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Karmalaya: eine österreichisch/nepalesische Erfolgsgeschichte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Albert Karsai   
Montag, den 17. Januar 2011 um 20:32 Uhr

Es gibt viele Volunteer-Organisationen, denn der Markt boomt: große, etablierte und kleine Projekte von lokaler Bedeutung, die vielleicht nur eine Person umfassen. Manchmal werden aus kleineren Projekten größere, und eine neue Organisation wird geboren.




So wie das österreichisch/nepalesische Unternehmen Karmalaya. Diese noch junge, im Jahre 2010 ins Leben gerufene Organisation hat sich im vergangenen Jahr in Nepal etabliert und rasch einen Namen gemacht. Gefunden habe ich Karmalaya im Internet, genauer gesagt auf Facebook. Da ich es spannend finde, dieser neuen Initiative bei ihren ersten Schritten zuzusehen, habe ich das österreichische Gründungsmitglied Tina Eder in ihrem Heimatort Hallein besucht und zum Gespräch gebeten.

Ein strahlend blauer Himmel, doch eisige Kälte empfangen mich in der kleinen Stadt unweit von Salzburg. Am bezeichneten Haus läute ich an und gelange durch das Treppenhaus in einen Außenhof, wo ich über eine metallene, schneeverwehte Treppe zu Karmalaya empor steige. Karmalaya ist ein Kunstwort, welches sich aus Karma und Himalaya zusammensetzt. Für den Himalaya reicht meine Puste nicht, doch dieses Hindernis ist rasch überwunden. Auch öffnet nicht der Yeti die Türe (was wohl der Fall wäre, hätte Reinhold Messner sein Kommen angekündigt), sondern eine sympathische junge Frau mit blonden Haaren.

Ich habe selbst bereits in mehreren Ländern als Volunteer gearbeitet, und kenne daher die romantischen Ideale, die Freiwilligentätigkeit umgibt, aber auch die Wirklichkeit. Ich weiß auch um die Schwachpunkte in diesem System, das idealistische (oder auch nur abenteuerlustige) Menschen in ferne Länder lockt, um Gutes zu tun, meist unter beträchtlichem finanziellen Aufwand. Daher gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen, die guten aufs Töpfchen und die schlechten aufs Kröpfchen aufzuteilen. Nun interessiert mich natürlich ganz besonders, von welcher Gesinnung Karmalaya ist. Wird hier nachhaltige Entwicklungsarbeit gefördert, oder gutgläubigen Zeitgenossen das Geld aus der Tasche gezogen?


»Nachhaltigkeit ist uns ein besonderes Anliegen«, zerstreut Tina meine Bedenken. »Wir arbeiten eng mit lokalen Organisationen zusammen und beschäftigen Einheimische, die für ihre Aufgaben entsprechend vorbereitet und für dortige Maßstäbe gut entlohnt werden. Schon vor der Gründung von Karmalaya hat Bhagwan (das zweite Gründungsmitglied) in seiner Heimat zwei Kinderheime ins Leben gerufen und unterstützt. Weiters fließt ein Teil unserer Einnahmen in eben diese Projekte zurück. Doch wir sind keine NGO (gemeinnützige Organisation)«, betont sie im Nachsatz. »Wir sind eine Firma, die von ihren Einnahmen leben muss. Unsere Preise sind moderat und liegen meist günstiger als jene der Konkurrenz. Sie müssen halt argumentierbar sein. Wir vermitteln Freiwilligenarbeit und Praktika, aber natürlich kommen die meisten Leute auch, um etwas zu sehen, also bieten wir auch verschiedene Reise- und Freizeitpakete an«.

Bringen die Einheimischen einem Unternehmen nicht größere Skepsis entgegen als einer NGO? »Genau das Gegenteil ist der Fall. NGOs haben mittlerweile einen schlechten Ruf in Nepal. Große, ausländische Organisationen verdienen viel Geld, aber es fließt nur ein verhältnismäßig kleiner Teil zu den Einheimischen selbst. Der Rest versickert in aufwändigen Strukturen und manchmal auch  aufwändige Lebensstile. Auch mangelt es am direkten Kontakt zu den Leuten«. Und sie erzählt den Fall eines Konzern, der einen stattlichen Betrag an eine solche Organisation spendete, um eine Schule zu bauen. Doch das Vorhaben wurde nur halbherzig umgesetzt, und statt den zwei oder drei Schulgebäuden, die man hätte bauen können, wurde bislang noch nicht einmal eines fertig gestellt.

Freiwilligenarbeit macht nur dann Sinn, wenn die lokale Bevölkerung Arbeit, Know-How und Bildung erhält, und damit die Möglichkeit, sich künftig selbst zu helfen. Doch auch das Interesse und die Anteilnahme der ausländischen Gäste, die für kurze Zeit das Leben der Einheimischen teilen, sorgen für positive Impulse. Viele können es gar nicht so recht glauben, dass reiche Leute aus dem Westen in ihr ärmliches Dorf kommen, um ohne Bezahlung mitzuhelfen, ja mehr noch, sich das alles aus eigener Tasche bezahlen. Es stößt auf Unverständnis, doch es wird freundlich angenommen und mit aufrichtiger Herzlichkeit vergolten.


Wie sieht eigentlich der Alltag eines Volunteers bei Karmalaya aus? »Wir bieten eine sehr familiäre Atmosphäre, und viele authentische Erfahrungen«, gerät Tina ins Schwärmen. »Zuerst erhalten die Neuankömmlinge eine erste Orientierung, wo wir sie an verschiedene Orte mitnehmen und mit Land und Leuten vertraut machen. Auch ein kurzer Sprachkurs ist dabei, denn die Verwendung der Landessprache, selbst wenn es nur einige Worte sind, bricht das Eis und schafft Sympathie. Danach beginnt die Arbeit innerhalb des gewählten Projekts. Generell forcieren wir die Unterbringung bei persönlich ausgewählten Gastfamilien, denn dann ist man näher an den Leuten dran und die Erfahrung wird reicher. Auch kümmern wir uns sehr intensiv um unsere Freiwilligen. Natürlich hängt es aber sehr stark von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Jemand mit großer Reiseerfahrung benötigt weniger Betreuung als einer, der das erste Mal alleine in der Fremde ist«.


Um das Angebot stetig zu erweitern, werden laufend neue Projekte und Kooperationsmöglichkeiten gesucht. Diese Aufgabe obliegt in Nepal naturgemäß Bhagwan, dem seine Ortskenntnisse zu Gute kommen, doch auch das Internet spielt eine wesentliche Rolle. Die Abstimmung erfolgt natürlich zwischen beiden, auch wenn es anfänglich durchaus Differenzen gab, was das Konzept von Karmalaya betraf. »Ich habe das von Anfang an in seiner Gesamtheit gesehen und alle Aspekte, wie PR und Marketing, professionelles Management und die strategischen Ausrichtung berücksichtigt. Bhagwan war ursprünglich dagegen, es so groß aufzuziehen, aber mittlerweile kann er dieser Strategie auch Positives abgewinnen«. 2009 war es, als Tina im Zuge einer Pressereise Nepal bereiste und dort ihren künftigen Geschäftspartner kennenlernte. Bhagwan arbeitete als Journalist und Trekking Guide mit seinem Bruder, und zusammen mit diesem hatte er auch die Kinderheime gegründet. Die Idee zu Karmalaya war rasch geboren, doch bis zum endgültigen Startschuss vergingen noch ein paar Monate.

Sind die beiden wirklich nur Geschäftspartner? Als studierte Kommunikationswissenschaftlerin und PR-Expertin nutzt Tina natürlich auch die Möglichkeiten der »social media«, und speziell auf Facebook ist Karmalaya stets präsent. Dabei fiel mir ein Foto auf, dass sie und Bhagwan zeigte, in vertrauter Umarmung vor dem gewaltigen Massiv des Himalaya. »Es stimmt, wir sind auch privat ein Paar«, lächelt sie verschmitzt. »Und das ganz offiziell, auch in Nepal«. 2010 verbrachte Tina sechs Monate in Nepal. Außerhalb von Kathmandu wohnte sie mit ihrem Freund im Haus seiner Familie. »Seine Mutter und auch ein paar andere Verwandte leben dort, da bleibt nicht viel Platz für Privatsphäre«, erzählt sie. Doch nicht nur für sie war einiges gewöhnungsbedürftig. Eine »wilde« Beziehung, ohne Trauschein, das ist in Nepal ungewöhnlich. Kein Wunder, dass Freunde und Verwandte genau wissen wollen, wann man denn an eine Heirat denke. Tun sie das? »Vielleicht«, hält sich Tina bedeckt. Beim Urlaub im indischen Goa, da merkten beide, dass es funktionieren könnte. Mittlerweile hat er auch Österreich besucht und drei Monate hier verbracht. Naturgemäß stellt sich die Frage, wo den der gemeinsame Lebensmittelpunkt wäre, doch vorerst gilt das Hauptaugenmerk der gemeinsamen beruflichen Zukunft.


»In Nepal haben wir uns mittlerweile ganz gut etabliert. 2010 haben 16 Personen unser Angebot in Anspruch genommen, und diese Zahl wird in diesem Jahr weiter zunehmen. Auch überlegen wir eine Ausweitung unserer Aktivitäten auf Indonesien und Indien. Das bedeutet viel Arbeit. Aber wir wollen auch nicht zu groß werden, denn dann leidet die Familiarität, die mir doch so wichtig ist. Letztlich müssen wir aber davon leben können, denn Karmalaya ist nun einmal unsere berufliche Existenz«. Auf meine Frage, ob man sich als weiteres Land auch Nepals Nachbarn Bhutan vorstellen könne, schüttelt Tina den Kopf. »Bhutan ist immer noch eine sehr geschlossene Gesellschaft, die die Zahl der Touristen streng limitiert. Auch ist eine hohe Gebühr zu bezahlen, um als Tourist in das Land einreisen zu können. Das ist finanziell für unsere Teilnehmer nicht interessant, da diese ja die Gebühr bezahlen müssten«.


Für Tina ist ein Traum wahr geworden. Sie reist viel und erlebt fremde Kulturen, und verdient Geld damit. Man möchte fast ein bisschen neidisch werden. Doch jeder folgt seinem eigenen, individuellen Schicksal. Karma spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Und der Glaube daran wird in Nepal ganz besonders groß geschrieben.




Tina Eder studierte in Österreich Kommunikationswissenschaft und ist seit 2006 mit einer Agentur für Reisejournalismus, Werbung und PR selbständig tätig (www.edertina.com). Seit 2005 arbeitet sie frei für das Reise-Ressort der Tageszeitung „Salzburger Nachrichten“. Durch ihre zahlreichen Recherche-Reisen, und nicht zuletzt durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik Tourismus im Rahmen ihrer Diplomarbeit, erlangte sie ein breites Wissen in der Tourismus- und Medienbranche. 2010 gründete sie mit dem Nepalesen Bhagwan Karki das Volunteer-Unternehmen Karmalaya. Sie lebt in Hallein (Salzburg) und Kathmandu. Sowohl in Österreich, als auch in Nepal unterhält Karmalaya Büros mit deutschsprachigen Mitarbeitern.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 19. Januar 2011 um 19:58 Uhr
 



Die Geschichten schreibt das Leben selbst. Der Autor fasst sie nur in Worte.

  




 

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