrifft). Sie empfiehlt auch meine Eltern mit in die Messe einzubeziehen, und ich stimme zu. Was immer sie mir an Ballast mitgegeben haben, ich hege keinen Groll, denn zum einen waren auch sie einst Kinder, und zum anderen habe ich entlang meines Weges selbst eine Unzahl an Steinen aufgelesen und damit meinen Rucksack gefüllt.

Dann gibt sie mir noch den Rat, während des vierten und sechsten Monats des Mondkalenders besonders auf meine Gesundheit zu achten, und im zehnten Monat meine Großeltern auf dem Friedhof zu besuchen. Wir fixieren den Termin für die Messe am Wochenende, am gleichen Ort. Dann geht es zurück auf dem staubigen Highway, der seit dem letzten Mal ein beeindruckend gutes Asphaltkleid erhalten hat.

Die Messe

Gespannt bringe ich mein Motorrad im Innenhof der Pagode zum stehen. Die Wahrsagerin ist schon da und hat eine Menge an Utensilien vorbereitet. Ein geschmücktes Papierpferd, kleine Kartonhäuser mit dicken Bündeln an spirituellem Geld davor, Pappfiguren mit buntem Gewand sowie jede Menge Lebensmittel, die auf dem Altar dargeboten werden. Der österreichische Unternehmer Dieter Mateschitz hätte seine helle Freude an den knallbunten Red Bull Dosen, die sich ebenso unter den Opfergaben befinden wie Coca Cola oder Bier Hanoi. Das Huhn im Evakostüm (Oder ist es ein Adam?) wirkt da irgendwie deplatziert in einem buddhistischen Tempel, muss also noch schlechteres Karma gesammelt haben als ich.

Die letzten Vorbereitungen. Ein Mann streift eine braune Robe über und ordnet seine diversen Klangschalen vor sich auf dem Boden. Auf dünnen Unterlagen nehmen wir im Schneidersitz Platz (bei meiner Haltung von einem Lotussitz zu sprechen wäre anmaßend), der Standventilator spendet etwas Abkühlung, die angesichts eines weiteren stickig heißen Julitages mehr als willkommen ist. Dann nimmt der Mann – ist es ein Laienmönch? - seine Stäbchen und beginnt rhythmisch loszuklappern. Dazu rezitiert er vietnamesische Mantras. Das geht eine ganze Weile so, während der wir entweder andächtig lauschen (zumindest tue ich so) oder uns verbeugen oder mit den gefalteten Händen kreisende Bewegungen ausführen. Da ich wieder einmal der Einzige bin, der keinen blassen Schimmer hat, was da genau vor sich geht (von meiner siebenjährigen Tochter vielleicht einmal ausgenommen) imitiere ich die Gesten meiner Sitznachbarn und bemühe mich redlich, die Pein in meinen Gelenken durch das lange Sitzen nicht in mein Gesicht aufsteigen zu lassen. Neben meiner Familie und den Professionisten nimmt noch ein junger Mann am Geschehen teil, der – wie ich später herausfinde – ein ebenso bemitleidenswerter Schuldner ist wie ich.

Nach mittlerweile zwei Stunden schmerzen meine Beine derart, dass ich guter Hoffnung bin, einen Teil meiner Schulden schon an Ort und Stelle abgelitten zu haben. Der Mann in Robe verliest nun Pergamente mit chinesischen Schriftzeichen, die eigens für uns angefertigt wurden. Neben meinem Namen und meinem Geburtsdatum enthalten sie noch weitere Inhalte, die ich aber nicht verstehe. Daher verstehe ich auch nicht, welche pikanten Inhalte meines Lebens in aller Öffentlichkeit verlesen werden. Da sich auch niemand nach mir umdreht oder mit dem Finger auf mich zeigt, sind diese Leute entweder unverschämt höflich, oder sie schweigen betreten. Wen kümmert es?


Nach und nach schleppt die Wahrsagerin das Papierspielzeug ins Freie und entzündet dicke Bündel an Räucherstäbchen. Sie sieht in ihrem figurbetonten Kostüm schon unverschämt gut aus, ein Gedanke, den ich aber augenblicklich wieder aus meinem Geist verbanne, um nicht sofort neues schlechtes Karma anzuhäufen. Der Robenmann kommt hingegen richtig in Spiellaune und hämmert seine funky Beats auf das blanke Holz. Sein Durchhaltevermögen ist phänomenal, denn jetzt sind wir schon seit fast drei Stunden hier und mein Sitzfleisch ist so durchgewetzt, als wäre ich auf Hidalgo die dreitausend Meilen durch die arabische Wüste geritten, und nicht Frank Hopkins. Ich bin überhaupt der Einzige in der Runde (wieder mit Ausnahme der siebenjährigen Tochter), der haltungsmäßig ein wenig schwächelt, aber wer in Europa wird auf diese körperlichen Qualen schon jemals adäquat vorbereitet? Mehr Strafknien tut Not!

Dann endlich dreht sich die Wahrsagerin um und nickt uns aufmunternd zu. Offensichtlich haben sich Buddha und sämtliche Geister meiner erbarmt, um mir künftig ein wenig meine Last zu erleichtern. Die Wahrsagerin hilft mir insofern dabei, als sich meine Brieftasche nach Bezahlung der Zeremonie tatsächlich spürbar leichter anfühlt. Die gesegnete weibliche Buddha-Figur, die hinter Glas im Bilderrahmen sitzt und von einem blinkenden Neon-Heiligenschein umgeben ist, darf (muss!) ich zwecks Anbetung nach Hause mitnehmen. Fast hätte ich das Ding als kitschig bezeichnet, aber ich werde meine Zunge hüten, muss ich dieselbe Zeremonie doch in sieben Jahren als 47jähriger noch einmal durchleben. Nicht auszudenken, dauert es beim nächsten Mal dann doppelt solange.

War ich von allen guten Geistern verlassen? Sind sie mir nun gnädig? Ist meine Schuld damit abbezahlt? Ich bezweifle, dass dies so einfach geht, verläuft der spirituelle Pfad doch durch steiniges Terrain, und es gilt ihn geduldig und aufmerksam zu begehen. Nein, meine Arbeit nimmt mir niemand ab, ich alleine muss es tun, muss meinen Geist bezwingen, unselige Haltungen vermeiden und heilsame Betrachtungsweisen fördern. Diese Verantwortung nimmt mir niemand ab, auch keine batteriebetriebene Madonna! Doch vielleicht hat man mir einen Teil der Schulden nachgelassen, um den Weg leichtfüßiger fortzusetzen. Den Rest zahle ich selber ab – bis zum letzten Toa Quan.



Ich habe einen großen Schuldenberg angehäuft im letzten Leben. Sagte der buddhistische Mönch meiner Frau. Das ist auch der Grund für die Probleme, mit denen ich schon Zeit meines Lebens kämpfe. Sie wissen schon, diese sich immer wieder kehrenden Probleme, die sich wie ein roter Faden durchs Leben ziehen, bis man den gordischen Knoten ein für alle Mal durchschlägt und einen anderen Weg geht beziehungsweise etwas anders macht oder anders reagiert, als man das bislang getan hat.


Meine Schulden belaufen sich angeblich auf 100.000 Toa Quan. Das ist keine reale Währung, sondern spirituelles Kleingeld, gutes oder schlechtes Karma in seiner monetären Form. Ob das wenig ist oder eine gigantische Hypothek kann ich nicht sagen, aber es gibt da schon ein paar Dinge in meinem Leben, die auf meinen Schultern lasten. Und meiner Frau Anlass genug, zu einer Wahrsagerin zu gehen, um eine Messe vorzubereiten, um diese Schulden ein wenig zu tilgen und meine Last zu erleichtern. Und eben zu dieser Wahrsagerin sind wir gerade unterwegs.


Natürlich findet man so eine Person nur schwer in Österreich. Also fahren wir durch die staubigen Straßen von Hanois Vororten, um eine abgelegene Pagode zu suchen. Wobei “staubig“ die Situation nur unvollständig beschreibt. Der Boden ist mit Schlaglöchern gepflastert, und Autos und LKW blasen ihre Abgase noch zusätzlich in die Luft. Ich habe das Gefühl schon jetzt ein paar Sünden abzubüßen, doch ob das was an meinem Schuldenberg ändert, entscheiden andere.


Endlich finden wir die Pagode gegenüber einem kleinen, mauerumfassten Teich, in dem Lotuspflanzen üppig gedeihen. Die Szenerie ist ausgesprochen ländlich, und angesichts der Größe des Stadtgebiets von Hanoi (es wurde erst vor einigen Jahren um mehrere umliegende Provinzen erweitert) ist dies auch nicht verwunderlich. Wir stoßen vorsichtig das Doppelflügelholztor auf und stecken unsere Köpfe hindurch. Es ist ruhig, niemand zu sehen, nur ein paar Hunde kommen bellend auf uns zu, als wir uns einem der Gebäude nähern. Allzu schlecht kann es um mein karmisches Konto nicht bestellt sein, denn sie bleiben in einem Abstand von 2 Metern stehen und beißen mich nicht. Der Garten der Pagode wirkt idyllisch und ruhig, wie geschaffen, um den hektischen Straßen Hanois für einen Augenblick zu entkommen und durchzuatmen, ohne Millionen kleiner Dreck- und Staubpartikel zu inhalieren. Die Wahrsagerin ist leider noch nicht da, also hilft nur warten.


Als sie eine halbe Stunde später eintrifft, bin ich überrascht. Ich habe eine ältere Frau erwartet, doch vom Motorroller steigt eine attraktive junge Frau mit einem bezaubernden Lächeln. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich das Warten gelohnt. Wir setzen uns in den kleinen Tempelraum, um die Session zu beginnen. Ich bin mir unsicher, was ich davon halten soll, doch haben mich meine Erfahrungen mit der buddhistischen Philosophie und der Geister- und Ahnenwelt Vietnams doch soweit gebracht, mir die Sache vorurteilslos anzuhören und möglichst unvoreingenommen zuzuhören. Auch denke ich an ein Buch zurück, welches ich vor einigen Jahren gelesen habe. In “A Fortune-teller told Me“ beschreibt der italienische Journalist Tiziano Terzi seine einjährige Auszeit, in der er durch Asien reist und Wahrsager aufsucht, um sich die Zukunft erzählen zu lassen. Dabei verzichtet er auf Flugzeuge als Transportmittel, nachdem ihn ein Wahrsager davor warnte, er würde in diesem Jahr tödlich verunglücken, würde er in ein Flugzeug steigen. Während seiner Suche trifft er auf die unterschiedlichsten Wahrsager, die ihm über sein Leben erzählen (unter Einbeziehung der Zukunft). Und er überlebt.


Die Frau beginnt mit dem Rezitieren von Versen, die ich nicht verstehe, auf mich aber wirken, als wären sie einstudiert und Routine. Für mich beginnt eine rund einstündige Leidenszeit, da ich wie die meisten Westeuropäer das Sitzen auf dem harten Boden nicht gewöhnt bin und daher aufrichtig leide. Sie erklärt, dass ich jeden Tag zwischen neun und elf Uhr abends mindestens fünf Minuten meditieren soll, was kein Problem darstellt, solange nicht nackter Stein meinen Hintern malträtiert.

Mit geübter Bewegung wirft sie zwei kleine, gelochte Münzen in eine kleine Schale, die mit eigentümlichen Symbolen verziert sind. Dann beginnt sie aus meinem Leben zu erzählen, und ich frage mich, ob sie diese Informationen aus dem Münzwurf bezieht oder doch aus meinem Geburtsdatum. Von Terzis Buch weiß ich, dass die genaue Kenntnis des Geburtsdatums- und zeitpunkts von entscheidender Bedeutung sind, was den Schluss nahelegt, dass die Sterne doch mehr Einfluss auf uns haben, als wir Leute im Westen das für Allgemein denken. Und das mir, der sich den größten Teil seines Lebens dagegen gewehrt hat, das Leben wäre deterministisch vorherbestimmt, ein Schicksal quasi, das unveränderlich ist und einem keine Wahl lässt. Mittlerweile weiß ich, dass man immer mitbestimmt, doch Regie führt eine andere Macht.


Sie fragt auch nach den Namen und Geburtsdaten meiner Eltern, spielen diese doch eine ebenso gewichtige Rolle in einem Leben. Dann spricht sie: Ich sei ein guter Mensch, aber eine schwere Last liegt auf meinen Schultern. Sie erwähnt die angesprochene Schuld aus einem früheren Leben, die ich zurückzahlen muss, Tag für Tag. Ein “großer Boss“ werde aus mir nicht, ich solle eine solche Position daher gar nicht erst anstreben. Dennoch wird mein Leben ab dem 50. Lebensjahr besser, und ich werde “reich“ (wie immer man das definiert), doch am Ende meines Lebens werde ich dieses Geld nicht mehr besitzen. Ich reise gerne (wie wahr) und werde daher alles wieder ausgeben (gibt es eine schönere Art, Geld auszugeben?). Und ich sei ein einsamer Mensch. Ein Hund im Sternzeichen, das wäre noch nicht schlecht, aber ein einsamer Hund, ein herumstreunender Köter sei nicht erstrebenswert. Und die Einsamkeit, das Alleine sein spiele eine dominante Rolle in meinem Leben (auch das stimmt), und eben diese Komponente könne man durch geeignete Maßnahmen (wie eine Messe) zu einem gewissen Grad tilgen.


An all dem hätten meine Eltern einen gewichtigen Anteil, doch “Jeder lebt sein Leben alleine“, mit anderen Worten: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich passe nicht mit meinem Vater zusammen (sehr richtig), während unsere Tochter Joyce angeblich gut mit meiner Mutter harmoniert (was sicherlich zutrifft). Sie empfiehlt auch meine Eltern mit in die Messe einzubeziehen, und ich stimme zu. Was immer sie mir an Ballast mitgegeben haben, ich hege keinen Groll, denn zum einen waren auch sie einst Kinder, und zum anderen habe auch ich entlang meines Weges eine Unzahl an Steinen aufgesammelt und in meinen Rucksack gelegt.


Dann gibt sie mir noch den Rat, während des vierten und sechsten Monats des Mondkalenders besonders auf meine Gesundheit zu achten, und im zehnten Monat meine Großeltern auf dem Friedhof zu besuchen. Wir fixieren den Termin für die Messe am Wochenende, am gleichen Ort. Dann geht es zurück auf dem staubigen Highway, der seit dem letzten Mal ein beeindruckend gutes Asphaltkleid erhalten hat.


Die Messe


Gespannt bringe ich mein Motorrad im Innenhof der Pagode zum stehen. Die Wahrsagerin ist schon da und hat eine Menge an Utensilien vorbereitet. Ein geschmücktes Papierpferd, kleine Kartonhäuser mit dicken Bündeln an spirituellem Geld davor, Pappfiguren mit buntem Gewand sowie jede Menge Lebensmittel, die auf dem Altar dargeboten werden. Der österreichische Unternehmer Dieter Mateschitz hätte seine helle Freude an den knallbunten Red Bull Dosen, die sich ebenso unter den Opfergaben befinden wie Coca Cola oder Bier Hanoi. Das Huhn im Evakostüm (Oder ist es ein Adam?) wirkt da irgendwie deplatziert in einem buddhistischen Tempel, muss also noch schlechteres Karma gesammelt haben als ich.


Die letzten Vorbereitungen. Ein Mann streift eine braune Robe über und ordnet seine diversen Klangschalen vor sich auf dem Boden. Auf dünnen Unterlagen nehmen wir im Schneidersitz Platz (bei meiner Haltung von einem Lotussitz zu sprechen, wäre anmaßend), der Standventilator spendet etwas Abkühlung, die angesichts eines weiteren stickig heißen Julitages mehr als willkommen ist. Dann nimmt der Mann – ist es ein Laienmönch? - seine Stäbchen und beginnt rhythmisch loszuklappern. Dazu rezitiert er vietnamesische Mantras. Das geht eine ganze Weile so, während der wir entweder andächtig lauschen (zumindest tue ich so) oder uns verbeugen oder betend die gefalteten Hände schütteln. Da ich wieder einmal der Einzige bin, der keinen blassen Schimmer hat, was da genau vor sich geht (von meiner siebenjährigen Stieftochter vielleicht einmal ausgenommen) imitiere ich die Gesten meiner Sitznachbarn und bemühe mich redlich, die Pein in meinen Gelenken durch das lange Sitzen nicht in mein Gesicht aufsteigen zu lassen. Neben meiner Familie und den Professionisten nimmt noch ein junger Mann am Geschehen teil, der – wie ich später herausfinde – ein eben solch bemitleidenswerter Sünder ist wie ich.


Nach mittlerweile zwei Stunden schmerzen meine Beine derart, dass ich guter Hoffnung bin, einen Teil meiner Schulden schon an Ort und Stelle abgelitten zu haben. Der Mann in Robe verliest nun Pergamente mit chinesischen Schriftzeichen, die eigens für uns angefertigt wurden. Neben meinem Namen und meinem Geburtsdatum enthalten sie noch weitere Inhalte, die ich aber (wiederum als Einziger) nicht verstehe. Daher verstehe ich auch nicht, welche pikanten Inhalte meines Lebens in aller Öffentlichkeit verlesen werden. Da sich auch niemand nach mir umdreht oder mit dem Finger auf mich zeigt, sind diese Leute entweder unverschämt höflich, oder sie schweigen betreten. Wen kümmert es?


Nach und nach schleppt die Wahrsagerin das Papierspielzeug ins Freie und entzündet dicke Bündel an Räucherstäbchen. Sie sieht in ihrem figurbetonten Kostüm schon unverschämt gut aus, ein Gedanke, den ich aber augenblicklich wieder aus meinem Geiste verbanne, um nicht sofort neues schlechtes Karma anzuhäufen. Der Robenmann kommt dagegen richtig in Spiellaune und hämmert seine funky Beats auf das blanke Holz. Sein Durchhaltevermögen ist phänomenal, denn jetzt sind wir schon seit fast drei Stunden hier und mein Sitzfleisch ist so durchgewetzt, als wäre ich auf Hidalgo die dreitausend Meilen durch die arabische Wüste geritten, und nicht Frank Hopkins. Ich bin überhaupt der Einzige in der Runde (wieder mit Ausnahme der siebenjährigen Tochter), der haltungsmäßig ein wenig schwächelt, aber wer in Europa wird auf diese körperlichen Qualen schon jemals adäquat vorbereitet? Mehr Strafknien tut Not!


Dann endlich dreht sich die Wahrsagerin um und nickt uns aufmunternd zu. Offensichtlich haben sich Buddha und sämtliche Geister meiner erbarmt, um mir künftig ein wenig meine Last zu erleichtern. Die Wahrsagerin hilft mir insofern dabei, als sich meine Brieftasche nach Bezahlung der Zeremonie tatsächlich spürbar leichter anfühlt. Die gesegnete weibliche Buddha-Figur, die hinter Glas im Bilderrahmen sitzt und von einem blinkenden Neon-Heiligenschein umgeben ist, darf (muss!) ich als Anbetungswürdige für den persönlichen Gebrauch mitnehmen. Fast hätte ich das Ding als kitschig bezeichnet, aber ich werde meine Zunge hüten, muss ich dieselbe Zeremonie doch in sieben Jahren als 47jähriger noch einmal durchleben. Nicht auszudenken, dauert es beim nächsten Mal dann doppelt solange.


War ich von allen guten Geistern verlassen? Sind sie mir nun gnädig? Ist meine Schuld damit abbezahlt? Ich bezweifle, dass dies so einfach geht, verläuft der spirituelle Pfad doch durch steiniges Terrain, den es geduldig und aufmerksam zu begehen gilt. Nein, meine Arbeit nimmt mir niemand ab, ich alleine muss es tun, muss meinen Geist bezwingen, unselige Haltungen vermeiden und heilsame Betrachtungsweisen fördern. Diese Verantwortung nimmt mir niemand ab, auch keine batteriebetriebene Madonna! Doch vielleicht hat man mir einen Teil der Schulden nachgelassen, um leichter den Weg fortzusetzen. Den Rest zahle ich selber ab – bis zum letzten Toa Quan.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 04. August 2011 um 21:36 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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