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Vietnams Minderheitsreligionen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Montag, den 25. Juli 2011 um 19:34 Uhr

Neben dem Buddhismus, dem Katholizismus und der Ahnenverehrung gibt es im Land zwischen dem Roten Fluss im Norden und dem Mekong im Süden einige kleinere Religionen von regionaler Bedeutung, die als Sekten gelten, denn sie werden von der sozialistischen Republik Vietnam nicht als Religionen anerkannt.


Die bekannteste unter diesen Sekten ist der Cao Dai Kult, der im Süden des Landes mehrere Millionen Anhänger zählt. Seine Gründer vereinten Elemente des Buddhismus, des Katholizismus, des Taoismus und anderer Religionen zu einer neuen Religion. In den Provinzen um Ho Chi Minh City findet man viele der auffällig gestalteten Tempel, doch der Hauptsitz der Sekte befindet sich nahe der Stadt Tay Ninh, ca. 70 km von HCMC entfernt. Dieser riesige, farbenfrohe und fast schon kitschig gestaltete Tempel zieht viele Touristen an, die zu Mittag einem besonderen Spektakel beiwohnen können: einer Messfeier. Die Gewänder und Roben der Priester und Anhänger dieser Religion heben sich deutlich von allem ab, was man in Vietnam üblicherweise zu Gesicht bekommt.


Dabei handelte es sich bei der Cao Dai nicht immer um eine rein friedliche Bewegung. Zu Zeiten des vietnamesischen Unabhängigkeitskampfes gegen Frankreich unterhielt die Sekte eine kleine Armee und beteiligte sich an diversen politischen und militärischen Bündnissen (darin unterschieden sie sich übrigens nicht von militanten katholischen Gruppen). Sie hatten eigene Schulen und Gerichte, als auch ein eigenes Wohlfahrtssystem [Understanding Vietnam, Neil L. Jamieson, 1993].





Punkt 12 Uhr ertönt ein Gong und zum Einsetzen der Instrumente strömen die Gläubigen und Priester, die bis zu diesem Zeitpunkt geduldig am Eingang gewartet haben, in die geräumige Halle. Streng getrennt nach den Geschlechtern lassen sie sich im Lotussitz auf dem harten Steinboden nieder. Die Farben der Priestergewänder symbolisieren dabei die Religionen: Gelb für den Buddhismus, Blau für den Katholizismus und Rot für den Taoismus. Das Symbol dieser Bewegung ist das allsehende Auge, das auf der großen Weltkugel im Hintergrund und auf den Fenstern angebracht ist. Den "Ehrenschutz" in Form dreier Statuen übernehmen der chinesische Revolutionär Sun Yat-Sen, der vietnamesische Dichter Nguyen Binh Khiem und der französische Schriftsteller Victor Hugo, was die Kombination aus fernöstlichen und westlichen Elementen zusätzlich versinnbildlicht.



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Der Nha Lon Tempel



Südlich von Ho Chi Minh City, in der Provinz Ba Ria - Vung Tau, müssen wir lange suchen, bis wir den Nha Lon Tempel auf der Insel Long Son endlich finden. Keine Straßenschilder helfen uns hier weiter, nur die Hinweise mehrerer Passanten weisen uns schließlich den Weg zu dieser Unikatsreligion, gegründet von Mister Tran (so sein Spitzname) am Anfang des 20. Jahrhunderts. Im hölzernen, farbenfroh bemalten Tempel ist die Zeit scheinbar still gestanden, und viele der Möbel stammen aus der Zeit, als Mister Tran noch selbst durch diese Räume wandelte. Die Mönche und Nonnen halten die Tradition aufrecht, indem sie Besuchern freie Unterkunft und freie Mahlzeiten gewähren. Das Essen ist vegetarisch und hebt sich wohltuend von der Einheitsküche ab, die man ansonsten serviert bekommt. Auch wir bekommen ein einfaches, doch sehr wohlschmeckendes Mahl.

Eine alte Frau in braunen Gewändern führt uns durch die Räumlichkeiten. Seit sie Witwe ist, kommt sie täglich hierher, um im Tempel auszuhelfen. Ihr Gesicht weist trotz ihres Alters von 75 Jahren feine Züge auf, und eine Aura von Ruhe und Noblesse umgibt sie. Geduldig zeigt sie uns die Küche, den Garten, der sich durch üppiges Grün auszeichnet und eine Fülle an Obst, Gemüse und Kräuter hervorbringt, die Ruheräume, den Innenhof sowie die einzelnen Schreine und Altare. Bunte Perlenvorhänge trennen Räume voneinander, und fein gearbeitete Einlagen aus Elfenbein und Perlmutt schmücken die dunklen Möbel.


Dann übergibt sie mich einem männlichen Mönch, ebenfalls in Braun gekleidet, der die schulterlangen, leicht angegrauten Haare im Nacken zusammengebunden trägt. Von meiner Frau nunmehr getrennt, verebbt die Kommunikation schlagartig, und spärliche Gesten geleiten mich weiter, doch was zu tun ist, weiß ich nicht. Soll ich beten, darf ich fotografieren, und was soll ich in diesem Raum? Wozu die Trennung? Zuerst vermute ich, dass dieser Raum nur männlichen Wesen vorbehalten ist, doch als meine Frau kurz darauf eintreten darf, erübrigt sich die Spekulation. Schwer nachvollziehbares Vietnam.

Mehr als ein paar vietnamesische Besucher - Touristen? -  sehen wir nicht, doch wen wunderts ob der Abgeschiedenheit dieses Orts? Eine vietnamesische Webseite bezeichnet diesen Tempel als kulturelles Relikt, und ich wage die Behauptung, dass aus dieser Bewegung keine Weltreligion mehr entsteht. Doch für all jene, die diese kleine spirituelle Oase finden, ist sie wohltuend alle Mal. Wahre Größe kann auch im Verborgenen gedeihen.

 




Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. August 2011 um 17:57 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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